Es tropft im Tierheim
: Tiere in Tübingen brauchen ein sicheres Dach über dem Kopf

Das Tübinger Tierheim hat eine turbulente Zeit hinter sich. Eigentlich wollte man nun in die Zukunft blicken. Dann ging das Dach kaputt. Eine heikle Angelegenheit, weil es sich um giftige Eternitplatten handelt.
Von
Lisa Maria Sporrer
Tübingen
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Anne Kreim sucht den Dachboden des Tierheims nach nassen Stellen ab.

Anne Kreim sucht den Dachboden des Tierheims nach nassen Stellen ab. An einer Stelle steht schon ein Eimer, der das Wasser bei Regen auffängt.

Lisa Maria Sporrer
  • Das Tübinger Tierheim hat ein marodes Dach aus giftigen Eternitplatten – Sanierung kostet 60.000 Euro.
  • Wasser dringt ins Gebäude und beschädigt Akten und den Bereich, in dem Katzen untergebracht sind.
  • Platzmangel: 2500 m² für rund 400 Tiere – es werden 10.000 m² benötigt, um den Bedarf zu decken.
  • Personalnot: Nur zwei Vollzeitkräfte und 15 Ehrenamtliche betreuen die Tiere, obwohl mehr nötig wären.
  • Erfolgsstory: Kater Levi, 2024 in einem Wäschekorb ausgesetzt, fand nach Pflege ein neues Zuhause.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einen ganzen Stapel von Geschichten, wie es ihren Tieren ergangen ist, haben Anne Kreim und Anja Holfert zu dem Gespräch mitgebracht. Es sind schöne Geschichten, berührende Geschichten, Geschichten, die Hoffnung machen, dass es den Tieren, die in einem Tierheim stranden, irgendwann wieder gut gehen wird. So wie die Geschichte von Levi. Der junge Kater wurde im August 2024 in einer heißen Sommernacht in einem komplett zugeklebten Wäschekorb vor der Tür des Tierheims abgestellt. Es dauerte aber noch bis zum nächsten Morgen, bis Mitarbeiter ihn entdeckten. Als der Korb geöffnet wurde, rechnete man mit dem Schlimmsten. Levi war dehydriert, aber am Leben. Er traute sich nicht aus dem Körbchen, „sein Vertrauen in Menschen war wohl erschüttert“, sagt die Tierpflegerin Anja Holfert. Es brauchte viel Zuwendung und Zeit, bis er sich überhaupt wieder streicheln ließ. Mittlerweile heißt der Kater Yoshi und hat ein neues Zuhause gefunden.

Erst Schüsse, dann Hundegebell

Das Tübinger Tierheim hat eine turbulente Zeit hinter sich. „Umso schöner sind diese Erfolgsgeschichten“, sagt der neue Tierheim-Leiter Steffen Töllner, der zuvor das Tierheim in Schorndorf geleitet hat. Und auch Anne Kreim, die vor drei Jahren den Vorsitz des Vereins übernommen hat und die drohende Insolvenz abwenden konnte, sagt: „Der Rückwärtsblick war eine Mammutaufgabe. Jetzt aber können wir endlich wieder nach vorne schauen.“

Die rosige Zukunft liegt dennoch in weiter Ferne. Die rosige Zukunft – idealerweise sollte das ein neues Tierheim sein. In idyllischer Lage. Ohne ständig vorbeifahrende Laster (das Tierheim liegt auf dem Weg zur Mülldeponie). Ohne Schützen als Nachbarn. Denn von dem Geknalle bekommen die Hunde Angst und bellen die Nacht durch. Teil der rosigen Zukunft wäre dann auch mehr Platz für die Tiere. „Für die Zahl an Tieren, die wir versorgen, bräuchten wir rund 10.000 Quadratmeter Fläche“, sagt Kreim. Das würden jedenfalls die Berechnungen des Tierschutzbundes nahelegen. „Aktuell aber haben wir hier nur 2500 Quadratmeter zur Verfügung“, so Kreim. „Wir bräuchten also viermal so viel.“

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Sepp Buchegger

Besonders die Anzahl der Katzen wird für das Tierheim zum Problem. Erst vor Kurzem wurde über eine Katzenschwemme berichtet. Und ausgerechnet diese Katzen trifft das marode Dach: Es regnet rein ins Tierheim und das Wasser bahnt sich seinen Weg durch den ersten Stock bis hinunter in den Raum, wo die Katzen ihr vorübergehendes Zuhause haben. Eigentlich sei es ziemlich unlogisch, sagt Kreim: „Wir wollen in ein Gebäude investieren, das abgängig ist.“ Aber es sei eben nicht möglich, das undichte Dach einfach abzukleben. Weil es sich um Eternitplatten handelt.

Eternitplatten enthalten Asbest und können giftig sein, wenn sie beschädigt werden, da dann krebserregende Asbestfasern freigesetzt werden. Solange die Platten intakt sind, stellt der fest gebundene Asbest eine geringere Gefahr dar, aber jede mechanische Bearbeitung, von Bohren über Schneiden bis zum Schleifen, und auch starke Verwitterung setzt Fasern frei, die eingeatmet werden und zu Lungenkrebs führen können. Deshalb ist der Kostenvoranschlag für die Sanierung auch so teuer, sagt Kreim. Es gibt bereits ein Angebot der Dachdeckerei Peetz, 60.000 Euro wird die Sanierung kosten. „Von dieser Summe können wir derzeit als Tierheim nur einen sehr kleinen Teil selbst aufbringen, da wir finanziell mit unseren Kosten an unsere Grenzen geraten“, sagt die Vorsitzende des Tübinger Tierschutzvereins. „Der Neubau eines neuen Tierheims liegt leider noch in sehr weiter Ferne, daher benötigen wir dringend Hilfe.“

Dass es ein Loch im Dach gibt, fiel nur durch Zufall auf. Im ersten Stock des Tierheims stehen im Flur Schränke mit Akten. Das Archiv des Tierheims quasi. Und diese Akten waren plötzlich klamm und wurden immer nasser. Als das auffiel, hatte sich das Wasser schon eine Etage tiefer vorgearbeitet, bis zu den Katzen. „Das Dach ist so alt wie der Neubau aus den 1970er Jahren“, vermutet Kreim. Dass das Dach nicht ewig halte, sei nicht allzu überraschend. Dass es aber ausgerechnet dann kaputtgehen muss, wenn der Aufbruch für ein neues Tierheim gewagt werden soll, das sei schon sehr ärgerlich. Zumal vor nicht allzu langer Zeit auch das Dach für den Hundeunterstand kaputt gewesen sei, schon das kostete den klammen Tierschutzverein 20.000 Euro.

„Unsere Kapazitäten sind am Maximum“, sagt Kreim bezogen auf die vielen Tiere, die auf der zu kleinen Gesamtfläche versorgt werden müssen. Mehr als 400 Tiere hat der Verein dieses Jahr betreut, Katzen, Hunde, Mäuse, Kaninchen, eine Schlange. Eigentlich bräuchte der Verein für die Anzahl an Tieren mindestens fünf Vollzeitstellen und zwei Minijobber. Es sind aber nur zwei Vollzeitkräfte und etwa 15 Ehrenamtliche. Jammern wollen sie eigentlich nicht, sagen Kreim, Holfert und Töllner. Immerhin habe sich schon so viel zum Guten gewendet. Den Tieren aber unter diesen Umständen wenigstens ein sicheres Dach über dem Kopf bieten zu können, das müsse auf jeden Fall machbar sein.