Tischtennis gegen Parkinson in Tübingen
: Nach der Diagnose Parkinson war die Welt zunächst eine andere

Christiane Schweizer hat gelernt, mit ihrer Krankheit zu leben. Und sie hat auch für andere einen Ort geschaffen, ihre Krankheit für ein paar Stunden aus dem Kopf zu bekommen.
Von
Lisa Maria Sporrer
Tübingen
Jetzt in der App anhören
Christiane Schweizer Parkinson Tischtennis

Christiane Schweizer hat für Menschen mit Parkinson in Tübingen eine Tschtennisgruppe organisiert.

Anne Faden
  • Christiane Schweizer gründete in Tübingen eine Tischtennisgruppe für Parkinsonerkrankte.
  • Tischtennis hilft, Symptome wie Steifheit und Koordinationsprobleme zu lindern.
  • Die Gruppe trifft sich jeden Donnerstag in der Halle des Sportzentrums B12.
  • Die Finanzierung bleibt eine Herausforderung – Spendenaktion des TAGBLATTs soll helfen.
  • Schweizer: „Ich habe Parkinson. Ich bin aber nicht Parkinson.“ – Umgang mit der Krankheit inspiriert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es gibt Mangold-Quiche. Die angerösteten Zwiebeln, die an verschiedenen Stellen zwischen den bunten Mangoldblättern aus der Form herausragen, wirken wie ein verspieltes, filigranes Kunstwerk. Manchmal, sagt Christiane Schweizer nach dem Essen, sei Zwiebeln schneiden ein Problem. Es war eines der Anzeichen, noch bevor sie die Diagnose bekam. Auch das mit ihrem Fuß. „Wenn ich im Büro saß, wippte mein linker Fuß.“ Irgendwann fiel ihrer Laufpartnerin dann auf, dass sie die Füße nicht mehr richtig anhebt. Und ihr fiel auf: Beim Tanzen wurde sie langsamer.

Parkinson äußert sich nicht nur als Muskelzittern, dem sogenannten Tremor. Mit Parkinson werden die Gelenke steif, die Bewegungen langsamer, die Feinmotorik lässt nach. „Auf einem Bein stehen ist schwierig“, sagt Christiane Schweizer, steht auf, stellt sich in die Mitte des Wohnzimmers und balanciert erst auf dem rechten, dann auf dem linken Bein, kippelt ein bisschen, so ganz mag es nicht gelingen. Die Symptome bei Parkinson habe mal jemand mit einem Eisberg veranschaulicht, sagt sie dabei: Das Zittern und die Steifigkeit kenne man. „Sechssiebtel des Eisbergs aber liegen unter dem Wasser.“

Eine Zeit des Lernens, des Ausprobierens, des damit Lebens

Auch Christiane Schweizer kannte sich vor sieben Jahren mit neurologischen Erkrankungen nicht aus. Sie ist ein offener, interessierter, auch feinfühliger Mensch. Wer sie fragt, wie es ihr geht, bekommt keine Floskeln als Antwort. Aber mit Parkinson umzugehen – das musste sie erst lernen. Am 14. Januar 2019 bekam sie die Diagnose. Das Datum eines solchen Tages vergisst man nicht. 60 Jahre alt war sie da. Eigentlich, sagt sie, hätte sie es auch 2003 schon wissen können. Mit dem beginnenden Verlust des Geruchssinns. Mittlerweile weiß das jeder Arzt. Damals nicht. Stattdessen operierte man ihr die Nasenscheidewand. Heute sagt sie: „Ich hätte die Diagnose auch nicht früher haben wollen.“

Nach der Diagnose war die Welt eine andere. Zweitmeinung, die ersten Tabletten, immer wieder Arztbesuche, später Dopamin, trotzdem zunehmende Einschränkungen, Schmerzen, Unruhe. Die Familie, die Freunde mussten erst lernen, damit umzugehen. Sie selbst ja auch. Was sagt man einer Freundin, die Magnesium-Tabletten als Heilmittel mitbringt? Oder einer Bekannten, die meint, sie müsse nun akzeptieren, dass sie keine schöne Frau mehr sei? Und wie fordert man Verständnis ein für die schlechte Laune, die man nicht im Griff hat, wenn der Dopaminspiegel zu niedrig ist? Die ersten Jahre waren eine Zeit des Lernens, des Ausprobierens, des damit Lebens: die Bedeutung von Eiweißen im Essen, die Erfahrung, sich in Selbsthilfegruppen nicht erklären zu müssen, das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, weil der Körper nicht mehr immer das macht, was man will.

Weihnachtsspendenaktion Schwäbisches Tagblatt

Das Logo der Weihnachtsspendenaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs.

Sepp Buchegger

Christiane Schweizer ist keine, die Trübsal bläst. Auch keine, die sich über ihre Krankheit definiert. Oder die sich einschränken lässt. In einer kleinen Nische der Wohnung ist ihre Nähecke. Zuletzt hat sie Stoffreste, einen Schal, alte Kleidungsstücke, zu einem Pullover zusammengenäht. Von Anfang an blieb sie umtriebig wie eh und je, arbeitete, ging in den Literaturkreis, traf Freunde, fuhr Ski, fing mit Sport an. Boxen gegen Parkinson. Tai Chi gegen Parkinson. Yoga gegen Parkinson. Auch Argentinischer Tango. Sport nämlich hilft, Symptome wie Steifheit, Gleichgewichtsverlust und Koordinationsprobleme zu lindern. Und er hilft, die Krankheit aus dem Kopf zu bekommen, sagt sie und demonstriert auch das inmitten ihres Wohnzimmers. Schattenboxen. Besonders gut sei aber Tischtennis, sagt sie. Wegen der reaktiven Bewegung. „Man sieht den Ball, will ihn treffen und denkt nicht darüber nach. Die Bewegung kommt einfach.“

Kurz nachdem sie ihre Diagnose bekam, sah sie im Fernsehen einen Bericht über „PingPongParkinson“, einen Tischtennisverein extra für Parkinsonerkrankte. In den USA nutzt man Tischtennis als Therapieform bereits seit etlichen Jahren. In Deutschland ist „PingPongParkinson“ erst seit 2020 aktiv, inzwischen mit über 300 Stützpunkten. Das Konzept beruht darauf, Tischtennis für alle mit Parkinson wohnortnah und unabhängig vom persönlichen Können anzubieten. Jahre später erinnerte sie sich wieder an den Bericht. Es dauerte aber noch ein gutes Jahr, bis sie es schließlich geschafft hatte, in Tübingen eine Halle und einen Trainer für eine eigene Tischtennisgruppe zu finden. Ein Kraftakt. Im Mai 2024 war es dann so weit.

Jeden Donnerstag wird gespielt

Mittlerweile könnte man aus der Gruppe, die sich jeden Donnerstag um 13.45 Uhr in der Halle des Sportzentrums B12 in der Bismarckstraße trifft, mehrere Gruppen machen. So groß ist der Zulauf. Aber das wollen die Spieler gar nicht. Es geht auch um die Gemeinschaft. Es geht aber auch leider darum, dass diese Gemeinschaft finanziert werden muss, denn die Platten, Fortbildungen des Trainers, Hilfsmittel für stärker durch die Krankheit beeinträchtigte Spieler – all das kostet Geld. Deshalb hat sich die Gruppe (zusammen mit der Kiebinger Tischtennisgruppe) bei der Weihnachtsspendenaktion des TAGBLATTs beworben.

Auch der ehemalige Pfarrer der Jakobusgemeinde Tübingen, Karlfriedrich Schaller, spielt dort mit. Er war es, der vor Jahren, noch vor ihrer Diagnose, auf Christiane Schweizers arglos gestellte Frage, wie es ihm gehe, gelassen antwortete: „Ich lebe gut mit meinem alten Freund Parkinson.“ Diese Begegnung beeindruckt sie bis heute. Und hat sie zu dem Umgang mit der Krankheit geführt, den sie heute hat. „Die Krankheit verändert einen.“ Auch positive Veränderungen, neue Freundschaften, Gelassenheit, Akzeptanz. Einer Freundin hat sie in einem Brief geschrieben: „Ich habe Parkinson. Ich bin aber nicht Parkinson.“ Dadurch erscheint ihr die Krankheit nahbarer, eher zu handeln.

Und wenn Leute in der Schlange hinter ihr an der Supermarktkasse unruhig werden, weil es ihnen zu lange dauert, bis sie ihre EC-Karte hervorgekramt hat, dreht sie sich mittlerweile um. „Entschuldigen Sie“, sagt sie dann freundlich. „Es dauert etwas länger. Ich habe Parkinson.“