Weihnachtsspendenaktion in Tübingen
: „Man läuft bei Parkinson Gefahr, sich einzuschließen“

Die beiden Tischtennis-Gruppen für an Parkinson Erkrankte in Tübingen und Kiebingen benötigen rund 30.000 Euro für weitere Platten, Zubehör und Schulungen der Trainer.
Von
Holger Weyhmüller
Tübingen
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Tübingen Tischtennis-Gruppe Parkinson

Tischtennis ist der perfekte Sport für Menschen, die an Parkinson erkrankt sind. Dabei geht es nicht nur um die Bewegung, sondern auch um das Miteinender. Schätzungsweise 700 Betroffene gibt es im Kreis Tübingen.

Anne Faden
  • Tischtennis fördert Bewegung und Gemeinschaft bei Parkinson-Betroffenen in Tübingen und Kiebingen.
  • Rund 30.000 Euro werden für Platten, Zubehör und Trainer-Schulungen benötigt.
  • Die Gruppen hoffen auf Unterstützung durch die Weihnachtsspendenaktion des TAGBLATTs.
  • Im Kreis Tübingen gibt es etwa 700 Parkinson-Betroffene – Bewegung hilft, Symptome zu lindern.
  • Tischtennis stärkt Mobilität und verhindert Isolation, sagen Betroffene und Trainer.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als das „L“ in seinem Nachnamen zunehmend schrumpfte, da ahnte Karlfriedrich Schaller, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Denn das ist eines der charakteristischen Symptome der Krankheit: Die Handschrift wird immer kleiner. Mediziner sprechen von Mikrographie. Aus der Ahnung wurde vor 20 Jahren schließlich Gewissheit. Der heute 82-Jährige, bis zu seinem Ruhestand 2009 knapp 18 Jahre Pfarrer der Tübinger Jakobuskirche, leidet an Morbus Parkinson.

Seine dopaminproduzierenden Nervenzellen im Gehirn sterben nach und nach ab. Betroffene verlieren häufig ihren Geruchssinn, ihr Gang wird zunehmend unsicher, die Beweglichkeit nimmt ab, hinzu kommt ein Zittern. „Schüttellähmung“ wurde die Krankheit früher deshalb genannt. Eine Heilung gibt es nicht. Aber eine Linderung der Symptome. Sie lautet ganz einfach: Bewegung. Besonders gut tut es, wenn die Betroffenen einen Tischtennisschläger in die Hand nehmen und sich den kleinen Plastikball über Platte und Netz zuspielen.

Tischtennis hilft, die Wissenschaft rätselt

„Dank der reaktiven, schnellen Bewegungen denkt man nicht nach“, sagt Christiane Schweizer. Die Einschränkungen, die Parkinson mit sich bringt, kommen damit nicht so sehr zum Tragen. Die Wissenschaft rätselt noch über Hintergründe und Zusammenhänge, „man weiß nicht genau, woran das liegt“. Sei's drum, die positive Wirkung ist unstrittig, das ist das Entscheidende. Es ist allerdings für die Mitglieder der Tischtennis-Gruppe, die sich jeden Donnerstag um 13.45 Uhr in der Halle des Sportzentrums B12 in der Bismarckstraße trifft, nicht nur die Bewegung, sondern auch die Bewegung in Gemeinschaft, die so wohltuend ist. „Man läuft bei Parkinson nämlich Gefahr, sich einzuschließen“, erläutert Schaller. „Man hat aus Scham die Tendenz, sich zu verstecken“, bestätigt Schweizer.

Sie beschloss, etwas zu tun – gegen das Verstecken und für die Bewegung. Zunächst für sich selbst. Nach ihrer Diagnose war die heute 67-Jährige im Rahmen ihrer Recherche auf einen in Berlin ansässigen Verein namens „PingPongParkinson“ gestoßen und über diesen Umweg auf die bereits existierende Tischtennis-Gruppe in Kiebingen für an Parkinson Erkrankte. Weil es in Tübingen noch keine gab, ging sie dorthin. Aber Kiebingen ist für Betroffene kein Katzensprung. Die Medikamente ermüden.

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt

Das Logo der Weihnachtsspendenaktion des Schwäbischen Tagblatts.

Sepp Buchegger

Schweizer entschied, eine Gruppe in Tübingen zu gründen. Eine Halle mit freien Kapazitäten zu finden war eine Herausforderung. Die Nachfragen bei allen Sportvereinen, die eine Tischtennis-Abteilung unterhalten, bei der Stadt und Kreisverwaltung liefen ins Leere. „Dann schickte ich Reinhard Brunner eine Whatsapp-Nachricht, und er antwortete gleich tags darauf, dass wir in der Kreissporthalle trainieren könnten, und er unser Trainer werde. Das war der Hammer!“, erinnert sich Schweizer, die Brunner seit gemeinsamen Jugendzeiten in Isny kennt. Allerdings war das Zeitfenster für die Halle nicht optimal: Das Training begann erst um 20.15 Uhr. In der Halle in Tübingens Bismarckstraße ergab sich später glücklicherweise eine Option tagsüber. Seit Juli ist die Gruppe dort.

Donnerstag, 13.40 Uhr. Die ersten betreten die Halle. Wenige Minuten später sind es gut 20 Personen, das Gros über 60. Sie bauen die sechs Tischtennisplatten auf und bringen die Netze an. Bevor die Bälle mit dem markanten „Plopp“ hin und her fliegen, gibt es ein kurzes Aufwärmprogramm. Die Gruppe bildet einen Kreis, Reinhard Brunner leitet sie an. Der 69-Jährige ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Tischtennisspieler und nach wie vor in der vierten Mannschaft des TV Derendingen aktiv.

Das Miteinander und die Freude sind wichtig

Brunner, der promovierte Philosoph, ist mit Rat und Tat und vor allem voller ansteckender Freude dabei. Er geht von Platte zu Platte, schaut auf Haltung und Spieltechnik, gibt hier einen Tipp, greift dort korrigierend ein, stets ein Lächeln und einen aufmunternden Spruch auf den Lippen. „Das Miteinander und die Freude am Spiel sind das Wichtigste. Es geht hier nicht um Leistung“, sagt er. Er beobachtet immer wieder aufs Neue, wie gut Tischtennis den Teilnehmern tut: „Wir hatten hier schon Leute, bei denen körperlich nicht mehr viel ging. Nach einem Jahr bei uns sah das schon wieder ganz anders aus.“

Marion Hipp-Kapuja setzt sich auf die Bank am Spielfeldrand. Sie legt ein Päuschen ein. „In der Gruppe mit ebenfalls Betroffenen zu sein, das ist das besonders Tolle hier“, sagt die 69-Jährige. 2020 wurde bei der Tübingerin Parkinson diagnostiziert. Wie Schaller und Schweizer jedoch ahnte sie schon viel früher etwas – nämlich als sie plötzlich ihren Geruchssinn verlor. Sie und Schweizer lernten sich schließlich in einer Gruppe für an Parkinson Erkrankte kennen, die vom Sozialhilfeforum initiiert worden war. Um in Bewegung zu bleiben, machten sie schon Yoga, tanzten Argentinischen Tango, fuhren bis nach Freiburg, wo eigens Boxen für Parkinson-Patienten angeboten wird.

Seit September ist Stefan Beck donnerstags dabei. Der 65-Jährige aus Ofterdingen weiß von seiner Erkrankung seit acht Jahren, die Diagnose kam aus dem Nichts. Sie wurde im Zuge eines Arbeitsunfalls quasi nebenbei in der BG Klinik gestellt. Seit er mit seinem Schläger an der Platte steht, geht es dem einstigen Landwirt körperlich deutlich besser: „Durch das Tischtennis-Spielen werden die Bewegungen wieder leichter.“ Darüber hinaus schätzt auch er das gesellige Beisammensein, den Austausch.

Es mangelt an Platten und Zubehör

Rund ein Jahr länger als die Tübinger Tischtennis-Gruppe besteht die in Kiebingen. Ins Leben gerufen hat sie Carsten Thiesies. Ein gutes Dutzend Leute ist sie stark. „Man merkt schnell, wenn man nicht trainiert“, hat der 73-Jährige an sich selbst beobachtet. Wenn man aber dranbleibe, „dann freut man sich über die verbesserte Beweglichkeit“. In Kiebingen stehen den Teilnehmern dienstagabends fünf Platten zur Verfügung. Drei oder vier weitere wären perfekt. Die Tübinger könnten ebenfalls noch ein paar brauchen.

Rund 1000 Euro kostet eine gute Tischtennisplatte, dazu kommen Netze, Absperrungen zwischen den Platten und Sammelkörbe. Diese Helferlein erinnern an kleine umgedrehte Wäschekörbe, die an Stangen montiert sind. Mit ihnen können die Sportlerinnen und Sportler die auf dem Hallenboden verstreuten Tischtennisbälle nach dem Training bequem wieder einsammeln. Noch etwas, das wünschenswert ist: Hilfsmittel für stärker durch die Krankheit beeinträchtigte Spieler, Geld für Fortbildungen der Trainer und Unterstützung bei der Hallenmiete, weil die nicht jedem finanziell zumutbar ist.

Anders formuliert: 30.000 Euro für die kommenden drei bis fünf Jahre, das wär's! Die Tübinger und die Kiebinger Gruppe setzen ihre Hoffnungen in die Weihnachtsspendenaktion des TAGBLATTs. Denn der Bedarf ist da: Im Kreis Tübingen wird die Zahl der an Parkinson Erkrankten auf 700 geschätzt.