Die Diskussion über einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets ist in vollem Gange. Viele wünschen sich ein ähnliches Angebot über den August hinaus. Die Sonderaktion zur Entlastung von Millionen Fahrgästen in der Energiekrise läuft seit Anfang Juni. Noch bis Ende August kann man damit für neun Euro im Monat bundesweit Busse und Bahnen im Nahverkehr nutzen. Im September soll es dann schon wieder vorbei sein. Eine Debatte über Anschlussangebote ist schon entbrannt, um Fahrgäste weiter von den hohen Energiekosten zu entlasten und Anreize fürs Umsteigen in den Nahverkehr zu erhalten.
  • Wie geht es im September weiter?
  • Was wollen die einzelnen Parteien?
  • Welche Nachfolge-Regelungen sind im Gespräch?
  • Könnte es eine Verlängerung geben?
Alle Infos zu möglichen Alternativen und dem derzeitigen Stand der Debatte um ein Nachfolge-Ticket im Herbst gibt es hier.

Wie geht es mit dem 9-Euro-Ticket weiter?

Eine große Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich auch nach dem Ende des 9-Euro-Tickets ein günstiges Angebot im Nah- und Regionalverkehr. Doch bei den weiteren Entlastungen gibt es Unstimmigkeiten in der Koalition. Finanzminister Christian Lindner bekräftigte sein Nein zum 9-Euro-Ticket. Es sei eine befristete Maßnahme, genau wie der Tankrabatt. „Deshalb sind im Bundeshaushalt weder eine Fortsetzung des Tankrabatts noch Mittel für eine Anschlussregelung für das 9-Euro-Ticket vorgesehen“, sagte er der Funke-Mediengruppe. Bei dem Ticket finanzierten die Steuerzahler ein nicht kostendeckendes Angebot. Es zahlten auch jene, die es - wie auf dem Land - nicht nutzen könnten. Die Grünen drängen derweil auf eine Nachfolge-Regelung – der ist Ausgang offen.

Nachfolger für das 9-Euro-Ticket: Diese Alternativen sind im Gespräch

Es gibt zahlreiche Vorschläge, etwa ein 365-Euro-Jahresticket oder Monatstickets für 29 oder 69 Euro. Letzteres hatte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen vorgeschlagen: ein bundesweit gültiges ÖPNV-Klimaticket für 69 Euro im Monat als dauerhaftes Angebot, das ab 1. September machbar wäre. Auch Vorschläge, den ÖPNV gänzlich kostenlos zu machen, hatte es vereinzelt gegeben.
Die bisherigen Vorschläge auf einen Blick:
  • Klimaticket: 69-Euro pro Monat
  • 29-Euro-Ticket: 348 Euro/Jahr
  • 365-Euro-Ticket: 1 Euro/Tag
  • 0-Euro-Ticket (ÖPNV kostenlos)
  • Einheitliches Ticket für ganz Deutschland: Kosten unbekannt
  • Verlängerung

69-Euro-Ticket als Nachfolger für das 9-Euro-Ticket?

Der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Michael Theurer, sieht eine 69-Euro-Variante als Nachfolgelösung für das 9-Euro-Monatsticket im Nahverkehr skeptisch. „Das 69-Euro-Ticket wiederum könnte dazu führen, dass Netzkarten in bestimmten Verkehrsverbünden wie Berlin teurer werden. Auch das wäre wenig sinnvoll“, sagte der FDP-Politiker der „Rheinischen Post“ (Dienstag). Das 9-Euro-Ticket sieht Theurer weiterhin als Erfolg. Viele der nun diskutierten möglichen Nachfolge-Tickets hält er hingegen für keine guten Ideen. „Vom 0-Euro-Ticket halte ich zum Beispiel nichts. Es ist weder finanzierbar noch sinnvoll. Preise haben ja auch eine Lenkungswirkung und das Bahnnetz ist teilweise stark überlastet“, sagte Theurer.

29 Euro Regionalticket oder 49 Euro für ganz Deutschland

In der Diskussion um eine Nachfolgeregelung für das Neun-Euro-Ticket schlagen die Grünen gleich zwei günstige Fahrkarten für alle vor: ein Regionalticket für 29 Euro pro Monat und ein Deutschlandticket für 49 Euro im Monat. Das geht aus einem gemeinsamen Papier von Partei, Fraktion und dem nordrhein-westfälischen Verkehrsminister Oliver Krischer hervor. Finanzieren wollen die Grünen die Tickets über einen "Abbau" des Dienstwagenprivilegs.
Über das Papier hatte zuerst das ARD-Hauptstadtstudio berichtet. Die Grünen nennen ihren Vorschlag einen Debattenbeitrag. Sie verweisen auf den Erfolg des Neun-Euro-Tickets. Erste Auswertungen legten nahe, dass tatsächlich Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umgestiegen seien, es also auch positive Effekte fürs Klima gebe.
Die Grünen wollen eine "nahtlose" Folgelösung für das Neun-Euro-Ticket, das nur noch bis Ende August gilt. Das von ihnen vorgeschlagene 29-Euro-Ticket soll sich laut Papier an Pendlerinnen und Pendler richten. Der Preis gebe "echte Anreize" für den Umstieg auf Bus und Bahn und sei gerade für Menschen mit kleinem Geldbeutel geeignet. Es soll "mindestens landesweit" gelten - also im jeweiligen Bundesland, aber auch für Regionen wie Berlin-Brandenburg oder Bremen-Hamburg-Niedersachsen. Die Grünen verweisen hier auf einen Vorschlag des ökologischen Verkehrsclub Deutschland, der acht Regionen vorgeschlagen hatte.
SPD-Chef Lars Klingbeil hat sich dafür ausgesprochen, einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket mit einer Sondersteuer auf hohe Zusatzgewinne von Energieunternehmen zu finanzieren. Es gebe Unternehmen, die durch den russischen Krieg in der Ukraine „massive Gewinne machen, ohne dass sie auch nur einen Handschlag mehr tun“, sagte Klingbeil auf NDR Info. „Deswegen fordere ich, dass wir eine Übergewinnsteuer auch in Deutschland einführen.“

Nachfolger für Neun-Euro-Ticket: Das sagen die Parteien

Die SPD im Bundestag fordert zügige Klärungen zu möglichen Folgeangeboten. Die aktuelle Debatte mit einer Vielzahl von Anregungen und Forderungen zeige, dass Bund und Länder nun zeitnah an einen Tisch müssten, sagte SPD-Fraktionsvize Detlef Müller der Deutschen Presse-Agentur. „Dazu sollte aus meiner Sicht noch im August eine Sonder-Verkehrsministerkonferenz stattfinden, bei der auch die Abfederung der gestiegenen Betriebskosten in den Blick zu nehmen ist.“ Zu beraten sei über das weitere Verfahren und die Aufteilung der Finanzierung möglicher Nachfolgemodelle für das 9-Euro-Ticket, sagte Müller. Über weitere Schritte des dringend nötigen Angebotsausbaus werde dann bei der regulären Verkehrsministerkonferenz im Oktober zu sprechen sein.
Einen Monat vor Auslaufen des 9-Euro-Tickets drängen auch die Grünen auf eine Nachfolge-Regelung. Das 9-Euro-Ticket sei ein „echter Verkaufshit und ein voller Erfolg“, sagte Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Es sei gut für das Klima und entlaste zugleich Menschen mit geringen Einkommen. „Das 9-Euro-Ticket darf deshalb nicht einfach im September ohne Anschlusslösung auslaufen“, mahnte Dröge. Die von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) in Aussicht gestellte Evaluation im November komme zu spät. Zur Finanzierung einer Anschlusslösung schlug Dröge den Abbau der steuerliche Absetzbarkeit der Dienstwagennutzung vor. Damit würde auch ein Schritt zum Abbau umweltschädlicher Subventionen unternommen, auf den sich die Ampelkoalition verständigt habe, argumentierte sie.
Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hatte Erwartungen an eine Nachfolgeregelung am Wochenende eine Absage erteilt. „Tankrabatt und 9-Euro-Ticket laufen aus. Es wird keine Anschlussregelung geben können“, sagte Lindner der „Bild am Sonntag“.

Bahngewerkschaften skeptisch gegenüber Verlängerung des 9-Euro-Tickets

Eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets stößt bei den Bahngewerkschaften auf Widerstand. „Das 9-Euro-Ticket kann so nicht fortgeführt werden“, sagte der Vizevorsitzende der Gewerkschaft EVG, Martin Burkert, am Donnerstag. „Die Belegschaft hat die Belastungsgrenze erreicht und teilweise überschritten.“ Angesichts dieser Überlastung könne das Ticket nicht verlängert werden. Ähnlich äußerte sich die Lokführergewerkschaft GDL. Mit dem Ticket, das eigentlich Pendler entlasten solle, habe man zusätzliche Anstürme von Reisenden auf die Bahn gebracht, sagte GDL-Chef Claus Weselsky im RBB-Inforadio. „Das tut dem System nicht gut, weil es sowieso schon auf Verschleiß gefahren wird. Jetzt sind wir zusätzlich noch völlig überlastet.“
Unterschiedliche Haltungen haben die Gewerkschaften zur Preisgestaltung. EVG-Vizechef Burkert sagte: „Langfristig wollen wir, dass der ÖPNV kostenlos wird. Vorher müssen jedoch zuerst das Angebot und die Kapazitäten flächendeckend ausgebaut werden.“ Dagegen sagte Weselsky: „Wir verhökern hier etwas. Wir tun so, als wäre Nahverkehr umsonst.“ Es müsse ein bundesweites Nahverkehrsticket zu einem vernünftigen Preis geben.

Kein Nachfolger für 9-Euro-Ticket? Norddeutsches Modell im Gespräch

Sollte der Bund kein deutschlandweites Folgeangebot für das Ende August auslaufende 9-Euro-Ticket auf den Weg bringen, könnte sich Niedersachsens Verkehrsministerium ein norddeutsches Modell vorstellen. Der Bund sollte die Länder in die Lage versetzen, nach dem Auslaufen des 9-Euro-Tickets ein kostengünstiges, bundesweites Ticket anbieten zu können, teilte das Ministerium in Hannover auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. „Sollte ein bundesweites Ticket nicht umsetzbar sein, könnten alternativ auch die fünf norddeutschen Bundesländer etwas auf die Beine stellen“, hieß es aus dem Ministerium. Konkreter wurde die Idee noch nicht. Eine Anschlusslösung des Bundes sollte bis Jahresende stehen, forderte das Ministerium.