Angebot für psychisch belastete Menschen: Der „Eckpunkt“ in Rottenburg – mehr als eine Selbsthilfegruppe

Gemeinsam bei der Arbeit im "Eckpunkt": Koordinatorin Magdalena Bausenhart, Rosemarie Ebinger, Gruppenleiterin Fatma Akyüz und Sarah Jane Sennewald.
Anja Kries- Der „Eckpunkt“ in Rottenburg bietet psychisch belasteten Menschen Unterstützung im Alltag.
- Das Zentrum schafft einen Schutzraum mit Angeboten wie Handarbeiten, die ohne Druck gestaltet sind.
- Besucher schätzen die familiäre Atmosphäre, erreichbare Ziele und den kreativen Austausch.
- Finanzielle Mittel fehlen, etwa für die Kochgruppe – Spendenaktionen wie die TAGBLATT-Hilfe unterstützen.
- Angebote wie Möbelbau und Reparaturen fördern handwerkliche Fähigkeiten und Gemeinschaftssinn.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am Donnerstag vor Weihnachten standen Kaffee und Gewürzkuchen auf dem Tisch im „Eckpunkt“ des Zentrums für Gemeindepsychiatrie (ZGP) in Rottenburg. Die Besucherinnen und Besucher des wöchentlichen „Tüftel-Stübles“ packten ihre Handarbeiten aus. Eine ältere Dame war mit einem Pullover beschäftigt. Margarete freute sich sehr über ein Paar Socken, das ihr eine Mitstreiterin zum Verschenken gestrickt hatte. Die ehrenamtliche Helferin Rosemarie Ebinger arbeitete an Socken in Regenbogenfarben.
Viele Besucher des Zentrums für Gemeindepsychiatrie würden lieber anonym bleiben, berichtete Angela Hau, die als Geschäftsführerin des WP Wohnprojekts einen der Träger vertritt. Immer noch seien psychische Erkrankungen in Teilen der Gesellschaft stigmatisiert. Die Einrichtung sei auch ein Schutzraum, „in dem man sich vielleicht Dinge traut, die man sich sonst nicht trauen würde“. Inhaltlich ähnliche Angebote wie im „Eckpunkt“ gebe es auch andernorts. Seelisch angeschlagene Menschen würden sich aber zum Beispiel in Standard-Yogakursen oft nicht wohlfühlen.
Auch wenn viele ihren Namen nicht nennen mochten, erzählten alle, die vor Weihnachten in den „Eckpunkt“ gekommen waren, gern, was ihnen die Angebote dort bedeuteten.
Erreichbare Ziele setzen
Margarete erklärte, es ginge eben nicht um eine Selbsthilfegruppe. Mit solchen habe sie auch schlechte Erfahrungen gemacht. „Dieses ständige Probleme-Wälzen, das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten!“, berichtet sie. Die VHS, welche mit Koch-, und Bastelkursen ähnlich erscheinende Kurse anbiete, sei das ZGP auch nicht. Im „Eckpunkt“ seien viele Angebote kostenlos. Vielleicht müsse sie einmal zwei, drei Euro dazugeben. VHS-Kurse dagegen „könnten wir uns auch finanziell gar nicht leisten“, sagt Margarete. Wichtig sei besonders die Ansprache ohne Druck: „Jeder so, wie er es braucht und will!“ Was das bedeutet, erläuterte sie an einem Beispiel aus der Physiotherapie: Ein Junge habe Probleme mit dem rechten Arm gehabt. Nur mit diesem zu üben, habe ihn frustriert und wenig Ergebnisse gezeigt. Erst, als ein Student ihm auch Übungen für den gesunden linken Arm zeigte, habe er sich motiviert gefühlt. Dadurch habe er schließlich auch mit dem rechten Arm Fortschritte gemacht.

Das Logo der TAGBLATT-Weihnachtsspendenaktion.
Sepp BucheggerGenauso funktioniere die Arbeit im „Eckpunkt“, erklärte Margarete vor Weihnachten. Es täte gut, zu sehen, was sie mit ihren Händen mache. Beim Stricken habe sie sich daran erinnert, dass sie in ihrer Schulzeit zeitweise „einen Pullover nach dem anderen“ produziert habe. Da sei ihr bewusst geworden, „dass nicht alles schlecht war und ist“.
Rosemarie Ebinger ergänzte, für alle erreichbare Ziele seien wichtig – Sachen, „die man zu Ende bringen kann“. Sie zeigte Figuren und Täschchen, die aus einer leicht zu häkelnden rechteckigen Form gemacht waren. Eine jüngere Besucherin merkte an, ihr mache es auch Spaß, einfach nur zuzuschauen. Stricken könne sie nicht wirklich gut, aber um mit den anderen in Gesellschaft zu sein, käme sie immer gern.
Von Basteleien zum Möbelbau inspiriert
Der einzige Mann in der vorweihnachtlichen Runde hatte sich ebenfalls schon in Handarbeiten versucht, sich dabei jedoch ungeschickt gefühlt. Das „Tüftel-Stüble“ ist allerdings nicht auf die Arbeit mit Nadel, Faden, Stoff und Wolle beschränkt. Es braucht auch Menschen, die wie er zum Beispiel Nähmaschinen reparieren können oder ganz eigene Ideen haben. Nachdem der Mann unter den Besuchern des „Tüftel-Stübles“ im Rottenburger „Garten der Begegnung“ Paletten-Basteleien gesehen hatte, ließ er sich davon zum Möbelbau inspirieren. Neben der Möglichkeit, seine handwerklichen Fähigkeiten auszuleben, ist ihm ansonsten auch das Menschliche in der Gruppe besonders wichtig. Er fände dort „Geborgenheit, Trost, Spaß, Zusammensein“ und eine familiäre Atmosphäre, sagt er.
Alle „Eckpunkt“-Besucher vor Weihnachten bedauerten sehr, dass die Kochgruppe aus finanziellen Gründen nicht mehr stattfindet. Eine ältere Dame erzählte, die „Tüftel-Stüble“-Gruppe habe eigens fünf Kochschürzen genäht. Aber dann sei das Geld für das beliebte Angebot ausgegangen. In den vergangenen zwei Jahren, so berichtete Angela Hau, habe das ZGP Mittel von der Postcode-Lotterie bekommen. Diese seien jetzt ausgelaufen. Anderes finanziere der Landkreis als „Freiwilligkeitsleistung“, die auch schon auf dem Prüfstand sei. Die Hilfe durch die TAGBLATT-Spendenaktion sei für den „Eckpunkt“ ein „Weihnachtsgeschenk“.
Alles zur Weihnachtsspendenaktion 2025/26
Das waren die Artikel zu den acht Projekten, für die das SCHWÄBISCHE TAGBLATT zwei Monate lang Spenden gesammelt hat.
- Spendenaktion in Tübingen und der Region: Achtmal Gutes tun
- Weihnachtsspendenaktion: Wir können so vielen helfen!
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