Währungsreform 1948
: Als in Ulm an einem Juni-Sonntag 2.654.000 D-Mark ausbezahlt wurden

In der Ausnahmesituation nach dem Krieg herrschte Angst und Armut, aber auch Geduld und Vertrauen. Ein Zeitzeuge, ein Unternehmer und zwei Banker ordnen die Ereignisse rund um den 20. Juni 1948 ein.
Von
Regina Frank
Ulm
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Währungsreform, Geld, Geschichte, Bevölkerung, Zahlmittel

Vor den Geldumtausch-Büros stehen in den Städten und Dörfern der drei westlichen Besatzungszonen die Menschen in langen Schlangen an.

BfH
  • Die Währungsreform 1948 ersetzte die Reichsmark durch die Deutsche Mark als neue Währung.
  • In Ulm wurden am 20. Juni 2.654.000 DM ausgezahlt, Bürger erhielten 40 DM als „Kopfgeld“.
  • Die Reform beendete die Nachkriegsarmut, führte aber zunächst zu Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen.
  • Viele Ulmer erinnerten sich an den „Schaufenstereffekt“: Geschäfte boten plötzlich wieder Waren an.
  • Die Reform legte den Grundstein für die wirtschaftliche Erholung und die Stabilität der D-Mark.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es gab Gerüchte, Vermutungen, Spekulationen. Aber noch wenige Tage vor diesem Tag X herrschte  in der Bevölkerung völlige Unklarheit, wann und wie die Währungsreform abgewickelt wird. Die Menschen horteten wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit Lebensmittel. Große und kleine Sparer wurden nervös. Sie leerten ihre Sparstrümpfe, und die Einzahlungen bei den Ulmer Banken schnellten in die Höhe. Die Stadtsparkasse berichtete damals gegenüber der Schwäbischen Donauzeitung von „200 Prozent Mehreinzahlungen gegenüber dem Normalstand“.

In der Ulmer Bilderchronik ist ein besonders tragischer Vorfall vermerkt: Aus Angst, bei der Währungsreform alles zu verlieren und dann der eigenen Tochter zur Last zu fallen, hat sich eine ältere Frau am 12. Juni 1948 das Leben genommen. Acht Tage vor dem geschichtsträchtigen 20. Juni.

Große Sorge vor der Währungsreform

Den Ulmer Oberbürgermeister plagte die Sorge, infolge der Währungsreform könnte es zu mehr Arbeitslosigkeit kommen. Unter dem Vorsitz von Theodor Pfizer wurde deshalb eine Sitzung im Schuhhaussaal anberaumt, an der Vertreter aus Handel, Industrie, Banken, Handwerk, Gewerkschaften und Behörden teilnahmen. Es ging um die Frage, auf welchem Wege Arbeitslosigkeit vermieden werden kann.

Juni 1948, wenige Stunden vor der Währungsreform: In Frankfurt werden Kisten mit dem neuen deutschen Geld unter starker Bewachung der Militärpolizei auf Lkw verladen und über die drei Westzonen verteilt. Das Geld wurde in Übersee gedrückt.

In Frankfurt werden Kisten mit dem neuen deutschen Geld unter starker Bewachung der Militärpolizei auf Lkw verladen und über die drei Westzonen verteilt. Gedruckt wurde das Geld in Übersee.

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Im Raum stand wohlgemerkt einer der drastischsten Währungsschnitte, die bis dahin in Europa vorgenommen worden waren: die Ablösung der Reichsmark durch die Deutsche Mark. Dass etwas Großes kommen würde, das spürte damals auch Hans Joachim Amann aus Ulm, obwohl er nicht wirklich verstand, was das Wort „Währungsreform“ bedeutet. Als Kind mit neun Jahren war er sich über den Wert von Geld freilich noch nicht im Klaren. Aber dieser nebulöse Begriff manifestierte sich eben auch im familiären Alltag.

Eine Erinnerung ist diesem Zeitzeugen noch sehr präsent, der sich im Laufe seines Lebens einen Namen machte als Nabada-Organisationsleiter und heute 86 Jahre alt ist, zumal sie mit seiner Erstkommunion zusammenhängt. Geschenke bekam er zu diesem Fest nur wenige. Geld aber relativ viel. „200 Mark!“ In einem kleinen Büchlein hielt er folgende Gedanken fest: „Jeder wusste, dass die Währungsreform vor der Tür stand und konnte sich so leichten Herzens von verhältnismäßig großen Beträgen lösen. Kurze Zeit danach wurde das Geld entwertet und man bekam für 10 Reichsmark nur noch eine D-Mark.“

Am Samstag, 19. Juni 1948 wird in Deutschland verkündet, wann und wie die Währungsreform in Kraft tritt.

Am Samstag, 19. Juni 1948, wird verkündet, wann und wie die Währungsreform in Kraft tritt.

Regina Frank

Ein Sparbüchlein aus Kindertagen hat Hans Joachim Amann aufbewahrt und – als die SÜDWEST PRESSE für ein Interview anfragt – auch gleich wieder gefunden. Daraus geht hervor, dass sein  Vater Anfang Juni 1948 noch schnell 153 Reichsmark einzahlte, wohl in der Hoffnung, das Geld auf diese Weise retten zu können.

Sturm auf die Geschäfte

Bevor das neue Geld in Umlauf kam, war die Nervosität in der Ulmer Bevölkerung groß. Sie erreichte ihren Höhepunkt am Samstagmorgen, nachdem Rundfunk und Presse das Inkrafttreten der Währungsreform vermeldet hatten, heißt es in der Schwäbischen Donauzeitung. Auswärts wohnende Menschen eilten zu den Zügen, um an ihre Wohnorte zu gelangen. Geschäfte wurden bestürmt.

Eingetroffen ist das neue Geld bereits am 16. Juni, das ist dank der Ulmer Bilderchronik überliefert. Das Geld kam demnach über die Autobahn nach Ulm und ist „in einem dreifach gesicherten und stark bewachten Tresor untergebracht worden“.

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Am Sonntag, 20. Juni, erhielten die Bürger ein „Kopfgeld“ von 40 Deutsche Mark (DM), das war so etwas wie eine Sofortausstattung. In Ulm wurden insgesamt 2.654.000 D-Mark ausbezahlt, gerundet: 2,6 Millionen. Vor den Ausgabestellen bildeten sich lange Schlangen mit mehreren hundert Menschen. An der Zahlstelle Friedrichsau gab es den meisten Andrang, dort standen die Menschen noch bis in den Abend hinein an, um neues Geld zu bekommen. Die Bürgerinnen und Bürger in der Münsterstadt waren in dieser Ausnahmesituation recht diszipliniert. Es gab offenbar keine größeren Zwischenfälle, als an diesem historischen Sonntag die Kopfquoten ausbezahlt wurden. Der geordnete Ablauf wurde ein paar Tage später in der Zeitung auf die gute Vorbereitung seitens der Bank-, Finanz- und Postbeamten und -angestellten zurückgeführt. Nicht zuletzt sorgte die Polizei für Ordnung.

Der Vater von Hans Joachim Amann hat am 3.6.1948, also kurz vor der Geldumstellung, noch 153 Reichsmark auf das Sparbuch seines Sohnes eingezahlt.

Der Vater von Hans Joachim Amann hat am 3.6.1948, also kurz vor der Geldumstellung, noch 153 Reichsmark auf das Sparbuch seines Sohnes eingezahlt.

Regina Frank

Schlangestehen gehört zum gewohnten Bild

Der neunjährige Hans stand mit seiner Mutter Maria in der Menschenschlange nahe der Wagner-Schule. Inmitten geduldiger Leute, so seine Erinnerung. „Das waren die gewohnt“, sagt Amann, „man ist ja immer angestanden — für alles!“ In der Nachkriegszeit waren Lebensmittel knapp, genauso wie Kleidung und Haushaltsgegenstände.

Einen Tag nach Inkrafttreten der Währungsreform kam es zum „Schaufenstereffekt“. An diesem Montag tauchten plötzlich Waren in den Geschäften auf, die es lange nicht mehr gegeben hatte. Mit dem neuen Geld konnte man sie quasi über Nacht wieder kaufen. Anfangs gab es keine Münzen, lediglich Scheine. Da ist sich Amann ganz sicher. Denn noch im August 1948, als er zum ersten Mal mit einem Bus von der Ulmer Weststadt nach Wiblingen fuhr, kostete das 15 Pfennig. Und das war ein Geldschein.

In Stadt und Land herrschte allerdings eine gewisse Skepsis: Wird das neue Geld stabil sein? Die Schwäbische Donauzeitung zitiert einen Bauern mit den Worten: „Diese amerikanischen Farbenbildchen ohne Unterschrift kann doch jeder nachmachen.“

Neues Papier-Kleingeld nach der Währungsreform

Neues Papier-Kleingeld nach der Währungsreform.

DENA/Archiv

Zur Realität gehörte auch, dass Ulm nach der Geldreform arm werden sollte. Wie alle anderen Gemeinden. Das bedeutete: äußerste Sparsamkeit. Die Stadtverwaltung plante selbst noch nicht, Personal abzubauen. Aber es gab die Befürchtung, dass Firmen Arbeitskräfte entlassen. In Stuttgart wurde ein Gesetz vorbereitet zum Schutz der Arbeitnehmer bei Massenentlassungen. Es sah vor, dass Betriebe Entlassungen in größerem Umfang nur unter Einhaltung von Sperrfristen vornehmen können. Vor allem aber wurden die Unternehmen dazu angehalten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, Arbeitsplätze zu erhalten – insbesondere durch die Kürzung der Arbeitszeit. Eine Vorgehensweise, die zu dieser Zeit auch mit dem Begriff „Arbeitsstreckung“ beschrieben wurde.  Heute würde man von Kurzarbeit sprechen.

Immer mehr Arbeitslose in Ulm

Das Geld wurde weniger, die Arbeitslosigkeit nahm zu: In der Ulmer Bilderchronik ist überliefert, dass sich im Folgejahr der Währungsreform trotz der getroffenen Vorkehrungen die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechterte. Die Zahl der arbeitslosen Männer und Frauen stieg von 626 im Oktober 1948, auf 2106 im November 1949. Rückläufig war die Beschäftigung in der Metall-, Bau-, Bekleidungs-, Leder- und Holzbranche sowie im Baunebengewerbe. Vor allem mittlere und kleinere Betriebe schrumpften.

Die Deutsche Bundesbank schreibt Jahrzehnte später über dieses historische Ereignis: Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges sei klar geworden, „dass der große, von der NS-Diktatur zur Rüstungsfinanzierung aufgebaute Geldüberhang zum wirtschaftlichen Grundproblem der vier Besatzungszonen geworden war“. Was in den legalen Handel kam, war nur über Bezugsscheine und zu amtlich festgesetzten Preisen zu erhalten. Dadurch sei die massive Inflation schon in der NS-Zeit verdeckt worden. Tauschgeschäfte waren gang und gäbe in dieser schwierigen Zeit, und die Menschen versorgten sich auf dem Schwarzmarkt. Die Bundesbank bringt den Kern der Währungsreform so auf den Punkt: „Jeder Bürger konnte zunächst 40 Reichsmark gegen 40 Deutsche Mark eintauschen. Anfänglich umstritten, bildete die Währungsreform eine wichtige Grundlage für die darauf folgende wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands.“

Etwas auf die hohe Kante legen!

„Die D-Mark hat zum Sparen angeregt“, sagt der Mann, der wie kein anderer in Ulm für das Geldwesen steht: Manfred Oster (73). Er war fast 50 Jahre in Banken tätig, zuletzt 18 Jahre als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Ulm. Oster ist zwar erst vier Jahre nach der Währungsreform geboren, doch in ihm lebt die Prägung dieser Zeit weiter. Deshalb sagt Oster Sätze wie diesen: „Der Umgang mit Geld und Vermögen braucht eine saubere Grundhaltung.“ Oster gab seine Prägung an seine drei Kinder weiter, „das macht man unbewusst, Kinder sehen ja, wie das vorgelebt wird“.

Als Kind der Nachkriegsjahre weiß der 73-Jährige heute noch um die Angst seiner Großeltern und Eltern, dass ihr Geld morgen nichts mehr wert sein kann. Diese Generation habe dann aber auch erlebt, wie mit Fleiß und einer stabilen Währung in einer Kultur des Vertrauens eine starke Wirtschaft entstand. Oster: „Mit der D-Mark konnte man sich einen Grundstock schaffen für jede Art von Existenz.“ Der Erfolg von Handwerk und Mittelstand gründete nicht zuletzt auf der neuen Währung.

Einer dieser sparsamen Menschen ist Werner Kress. Er habe sofort Reserven gebildet und auf die Selbstständigkeit hingearbeitet, berichtet der heute 92-Jährige. So wurde aus einem ehemaligen Mitarbeiter des Gartengeräteherstellers Wolf der bekannte Ulmer Unternehmer Kress, der Gardena gründete und Arbeitsplätze im vierstelligen Bereich schuf. Der Erfolg dieser, mit Wolf konkurrierenden, Ulmer Gartengerätefirma basierte auf einem Kombi-System. Kress: „Das war eine Badewannen-Erfindung.“

Am Rande bemerkt: Im Gedächtnis blieb manchem Ulmer respektive Neu-Ulmer die Währungsreform umso mehr aus dem Umstand heraus, dass just eine Woche vorher Volksfest war. Der kleine Hans Joachim hatte von seiner Oma 20 Reichsmark geschenkt bekommen und wollte als Erstes Schiffschaukeln, und zwar ein Mal, für 20 Pfennig. Aber der Betreiber wollte oder konnte dem Jungen nicht auf eine Reichsmark rausgeben, also schaukelte er fünfmal. Infolgedessen stellte sich statt Spaß eher Übelkeit ein. Heute lacht Amann darüber, zumal er diese Erinnerung mit Bekannten teilt.

Ein harter Schnitt

„Zentral für die bald einsetzende Erfolgsgeschichte der D-Mark war die neue Notenbank für die Westzonen, die Bank deutscher Länder. Die amerikanischen und britischen Militärregierungen hatten sie zum 1. März 1948 errichtet, die französische Militärregierung schloss sich bald an“, schreibt Bundesbankpräsident Joachim Nagel in einem Gastbeitrag für die Ludwig-Erhard-Stiftung. Und weiter: „Auftrag der neuen Notenbank war, die Währung zu sichern. Dafür braucht es ein stabiles Preisniveau. Die deutsche Notenbank wurde als Institution so gestaltet, dass die deutsche Politik sie nicht noch einmal dazu benutzen können sollte, staatliche Ausgaben zu finanzieren. Der Stabilitätsauftrag ging 1957 von der Bank deutscher Länder auf die dann neu errichtete Deutsche Bundesbank über. (...) Seit 1999 ist nun der Euro unsere gemeinsame europäische Währung. Verantwortlich für ihn ist das Eurosystem, bestehend aus den nationalen Zentralbanken der Mitgliedstaaten und der Europäischen Zentralbank (EZB). Es wurde nach dem Vorbild der Bundesbank gestaltet: unabhängig von der Politik, föderal, mit dem Mandat, Preisstabilität zu gewährleisten. Auch der Euro wurde eine stabile Währung: Zwischen 1999 und 2023 betrug die durchschnittliche Inflationsrate knapp zwei Prozent.“

Der Nagel-Text aus dem Jahr 2023 endet mit den Worten: „Heute, 75 Jahre nach Einführung der D-Mark, können wir auf die Erfolgsgeschichte der D-Mark zurückblicken. Die Deutsche Bundesbank und ich als ihr Präsident setzen sich mit aller Kraft dafür ein, dass unsere Kinder und Enkelkinder genauso zufrieden auf den Euro zurückblicken können — in Deutschland und im gesamten Euroraum.“