Gast der Woche
: Was bedeutet vielfältiges Mannsein, Herr Krohe-Amann?

Beim Verein Pfunzkerle aus Tübingen geht es nicht nur um die Täterarbeit. Sozialpädagoge Armin Krohe-Amann berät Jungen und Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.
Von
Rebecca Felchle
Tübingen
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Armin Amann, Pfunzkerle Tübingen

Armin Amann wünscht sich ein Miteinander der Geschlechter im Streben nach Gleichberechtigung.

Hans-Jörg Schweizer
  • Der Verein Pfunzkerle in Tübingen unterstützt Jungen und Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.
  • Geschäftsführer Armin Krohe-Amann setzt sich für Gleichberechtigung und Vielfalt im Mannsein ein.
  • Neben Opferhilfe bietet der Verein Täterarbeit und Präventionsworkshops an Schulen an.
  • Traditionelle Geschlechterrollen führen laut Krohe-Amann zu Gewalt und belasten auch Opfer stark.
  • Männliche Gewaltopfer sind oft isoliert – der Verein schafft Schutzräume und fördert Austausch.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Männern wird nachgesagt, dass sie nicht so gerne über Gefühle reden, so Armin Krohe-Amann. Deshalb gebe es die Männerberatungsstelle der Pfunzkerle. „Wir können zeigen, dass es sich lohnt.“  Krohe-Amann ist der Geschäftsführer des Vereins und arbeitet als Berater für Jungen und Männer, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Außerdem kümmert sich der Verein um die Täterarbeit und bietet Präventionsworkshops für Jugendliche in Schulen an. Dieses Jahr sind die Pfunzkerle Teil der TAGBLATT-Weihnachtsspendenaktion.

„Es ist gefährlich, wenn Jungs und Männer als Gewaltopfer hinten runterfallen“, sagt Krohe-Amann. Der Sozialpädagoge ist seit 2005 Geschäftsführer, hat bereits davor im Studium an der Universität Tübingen bei den Pfunzkerlen gejobbt. Der Abschluss als Diplom-Pädagoge kam 2007. „Das Thema lag mir total nahe“, sagt der 51-Jährige. Er habe sich als Student interessiert für geschlechterbezogene Themen – das ziehe sich bis heute durch. „Der Beruf hat den Reiz bei mir ausgeübt, eine Nische zu besetzen. Viele schreckt das ab“, so Krohe-Amann. Die wenigen Männer im sozialen Bereich seien meist nicht dazu bereit, geschlechterbezogen zu arbeiten.

Während der Studienzeit sei er feministischen Gleichaltrigen begegnet, die mit einer „seltsamen Einseitigkeit“ Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern diskutierten. „Die Frauenbewegung hat Veränderungen ermöglicht, aber warum war das nicht ein Miteinander der Geschlechter in unser aller Interesse?“, fragt Krohe-Amann. Zudem sei es nötig, dass Männer verstehen, „was sie zu gewinnen haben, wenn sie von traditionellen Mustern weggehen“.

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt

Sepp Buchegger

Männer in Ohnmacht

Laut dem Sozialpädagogen sind es genau diese Muster, die Männer zu Tätern machen und gleichzeitig die Opfer lange verfolgen. Er erklärt: Oft sind Gewalttätige in ihrem Leben daran gescheitert, normale Männlichkeitskarrieren und Erfolge hinzulegen. Die Identität als Mann, so wie sie die Gesellschaft vorgibt, ist nicht stabil. Wenn dann noch der Alltag in der Familie überfordernd ist, landen die Männer in ihrer Ohnmacht. „Das erleben sie als unmännlich. Männer haben keine Probleme, sondern lösen sie“, sagt Krohe-Amann überspitzt. „Als Abwehr schlagen sie dann zu.“ Aber oft nicht aus Boshaftigkeit: „Es ist der Versuch, sich wieder mächtig zu fühlen.“

Die Jungen und Männer, mit denen der 51-Jährige arbeitet, leiden ebenfalls unter traditionellen Bildern von Männlichkeit. „Wenn du Opfer bist, dann bist du kein richtiger Mann“, fasst Krohe-Amann die Stigmata zusammen. Oft würden die Opfer in den Gesprächen sich selbst nicht als Männer sehen. Wenn sie mit dem Sozialpädagogen reden, sagen sie „ihr Männer“ anstatt „wir“. Krohe-Amann begegnet bei seiner Arbeit Menschen aus allen Bereichen; „das sind Abteilungsleiter bei großen Firmen, aber innerlich ist da eine Leerstelle“. Der übliche Gedankengang der Betroffenen sei: „Ich muss mich schämen für das, was passiert ist, als ich ein Kind war.“ Der Sozialpädagoge zitiert Gisèle Pelicot: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

Armin Krohe-Amann

1974 in Stuttgart geboren, aufgewachsen in Plochingen, Hof in Bayern und Stuttgart
1993 Abitur
seit 2005 Geschäftsführer bei den Pfunzkerlen
2007 Abschluss an der Universität Tübingen zum Diplom-Pädagogen
Armin Krohe-Amann ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er wohnt in Tübingen.

„Raum emotionaler Lebendigkeit“

Den Betroffenen zu zeigen: „Du bist ein Mann. Du lebst als Mann, so wie du bist“, das ist Krohe-Amann wichtig. Wenn er es schaffe, einen Schutzraum zu etablieren, in dem die Menschen Gedanken und Gefühlen teilen, profitiere er selbst von dem „Raum emotionaler Lebendigkeit“. Der Sozialpädagoge sagt über seinen Beruf: „Ich erlebe im Zwischenmenschlichen, wie viele Wege es gibt, Mannsein und Menschsein zu leben.“ Das zeige sich auch bei Präventionsworkshops mit Jugendlichen. Aber die weicheren Seiten werden bei Jungen immer noch abgewertet, so Krohe-Amann. „Früher hieß das ‚Softie‘.“ Darunter habe er selbst stückweise gelitten. „Wie man als Mann Stärke darstellen muss, das fand ich immer albern.“

Sein Aufgabenfeld bei den Pfunzkerlen bekommt nicht genug Aufmerksamkeit, so der 51-Jährige. „Es ist schwer, Männer als Gewaltbetroffene sichtbar zu machen.“ Der Verein habe zum ersten Mal eine regelmäßige Finanzierung erhalten, als es um die Täterarbeit ging. Die männlichen Opfer seien oftmals alleine mit ihren traumatischen Erlebnissen. „Sie kriegen nur Hilfe, wenn sie im Gefängnis landen oder in einer Suchtklinik“, sagt Krohe-Amann. Und wie ist es, ständig von tragischen Lebensläufen zu hören? „Es braucht schon eine gute Portion an Psychohygiene“, so der 51-Jährige. Er müsse eigene Grenzen setzen. „Wenn ich an einem Tag die dritte Vergewaltigungsgeschichte höre, dann merke ich: Das ist zu viel.“

Daher beschäftigt sich Krohe-Amann außerhalb der Arbeit mit seinen Hobbys: Er geht „ganz klassisch männlich“ ins Stadion zum VfB mit seinen Söhnen. Außerdem geht der Tübinger joggen und ins Fitnessstudio. „Und ich backe gerne. Gerade erst war bei uns Weihnachtsbäckerei.“ Die Arbeit bei den Pfunzkerlen ist für ihn aber ein „großer Antrieb“. Bei den Jugendlichen im Workshop werde die Vielfalt an Männlichkeitsentwürfen oft deutlich: „Ein toller Blumenstrauß an Männlichkeit.“