Spendenaktion in Tübingen
: Die ganze Familie im Rollstuhl unterwegs

Bei den Rollikids des Rollstuhlsport- und Kulturvereins Tübingen trainieren Rollifahrer und Fußgänger zusammen. Es fehlt aber an Rollstühlen.
Von
Anja Kries
Tübingen
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Fee hat es geschafft, ihre Vorderräder anzuheben und in den Reifen zu fahren. Links vorn schaut ihr Vater Heiko Stickel mit ihrer Schwester Merle zu, dahinter fährt Chris Kaufmann.

Anja Kries
  • Die Rollikids des RSKV Tübingen trainieren Rollstuhlfahrer und Fußgänger gemeinsam.
  • Es fehlen Sportrollstühle; Spenden sollen die Ausstattung und Transportmöglichkeiten verbessern.
  • Rollstuhltraining umfasst Spiele und Parcours – auch Familien nehmen teil und üben mit.
  • Rollstühle sind teuer, oft lange Diskussionen mit Krankenkassen über Kostenübernahme.
  • Ziel: Barrieren abbauen und Bewusstsein für Inklusion schaffen, z. B. bei Architektur.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein Rollstuhl ist ein wendiges Gefährt. Man kann damit wunderbar im Kreis auf der Stelle fahren und Karussell spielen. Fee macht das gern mit ihrer Freundin, mit der sie auf die Dreifürstenstein-Schule in Dornstetten geht. Sie sieht nicht viel und kann nur sehr kurze Strecken laufen. Aber Fee kann wunderbar erzählen.

Bei den Rollikids des RSKV Tübingen erklärte die Elfjährige am dritten Adventssamstag den anderen die Spiele. Das Training fand in der Sporthalle der BG Klinik in Tübingen statt. Alle zwei Wochen trainiert die Gruppe abwechselnd in Tübingen und in Empfingen-Wiesenstetten. Dort wohnen Übungsleiter Chris Kaufmann und die Kinder- und Jugendsport-Fachwartin des RSKV, Nina Klein-Wiehle mit ihrem gemeinsamen Sohn Nevio. Die Familien kämen aus einem Umkreis von mindestens 60 Kilometern, erzählt Chris Kaufmann.

Auf die Hinterräder stellen

Als Übungsleiter benutzt er selbst einen Rollstuhl, wie sein Sohn, der ihn immer braucht. Kaufmann hält es für wichtig, sich auf Augenhöhe zu begeben, und lädt auch die Journalistin dazu ein. Nevio habe sich einmal beschwert, wie mühselig das Bergauffahren gewesen sei. Er habe es dann selbst probiert, sagt Kaufmann, und sehr schnell verstanden. Auch wegen dieser persönlichen Erfahrung findet er es wichtig, dass der RSKV Fußgänger in seine Sportgruppen einbindet, zum Beispiel auch beim Basketball und beim Cheerleading. Über die Rollikids sagt Kaufmann: „Wenn einer von den 100 Fußgänger-Kindern Architekt wird und sich daran erinnert, dass es besser ist, er baut Rampen und keine Treppen, dann ist schon ein Ziel erreicht!“

Fee hatte am dritten Adventssamstag ihre ganze Familie mitgebracht: den Bruder Leo und die Schwestern Lu und Merle und ihre Eltern Julia und Heiko Stickel. Für die Weihnachtsferien hätten sie sich einen zusätzlichen Rollstuhl ausgeliehen, erzählte Julia Stickel. So könne wirklich die ganze Familie gleich unterwegs sein. Fees Eltern und Geschwister sind Fußgänger, aber auch im Rollifahren geübt. Nur die einjährige Merle fährt noch oft bei ihrem Vater mit.

Die Rollikids machen in ihrem Training ähnliche Spiele, wie sie auch in anderen Kinderturn-Gruppen üblich sind. Zum Einstieg bildeten sie am Samstag einen Kreis und brachten sich mit dem „Fliegerlied“ in Stimmung. Zu „und ich spring…“ stellten sich alle, die es konnten, auf die Hinterräder. Für Ungeübte ist das erst einmal schwierig. Ohne Kippschutz könnte man leicht hintenüberfallen.

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Sepp Buchegger

Beim „Romeo und Julia“-Spiel mussten sich zwei Partner von gegenüberliegenden Ecken der Halle erreichen und die „böse Familie“ umkurven. Im „Feuer-Wasser-Sturm“-Spiel ging es darum, bei „Feuer“ in eine Ecke zu fahren, sich bei „Sturm“ klein zu machen und bei „Wasser“ auf eine Turnmatte zu fahren. Weil es das letzte Training vor Weihnachten war, gab es auch einen besonderen Parcours zu bewältigen. Erst fuhren die Kinder Slalom, über eine Matte und durch Reifen. Dann mussten sie ein Tablett aufnehmen, kleine „Geschenke“ einsammeln, noch einmal durch eine Reihe Hütchen kurven und einen Adventskalender befüllen. Zum Ausgangspunkt ging es im Slalom rückwärts.

Dem zwölfjährigen Nevio sieht man an, dass er schon eine Menge Übung hat, und wenn er auf dem Weg Mitfahrer trifft, liebt er es, sich abzuklatschen. Mattheo Feder, der erst fünf ist, braucht Anschubhilfe von seinem Vater. Er hat Schwierigkeiten, sich zu bewegen und zu verständigen. Aber er verbreitet lachend und winkend die ganze Zeit gute Laune. Mattheo liebt die Musik und die Begegnung mit anderen, erklärt sein Vater.

Rollstuhl-Slalom macht auch für Ungeübte schnell Spaß. Schwieriger ist es, durch Reifen zu fahren. Eine noch viel größere Herausforderung sind Rampe und Podeste vor der BG-Sporthalle. Ein Absatz in Höhe eines Bordsteins ist ohne Übung nicht zu schaffen. Die kleine Rampe braucht sehr viel Kraft. Aus der Rolli-Perspektive fühlt sich die Landschaft um Tübingen wie der Himalaya an.

Viele, die einen Rollstuhl brauchen, benötigen zusätzliche Hilfen wie einen Elektroantrieb, um zumindest kleinere Hindernisse selbstständig überwinden zu können. Rollstühle kosten einige tausend Euro, besondere Ausstattungen aber auch Zehntausende. Die Krankenkassen bezahlen sie oft erst nach monatelangen Diskussionen oder gar jahrelangen Gerichtsverfahren. „Dann hat man den Zeitpunkt, an dem es das Kind braucht, oft verpasst“, sagt Nina Klein-Wiehle.

Vom Erlös der Weihnachtsspenden-Aktion des TAGBLATTs möchten die Rollikids-Trainer die Auswahl an Sportrollstühlen vergrößern und einen Anhänger für den Transport der Ausrüstung kaufen.