Tübinger Weihnachtsspendenaktion
: Kein gesetzlicher Anspruch auf Beratung für männliche Gewaltopfer

Häusliche Gewalt betrifft auch Männer: In Tübingen setzt sich der Verein Pfunzkerle für männliche Opfer ein. Im neuen Gewalthilfegesetz hingegen kommen Männer als Opfer nicht vor.
Von
Miri Watson
Tübingen
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Männern wird oft beigebracht, alles alleine schaffen zu müssen. Bei den Kursen von den Pfunzkerlen geht es auch darum, solche Narrative zu hinterfragen. Dabei hilft zum Beispiel diese Balance-Übung, bei der die Männer sich im wörtlichen Sinne gegenseitig stützen und sich aufeinander verlassen müssen.

Männern wird oft beigebracht, alles alleine schaffen zu müssen. Bei den Kursen von den Pfunzkerlen geht es auch darum, das zu hinterfragen. Dabei hilft zum Beispiel diese Balance-Übung, bei der die Männer sich im wörtlichen Sinne gegenseitig stützen und sich aufeinander verlassen müssen.

Jonas Kaiser
  • Der Tübinger Verein „Pfunzkerle“ unterstützt Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden.
  • Das neue Gewalthilfegesetz erwähnt gewaltbetroffene Männer nicht und bietet ihnen keine Finanzierung.
  • 2024 waren fast 30 % der Opfer häuslicher Gewalt und 20,7 % der Partnerschaftsgewalt männlich.
  • Das Männerhilfetelefon bietet kostenlose, anonyme Hilfe und Beratung unter 0800 123 99 00.
  • In Tübingen gibt es die Anlaufstelle „Agit“ für männliche Opfer sexualisierter Gewalt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als Meilenstein gilt das Gewalthilfegesetz, das vor einem knappen Jahr noch unter der Ampelregierung vom Bundestag beschlossen wurde; als wichtiger Schritt zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Ab 2032 sichert es allen gewaltbetroffenen Frauen und Kindern einen individuellen Rechtsanspruch auf kostenlose Beratung und kostenlosen Schutz zu.

Das finden auch die Mitarbeiter des Tübinger Vereins Pfunzkerle richtig und wichtig. Eine große Lücke in dem Gesetz kritisieren sie allerdings: „Nur Frauen sind durch das Gewalthilfegesetz anspruchsberechtigt“, sagt Armin Krohe-Amann, Geschäftsführer des Vereins. „Was ist mit gewaltbetroffenen Männern?"

Auch Männer sind von häuslicher Gewalt betroffen

Laut dem Bundeslagebild Häusliche Gewalt des Bundeskriminalamts waren im Jahr 2024 fast 30 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt männlich; bei den Opfern von Partnerschaftsgewalt – eine Unterkategorie der häuslichen Gewalt – waren es 20,7 Prozent. Laut Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend endet diese Gewalt immer wieder auch tödlich: „132 Frauen und 24 Männer wurden im vergangenen Jahr durch Partnerschaftsgewalt getötet“, heißt es in einer Pressemitteilung von November.

„Aber für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, ist keine Finanzierung vorgesehen“, sagt Jonas Kaiser, Berater bei den Pfunzkerlen. Das bedeutet: Wer keine Frau ist und Beratung oder Unterstützung brauchen, muss selbst dafür bezahlen. Das ist auch deswegen problematisch, weil bei häuslicher Gewalt häufig nicht nur physische, sondern auch ökonomische Gewalt eine Rolle spielt: Täter oder Täterinnen haben die Hoheit über die Finanzen und bestimmen, wofür das Geld ausgegeben wird.

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt

Der Verein „Pfunzkerle“ ist eine von acht Initiativen, denen das Geld aus der diesjährigen Weihnachtsspendenkation zu Gute kommen wird.

Sepp Buchegger

Obwohl in einem ersten Entwurf des Gewalthilfegesetzes dessen Ziele noch geschlechtsneutral formuliert waren, ist im endgültigen Gesetz nur von gewaltbetroffenen Frauen die Rede. „Die Istanbul-Konvention sieht Opferschutz und Gewaltprävention für alle Opfer von häuslicher Gewalt vor“, sagt Krohe-Amann. „Das Gewalthilfegesetz leider nicht."

Telefonische Hilfe für Männer, die Gewalt erleben

Das bundesweite Männerhilfetelefon wurde 2020 von Bayern und Nordrhein-Westfalen initiiert und richtet sich an von Gewalt betroffene Männer sowie an Angehörige und Fachkräfte. Anrufe gehen aus dem gesamten Bundesgebiet ein, auch aus Baden-Württemberg. Seit 2021 ist der Tübinger Verein Pfunzkerle gemeinsam mit der Sozialberatung Stuttgart e.V. als baden-württembergischer Mitbetreiber beteiligt. Das Angebot ist kostenlos und anonym unter 0800 123 99 00 erreichbar. Zusätzlich gibt es die Online-Beratung unter www.maennerhilfetelefon.de.

Und während es inzwischen fachlich etabliert ist, dass Täterarbeit ein wichtiger Beitrag zum Opferschutz ist, fehlen Angebote, die sich explizit an Frauen als Täterinnen richten. „Bei uns landen Frauen eher zufällig“, so Berater Holger Tewes. Schließlich seien die Pfunzkerle eigentlich ein Verein, der sich an Männer richtet. Unter den etwa 40 Menschen, die im Jahr zur Gewaltsensibilisierung zu den Pfunzkerlen kommen, seien im vergangenen Jahr nur zwei Frauen gewesen, sagt Kaiser. Die hätten natürlich auch nicht bei den Gruppentrainings mitgemacht, sondern Einzelberatung bekommen.

Dass es überhaupt Täterarbeit im Landkreis Tübingen gibt, ist nicht selbstverständlich. In vielen Landkreisen, etwa dem Zollernalbkreis oder dem Landkreis Böblingen, gibt es keine vergleichbaren Angebote – mit dem Gewalthilfegesetz könnte sich das ändern, hoffen die Experten von den Pfunzkerlen. „Idealerweise gehört Täterarbeit zur Infrastruktur, die laut Gewalthilfegesetz in jedem Landkreis vorgehalten werden muss“, sagt Krohe-Amann.

Die Pfunzkerle arbeiten bereits seit 30 Jahren mit Jungs und Männern und sprechen sie sowohl als Täter als auch als Opfer von Gewalt an. Fast die Hälfte der Männer, die bei der Gewaltsensibilisierung bei den Pfunzkerlen mitmacht, kommt aus der eigenen Motivation heraus, etwas an ihrem gewalttätigen Verhalten ändern zu wollen; der Rest wird gerichtlich zugewiesen. „Für die Gruppenzusammensetzung ist es wichtig, dass auch eigenmotivierte Männer dabei sind“, sagt Tewes. „Die sind ein gutes Vorbild für alle anderen: Da ist ein Mann, der geht auf sein Problem zu und will was machen.“

Beratung bei sexualisierter Gewalt

Die Themen seien sehr schambesetzt und es brauche eine Weile, bis die Männer sich öffnen. Es gehe darum, die Tat bei jedem Mann herauszuarbeiten und am eigenen Männer- und Frauenbild der Männer zu arbeiten. „Wenn dann einer den Mut hat, sich zu öffnen, dann macht es vielleicht auch ein anderer“, so Tewes.

In einer bundesweit einzigartigen Kooperation mit dem Verein „Frauen helfen Frauen“ betreibt der Verein auch die „Anlaufstelle sexualisierte Gewalt für Frauen und Männer“, kurz Agit. Männer, die sexualisierte Übergriffe oder sexualisierte Gewalt erleben, können sich dort hinwenden. Ein Teil der Übergriffe geschehe im Erwachsenenleben, etwa in Kneipen, beim Dating oder am Arbeitsplatz. Der größere Teil seien aber Erfahrungen aus der Kindheit. Männer täten sich schwerer damit, Hilfe in psychologischen Beratungsstellen zu suchen und hätten oft gelernt, Probleme mit sich selbst auszumachen, sagt Krohe-Amann. Genau deswegen sei eine Beratungsstelle, die Männer als Opfer sexualisierter Gewalt in den Blick nimmt, auch so wichtig: „Ich bin heilfroh, dass wir Agit hier in Tübingen haben.“