Sportliche Erfolge in Ulm
: Gerhard Semler: „Dass unsere Stadt all das bieten kann, macht Ulm lebenswert“

Die großen Zeiten von Fußball, Basketball und Volleyball prägen das Ulmer Selbstverständnis bis heute. Stolz sei man auf diese Erfolge gewesen, sagt Gerhard Semler. Aber die Sportstadt hat auch ihre Lehren gezogen.
Von
Nadine Vogt
Ulm
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In ihrer Verantwortung liegen die städtischen Sportanlagen: Stefanie Maier und Gerhard Semler.

Ulm SSV Fußball, Ist das Donaustadion bereit für den Aufstieg?

Hat den Blick über die Ulmer Sportlandschaft: Gerhard Semler ist Leiter der städtischen Abteilung Bildung und Sport.

Lars Schwerdtfeger
  • Die 1990er waren eine prägende Zeit für den Ulmer Sport mit Aufstiegen in die 1. Bundesliga in Fußball, Basketball und Volleyball.
  • Der SSV Ulm 1846 sorgte für Euphorie, aber auch für Rückschläge durch Insolvenz, was die Stadt vorsichtiger machte.
  • Der Fokus liegt heute auf nachhaltigen Projekten wie der Sanierung des Donaustadions und dem Beurer-Sportpark.
  • Das Donaustadion soll multifunktional genutzt werden, um verschiedenen Sportarten und Schulen zu dienen.
  • Sport bleibt ein wichtiger Standortfaktor für Ulm und trägt zur Lebensqualität und Identifikation der Bürger bei.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Halle 11, Donaustadion, DIN-Normen in Sportstätten: Im Ulmer Rathaus hat Gerhard Semler den Blick auf alles, was den Sport in der Stadt betrifft: Seit 1993 im Fachbereich tätig und seit 2001 Leiter der Abteilung Bildung und Sport, blickt er auf das „goldene Jahrzehnt“ zurück.

Herr Semler, Sie haben die Entwicklung des Ulmer Sports über Jahrzehnte begleitet. Wie haben Sie die 1990er erlebt?
Die 1990er waren für Ulm eine Zeit des Wandels und Aufbruchs, nicht nur im Sport. Die Kommunen hatten damals kein Geld, die Arbeitslosigkeit war höher als heute und es musste viel konsolidiert werden. Die Finanzen waren überschaubar, aber Ulm ging es langsam aber sicher besser.

Stetig nach oben ging es auch im Sport.
Ja, sportlich war in Ulm viel in Bewegung: Der SSV Ulm 1846 feierte den Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga, die Basketballer und Volleyballer spielten jeweils in der ersten Liga. Da war eine Aufbruchsstimmung in der Stadt, eine spürbare Begeisterung.

Was hieß es fürs damalige Lebensgefühl, drei Bundesligisten in einer Stadt zu haben?
Salopp gesagt, war das geil. Man war stolz auf seine Stadt und seine Vereine. Während der Fußball schon immer einen hohen Stellenwert in Ulm hatte, war es doch überraschend, dass Basketball bei uns so groß wurde. Zum damaligen Zeitpunkt hätte wohl niemand gedacht, dass in der Doppelstadt eine Arena mit 6000 Zuschauern möglich wäre, wie es heute der Fall ist. Das konnte nur gelingen, weil es engagierte und visionäre Menschen im Verein gab, Spinner im positiven Sinne, die mit Leidenschaft und Ideen den Sport vorangebracht haben. Für eine Stadt ist solches Engagement extrem wichtig, denn sportlicher Erfolg kann nicht verordnet werden – er entsteht durch Menschen, die für ihre Sache brennen.

Das brachte mit Blick auf die Stadtentwicklung aber auch große Herausforderungen mit sich, oder? 
Kennen Sie das Bild, das mal groß in der SÜDWEST PRESSE abgebildet wurde? Da steht Oberbürgermeister Ivo Gönner an der Treppe vor dem Rathaus, die leeren Hosentaschen nach außen gedreht, um zu signalisieren: „Wir sind pleite“. Das hat uns geprägt. Bei aller sportlicher Euphorie musste man natürlich immer schauen, wie man eine Großsporthalle oder Umbaumaßnahmen im Stadion finanziert bekommt. Die großen Vorhaben waren mit vielen Unsicherheiten verbunden. Vieles wurde mit Provisorien und Pragmatismus gelöst – da denke ich zum Beispiel an die Gegentribüne im Donaustadion. Da zählten Funktionalität und Schnelligkeit mehr als architektonischer Anspruch.

War Ulm damals dafür bereit?
Ich sage immer, das Rathaus muss verlässlich, auch konservativ sein – wir gehen schließlich mit Steuergeldern um. Die Euphorie rund um die Erfolge musste schon kritisch begleitet werden. Es gab immer wieder Diskussionen. Oft waren die Finanzen die Bremse. Deshalb gab es auch Modelle, wie sich die Vereine an den Kosten beteiligen. Beim Bau der Gegentribüne wurde vereinbart, dass der SSV Ulm 1846 solange abzahlt, wie er im Profifußball spielt. Als die erste Insolvenz kam, war das hinfällig. Solche Erfahrungen haben uns gelehrt, heute vorsichtiger zu planen.

Hat die Euphorie auch Risiken mit sich gebracht? Die von Ihnen bereits angesprochenen Insolvenz des SSV Ulm war ja ein tiefer Einschnitt.
Absolut. Die Euphorie hat sicher auch zu Fehleinschätzungen geführt. Aus der ersten Insolvenz habe ich persönlich viel gelernt: Es ist besser, auf nachhaltige Lösungen zu setzen. In den Jahren danach wurde zum Beispiel im Donaustadion immer nur das Nötigste instand gehalten. Es blieb im Wesentlichen, wie es war. Deshalb war und ist mir in der heutigen Debatte auch wichtig, dass das Donaustadion multifunktional ist, damit es nicht nur von einem Verein abhängt.

Würden Sie sagen, diese Zeit hat die Identität der Stadt und das Selbstverständnis entscheidend beeinflusst? 
Wenn ich in Berlin, Dresden oder sonst wo unterwegs bin, werde ich bis heute die Bundesliga-Zeit angesprochen. Ulm im Profifußball – das hat sich deutschlandweit ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Ich finde auch, dass einer Stadt wie Ulm ein Fußball-Klub sehr gut zu Gesicht steht. Andernfalls würde in meinen Augen etwas fehlen. Wir sind aber genauso stolz auf unsere Leichtathleten und unsere anderen Vereine. Sport ist ein Standortfaktor, wie Kultur oder Bildung. Dass unsere Stadt all das bieten kann, macht Ulm lebenswert. Es ist ein wichtiger Teil des „Wir-Gefühls“, schafft Identifikation und zieht Menschen an.

Hat der Schrecken der Vergangenheit, der im tiefen Fall der Fußballer des SSV Ulm 1846 endete, noch Auswirkungen auf heutige Entscheidungen?
Ja, das ist in manchen Köpfen noch drin. Gerade bei den großen Investitionen wie der aktuellen Sanierung des Donaustadions gibt es bei den Älteren noch die Sorge, dass sich Fehler der Vergangenheit wiederholen. Was passiert, wenn die Fußballer in Schieflage geraten? Natürlich werden wir dann Einnahmeausfälle haben. Aber die hatten wir auch in der Durststrecke nach der Insolvenz bis zum Wiederaufstieg in die 3. Liga.
Auf der anderen Seite können wir es uns aber auch nicht leisten, zu sagen: Ach, lassen wir das Donaustadion vollends verkommen. Deshalb betonen wir heute: Das Stadion ist für alle da. Wir investieren, damit es vielseitig genutzt werden kann – für den Schulsport, für die Leichtathletik, für Sport-Veranstaltungen. Das unterscheidet sich von der Situation in den 1990ern, als der Fokus doch sehr auf den Bedürfnissen der Fußballer lag. Wir müssen schauen, dass wir nicht jedem Hype hinterherspringen, sondern danach, was im Sinne der Daseinsfürsorge unser Auftrag ist.

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Als Leiter der Abteilung Bildung und Sport fallen viele Projekte in ihren Aufgabenbereich. War das Donaustadion über die Jahrzehnte hinweg eines ihrer größten? 
Es ist ein bedeutendes, ein herausragendes Projekt, aber das größte würde ich nicht sagen. Wir haben seit der Bildungsoffensive in den 2000er Jahren rund 320 Millionen Euro in unsere Schulen investiert. Das ist und bleibt eine Daueraufgabe und ist vom ganzen Finanzvolumen ein deutlich größeres Paket. Trotzdem will ich noch einmal in aller Offenheit sagen: Wenn sich Kinder bei den Bundesjugendspielen auf der Haupttribüne umkleiden müssen, weil wir keine gescheite Umkleide-Situation im Donaustadion haben, dann geht das heute beileibe einfach nicht mehr. Dass die Stadt und die Gemeinderäte die großen Umbaumaßnahmen jetzt auf den Weg gebracht haben, war ein wichtiger Schritt für die Zukunft.

Stichwort Zukunft. Mit dem Abriss der Jahnhalle und dem Bau des Beurer-Sportparks verändert sich auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite einiges. 
Wenn wir die Mutter aller Turnhallen in Ulm abreißen, ist es natürlich klar, dass bei manchem Wehmut aufkommt. Aber die Weiterentwicklung ist wichtig. Der SSV hat mittlerweile über 12.000 Mitglieder – der Zulauf zeigt, wie groß das Interesse ist. Wir lassen damit ein etwas antiquiertes Sportgelände hinter uns und schaffen mit einem modernen Sportzentrum neue Möglichkeiten.
Von der gesamten Sportanlage bis hin zur grünen Wiese ist das ganze Gebiet in der Friedrichsau für eine Stadt wie Ulm unbezahlbar. Mit dem Donaustadion, den Anlagen des SSV Ulm 1846 und dem großen und offenen Sportangebot über Joggen, Badminton, Skateboarden oder Yoga haben wir dort eine große Erholungs- und Bewegungslandschaft für alle. Auch wenn das seinen Unterhalt kostet, ist das ein Segen.

Sind das also die perfekten Voraussetzungen für das nächste „goldene Jahrzehnt“? 
Mit dem Sportpark und der Modernisierung des Donaustadions sorgt das, finde ich, schon wieder für Aufbruchsstimmung. Die Stadt bekennt sich zum Sport, wir fördern ihn breit und schaffen die Grundlage für neue Erfolge und eine hohe Lebensqualität. Trotzdem tut es bei all dem Streben nach  „immer höher, schneller, besser“ auch gut, wenn man sich dessen bewusst macht, was man hat und was man auf einem hohen Niveau erhalten kann.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Welchen Sport schauen Sie denn am liebsten?
Mich beeindrucken viele Sportarten, ob es der DTB-Pokal live in der Schleyerhalle ist oder das Skispringen im Fernsehen, Biathlon, Tennis oder Rhytmische Sportgymnastik. Kürzlich war ich beim Turmspringen, das ist schon sehr faszinierend, wenn die Athleten synchron vom Zehn-Meter-Turm-Springen. In Ulm bin ich gerne beim Fußball oder beim Basketball – die Stimmung ist einfach sehr besonders. Wobei ich zum Beispiel im Donaustadion nicht immer auf der Tribüne bin, sondern auch mal in den Blöcken. Mich interessieren die Abläufe und ich möchte gerne ein Gefühl dafür bekommen, wie alles funktioniert oder funktionieren kann.

Und was ist dann Ihr liebster Platz im Donaustadion?
Ich muss sagen, der Blick von der Gegentribüne, mit dem Ulmer Münster im Hintergrund, ist schon sehr schön. Sei es bei Fußballspielen oder Stabhochsprung-Wettkämpfen – mit einer roten Wurst in der Hand sitze ich da schon sehr gerne.