Spendenaktion: Der Tübinger Vesperkirche geht das Geld aus

Als seien gute Geister am Werk: Reges Treiben in der Vesperkirche, die seit 2010 jedes Jahr in der Tübinger Martinkirche stattfindet (hier ein Bild von 2019).
Ulrich Metz/Archiv- Die Tübinger Vesperkirche findet vom 25. Januar bis 14. Februar 2026 in der Martinskirche statt.
- Täglich gibt es ein warmes Mittagessen. Die Gemeinschaft richtet sich an alle, nicht nur Bedürftige.
- Rund 50 Ehrenamtliche werden täglich benötigt. Neue Helfer*innen können sich noch melden.
- Kosten von 70.000 Euro für drei Wochen – Rücklagen sind auf 64.000 Euro geschmolzen.
- Spenden werden dringend benötigt, da Großspenden und Zuschüsse stark zurückgegangen sind.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Für einige hat die Vesperkirche schon begonnen. Nämlich mit der Planung. „Ende September fangen wir für gewöhnlich an“, sagt Susanne Schmid. Ab dann trifft sich das Vorbereitungsteam regelmäßig, denn es gibt im Vorfeld viel zu tun: Ehrenamtliche anfragen und suchen, Schichten einteilen, Essen planen, und dann noch die Angebote während der Vesperkirche organisieren. Denn auch diesmal kommen wieder ein Frisör, ein Arzt, die Fußpflege, es gibt eine Rechtsberatung und noch vieles mehr. Auch Konzerte soll es geben.
Die Vesperkirche ist mehr als nur ein Essens-Angebot, das war sie schon immer. Drei Wochen lang, vom 25. Januar bis zum 14. Februar, wird es in der Tübinger Martinskirche wieder täglich ein warmes Mittagessen für alle geben. Für alle, das bedeute eben auch: nicht nur für die Bedürftigen. Denn von dieser Gemeinschaft, sagt Pfarrer Christoph Wiborg, lebt die Vesperkirche, und diese Gemeinschaft sei auch für die Menschen, die auf kostenloses Essen angewiesen ist, enorm wichtig. Denn je mehr unterschiedliche Menschen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten kämen, mit verschiedenen Berufen, Hintergründen, desto mehr sei das Gefühl ausgegrenzt zu sein, nicht mehr spürbar. „Nicht nur die Vesperkirche selber, auch die Gemeinschaft durch die unterschiedlichen Menschen, die in diesem Raum entsteht, ist Wertschätzung für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen“, sagt Wiborg.
Es werden noch Ehrenamtliche gesucht
Täglich werden rund 50 Mitarbeiter gebraucht. Ohne viele helfende Hände und offene Ohren, ohne Menschen, die mit dem Herzen bei der Sache sind, könne die Vesperkirche den zahlreichen Gästen nicht gerecht werden, so die Verantwortlichen. Deshalb werden noch neue Ehrenamtliche gesucht, wer Interesse hat, kann sich bei Susanne Schmid melden, Telefon: 0160 - 90 39 30 97. Welche Dienste es alles gibt, kann man sich unter vesperkirche-tuebingen.elk-wue.de anschauen. Neue Helfer und Helferinnen sind am 8. Januar 2026 um 19 Uhr in die Martinskirche, Frischlinstraße 35 zu einem Informationsabend eingeladen.
Das war von Anfang an auch die Idee hinter den Vesperkirchen, die es mittlerweile im ganzen Land in den Wintermonaten gibt. Kirchen sollten zu Orten der Wärme, des Essens und der Begegnung für Bedürftige, Einsame und Obdachlose umgestaltet werden, inspiriert von dem Stuttgarter Diakoniepfarrer Martin Friz. 1995 wurde seine Vision in der Stuttgarter Leonhardskirche erstmals umgesetzt. Zwei Jahre später gab es auch in Tübingen eine Vesperkirche. Mittlerweile werden dort täglich zwischen 280 und 350 Essen ausgegeben. Von Ehrenamtlichen. Die auch Kuchen backen, spülen, aufräumen und wie alle anderen Teil der Gemeinschaft sind, die in dem Kirchenraum entsteht.
Es gehe um soviel mehr als nur ums Essen, meint Friedrich Schmollinger, ebenfalls im Leitungsteam. Zum Beispiel um das Thema Einsamkeit. In diesem Vesperkirchen-Jahr sind Fotografien von ihm in der Martinskirche ausgestellt, ganz unterschiedliche Bilder, die teils Einsamkeit thematisieren, aber auch die Vielfalt des Lebens zeigen wollen und zum Nachdenken anregen sollen. „Das ist schon ein ganz besonderer Geist in der Vesperkirche“, sagt Vera Eisenkolb, die im Leitungsteam mitarbeitet. „Eine Gemeinschaft auf Zeit, in der man sich mit Menschen zusammensetzt, mit denen man ansonsten nicht zusammenkommt.“ Das sehen auch Jurij Suchowerskyj und Martin Haardt so. Seit 2012 arbeiten sie im Kreis der Ehrenamtlichen mit, seit vielen Jahren sind sie im Leitungsteam. „Die Vesperkirche ist meine Strategie gegen die grauen Tage des Winters“, sagt Haardt.

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt
Sepp BucheggerAllein vom Ehrenamt kann die Vesperkirche aber nicht leben. Das Essen, das die Altenhilfe Tübingen liefert, muss bezahlt werden. „Und die Lebensmittelpreise gehen ja seit Jahren hoch“, sagt Pfarrer Wiborg. Bisher sei das kein großes Problem gewesen. Zwischenzeitlich hatte die Tübinger Vesperkirche sogar einen sechsstelligen Rücklagenstand. Der schmilzt aber seit Jahren dahin. Das Problem sei, dass die Großspendenbereitschaft nachgelassen habe, sagt Wiborg. Es würden zwar noch immer viele Menschen, die in der Vesperkirche essen, großzügig spenden. Aber die fehlenden vierstelligen Summen, die merke man schon. „Die Stadtwerke haben ihre Zuschüsse halbiert. Und die Sparkasse unterstützt uns gar nicht mehr“, sagt Susanne Schmid.
70.000 Euro kostet eine dreiwöchige Vesperkirche
So seien im Laufe der Jahre die Rücklagen auf 64.000 Euro geschmolzen. „Zusammen mit den stark angestiegenen Essenspreisen haben wir einen Abmangel von nahezu 30.000 Euro zu beklagen“, sagt Wiborg und rechnet vor, dass eine dreiwöchige Vesperkirche einen Finanzierungsbedarf von rund 70.000 Euro hat. „Natürlich ist unsere Hoffnung, dass wir mit der Rücklage, die wir noch haben, 2026 noch einmal durchkommen. Aber wenn sich die Entwicklung der vergangenen Jahre fortsetzt, wird es eng.“
Eigentlich sei es nicht der Plan gewesen, sich noch einmal für die Weihnachtsspendenaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs zu bewerben, so Wiborg. Immerhin sei man zum Start der Vesperkirche vor 17 Jahren schon Nutznießer dieser Spendenaktion gewesen – so konnte die erste Vesperkirche in Tübingen überhaupt finanziert werden. Aber, so Wiborg: „Wir hatten uns als Leitungsteam vorgenommen, dass wir erst dann wieder auf das TAGBLATT zugehen, wenn wir weniger als das eineinhalbfache Volumen einer Vesperkirche in den Rücklagen haben. Dieser Zeitpunkt ist nun sogar überschritten.“
Alles zur Weihnachtsspendenaktion 2025/26
Das waren die Artikel zu den acht Projekten, für die das SCHWÄBISCHE TAGBLATT zwei Monate lang Spenden gesammelt hat.
- Spendenaktion in Tübingen und der Region: Achtmal Gutes tun
- Weihnachtsspendenaktion: Wir können so vielen helfen!
- Rollstuhlsport – „Kinder haben noch keine Bilder im Kopf“
- Die Eselsbrücke gibt psychisch kranken Kindern eine Stimme
- Erstaufnahmestelle: Das Leben in der Warteschleife erträglicher machen
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