Vesperkirche in Tübingen
: Eine Gemeinschaft, die wachsen soll

Am Sonntag öffnete die Tübinger Vesperkirche – der Andrang war groß. Wer isst hier eigentlich und mit wem? Was motiviert die Helferinnen und Helfer? Und warum kommen die Menschen nicht nur wegen des Essens?
Von
Tim Jonas Schumacher
Tübingen
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Zum Auftakt am Sonntag servieren Helferinnen in weißen Schürzen ein ganzes Menü: Gemüsesuppe als Vorspeise, dann Blaukraut mit Spätzle und Gulasch. Alternativ gibt es eine vegetarische Bratwurst im Angebot, zum Nachtisch für alle Schokopudding.

Tim Schumacher
  • Die Tübinger Vesperkirche öffnet vom 25. Januar bis 14. Februar in der Martinskirche.
  • Täglich werden kostenloses Essen, Gespräche und Beratungen angeboten – offen für alle.
  • Gemeinschaft steht im Fokus: Arme, Reiche, Christen, Muslime und Atheisten sitzen gemeinsam.
  • Rund 45 Helfer engagieren sich täglich; Aktionen für Kinder schaffen zusätzliches Angebot.
  • Spenden sind wichtig – Groß- und Kleinspenden sichern das dreiwöchige Projekt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es ist die Gemeinschaft, wegen der er hier ist – und er scheint sie zu genießen. Ignacio Sierra sitzt an einem der Tische in der Martinskirche, am Rand, nahe am Kuchenbuffet. Lachend unterhält er sich mit einem Mann links an seinem Gruppentisch, später mit zwei Frauen rechts von ihm. „Das ist ein Miteinander“, sagt Sierra, „ist das herrlich“.

Seit diesem Sonntag ist die Evangelische Martinskirche in der Frischlinstraße für drei Wochen wieder Vesperkirche. Das heißt: Neben Gesprächen, Angeboten wie Rechts- und Sozialberatung und Fußpflege, gibt es jeden Tag ein Mittagessen – kostenlos, für alle, die es wollen. Zum Auftakt am Sonntag servieren Helfer in weißen Schürzen ein ganzes Menü: Gemüsesuppe als Vorspeise, dann Blaukraut mit Spätzle und Gulasch. Alternativ gibt es eine vegetarische Bratwurst im Angebot, zum Nachtisch für alle Schokopudding. Vorher habe er sich mit einem Anwalt unterhalten, berichtet Sierra, während er seine Hauptspeise isst. „Hier sitzen Leute zusammen, die eigentlich so nichts miteinander zu tun haben würden.“

Martin Haardt serviert für Tisch 11. Der 75-Jährige hilft seit über zehn Jahren in der Vesperkirche.

Tim Schumacher

Es sitzen viele Leute zusammen an den 17 Gruppentischen, kaum ein Platz bleibt frei. „Strahlen sie weiter so, dann kann nichts schiefgehen“, hatte Jurij Suchowerskyj vor Beginn des Essens gesagt. Nun läuft er durch den Raum und hilft, wo es Hilfe braucht. Suchowerskyj ist einer der rund 45 Helferinnen und Helfer, die täglich in der Vesperkirche anpacken. Heute hat er Tagesleitung. „Mädchen für alles“, nennt er das.

Suchowerskyj betont, dass alle Menschen in der Vesperkirche willkommen sind. Alle, das sind Arme wie Reiche. Alle, das sind Christen wie Muslime und Atheisten. Und alle, das sind die Menschen, die für das Essen zahlen können und die Gäste, die eingeladen werden. In der Vesperkirche soll die Gemeinschaft miteinander wachsen. So hatte es Pfarrer Christoph Wiborg im Eröffnungsgottesdienst zum Schluss seiner Predigt gesagt und ergänzt: „Die Gemeinschaft der Verschiedenen. Die Gemeinschaft der von Gott geliebten.“

Martin Haardt ist einer der Helfer, er serviert das Essen für Tisch 11. Seit mehr als zehn Jahren hilft er in der Vesperkirche und sagt jetzt: „Das ist meine Strategie gegen den Winter.“ Anstatt in der dunklen Jahreszeit auf dem Sofa rumzuhängen, sei er hier unter Leuten. Der 75-Jährige freut sich, anderen etwas Gutes zu tun und sich immer auf andere Menschen einzustellen. „Man bleibt jung dabei.“

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Sepp Buchegger

Auch junge Gäste sind willkommen, das betont Charis Christine Klinger. Die Ehrenamtliche steht vor einem Basteltisch, der vor dem Altar aufgebaut ist. „Ich liebe es einfach, die Kinder hier zu betreuen“, sagt die Sozialpädagogin, die mit Kuscheltier Tilly auf die kleinen Gäste zugeht. „Die Kinder sollen sich von Anfang an willkommen fühlen.“

Ein Mädchen, das am Basteltisch sitzt, malt mit einem Wachsmachstift etwas aufs Papier, das wie eine grüne Wiese aussieht. Später wird sich ihr Bruder dazusetzen. Die Mutter der beiden sitzt ein paar Meter weiter und hat ihren Vater aus Stuttgart mitgebracht. Seit etwa zehn Jahren kommen sie in die Vesperkirche, erzählt die Frau, anfangs hätten sie weniger Geld gehabt. Mittlerweile gehe es ihnen finanziell zwar besser. „Aber gehen sie mal mit Kindern essen. Da ist das Geld gleich weg.“

Das Essen für die Vesperkirche wird vom Pauline-Krone Heim geliefert. Zwei Helferinnen füllen die Teller mit Spätzle und Kraut, vor der Küche stehen die anderen Helfer mit Tabletts in der Schlange. Als mehrere Kuchen ans Buffet getragen werden, schauen zwei Gäste zu. So, als könnten sie ihr Glück kaum fassen. Markus Assenheimer schöpft die Suppe aus – auch für eine Mitarbeiterin, die daraufhin zurückfragt: „Brauchst Du auch irgendwas?“

Ignacio Sierra freut sich über die Gemeinschaft. Er findet "es gut, dass hier keiner kategorisiert wird".

Tim Schumacher

An einem Tisch fragt ein Mann nach Kaffee, ein anderer später nach dem Menü. Auch für die Menschen, die später dazukommen, gibt es noch was zu Essen. Gerhard Ziener ist bereits fertig, er macht Platz für Neuankömmlinge. „Die Vesperkirche braucht unbedingt Unterstützung“, sagt Ziener, den jedes Mal verblüfft, wie viel Geld für die drei Wochen nötig ist. Auch er unterstütze die Vesperkirche. Er findet, wenn Großspenden ausbleiben, müssten Kleinspenden das auffangen.

Dass in Tübingen mehr gegen Obdachlosigkeit gemacht wird, wünscht sich Heike Löhr. Sie findet das Miteinander sehr einladend. Vom Miteinander hatte zuvor auch Pfarrer Wiborg gesprochen. Die Vesperkirche nannte er ein Signal „von der Wärme des Miteinanders – gegen die eisige Kälte der Abgrenzung und Ausgrenzung, gegen das Narrativ, dass alles gut wird, wenn wir nur auf uns selber sehen.“ Einzeltische gibt es in der Vesperkirche keine.

Öffnungszeiten der Vesperkirche

Die 17. Vesperkirche in der Martinskirche öffnet in diesem Jahr vom 25. Januar bis 14. Februar täglich zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr. Essen gibt es von 11.45 Uhr bis 14 Uhr in der Kirche, Frischlinstraße 35, 72074 Tübingen. Dienstags gibt es zudem kostenlose Fußpflege.