Kommt angesichts des hohen Corona-Infektionsgegeschehens in Deutschland ein Lockdown mit schärferen Regeln? Die Entwicklung der Corona-Krise in der Bundesrepublik jedenfalls bleibt dramatisch - trotz der beim Corona-Gipfel neuerlich verschärften Verordnungen im Zuge des seit November angeordneten Teil-Lockdowns. Deutschland muss täglich hohe Zahlen an Neuinfektionen verzeichnen, die Zahl der Toten liegt immer wieder nahe am Rekordwert, obwohl sie eigentlich längst sinken sollte. Und Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), sowie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnen vor vielen weiteren Todesfällen, wenn keine härteren Maßnahmen ergriffen würden.

Thüringen nimmt Lockerungen an Weihnachten zurück

Immer mehr Bundesländer thematisieren Verschärfungen. Am Dienstag kam die Meldung, dass die Thüringer an Weihnachten und Silvester nur im engsten Familienkreis feiern. Das Land wolle die Corona-Kontaktbeschränkungen an den Weihnachtsfeiertagen hohen Infektionszahlen nicht lockern, sagte Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) in Erfurt. Darauf habe sich die rot-rot-grüne Minderheitsregierung verständigt.

Leopoldina rät zu hartem Lockdown ab Heiligabend

In die selbe Kerbe schlägt nun auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie rät zu einem umfassenden „harten Lockdown“ ab Heiligabend. Die Erfahrungen aus anderen Staaten hätten gezeigt, "dass schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitrügen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten", erklärte die Akademie am Dienstag in Halle an der Saale. Die Zeit um den Jahreswechsel sollte dafür genutzt werden.
Aufgrund der Weihnachtsferien in den Schulen und eines vielfach ohnehin eingeschränkten Betriebs in Firmen und Behörden seien die Rahmenbedingungen für einen derartigen strikten Lockdown über Weihnachten und Neujahr günstig, erklärten die Experten der Leopoldina in einer Stellungnahme zur aktuellen Debatte. "Ab dem 24. Dezember 2020 bis mindestens zum 10. Januar 2021 sollte in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen und ein harter Lockdown gelten."

Harter Lockdown in Deutschland -Leopoldina will „absolutes Mindestmaß“ an Kontakten

Erste Maßnahmen zur Begrenzung beruflicher und privater Kontakte "auf das absolute Mindestmaß" sollten bereits vor dem Lockdown ab dem kommenden Montag gelten, forderte die Akademie. Unternehmen sollten Mitarbeiter wo immer möglich ins Homeoffice schicken und die Schulpflicht in allen Bundesländern aufgehoben werden. Dies würde Eltern erlauben, ihre Kinder nicht zur Schule zu schicken.
Ebenfalls ab dem 14. Dezember sollten zudem "Gruppenaktivitäten in Sport und Kultur" komplett eingestellt und generell "digitale Möglichkeiten" anstelle von Präsenzangeboten genutzt werden. Mit Beginn des "harten Lockdowns" müssten zusätzlich alle Geschäfte geschlossen werden, sofern sie nicht Waren des täglichen Bedarfs verkauften, forderten die Wissenschaftler in dem Positionspapier.

Leopoldina hält Lockdown auch wirtschaftlich für richtigen Schritt

Auch aus wirtschaftlicher Sicht wäre ein derartiger Schritt nach Auffassung der Leopoldina-Experten vorteilhaft. Zwar würde ein Lockdown "kurzfristig die Wertschöpfungsverluste" für die Firmen erhöhen. Er verkürze aber zugleich den Zeitraum bis die Zahl der Neuinfektionen so weit sinke, dass wieder Lockerungen ermögliche.
Für die Weihnachtstage selbst empfahl die Akademie allen Bürgern einen Verzicht auf Urlaubsreisen. Zusammenkünfte sollte es zudem "nur im engsten stabilen Personenkreis" geben. Nach dem Ende des Lockdowns im Januar müsse in Schulen zudem eine Maskenpflicht im Unterricht in allen Jahrgangsstufen gelten. Ab einer bestimmten Inzidenz sollten außerdem Regeln für Wechselunterricht greifen.

Nächster Corona-Gipfel: Verschärfung der Regeln noch vor Weihnachten?

Bundeskanzlerin Merkel hatte am Montag bekanntgegeben, dass sie noch vor Weihnachten in einem weiteren Corona-Gipfel über neue Regeln im Kampf gegen die Pandemie diskutieren möchte. Mit den bisher ergriffenen Maßnahmen komme man von den auf einem viel zu hohen Niveau stagnierenden Infektionszahlen nicht herunter, sagte Merkel. Daher könne man den Winter nicht ohne zusätzliche Maßnahmen durchstehen. Auch Baden-Württemberg möchte noch vor Weihnachten über weitere Regeln beraten. „Das Problem besteht darin, dass ein kleiner aber relevanter Teil der Menschen die Maßnahmen nicht mehr in der nötigen Konsequenz befolgt beziehungsweise die bestehenden Freiheiten maximal auszureizen versucht“, sagte der baden-württembergische Regierungssprecher Rudi Hoogvliet der „Stuttgarter Zeitung“

Markus Söder: Konsequenter gegen das Coronavirus vorgehen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte schon länger weitere Verschärfungen der Corona-Regeln erwogen. Deswegen beriet er am Sonntag mit dem Kabinett der Staatsregierung neue Corona-Regeln. Das Ergebnis übertrifft alle Vermutungen, die Landesregierung legt deutlich nach und kommt mit den Maßnahmen dem Lockdown vom Frühjahr ziemlich nahe. Unter anderem wird der Katastrophenfall ausgerufen, es gibt Ausgangssperren, und auch im Bereich von Schulen kommen einschneidende Änderungen. Viele fragen sich nun, ob andere Länder nachziehen werden.

Hessen fordert strengere Kontaktbeschränkungen wegen Corona

Auch aus den Bundesländern werden kritische Stimmen laut, Verschärfungen zu diskutieren. So setzt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sich für härtere Kontaktbeschränkungen in Corona-Hotspots ein. Als Hotspots gelten per Definition Regionen, in denen die 7-Tage-Inzidenz 200 und mehr beträgt. Dieser Inzidenz-Wert beschreibt die Zahl der Fälle pro 100.000 Einwohnern binnen 7 Tagen.

Ausgangssperre in Hotospot-Regionen mit hoher Inzidenz

Volker Bouffier sagte: „Ich glaube, dass eine Ausgangssperre dort, wo nachhaltig über 200 Inzidenzen sind, notwendig ist. Aber das muss man immer in der jeweiligen Situation entscheiden“, erklärte der CDU-Politiker am Sonntagabend im ARD-„Bericht aus Berlin“.

Sachsen spricht schon von härterem Lockdown

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kündigte einen härteren Lockdown an - falls die Corona-Infektionszahlen bis Weihnachten nicht runtergehen. „Dann werden wir nach Weihnachten die Kindergärten nicht mehr öffnen können. Dann werden die Schulen länger geschlossen bleiben. Dann müssen wir darüber sprechen, ob die Geschäfte für eine gewisse Zeit lang geschlossen bleiben“, sagte der Regierungschef im sozialen Netzwerk Instagram.
Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag), eine Verlängerung des Teil-Lockdowns bis Anfang Januar sei ein harter, aber unvermeidbarer Ansatz. „Trotzdem ist es notwendig, schon jetzt eine klare Perspektive für die Zeit nach Anfang Januar zu entwickeln“, sagte Landsberg weiter.

Corona-Expertin: Nur harter Lockdown hilft

Die Göttinger Epidemiologin Viola Priesemann plädiert auf Basis von Berechnungen für einen etwa dreiwöchigen „harten Lockdown“. „Wir müssen das R runterbringen auf 0,7 etwa, dann sind wir in zwei, drei, maximal vier Wochen auch wirklich durch“, sagte sie in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag. Sie meint damit den R-Wert. Liegt er unter Eins, steckt ein Betroffener im Schnitt weniger als einen weiteren Menschen an, die Zahlen sinken also nach einer gewissen Zeit.
So oder so gebe es Einschränkungen, sagte Priesemann. Ein harter Lockdown sei notwendig, damit danach wieder mehr Freiheit möglich werde - und es nicht über weitere Monate die aktuellen Einschränkungen geben müsse.

Virologe: Bevölkerung bei Maßnahmen mehr einbinden

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit dagegen meint zu harten Lockdowns: „Damit verschiebt sich das Problem nur um einige Wochen.“ Die Situation im Sommer habe gezeigt, dass damit die Zahlen nicht dauerhaft niedrig bleiben. Man müsse die Bevölkerung mehr einbeziehen.
Der Virologe Alexander Kekulé hält die Verlängerung des Teil-Lockdowns für nicht sinnvoll. Maßnahmen gegen das Virus wirkten am stärksten, wenn sie gerade beschlossen würden, sagte Kekulé im Podcast von MDR-Aktuell. Durch das Aufrechterhalten der gleichen Maßnahme würde man in der Regel keine stärkere Bremsung hinkriegen.

Wirtschaftsexperte: Kurzer und harter Lockdown besser

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, meint: „Ein kurzer und härterer Lockdown wäre besser aus wirtschaftlicher Sicht als ein lang anhaltender Lockdown, wenn dieser die zweite Infektionswelle schneller beenden und einen Neustart der Wirtschaft ermöglichen kann.“ Der Schaden für die Wirtschaft werde exponentiell steigen, wenn die zweite Infektionswelle nicht gestoppt werden könne und Beschränkungen bis in das Frühjahr bestehen bleiben müssten.

Corona-Impfungen: Wirkung wird dauern

Kanzlerin Angela Merkel hat davor gewarnt, anfangs zu hohe Erwartungen an Impfungen zu haben. Im ersten Quartal werde man wahrscheinlich rund sieben Millionen Impfdosen bekommen, und nötig seien zwei Impfungen in einem bestimmten zeitlichen Abstand. „Im zweiten Quartal wird sich die Sache nach menschlichem Ermessen sehr viel besser dann schon darstellen.“ Im dritten Quartal stehe wahrscheinlich sehr viel Impfstoff zur Verfügung. Das heißt: Die Corona-Maßnahmen werden in Deutschland im Kampf gegen das Virus ohnehin noch eine ganze Weile nötig sein. Große Lockerungen scheinen angesichts dieser Perspektiven in weite Ferne zu rücken.

Merkel und Länder-Chefs beraten über weitere Corona-Maßnahmen am 4.1.2020

Und wenn alle Regeln und Maßnahmen - und auch die von der Bevölkerung bisher geleisteten Bemühungen nichts helfen? Am 4.1.2021 wollen Bund und Länder bei einem weiteren Corona-Gipfel erneut darüber beraten, ob der bis 10. Januar 2021 geltende Teil-Lockdown erneut verlängert wird - oder ob möglicherweise dann doch wieder ein harter Lockdown wie im Frühjahr kommt. Mit den gefürchteten Schließungen der Geschäfte, Kitas und Schulen und einem Ausgangsverbot für die Menschen.