Kommt ein härterer Lockdown in Deutschland? Deutschland verzeichnet trotz desseit Anfang November geltenden und vor zwei Wochen von Bund und Ländern gemeinsam verlängerten Teil-Lockdowns nach wie vor hohe Infektionszahlen. In der Politik werden inzwischen Forderungen laut, die Corona-Maßnahmen über Weihnachten und Silvester nicht zu lockern, wie eigentlich auf dem letzten Corona-Gipfel beschlossen wurde.
Während in Bayern die Corona-Maßnahmen beereits verschärft wurden, wird in Baden-Württemberg über ein Alkoholverbot im Freien nachgedacht. Und von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bis zum Grünen-Gesundheitsminister Manne Lucha in Baden-Württemberg mahnen Politikerinnen und Politiker eine größere Disziplin in der Bevölkerung an, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen. Wie also sieht die aktuelle Entwicklung der Corona-Zahlen in Deutschland aus?

Corona Zahlen in Deutschland heuite - Die aktuellen Fallzahlen vom Dienstag, 8.12.2020

Das Robert Koch-Institut (RKI) erfasst täglich die aktuelle Corona-Lage für Deutschland, bewertet nach eigenen Angaben auf der Homepage „alle Informationen und schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland ein“. Zudem stellt das RKI Empfehlungen für die Fach­öffentlich­keit zur Verfügung wie Fallzahlen und Informationen zu allgemeinen Infektionsschutzmaßnahmen, Diagnostik und Teststrategie und Prävention in Gesundheitseinrichtungen.
  • Neuinfektionen: Laut RKI-Angaben haben sich deutschlandweit mindestens 14.054 Personen neu mit dem Coronavirus infiziert. Zum Vergleich: Am Sonntag waren es 17.767, am gestrigen Montag hatte es mehr als 12.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gegeben. An Sonntagen und Montagen sind die erfassten Fallzahlen meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird. Nach Angaben von „Zeit Online“ gibt es heute 15.342 Neuinfektionen. Die Zahlen von Zeit Online basieren auf den direkten Angaben aus den Landkreisen. Sie sind weniger als die Statistiken des Robert Koch-Instituts von verzögerten Meldeketten betroffen und können deshalb abweichen.
  • Bestätigte Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen: Wie „Zeit Online“ berichtet, registrierten die Ämter 123.296 neue Fälle in den letzten sieben Tagen.
  • Infizierte: Die Gesamtzahl der Infektionen seit Beginn der Pandemie in Deutschland beträgt laut jüngsten Werten des RKI 1.197. 709 Fälle.
  • Tote: Die Zahl der Menschen, die mit oder an einer Corona-Infektion gestorben sind, liegt bei 19.342 Das sind 423 Tote mehr als am Vortag und bedeutet einen weiterhin sehr hohen Wert. Am Mittwoch waren binnen eines Tages 487 Tote gemeldet worden - das war ein neuer Rekord seit Beginn der Pandemie.
  • Genesene: Die Zahl der Genesenen beläuft sich laut RKI auf etwa 881.800.
  • R-Wert: Das RKI gibt in seinem aktuellen Lagebericht ein so genanntes Sieben-Tage-R an. Dieser Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Das sogenannte Sieben-Tage-R lag laut RKI-Lagebericht bei 1,06(Sonntagabend: 1,10). Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt der Wert für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Corona in den Bundesländern: Aktuelle Infektionszahlen im Dashboard

Wie viele Infizierte gibt es heute in den einzelnen Bundesländern? Das Dashboard des RKI weist auf seiner interaktiven Karte auch die Corona-Zahlen für einzelne Bundesländer aus. Die Angaben werden täglich um 0 Uhr aktualisiert.
In seinem Dashboard weist das RKI jeden Tag die aktuellen Corona-Zahlen für Deutschland, die einzelnen Bundesländer und die Landkreise aus.
In seinem Dashboard weist das RKI jeden Tag die aktuellen Corona-Zahlen für Deutschland, die einzelnen Bundesländer und die Landkreise aus.
© Foto: Screenshot; Quelle: RKI

Inzidenz und Neuinfektionen - Die Kennzahlen der Corona-Pandemie erklärt

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden jeden Tag Zahlen veröffentlicht, die den Verlauf nachzeichnen sollen. Hier die Erklärung, welche Zahlen was bedeuten.

Reproduktionszahl (R-Wert)

Die Reproduktionszahl - oder kurz R-Wert - beschreibt, wie viele Menschen ein Infizierter während seiner Erkrankung ansteckt. Liegt die Zahl über eins, breitet sich eine Krankheit immer weiter in der Bevölkerung aus. Je weiter sie sich von der eins entfernt, desto schneller und bedrohlicher verläuft der Trend. Dabei handelt es sich aber immer nur um eine pauschale bundesweite Lageeinschätzung.
Es gibt außerdem gewisse Ungenauigkeiten durch Meldeverzüge und andere Faktoren. In Deutschland schwankt der Wert nach Schätzungen des RKI derzeit um eins. Nach Angaben der Experten dort gilt das schon als Erfolg und weist darauf hin, dass Gegenmaßnahmen zur Kontaktreduzierung wirken. Diese verringern die Chance, dass ein Infizierter weiterer Menschen ansteckt und drücken so den R-Wert. Sonst könnte dieser durchaus bei drei oder vier liegen.

Neuinfektionen

Der R-Wert allein sagt nicht unbedingt etwas aus über die Dramatik der gesamten Entwicklung. Sie ergibt sich erst aus der Kombination mit der Zahl der täglichen oder wöchentlichen Neuinfektionen. Der Grund ist einfach: Bei gleichem R-Wert macht es einen gewaltigen Unterschied, ob täglich 50.000 Ansteckungen hinzukommen oder einige hundert. Die Ausbreitungsdynamik ist theoretisch gleich, belastet die Kapazitäten der Gesundheitssysteme im Fall der höheren Zahlen allein durch die schiere Masse aber mit wesentlich größerer Wucht.
In Deutschland bewegt sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen inzwischen zwischen 12.000 und 23.000 Fällen. Das ist ein extremer Anstieg in relativ kurzer Zeit. Noch Anfang Oktober lag die Zahl der täglich neu gemeldeten Fälle laut RKI bei nur tausend bis 4000. In anderen europäischen Ländern ist die Entwicklung noch dramatischer.

Siebentage-Inzidenz

Die sogenannte Siebentageinzidenz ist ein zentraler Maßstab, um die Infektionsdynamik in einem bestimmten Gebiet zu beurteilen und über Gegenmaßnahmen zu entscheiden. Sie wird in Deutschland auf Gemeinde- oder Landkreisebene erfasst und drückt aus, wie viele Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den zurückliegenden sieben Tagen registriert wurden. Bundesweit liegt sie inzwischen bei 139.
Dahinter verbergen sich aber regional unterschiedliche Trends. Als wesentliche Schwelle zur Einführung strengerer Eindämmungsmaßnahmen wurde in Deutschland ein Inzidenzwert von 50 eingeführt, der inzwischen fast flächendeckend aber deutlich überschritten wurde.

Schwere Verläufe und Intensivbettenbelegung

Letztlich entscheiden nicht die Fallzahlen allein darüber, wie gut ein Land die Pandemie bewältigen kann. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr, ob die Kapazitäten des Gesundheitssystems ausreichen, um die Erkrankten zu behandeln. Deshalb beobachten Experten und Politik sehr genau, wie sich die Zahl der schweren Verläufe und der verfügbaren Behandlungsplätze entwickelt.
Erstere wird vor allem dadurch beeinflusst, wie sich das Virus innerhalb der Risikogruppen verbreitet, bei denen schwere Verläufe viel wahrscheinlicher sind. Besonders genau betrachtet wird die Anzahl der Intensivpatienten, die lebensbedrohlich erkrankt sind. Kapazitäten in diesem Bereich sind immer begrenzt, allein schon mit Blick auf das Fachpersonal.
Die Zahl ist auch noch aus anderem Grund ein wichtiger Maßstab bei Entscheidungen über die Eindämmungsmaßnahmen: Es gibt dabei keine Dunkelziffer. Anders als bei Meldezahlen zu Infektionen, die auch durch Teststrategien beeinflusst werden, gibt es bei den künstlich beatmeten Intensivpatienten in Kliniken keine „Untererfassung“. Zu beachten ist aber ein Zeitverzug von zwei Wochen. So lange dauert es nach einer Ansteckung, bis sich schwere Verläufe einstellen. Die Zahl der Intensivpatienten hinkt der Infektionsdynamik hinterher.

Spahn schließt Schließungen im Einzelhandel nicht aus

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) spricht sich für eine deutliche Verschärfung der Maßnahmen zur Kontaktverminderung aus, sollte die Zahl der neuen Corona-Infektionen in den nächsten Tagen nicht sinken. „Der Ansatz kurz und umfassender, um wirklich einen Unterschied zu machen, ist wahrscheinlich der erfolgreichere. Wenn wir nicht hinkommen mit der Entwicklung der nächsten ein, zwei Wochen bis Weihnachten, dann müssen wir das diskutieren“, sagte der Gesundheitsminister dem Fernsehsender phoenix am Montagabend.
Nicht ausschließen wollte Spahn eine erneute Schließung des Einzelhandels wie im Frühjahr. „Wir müssen das abhängig machen von den nächsten Tagen, ob es uns gelingt, die Zahlen runterzubringen“, sagte der CDU-Politiker.
Auch künftig würden die Bundesländer individuelle Konzepte verfolgen, was er aufgrund unterschiedlicher Inzidenzzahlen auch für richtig halte. „Wir müssen in Sachsen andere Maßnahmen ergreifen als in Schleswig-Holstein, wenn das ganze Akzeptanz behalten soll“, sagte Spahn.

Krankenhäuser fordern Rücknahme der Lockerungen um Weihnachten

Die deutschen Krankenhäuser haben aufgrund anhaltend hoher Neuinfektionen eine Rücknahme der Corona-Lockerungen über Weihnachten und Silvester gefordert. Mildere Regelungen etwa bei Kontaktbeschränkungen könnten „zu einem Anstieg der Infektionszahlen führen, mit weiteren Folgen für Kliniken“, sagte der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, dem „Handelsblatt“ (Online).
Die jetzige Situation sei für das Personal in vielen Kliniken ohnehin schon belastend und herausfordernd. „Wir haben heute 40 Prozent mehr Intensivpatienten als im Frühjahr, und anders als im Frühjahr ist dies keine kurzzeitige Situation, sondern schon seit Wochen so, ohne dass wir ein Ende erkennen können“, sagte Gaß weiter.
Damit sich die Lage auf den Intensivstationen nicht weiter verschlimmert, befürwortet Gaß Verschärfungen der Maßnahmen „in Gebieten mit sehr hoher Inzidenz“. Denn der Appell der Bundesregierung, private Kontakte zu minimieren, fruchte offenbar nicht.

Glühweinverbot für Baden-Württemberg gefordert

Gesundheitsminister Manne Lucha will in Baden-Württemberg ein Alkoholverbot im Freien durchsetzen und den Verkauf von Glühwein stoppen.
  • Bundesweit läuft eine heftige Diskussion über Glühweinstände
  • In Baden-Württemberg soll der Ausschank von Glühwein verboten werden
  • 200 Personen missachteten bei einem „Glühweinspaziergang“ in Heidelberg das Abstandsgebot

Leopoldina fordert vier Wochen harten Lockdown

Um die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzuerlangen, empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der heute veröffentlichten Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen“ ein zweistufiges Vorgehen. Die Rahmenbedingungen ‒ Weihnachtsferien in Bildungseinrichtungen und eingeschränkter Betrieb in vielen Unternehmen und Behörden – bieten die Chance, in der Eindämmung der Pandemie ein großes Stück voranzukommen.

Ramelow will Lockerungen zu Weihnachten streichen

Als erstes Bundesland in Deutschland will Thüringen die geplanten Lockerungen der Corona-Maßnahmen zu Weihnachten streichen. Darauf habe sich die Landesregierung in Erfurt verständigt, berichten Medien.

Strikter Lockdown in Sachsen

Sachsen plant weitere Verschärfungen der Corona-Maßnahmen. Schulen, Kitas und viele Geschäfte sollen ab Montag schließen. Damit solle auf stark steigende Infektionszahlen reagiert werden, kündigte die Regierung am Dienstag an.