Frauen in der Tübinger Erstaufnahmestelle: Das Leben in der Warteschleife erträglicher machen

„Happy women, happy world“ – wenn es nur so einfach wäre. In der Erstaufnahmestelle in Tübingern dürfen keine Menschen fotografiert werden. Menschen leben dort aber viele, Frauen, die so vielfältig unterschiedlich sein können wie auf dem Bild, das sie gemalt haben. Nur glücklich sind sie nicht.
Lisa Maria Sporrer- In der Tübinger Erstaufnahmestelle leben geflüchtete Frauen und Kinder in einer gesicherten Containeranlage.
- Die Frauen warten dort bis zu elf Monate auf Asylentscheide – oft ohne Beschäftigung oder Unterstützung.
- Ehrenamtskoordinatorin Debby Böhm plant Angebote wie Sprachkurse, Kunstaktivitäten und Bewegungsprogramme.
- Es fehlen Ressourcen für Projekte wie Yoga oder kindgerechte Angebote, die teils bereits eingestellt wurden.
- Spendenaktionen könnten helfen, Angebote zu fördern und ein Zeichen der Solidarität zu setzen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist eine Szene wie aus einem dieser Filme, in denen Menschen Neues wagen wollen, sich auf Reisen begeben, anstrengende Reisen, auf der Suche nach sich selbst, und dann landen sie letztlich doch irgendwo da, wo sie glücklich werden. In den Filmen sieht man sie dann oft mit einer Neugier, an der die Mühsal der Reise abzulesen ist, durch die Fenster irgendwelcher Reisebusse blicken, melancholisch, Blicke, hinter denen etwas verborgen liegt, ganze Geschichten spiegeln sich in den Augen wider.
Dann wird das Tor geöffnet, ein Gitter eher, wie in einem Gefängnis, aber zu niedrig für einen Hochsicherheitstrakt. Die Gesichter der Frauen und Kinder, die durch die verdreckten Fensterscheiben schauen, sind wie die Gesichter aus diesen Filmen. Die Menschen, der Bus und auch das Gitter sind aber Realität, um Selbstfindung geht es dabei mitnichten. „Das ist wieder ein Transfer“, sagt Debby Böhm, die an diesem Donnerstagmittag schon im Inneren der Gitteranlage steht. Woher? Vermutlich aus Heidelberg. Das weiß sie aber nicht so genau, sie war ein paar Tage krank und nicht da.
Das, was Außenstehende als Gitteranlage deuten, hat nichts mit Gefängnis zu tun, ganz im Gegenteil, die Gitter bieten Schutz. In der eingezäunten Containeranlage gleich hinter dem Landratsamt, der Erstaufnahmestelle für Geflüchtete, werden alleinreisende Frauen, manchmal mit Kindern, untergebracht. Sie sind besonders schutzbedürftig. Die Gitter und auch das Wachpersonal geben den Frauen Sicherheit, dass ihnen niemand Gewalt antun kann, keine Ehemänner, die sie zurückholen wollen, niemand, der über Frauen verfügen will wie über Eigentum. „Viele der Frauen, die hierherkommen, haben Gewalterfahrungen gemacht“, sagt Böhm.
Nur eine Zwischenstadt
Die Tübinger Erstaufnahmestelle für besonders schutzbedürftige Menschen ist eine der kleineren in Baden-Württemberg. Sie bietet Platz für rund 250 Menschen. Von den Ankunftszentren im Land werden die Frauen mit Bussen in diese kleine eingezäunte Stadt gebracht. In den Container-Zimmern, in denen je zwei Stockbetten stehen, warten sie dann auf ihre Asylentscheide. „Schön ist das nicht“, sagt Böhm. Darum gehe es aber zunächst auch nicht. Für die Frauen gehe es zunächst um etwas, das so selbstverständlich erscheint, dass sich kaum jemand Gedanken darüber macht: „Sie haben ein Dach über dem Kopf. Es ist warm. Es gibt Wasser. Und etwas zu essen.“

Inge Hofmann und Debby Böhm
Lisa Maria SporrerDebby Böhm arbeitet für das Diakonische Werk Tübingen als Ehrenamtskoordinatorin. Die Stelle gibt es schon lange, während Corona wurde sie gekürzt, dann fand sich niemand mehr dafür. Jetzt wirbelt Debby Böhm durch die Erstaufnahmestelle, grüßt in jede Tür hinein, „schön, dass du wieder gesund bist“, ruft ihr eine Frauenstimme zu. Seit vergangenem Sommer ist Böhm da und es liegt viel Arbeit vor ihr. Sie will die zahlreichen Ehrenamtlichen von einst wieder reaktivieren, sie will Angebote schaffen, die den Frauen helfen, ihre Tage zu strukturieren, ein Stück weit anzukommen, ihre Ängste, ihren Stress, ihre Traumata zu bewältigen. Kurz: Sie will das Leben der Frauen in dieser kleinen, öden Zwischenstadt erträglicher gestalten.
Früher, sagt Böhm, also vor ein paar Jahren noch, blieben die Frauen sechs bis zwölf Wochen in der Erstaufnahmestelle. Jetzt seien es bis zu elf Monate. Weil die Asylverfahren lange dauern. Weil es keine Plätze mehr in den Anschlussunterkünften gibt. Elf Monate, in denen es nichts zu tun gibt, als einmal am Tag für ein, zwei Stunden an einem Sprachkurs teilzunehmen. Aber auch nicht immer. Es gibt zu wenige Sprachkurse in der Erstaufnahmestelle. Auch nur einen großen Raum dafür. Den Rest des Tages bleiben sie mit ihren Fluchterfahrungen alleine, mit der Angst vor Abschiebung, mit einer ungewissen Zukunft. „Die Frauen hängen hier in einer Warteschleife, das zehrt an ihnen“, sagt Inge Hofmann.
Eine Botschaft der Nächstenliebe
Einmal in der Woche kommt die pensionierte Sozialpädagogin in die Einrichtung, um mit den Frauen zu arbeiten, um sie stärker und resilienter zu machen. Es geht um Körpergefühl, darum, dass sich Frauen zeigen können, dass sie auch mal wieder lachen, teilweise auch mit kunsttherapeutischen Elementen. Und seien es nur zwei Stunden in der Woche. Offiziell heißt das in Norwegen entwickelte Programm, das in Deutschland vom Verein Adit übernommen wurde und geflüchtete Menschen mental stärken soll, „Exit“. Den Namen mag Hofmann aber nicht. Das, was sie macht, sei nichts Endgültiges, kein Ausgang, kein Ausstieg, nur ein kleiner Baustein eines langen Weges. Und davon bräuchte es noch viel, viel mehr. „Eigentlich sollten wir uns bemühen, die Frauen stärker zu machen für die nächsten Schritte, die auf sie zukommen“, sagt Hofmann. Stattdessen merke sie einigen Frauen an, wie es ihnen von Woche zu Woche schlechter gehe. Bis hinein in die Depression.
Gefragt, wie man den Frauen konkret noch helfen könne, sprudelt Debby Böhm los: Essen sei immer ein Thema. Das Café International des Asylzentrums beispielsweise sei bei den Frauen überaus beliebt. Sie redet von Kochen in der Jakobusgemeinde, auch von Bewegungsangeboten, Tanzen, mehr Deutschkurse, den Bauwagen auf dem Gelände zum Kunsttreffpunkt aufpäppeln, vielleicht eine Stadtführung für die Frauen, Konzertbesuche. Teilhabe eben. Die Wunschliste ist lang. „Traumasensibles Yoga gab es hier schon, auch entsprechende Angebote für Kinder“, sagt Böhm. Weil kein Geld dafür da war, mussten sie aber wieder eingestellt werden.
Gelder aus einer Spendenaktion der Bevölkerung heraus könnten eine wichtige Botschaft in das aktuell fremdenfeindliche Klima senden, sagt Böhm: „Zum einen die Botschaft an die Entscheidungsträger: Wir finden, diese Arbeit muss unterstützt werden und wir tragen die Kürzungen nicht mit. Und zum anderen eine Botschaft der Nächstenliebe: Du bist mir nicht egal!“
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