Zurück ins Jahr 1945
: Was erzählt uns die allererste Ausgabe unserer Zeitung?

Am 10. November 1945 erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donau-Zeitung“. Diese sechs Seiten vermitteln, wie der Alltag war, wie die Menschen gefühlt und gedacht haben.
Von
Magdi Aboul-Kheir
Ulm
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Erste Ausgabe der "Schwäbischen Donau-Zeitung"

20 Pfennig kostete die erste Ausgabe der "Schwäbischen Donau-Zeitung".

Archiv
  • Am 10. November 1945 erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donau-Zeitung“ – 20 Pfennig pro Exemplar.
  • Die Zeitung wollte demokratische Werte fördern und die Vergangenheit kritisch aufarbeiten.
  • Themen: Nachkriegsalltag, Wiederaufbau, Weltpolitik und erste Schritte in Richtung Normalität.
  • Der Kalte Krieg und die Atombombenangst prägten die Schlagzeilen.
  • Die Presse sollte für Bildung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit stehen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Alles ist wieder gutzumachen. Es ist ein Satz des französischen Lyrikers Charles Baudelaire, der klein oben rechts auf der fünften Seite der Zeitung steht, und in diesen vier Worten steckt so viel Hoffnung, aber vielleicht auch Schmerz.

Alles ist wieder gutzumachen? Baudelaires Zitat findet sich in der allerersten Ausgabe der „Schwäbischen Donau-Zeitung“ vom 10. November 1945. Der Zweite Weltkrieg war vor einem halben Jahr zu Ende gegangen und Ulm eine Ruinenstadt mit Schuttbergen. Elend, Hunger und Wohnungsnot prägten den Alltag. Aber einige, vielleicht viele fühlten auch Furcht, Schuld und Scham.

Doch das Leben musste weitergehen – für diejenigen, die überlebt hatten: die zwölf Jahre Unrechtsregime der Nationalsozialisten, die sechs Jahre Krieg mit Millionen Toten auf den Schlachtfeldern, in den Konzentrationslagern, in den bombardierten Städten.

Jetzt wollte man nach vorn schauen. Doch manche wussten, dass dies nur gelingen würde, wenn sie auch zurückblickten. Verstehen wollten, was geschehen war in Deutschlands dunkelsten Jahren. Der Wiederaufbau würde nur gelingen und der Frieden nur halten, wenn man verstand, was die Welt in den Abgrund gerissen hatte. Und daraus lernen würde.

Eine Zeitreise durch Papier und Druckerschwärze

Solche Gedanken lassen sich aus den Artikeln dieser ersten Zeitungsausgabe herauslesen. 80 Jahre sind diese gerade mal sechs Seiten alt – ein Menschenleben. So manches klingt unendlich lange her, ist kaum mehr vorstellbar. Anderes freilich ist aktuell, sogar alarmierend aktuell.

Wer diese Zeilen heute auf sich wirken lässt, versteht besser, wie die Menschen damals gefühlt und gedacht haben. Wie sie den Alltag empfunden haben. Wie die kleine und die große Welt damals aussahen: Ulm, Deutschland und darüber hinaus. Es ist eine Zeitreise durch Papier und Druckerschwärze.

Johann Weisser, Paul Thielemann und Kurt Fried waren die Lizenzträger der „Schwäbischen Donau-Zeitung“. Auf der ersten Seite der ersten Ausgabe erläuterten sie in vier Sätzen, mit welchem Ziel und welcher Haltung sie sich auf den publizistischen Weg machten. Überschrieben hatten sie das schlicht mit: „Unsere Zeitung“.

Gewinnspiel: 80 Jahre SÜDWEST PRESSE

Wir feiern Geburtstag! Im November vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donauzeitung“ und heutigen SÜDWEST PRESSE. Zu diesem Anlass können Sie vom 1. bis zum 30. November zahlreiche Geschenke gewinnen:

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Pathos, Proklamation und Programmatik: „Künderin und Bannerträgerin demokratischer Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und wahrer Kultur“ wolle diese Zeitung sein. Und: „Sie wird Kämpferin sein gegen die zwar geschlagenen, aber nicht toten Mächte der Vergangenheit und ihrer Helfer. Den Idealen und Sehnsüchten des gequälten, aus tausend Wunden blutenden deutschen Volkes will sie Ausdruck geben. In diesem Sinne soll die ,Schwäbische Donau-Zeitung‘ ihren Lesern Freund und Berater werden.“

Auch die Alliierten, in Gestalt des Kommandanten der Militärregierung für den Stadt- und Landkreis Ulm, der amerikanische Oberstleutnant Irvin L. Harlow, schrieben Worte zum Geleit. Mit der Veröffentlichung der ersten Ausgabe werde „in dieser Gemeinde eine neue Kraft geboren, welche, als ein Instrument der Wahrheit, der Aufklärung und der Bildung, sehr viel Gutes bewirken kann“. Die Besatzungsmächte hofften, dass die Zeitung im Laufe der Zeit „zu einem mächtigen Vorkämpfer des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit werden möge“.

Doch was bekamen die Leserinnen und Leser nun für ihre 20 Pfennig geboten an Nachrichten, Informationen, Wissenswertem und – ja, doch – Unterhaltung?

Ulm, Schwäbische Donauzeitung, Lizenzträger: November 1945: Die drei Lizenzträger der Schwäbischen Donauzeitung:Kurt Fried, Johann Weißer und Paul Thielemann

Ulm, November 1945: Die drei Lizenzträger der Schwäbischen Donauzeitung: Kurt Fried, Johann Weisser und Paul Thielemann

SWP Archiv / Unbekannt

Deutlich wird sofort: Der Krieg war vorbei, doch ein anderer zeichnete sich bereits ab. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West – mit neuen Ängsten, gerade mal drei Monate nach Hiroshima und Nagasaki. „Atombombe und Weltsicherheit“ lautete die Schlagzeile auf der Titelseite.

Es ging darin um die Rede des britischen Außenminister Ernest Bevin vor dem Unterhaus in London: seine Überzeugung darlegend, dass die Weltsicherheitsorganisation der Vereinten Nationen zu einem wirksamen Instrument des Weltfriedens werde, ehe die Atombombe zu einer wirksamen Kraft der Weltzerstörung werden könne. Darum sei die Schaffung des Weltfriedens die erste Aufgabe.

Auch einer Rede des russischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow wird auf der Titelseite viel Platz eingeräumt. Werde sich das englisch-amerikanisch-russische Bündnis „im Frieden ebenso wie im Kriege bewähren?“ Auch Molotow ging auf die Atombombe sein: Es wäre unzweckmäßig, sie als Mittel der Außenpolitik anzusehen. Die Sowjetunion sei stets ein Vorkämpfer des Weltfriedens gewesen und wolle das durch Taten beweisen. „Nur die Zusammenarbeit aller Mächte kann den Frieden sichern.“

Kurz vor dem Beginn der Nürnberger Prozesse

Als wichtigste Nachricht aus Deutschland beanspruchte der Länderrat der Ministerpräsidenten in der amerikanischen Zone auf der Titelseite größeren Platz. Er fand in diesen Tagen erstmals zusammen, zu den drängendsten Problemen des zerstörten Gemeinwesens gehörten die Flüchtlingsfrage, Wirtschaftspolitik und Warenverkehr sowie der Gefangenenaustausch.

Außerdem erfuhren die Zeitungskäufer, dass die amerikanische Zone in Deutschland während der Wintermonate eine halbe Million Tonnen Lebensmittel der USA erhalten werde. Und dass in Bälde der Kriegsverbrecherprozess gegen die Verantwortlichen des Konzentrationslagers Dachau beginnen werde.

Auch die Nürnberger Prozesse standen kurz bevor. In einem Streiflicht dazu wird Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß porträtiert: als das „Gewissen“ der Nazi-Partei. In ruhigen, sachlichen Worten werden sein Leben und sein verbrecherisches Tun dargestellt. Um klarzumachen, warum Heß einer der 24 Hauptangeklagten in Nürnberg war.

Wie soll dieses Chaos einer neuen Ordnung weichen?

Aufarbeitung – darum ging es wohl auch Herausgeber Paul Thielemann in seinem Kommentar „Was wir nie vergessen wollen“, den er zusätzlich mit „Abrechnung“ überschrieben hatte. Der Autor stand lesbar unter dem Schock, das wundervolle und wundersam nicht zerstörte Ulmer Münster zu sehen, wie es sich „nackt und in stummer Trauer anklagend auf dem Hintergrund eines bombenzerfetzten und brandgeschändeten Stadtbildes“ projiziert.

Thielemann klagte Hitlers „Tausendjähriges Reich“ an, schritt dabei durch das zerstörte Ulm und fragte sich, „wie dieses Chaos einer neuen Ordnung weichen soll“. Er kontrastierte Hitlers Hybris mit dem Ausmaß der Zerstörung, mit der Last von Schuld und Sühne, mit der Hoffnungslosigkeit – um dann doch Zeichen der Hoffnung zu senden.

Die Hoffnung: dass es vielleicht doch keine verheerende Hungersnot geben werde; dass die Wohnungsnot behoben werden könnte; dass der Verkehr wieder fließen und es keine Seuchen gebe würde; dass die Schulen wieder unterrichteten und sogar das kulturelle Leben wieder beginne.

All das spiegelt bereits diese erste Ausgabe der Zeitung in ihren weiteren Beiträgen wider. So erfährt man etwas über die Wiedereröffnung der Schulen und Lebensmittelzuteilungen, aber auch, dass das Fischen und Wildfallenstellen wieder gestattet ist. Die Stuttgarter Börse eröffnet wieder, die Förderung der Ruhrkohle steigt, erste Konzerte finden statt.

Die Annoncen auf der letzten Seite zeigen, wie wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben langsam in Gang kommen. Da gibt es Stellenangebote: von Elektroschweißern über Kunstgewerblern bis „Wer schneidet und putzt fachmännisch meine Obstbäume?“

Es gibt Stellen- und Kaufgesuche: Papiersäcke, Radioröhren, Herrenanzüge und Zimmeröfen. Und verlorene Gegenstände werden gesucht: Bernsteinkette, Handschuhe, Brieftaschen. Hinter jeder dieser Zeilen steht eine Geschichte.

Doch auch der Geist sollte nach Jahren des Ungeists nicht zu kurz kommen. Kurt Fried hatte in dieser ersten Ausgabe eine ganze feuilletonistische Seite, „Zur guten Stunde“ betitelt, gestaltet. Mit einem eigenen Aufsatz („Vom Nutz und Frommen der Kultur“), mit Nachrufen, Gedichten, einer historischen Satire von Jonathan Swift („Der politische Lügner“) - und Gedankensplittern wie „Alles ist wieder gutzumachen.“

„Die demokratische Presse ist das demokratische Gewissen“

Was nun die „Aufgaben der Presse“ betraf, die legte Johann Weisser in kraftvollen Worten dar: eine „erziehende und bildende“ in erster Linie, zur Demokratisierung des Volkes. „Das deutsche Volk zu Philosophen zu machen, ist unmöglich, aber seine Urteilskraft zu stärken, die Voraussetzung seiner Erneuerung.“

Moral, Sittlichkeit und Menschlichkeit müssten wieder zum Gesetz des Lebens erhoben, das Gefühl für Recht und Unrecht wieder geweckt werden, schrieb Weisser. Und auch das Gefühl für soziale Gerechtigkeit müsse vom verlogenen Phrasenschwall der Nazis befreit werden.

Die demokratische Presse werde einen entschlossenen und unerbittlichen Kampf gegen alle reaktionären Bestrebungen führen, betonte Weisser. Denn: „Die demokratische Presse ist das demokratische Gewissen.“ Das mit Leben zu füllen, das nahmen die drei Lizenzträger von nun an Tag für Tag in Angriff, und ihre Mitstreiter und Nachfolger taten es ihnen gleich.

Selbst wenn doch nicht alles gutzumachen war.

Die große Beilage zum Geburtstag

Das Jubiläum „80 Jahre SWP“ feiern wir mit vielen Geschichten und Bildern in einer großen 72-seitigen Beilage: mit Geschichten aus neun Jahrzehnten, spannenden Interviews, vielen Bildern und einem Rundgang durch den Neubau des Verlags. Dieses Extraheft liegt am Montag, 10. November, der SÜDWEST PRESSE bei.

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