Aus 100 Bücher, die man lesen sollte: Geschichten, die von gebrochenen Seelen erzählen

Satz für Satz spürt man wie sich die Seele der Figur in Stücke reißt.
Raphaelle Logerot/AFPBekannte Literaten und Literaturkritiker sowie Redakteure der Wochenzeitung „die Zeit“ wählten Ende 2023 insgesamt 100 Bücher für eine Liste. Darin versammeln sich Werke, die für unsere Gegenwart als besonders bewahrenswert gelten. Die große Übersicht zur Liste der 100 Bücher, die man lesen sollte, finden Sie hier.
Doch in diesem Artikel geht es um Protagonistinnen und Protagonisten, die sich vor innerer Unruhe winden. Die versuchen, das Unfassbare begreiflich zu machen und deren Freundschaften zerbrechen. Es geht um einen Pakt mit dem Teufel, der die Unzufriedenheit beschwichtigen soll.
All diese Menschen sind auf der Suche nach etwas, hoffen auf mehr — aber mehr wovon? Die Antwort finden Sie sicherlich in einem dieser sechzehn Bücher, die wir unter der Kategorie Seele verorten.
- Kämpfen von Karl Ove Knausgård (2017)
Im sechsten und letzten Band seines Romanprojekts erforscht der norwegische Autor das Böse als etwas zutiefst Vertrautes, während er zeitgleich versucht, die Banalität der Welt abzuschaffen.
Unrast von Olga Tokarczuk (2007)
Die Texte der polnischen Autorin erzählen von einer inneren Unruhe, die sich nicht fangen lässt. Und doch schafft sie es, das unbändige Nomadentum und die Hektik des modernen Menschen fein säuberlich zwischen Seiten zu bannen.
Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion (2005)
Nach dem Tod ihres Ehemanns versucht die Schriftstellerin auf eine sehr offene und persönlich Weise das Unfassbare begreiflich zu machen.
Zähne zeigen von Zadie Smith (2000)
Zwei ehemalige Soldaten kämpfen in London mit zerplatzten Träumen, jüngeren Ehefrauen, widerspenstigen Kindern und den großen Themen ihres Lebens: Herkunft, Religion, Hautfarbe und Geschichte.
Der Fuchs war damals schon der Jäger von Herta Müller (1992)
In den letzten Tagen des rumänischen Ceaucescu–Regimes zeichnen sich Bilder der allgegenwärtigen Bedrohung, Demütigung und Aussichtslosigkeit. Dort zerbricht die Freundschaft zweier Frauen.
Die Glasglocke von Sylvia Plath (1963)
Eine junge Frau bekommt eine Hospitanz bei einem Modemagazin, doch es wird nicht der Sommer ihres Lebens. Stattdessen hadert sie mit sich, fühlt sich eingeengt und wird krank — schonungslos protokolliert sie ihre Existenzkrise. Vier Wochen nach der Veröffentlichung des Romans nahm die Autorin sich das Leben.
Giovannis Zimmer von James Baldwin (1956)
Paris in den 1950ern: Zwei Männer lernen sich in einer Bar kennen und beginnen eine Affäre miteinander. Als die Verlobte des einen ins Spiel kommt, beschwört sich eine schicksalhafte Katastrophe herauf. Ein Klassiker der queeren Literatur.
Stiller von Max Frisch (1954)
Verwechslung oder identisch? Bei seiner Einreise wird der Protagonist festgenommen. Er soll ein verschwundener Bildhauer sein, was seine früheren Freunde bestätigen. Doch der Protagonist ist sich sicher: Ich bin nicht Stiller.
Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil (1930 — 1943)
In vielen Gesprächen und philosophischen Überlegungen des Romans wird klar, dass in der rationalen und modernen Welt kein tieferer Lebenssinn zu finden ist. Das unterdrückte Nichtrationale kann sich nur gewaltsam in den Abgründen des Ersten Weltkriegs entladen.
Der Steppenwolf von Hermann Hesse (1927)
Ein gelehrter Einzelgänger, geprägt von innerer Zerrissenheit: menschliche und wölfische Natur. Die menschliche verlangt nach Gesellschaft, die wölfische möchte sich zurückziehen. Eines der ersten Werke der deutschen Literatur, das die Freud’sche Psychoanalyse thematisiert.
Mrs. Dalloway von Virginia Woolf (1925)
Eine feine Londoner Dame bereitet ein Abendessen vor, ein seelisch zerbrochener Kriegsveteran begeht Selbstmord. Zurück bleiben die Gedanken und Erinnerungen der Figuren, in denen die manisch–depressive Autorin zeigt, dass das Leben nicht so banal ist, wie es manchmal scheint.
Ulysses von James Joyce (1922)
Ein Tag im Jahr 1904 in Dublin: Der Autor gewährt Einblicke in die weit verzweigte, mächtig strömende Gedankenwelt seines Helden Leopold Bloom. Die ultimative Herausforderung für Freunde der Weltliteratur.
Die Dämonen von Fjodor Dostojewski (1873)
Zwei Männer: Einer ist von Machtgier und Zerstörungslust besessen, der andere schreckt vor Mord und Terror nicht zurück. Sie versetzen eine ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken. Eine Parabel der menschlichen Psyche am Vorabend der Russischen Revolution.
Frankenstein oder Der Moderne Prometheus von Mary Shelly (1818)
Ein gutmütiges Wesen, dessen Anblick nicht einmal sein Schöpfer ertragen kann, verdammt dazu, Angst und Schrecken zu verbreiten. Aus Einsamkeit und Verzweiflung wird es zum Mörder. Ein Roman, der zeigt, dass das wissenschaftlich Mögliche nicht immer zu wünschenswerten Ergebnissen führt.
Faust I und II von Johann Wolfgang von Goethe (1808/1832)
Faust schließt einen Pakt mit dem Teufel: Wenn es ihm gelingen sollte, Faust aus seiner Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit zu befreien, verspricht Faust ihm seine Seele. Also nimmt der Teufel Faust mit auf eine Reise.
Essais von Michel de Montaigne (1572 — 1592)
Eine Fundgrube an Gedanken, Beobachtungen, gelehrten Betrachtungen, Kommentaren, Erlebnissen und Interpretationen: Im Zentrum steht der Mensch in seiner Widersprüchlichkeit. Der Autor gilt als Schöpfer der literarischen Gattung der Essays.
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