Umbau der Ulmer Mitte: Ivo Gönner: „Es war eine Operation am offenen Herzen mitten in der Stadt“

Die Neue Straße, wie sie noch im Jahr 1986 aussah: Ein Gewirr aus Fahrbahnen trennte die Altstadt vom Münsterplatz. Wie blickt Alt-OB Ivo Gönner heute auf das Millionenprojekt?
Resch Simon/Matthias KesslerDie Neue Straße teilte die Stadt: Als Stadtautobahn wurde sie 1953 gebaut. Auf fünf Spuren plus Busspur rollte der Verkehr auf der Neuen Straße. In den 90er Jahren lag die Höchstbelastung bei rund 30.000 Fahrzeuge pro Tag. Ein Tunnel sollte helfen. Doch die Pläne dafür wurden in den 90er Jahren beerdigt. Was ist die richtige Verkehrspolitik und wie ist städtebaulich der öffentliche Raum zu gestalten? Fragen, mit denen sich Ivo Gönner, Ulms Oberbürgermeister von 1992 bis 2016, auseinandersetzen musste. Für ihn war die Umgestaltung der Neuen Straße zur Neuen Mitte das größte städtebauliche Projekt während seiner Amtszeit. Natürlich habe man den Ulmer während der Bauzeit viel zugemutet, aber das habe sich gelohnt, sagt er heute 73-jährige Gönner.
Herr Gönner, die Neue Mitte ist heute Ulms architektonisches Aushängeschild. Wie kam es dazu?
Die Altstadt war immer vom Münsterplatz getrennt und die Trennung war die Neue Straße. Auf der Stadtautobahn fuhren damals so viele Autos. Es gab eine Abzweigung in die Kramgasse. Mit einer Neugestaltung wollten wir es schaffen, dass der Individualverkehr reduziert wird, dafür der öffentliche Nahverkehr eine Spur erhält und wir wollten den Münsterplatz mit der Altstadt verbinden. Wie das gelingen kann, dem war ja eine fast 30-jährige Diskussion vorausgegangen. Der damalige Baubürgermeister Alexander Wetzig hat alles mit den Planern entwickelt. Der Gemeinderast hat fast einstimmig die Beschlüsse mitgetragen. Als Grundlage haben wir gesagt, es gibt eine Garage und oben wird freier Platz geschaffen durch die Reduzierung der Verkehrsspuren. So begann es.
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Wie ist es Ihnen gelungen, Gemeinderat wie Ulmer für das Megaprojekt zu begeistern?
Es hat im Gemeinderat auch Diskussion und Gegenwind zu den Beschlüssen gegeben. Man hat ausführlich geredet und jede Stadträtin und jeder Stadtrat hatte ja eingesehen, dass es gut ist, wenn wenn öffentliche Plätze wie Münsterplatz, Judenhof, Marktplatz und Weinhof von parkenden Autos befreit werden. Das macht die Stadt attraktiver. Weiter war mein Credo, beim Bauen auf höchste Qualität zu achten. Wir wollten eine Architektur unserer Zeit entstehen lassen, die sich mit den alten Gebäuden verträgt. Das ist möglich, aber eben nur, wenn auf höchstem Niveau gebaut wird. Das ist gelungen und es zahlt sich bis heute aus. Billig war das Ganze nicht. Damit die Bevölkerung nicht sagt ,jetzt gebt ihr nur für die Neue Mitte das ganze Geld aus' war es mir wichtig, von Beginn dieses Jahrzehnts zu sagen, dass wir jedes Jahr ein Minimum an 15 Millionen Euro für Bildungseinrichtungen bereitstellen. Selbst, wenn das Geld knapp wird, werden wir das jedes Jahr tun! Da sind zum Beispiel die Neubauten beim Kepler- und Humboldt-Gymnasium entstanden, Hausaufgabenbetreuung und dann auch die Ulmer Bildungsmesse, die es zum ersten Mal 2002 tatsächlich gab.

Die Neue Straße, wie sie noch im Jahr 1986 aussah: Ein Gewirr aus Fahrbahnen trennte die Altstadt vom Münsterplatz.
Simon ReschHaben Sie als damaliger Oberbürgermeister den Ulmer mit dem Umbau viel zugemutet? Erinnert sei an die Grabungen Anfang der 2000er Jahre in der Neuen Straße, als die Geschäfte dort nur über Stege zu erreichen waren.
Ja, es war eine große, große Belastung. Es war eine Operation am offenen Herzen mitten in der Stadt. Ich erinnere mich gut, wie die Leute schimpften: Jetzt kommen die mit ihrer Zahnbürste und nichts tut sich. Damit waren die Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes gemeint. Natürlich ging es den Geschäftsleuten viel zu langsam voran, das war für sie teils eine bittere Zeit. Es wurde viel geschimpft, vor allem, wenn Parkplätze vor der Tür wegkamen. Ein Händler eines Modegeschäftes hatte gesagt: ,Diese Parkplätze retten mein Geschäft.' Ich hab' immer gesagt: ,Wartet ab, wenn es fertig ist, werdet ihr sehen, dass es viel attraktiver ist.' Zumal wir ja Ersatz geschaffen haben, eine Tiefgarage mitten in der Stadt mit 24-Stunden-Nutzung. Am Anfang ging es zögerlich vorwärts, aber dann Schlag auf Schlag.
Was war Ihre Rolle während des Jahrzehnts der 00-Jahre in Sachen Neue Mitte?
Dass die Neue Mitte so ist, wie sie ist, haben wir dem Engagement von Baubürgermeister Alexander Wetzig zu verdanken. Er hat der Neuen Mitte eine elegante Urbanität verliehen und sie zu einem Treffpunkt mit Handel und Kultur gemacht, der mit angrenzenden Vierteln korrespondiert. Er war der Motor, der die Umgestaltung der Neuen Mitte als wichtiges städtebauliches Projekt verstanden hat. Mein Anteil daran war der geringste. Meine Rolle war es zu erklären, was da mitten in der Stadt passiert. Ich musste alles beieinander halten. Ein bisschen wie ein Dompteur oder Moderator.
Wie kam es, dass zwei Bauherren ausgerechnet für ihre prägenden Bauten in der Neuen Mitte den Architekten Stephan Braunfels beauftragten?
Die Firma Inhofer wollte hier ihre modernen Möbel präsentieren. Aber dann kam die Sparkasse und hat gesagt, sie möchte auch bauen, schräg gegenüber. Zuerst war da noch die Firma Realgrund mit drin, zog sich später aber zurück. Interessanterweise haben beide Bauherren neben anderen Architekten auch den Münchner Architekten Stephan Braunfels eingeladen. Ein Gremium hatte dann ausgewählt, in dem auch Baubürgermeister Wetzig saß. Man hatte sich bei beiden Gebäuden für Braunfels entschieden, nämlich für den Sparkassenbau und das „Münstertor“ der Firma Inhofer.

Der Architekt und Städtebau-Professor Stephan Braunfels zwischen Inhofers „Münstertor“-Kaufhaus und Sparkasse. Er hat beide Gebäude entworfen.
Maria MüssigWar das für die Ulmer nicht auch eine architektonische Zumutung?
Am Anfang vielleicht, dieses Keilförmige, gerade beim „Münstertor“. Andererseits waren die Ulmer mit dem Stadthaus schon etwas daran gewöhnt. Die transparenten Gebäude von Braunfels haben aber auch nachgewirkt. Deswegen kam es dann auch zur weinroten Lamellenfassade des Architekten Herbert Schaudt am Doppelgiebelhaus in der Neuen Straße 85, dem Haus der Museumsgesellschaft.
Die Kunsthalle Weißhaupt war dann 2007 das letzte prägende Gebäude, das in der Neuen Mitte fertiggestellt wurde.
Richtig. Da entstand auch ein neuer Platz, der ursprünglich bebaut werden sollte. Wir wollten aber mit der Neuen Mitte Plätze zurückerobern, es sollte nicht alles zugebaut sein. Toll war, dass wir den privaten Investor Siegfried Weishaupt gewinnen konnten, mitten in Ulm ein Museum zu bauen. Er hat für den Bau der Kunsthalle den Architekten Wolfram Wöhr beauftragt. Das Gebäude hat dann 2007 die Neue Mitte vollendet. Der gläserne Steg gehört ebenfalls dazu, der das Museum mit der Kunsthalle verbindet. Auch da kann man ablesen, wie gelungen Tradition mit Moderne verbunden ist. Es ist kein schreiender Gegensatz, sondern es wird eine Beziehung hergestellt. Ich wusste immer, dass sich Qualität durchsetzt und die Gebäude dann auch akzeptiert werden.
Baugeschichte der Neuen Straße
Die Neue Straße wurde 1953 als Stadtautobahn gebaut und noch 1967 bis ans Ehinger Tor verlängert. Sie trennte die Stadt. Bereits in den 70er Jahren kam die Idee auf, die Neue Straße zu untertunneln. Der Straßenverkehr sollte versenkt werden und damit die Autos gebändigt. In den 90er Jahren lag die Höchstbelastung bei rund 30.000 Fahrzeuge pro Tag, was der Dimension einer Autobahn entsprach.
So ging es mit Neuen Straße voran:
1977 Städtebaulicher Ideenwettbewerb „Neue Straße, Münsterplatz“.
1989 Gemeinderatsbeschluss, die Neue Straße zu untertunneln und eine Tiefgarage zu bauen
1990 Städtebaulicher Ideenwettbewerb zur Neugestaltung der Flächen über dem geplanten Tunnel; Preisgericht am 9. Dezember, beim Bürgerentscheid am 16. Dezember sprechen sich aber 81,7 Prozent der Ulmer gegen den Tunnel aus
1994 Neuer Verkehrsentwicklungsplan für Ulm und Neu-Ulm mit Vorschlag, die Neue Straße auf zwei Fahrspuren zu verengen
1998 Städtebaulicher Wettbewerb
2000 Rahmenplan Neue Straße
2002 Start archäologische Grabungen und Baubeginn Tiefgarage
2003 Gutachterverfahren mit sechs Architektubüros für die Hochbauen Inhofer (“Münstertor“) und Sparkasse (“Rathausarkaden“)
2005 Baubeginn aller Hochbauten und auch der Kunsthalle Weishaupt
2006 Eröffnung Parkhaus und Hans- und Sophie-Scholl-Platz
24. November 2007 Eröffnung der Kunsthalle Weishaupt, was den Schlusstein der Schaffung der Neuen Mitte gilt, zumindest in ihrem öffentlichen Teil
Hätten aus heutiger Sicht etwas an der Neuen Mitte anders sein sollen?
Nein.
Zum Beispiel doch einen Zebrastreifen vors Rathaus oder die Kanten, die Gehweg und Fahrbahn trennen und bei Nässe immer rutschig sind.
Über die Kannten hatten wir damals mit Vertretern des Sehbehindertenvereins gesprochen, die wollten so eine erkennbare Trennung. Über den Zebrastreifen kann man lange streiten. Autofahrer müssen dort halt 20 fahren, wie vorgeschrieben, dann passiert auch nichts. Gerade eben habe ich erst wieder einen Autofahrer darauf aufmerksam gemacht.
Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Neuen Mitte?
Das hab' ich nicht.

Das Alte mit der Moderne verbunden. Das ist auch im Umfeld der Neuen Mitte wie hier mit der Glaspyramide, dem Bau der Stadtbibliothek, gelungen. Sie wurde im Jahr 2004 bezogen.
Stephan Puchner/dpaWas hat die Neue Mitte eigentlich gekostet? Kann man das überschlagen?
Allein die Tiefgarage hat rund 25 Millionen gekostet, die privaten Investoren haben fast 50 Millionen Euro investiert, die Stadt rund 70 Millionen Euro.
Hat sich das gelohnt?
Das hat sich gelohnt. Unsere Absicht mit Verkehrsberuhigung und Verbindung von Altstadt und Münsterplatz ist aufgegangen. Es gab dafür auch Architektur-Preise. Die Neue Mitte ist ein Glanzlicht. Und in der Folge ist nochmal ein regelrechtes Kulturviertel hinter der Neuen Mitte entstanden, nämlich mit dem Umbau des früheren Stadtbads zur Jugendmusikschule, mit dem Neubau der Stadtbibliothek, der gläsernen Pyramide. Auf dessen Fläche war übrigens früher auch ein Parkplatz. Doch Autos stören eine lebendige Innenstadt. Inzwischen vermisst sie dort niemand mehr. Weiter wurde das Schwörhaus zum Haus der Stadtgeschichte und es wurde die Neue Synagoge gebaut. Tradition und Moderne zu verbinden, das zieht sich überall durch.
80 Jahre SÜDWEST PRESSE
1945 erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donauzeitung“ und der heutigen SÜDWEST PRESSE. Zu diesem Geburtstag und begeben wir uns auf eine Zeitreise durch die vergangenen 80 Jahre. Was waren die prägendsten Ereignisse in der Ulmer Stadtgeschichte?
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