Tübinger Weihnachtsspendenaktion
: Rollstuhlsport – „Kinder haben noch keine Bilder im Kopf“

Der Rollstuhlsport- und Kulturverein Tübingen bietet in neun Abteilungen verschiedene Sportarten an. Vorstand Norbert Jakobi und Gruppenleiter Lothar Hallmayer sprechen über die Herausforderungen des Vereins.
Von
Rebecca Felchle
Tübingen
Jetzt in der App anhören
In der Kindergruppe des RSKV begegnen sich Kinder mit und ohne Rollstuhl. Ihre Eltern können sich austauschen.

In der Kindergruppe des RSKV machen die Teilnehmenden gemeinsam Übungen. Ihre Eltern können sich austauschen.

Privat
  • Der RSKV Tübingen bietet neun Sportarten für Menschen mit und ohne Rollstuhl an, darunter Basketball und Rugby.
  • Ziel des Vereins ist es, Hemmungen abzubauen und Inklusion zu fördern, besonders bei Kindern.
  • Der Rollstuhl wird als Sportgerät genutzt – Kindergruppen spielen gemeinsam Spiele wie „Romeo und Julia“.
  • Eltern nutzen die Gruppen als Austauschmöglichkeit, um Herausforderungen des Alltags zu teilen.
  • Für das Boccia-Spiel benötigt der RSKV eine Holzrampe, Spenden sind über die TAGBLATT-Aktion möglich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Jedes Jahr am Nikolaustag kriegen die Kinder der Sportgruppe Besuch vom Nikolaus und Knecht Ruprecht. In der Verkleidung stecken Norbert Jakobi und Lothar Hallmayer. Vergangenes Jahr hat ein Kind Jakobis Kostüm schnell durchschaut: „Hi, Nobbi!“ rief der Junge, als der Vorsitzende des Rollstuhlsport- und Kulturvereins (RSKV) in den Raum rollte. Der Rollstuhl sei das Erkennungsmerkmal gewesen. „Die Kinder sind so ehrlich“, sagt Jakobi. Ihre Eltern stünden nebendran und hätten einen roten Kopf. „Aber warum hat man damit eigentlich so ein Problem?“

Die Hemmungen der Erwachsenen senken und Schwellen in der Gesellschaft abbauen – das ist eins der Ziele vom RSKV. Der Tübinger Verein ist dieses Jahr eines der acht Projekte, für die bei der TAGBLATT-Weihnachtsspendenaktion gespendet werden kann. In neun Abteilungen bietet der Verein verschiedene Sportarten an: Schwimmen, Basketball, Handbike, Tischtennis, Rugby, Cheerleading, Para-Ski, Breitensport und Rollstuhl-Mobilitätskurse. Gut 180 Mitglieder zählt der RSKV derzeit. Wenn ein Mitglied eine neue Sportart ausprobieren will, die der Verein nicht alleine stemmen kann, gibt es Kooperationsmöglichkeiten mit den Tübinger Sportvereinen. „Wir helfen dann mit unseren Erfahrungen und schauen: Was muss die Halle bieten?“, sagt Jakobi. Gibt es behindertengerechte Toiletten und Umkleiden? Und was sollte der Trainer wissen, um jemanden im Rollstuhl richtig anzuleiten?

Romeo und Julia im Rollstuhl

„Der Rollstuhl ist ein Sportgerät“ für den Verein, sagt der Vorsitzende im Gespräch mit dem TAGBLATT. Zu dem Treffen haben Jakobi und Hallmayer einen Rollstuhl mitgebracht, „damit Sie das mal ausprobieren können“, sagt Hallmayer. Also auch hier: weg mit den Berührungsängsten, einfach hineinsetzen und durch das Zimmer rollen. Es wird relativ schnell klar: Türe öffnen geht plötzlich nicht mehr so einfach.

Für Kinder sei es kein Problem, einen Rollstuhl auszuprobieren, so Jakobi. Denn sie haben „noch keine Bilder im Kopf, es gibt keine Wertung. Die machen das, weil es Spaß macht.“ In der Kinder- und Jugendgruppe des Vereins machen junge Menschen mit und ohne Rollstuhl gemeinsam Sport. Zum Beispiel spielen sie „Romeo und Julia“. Dabei müssen zwei Gruppen verhindern, dass ein Pärchen zueinander findet, erklärt Hallmayer. Alle sitzen dabei im Rollstuhl, „ein bisschen wie Boxauto fahren“. Als Leiter der Gruppe komme ihm viel Dankbarkeit entgegen, so Hallmayer, der nicht auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Er gehe glücklich aus den Sportstunden heraus. „Und man merkt, wie gut es einem geht. Das bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück.“ Einige Ehemalige der Kindergruppe seien jetzt gemeinsam in der Basketballmannschaft des Vereins, so der Vereinsvorsitzende. Unter anderem der Kassier im Vorstand sei Teil dieses Teams. „Er wohnt jetzt alleine. Da ist eine richtige Persönlichkeitsentwicklung passiert.“

Das Leben geht weiter

Auch für die Eltern ist die Gruppe eine willkommene Abwechslung, sagt Jakobi. Im Leben eines Kinds im Rollstuhl gebe es schwierige Behördengänge und viele organisatorische Aufgaben für die Eltern. „Sie fühlen sich alleine mit den Behördengeschichten“, so der Vorsitzende, „und in der Gruppe können sie das rauslassen bei jemandem, der es versteht.“ Dieser Austausch sei wichtig für die Familien. Auch für die Familien ohne Kind im Rollstuhl – es gebe Berührungspunkte mit Lebensrealitäten, mit denen sie sonst nichts zu tun haben.

Ein weiteres Angebot des RSKV ist der Rolli-Stammtisch, bei dem es ebenfalls um den Austausch geht. Die Veranstaltung ist vor allem für die Patienten des Querschnittzentrums in der BG-Klinik gedacht. Der Stammtisch trifft sich bei der TSG im Sportheim. Menschen, die erst seit kurzer Zeit querschnittsgelähmt sind, entkommen dem Krankenhausalltag. Laut Jakobi müssen sie sich erst einmal trauen, mit dem Rollstuhl Bus zu fahren oder in einem Restaurant auf die Behindertentoilette zu gehen. „Ihr Leben steht auf dem Kopf und wir können sie da rausholen“, sagt der Vorsitzende. Er selbst sitze schon lange im Rollstuhl, „aber das Leben geht weiter.“ Dies zu sehen, sei ermutigend für die neuen Patienten.

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Weil überall gespart wird, habe beispielsweise die Stadt die Förderung von Sportgeräten reduziert, so der Vereinsvorsitzende. „Und das wird mit Sicherheit nicht besser.“ Der RSKV will eine Auswahl von Rollstühlen zusammenstellen, für die Kinder in der Sportgruppe, die keine eigenen haben. Auch Sportrollstühle stehen auf der Wunschliste. Zudem eine Holzrampe fürs Hallen-Boccia, das schwerbehinderte Menschen spielen können. Das funktioniert so: Der Spieler sagt seiner Hilfsperson, in welchem Winkel die Rampe ausgerichtet werden soll. Der Boccia-Ball wird am oberen Ende platziert und der Spieler hat einen Auslöser, den er mit dem Kopf drücken kann. Dann rollt der Ball los. „Ohne die Rampe klammert man Leute aus“, sagt Jakobi.

Am vergangenen Wochenende habe die Cheerleading-Gruppe einen kurzen Film gezeigt, der das Team und die Trainerinnen vorstellt, so der Vorsitzende. Er lächelt, als er erzählt: „Ich sehe sie jetzt mit ganz anderen Augen. Wie wichtig das den Fußgängern ist. Wie die Leute mit ihren Behinderungen trotz allen Widrigkeiten umgehen.“