Die goldenen 1990er Jahre: Plötzlich Spitzensportstadt – Als Ulm in drei Sportarten Bundesligist war

Die Sensation ist perfekt: Die Spieler Oliver Otto und Rainer Widmayer (rechts) jubeln. Der SSV Ulm 1846 spielt 1999/2000 in der Fußball-Bundesliga. Am letzten Spieltag der Zweitliga-Saison reicht ein 0:0 gegen Greuther Fürth.
Volkmar Könneke- Der SSV Ulm 1846 erreichte 1999/2000 die Fußball-Bundesliga – ein historisches Ereignis für Ulm.
- Ulm wurde in den 1990er Jahren durch Erfolge im Basketball, Fußball und Volleyball zur Spitzensportstadt.
- Basketballer gewannen 1996 den Pokal, Volleyballerinnen 1999 ungeschlagen den Bundesliga-Aufstieg.
- Ralf Rangnick führte die Fußballer 1998 in die 2. Liga, 1999 folgte der Aufstieg in die Bundesliga.
- 2023 kehrte der SSV Ulm in den Profifußball zurück, Fans feierten mit einem Platzsturm.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein warmer Donnerstagabend im Juni 1999. In Ulm liegt die Spannung förmlich in der Luft. 19.000 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen im Donaustadion gebannt jeden Pass. Auf der benachbarten Gänswiese verfolgen Tausende weitere das Geschehen auf einer Großleinwand. Unzählige kleben in Kneipen und Wohnzimmern vor den Bildschirmen.
Dann, um 20.53 Uhr, ertönt der lang ersehnte Pfiff des Schiedsrichters – das Spiel ist vorbei, der Wahnsinn ist perfekt: Der SSV Ulm 1846 steigt in die Fußball-Bundesliga auf. Eine ganze Stadt jubelt, liegt sich in den Armen und feiert einen historischen Moment.
Einer, der „als größter Tag in die Annalen des SSV Ulm 1846“ eingeht, wie Sportjournalist Gerold Knehr tags darauf in der SÜDWEST PRESSE einordnete. Noch nie zuvor in der Sportgeschichte Ulms war ein Fußballklub in einer eingleisigen Bundesliga erstklassig. Noch nie zuvor war der SSV 46 gleichzeitig in drei wichtigen Mannschafts-Sportarten in der Bundesliga vertreten.
Schon seit 1988 spielten die Basketballer in der höchsten nationalen Spielklasse, erreichten in dem Jahrzehnt dreimal das Pokalfinale und gewannen 1996 sogar die Trophäe. Auch die Volleyballerinnen gehörten inzwischen der deutschen Elite an: Sie stiegen wenige Wochen vor den Fußballern ungeschlagen in die Bundesliga auf. Aus Ulm wurde eine Spitzensportstadt, aus dem SSV 46 ein „Sympathie- und Werbeträger der Stadt“, sagte 1999 der damalige Oberbürgermeister Ivo Gönner.
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Mit dem Erfolg der Fußballer erreichte der Ulmer Großverein den „Höhepunkt in der Fusions-Historie“, schrieb SWP-Sportredakteur Rüdiger Bergmann. 29 Jahre zuvor war der SSV Ulm 1846 aus der TSG Ulm 1846 und dem 1. SSV Ulm 1928 hervorgegangen.
Eine Sekunde reines Basketball-Glück
Die große Ulmer Basketball-Tradition entstammt dem 1. SSV 1928. Bereits in den 1960er Jahren war der Klub in der Oberliga Süd vertreten, der damals höchsten deutschen Spielklasse. Nach dem Abstieg 1968 dauerte es 20 Jahre, bis die Rückkehr ins Oberhaus gelang.
Dort angekommen, etablierten sich die Kuhberg-Basketballer schnell in der oberen Tabellenhälfte. 1992 erreichen sie erstmals die Playoffs, ein Jahr später debütierten sie im Europapokal. Diese Erfolgsgeschichte der 90er Jahre ist unzertrennbar mit Point Guard Jarvis Walker verbunden.
Unzählige Spiele entschied der US-Amerikaner ganz allein. Als er 2001 seine Karriere nach zehn Saisons in Ulm beendete, verabschiedete sich das „Ulmer Denkmal“ auf dem zweiten Platz in der ewigen Korbjägerliste der Bundesliga.

Pokal-Held Gary von Waaden streift sich nach dem gewonnenen Finale gegen Bayer Leverkusen das Basketball-Netz über den Kopf.
Bernd KönigAuch an diesem Februarabend 1996 in Berlin dribbelt Walker über das Feld. Noch 5,5 Sekunden sind zu spielen – im Finale um den Pokal. Bayer Leverkusen führt mit 79:78. Es geht um alles. Natürlich hat der Spielmacher den Ball in den Händen. Er stürmt nach vorn, doch die Leverkusener werfen sich ihm entgegen, blocken seinen Weg zum Korb.
„Ich lag schon schräg in der Luft, da sah ich Gary ganz frei, hab ihm den Ball gegeben und gehofft“, schilderte Walker später die spielentscheidende Szene dem SWP-Reporter Joachim Spiegler. Es war die richtige Entscheidung: Center Gary von Waaden, 2,10 Meter groß, versenkt den Ball mit der Schlusssirene. Der SSV Ratiopharm Ulm ist deutscher Pokalsieger.
Das feierten die Ulmerinnen und Ulmer gebührend: „Mit Pauken und Trompeten sind die Ulmer Basketballer gestern auf dem Marktplatz empfangen worden“, berichtete Reporterin Ute Gallbronner. Anschließend empfing Oberbürgermeister Ivo Gönner die frischgebackenen Pokalsieger im Rathaus – und versprach ihnen einen Parkettboden für die Kuhberghalle.
Der SSV Ratiopharm Ulm 1846 in den 1990er Jahren
- 1990: Basketball-Profi Jarvis Walker wechselt zum SSV Ulm. Mit und durch ihn wird der Sport in Ulm zum Massenphänomen. Der Point Guard prägt das Ulmer Spiel das ganze Jahrzehnt.
- 18. Februar 1996: Der SSV Ratiopharm Ulm gewinnt in einem Herzschlagfinale gegen Bayer Leverkusen den deutschen Basketball-Pokal. 1994 und 1995 war der SSV noch im Finale gescheitert.
- 1997: Die Basketball-Abteilung wird in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert.
- 1997: Nach einer Niederlage im Derby gegen den SV Oberelchingen muss der SSV Ratiopharm Ulm in die Relegationsrunde. Erst dort gelingt ihm der Klassenerhalt.
- 17. Mai 1998: Als Siebter nach der Hauptrunde schafft es der SSV Ratiopharm Ulm ins Finale um die deutsche Basketball-Meisterschaft, unterliegt dort Alba Berlin mit 0:3.
Eine perfekte Volleyball-Saison
Jahre später sollten auch die Volleyballerinnen des SSV Ulm vom Holzboden profitieren. Als den „Schmetterkünstlerinnen“ 2003 das Double gelang, sie Meisterschaft und Pokal gewannen, war die Kuhberghalle ihre Heimspielstätte.
Den Weg zu diesem Erfolg ebneten sie allerdings in der Blauringhalle. Dort in der Ulmer Weststadt spielten sie in den 1990er Jahren – und erarbeiteten sich an jenem Märzabend im Jahre 1999 auf dem Hallenparkett ebenfalls einen Empfang bei Ivo Gönner.
„Punkt 20.23 Uhr war am Samstag das Volleyball-Wunder perfekt“, schrieb Winfried Vogler nach dem 3:0 Sieg über den TuS Erfurt in der SWP. Zwei Spieltage vor Saisonende stand der SSV Ulm Aliud Pharma als Bundesliga-Aufsteiger fest – und jubelte vor 800 Zuschauerinnen und Zuschauer mit reichlich Schampus.
Mit einer makellosen Bilanz von 22 Siegen in 22 Spielen sicherten sich die Volleyballerinnen im vierten Zweitliga-Jahr die Meisterschaft. „Bravo“, kommentierte Redakteuer Klaus Vestewig. „Die Doppelstadt und ihre Umgebung: jetzt erst recht ein Zentrum des Leistungssports.“
Fußballer machen Ulm gaga
In dieser Spitzensportstadt galt den Fußballern die größte Aufmerksamkeit. Ihr Erfolg überstrahlte alles. Dabei war der Klub zu Beginn des Jahrzehnts wenig attraktiv. Lange scheiterten die Versuche, sich professionell aufzustellen. Das Vertrauen der Ulmerinnen und Ulmer war gering.
Das änderte sich, als Rolf Zanchettin „die Regie in der Fußball-Abteilung des SSV Ulm 1846 übernahm“, schrieb Knehr im Juni 1999 rückblickend. „Eine seiner ersten Amtshandlungen: Er holte als Trainer Ralf Rangnick an die Donau.“
Seine Mission startete Rangnick vor leeren Rängen. Als die Spatzen im November 1997 nach einem Sieg über Wacker Burghausen die Tabellenspitze in der Regionalliga Süd erklommen, verloren sich nur 1400 Zuschauerinnen und Zuschauer im Donaustadion.
Auszug aus der SÜDWEST PRESSE vom 17. Juni 1999
Am Tag des entscheidenden Zweitliga-Spiels gegen die SpVgg Greuther Fürth schrieb SWP-Sportchef Alfred Koch einen Meinungsbeitrag mit dem Titel „Herzklopfen“.
„Es gibt Tage, da bekommen selbst hartgesottene Sportjournalisten noch Herzklopfen und klamme Finger. Nicht wegen der zunehmenden Stresssituationen beim Spätdienst oder im Umgang mit der Computer-Technik, sondern einfach nur als mitfiebernde Augenzeugen eines Fußballspiels, das für Ulm und Umgebung den Eintritt in eine neue Dimension ermöglichen soll. Heute ist so ein besonderer Tag, an dem auch Berufskritiker ihre selbst auferlegte Distanz zum sportlichen Objekt für zwei Stunden vergessen dürfen.“
„Die Fußball-Euphorie, die in den letzten Tagen die sonst so abgeklärte Region Ulm/Neu-Ulm hereingebrochen ist, können auch kühle Reporter nicht ignorieren. Und sie werden heute ebenso wie die knapp 20.000 Glücklichen, die fürs Live-Erlebnis im Donaustadion eine Eintrittskarte ergattert haben, mitzittern und die Daumen drücken, daß den Spatzen auch die letzte Etappe ihres wundersamen Durchflugs von den Grauzonen der Regionalliga bis hinauf in den Bundesliga-Olymp gelingt.“
Doch mit dem Erfolg wuchs die Fangemeinde. Erst stiegen die Spatzen in die zweite Liga auf, dann spielten sie auch dort eine gute Rolle. Auch nachdem Rangnick den SSV Ulm im März 1999 verließ, setzten die Ulmer ihren Höhenflug fort.
Und so war an diesem 17. Juni 1999 das Donaustadion voll und das Tor zur Bundesliga weit geöffnet. Gegen die SpVgg Greuther Fürth war die Stimmung aber zunächst angespannt. „Die Atmosphäre war lange Zeit nicht so, wie sie die Kulisse hätte erwarten lassen. Die Fans bibberten und bangten mit ihren Spatzen und vergaßen darüber die lautstarke Unterstützung. Und den elf Ulmer Akteuren auf dem Rasen schlotterten die Knie“, beschrieb Knehr.
Der erlösende Treffer wollte nicht fallen, es blieb beim 0:0. Doch auch Aufstiegsrivale Karlsruher SC patzte – und so marschierten die Spatzen völlig überraschend mit dem niedrigsten Etat der Liga aus der Regionalliga in die Bundesliga durch, die ausgelöste Euphorie kannte keine Grenzen.
„Gesänge, Hupkonzerte, Sprechchöre, Fahnen und ein Feuerwerk – akustisch und optisch war einiges geboten“, schrieb Knehr. „Das hat Ulm noch nie erlebt. Der Aufstieg in die Fußball-Bundesliga macht eine ganze Stadt gaga.“
Natürlich bekamen auch die Fußballer eine Audienz beim Oberbürgermeister. Nach einer kurzen Nacht fuhren die Ulmer Fußball-Helden im Autokorso vom Stadion zum Rathaus, wo Oberbürgermeister Ivo Gönner die Spatzen empfing.
Fußball-Abteilungsleiter Zanchettin durfte die Krönung nicht mehr erleben. Er war an Weihnachten 1998 einem schweren Krebsleiden erlegen. Doch auch er war in diesen Stunden des Erfolgs in den Köpfen und Herzen dabei. „Rolf, du bist ganz tief in unseren Herzen“, erinnerte Keeper Philipp Laux an Zanchettin.
Die Fußballer des SSV Ulm 1846 in den 1990er Jahren
- 1992, 1994, 1995, 1997: WFV-Pokal-Sieger
- 1993: Oberliga-Meister, Scheitern in der Aufstiegsrunde
- 1994: Oberliga-Meister, Scheitern in der Aufstiegsrunde
- 1996: Deutscher Amateurmeister
- 1. Januar 1997: In der Winterpause der Saison 1996/97 engagieren die Spatzen Ralf Rangnick als Fußball-Trainer. Es ist ein klares Zeichen: Der Verein will raus aus dem Amateurlager.
- 1998: Aufstieg in die 2. Bundesliga als Regionalliga-Meister
- 17. Juni 1999: Der SSV Ulm 1846 steigt nach einem 0:0 am letzten Spieltag gegen Greuther Fürth in die Fußball-Bundesliga auf.
Fußball-Höhenflug in den 2020ern
Ein drückend warmer Augusttag im Jahre 2021, Freitag der Dreizehnte. Der damalige Fußball-Regionalligist startet mit ihrem neuen Cheftrainer Thomas Wörle in die Saison, einem Mann ohne Erfahrung im Männer-Bereich. Der SSV Ulm trennt sich im Heimspiel 3:3 gegen den FSV Frankfurt. Im Donaustadion verlieren sich 1573 Zuschauer – der Viertligist ist für die Ulmer wenig attraktiv.
Dann der 20. Mai 2023. 10.282 Fans feiern nach dem 5:0-Sieg gegen Fulda mit einem Platzsturm die Rückkehr in den Profifußball. Euphorie ist ausgebrochen an der Donau. Schwarz-Weiß spielt wieder bundesweit. Bis heute.
80 Jahre SÜDWEST PRESSE
1945 erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donauzeitung“ und der heutigen SÜDWEST PRESSE. Zu diesem Geburtstag und begeben wir uns auf eine Zeitreise durch die vergangenen 80 Jahre. Was waren die prägendsten Ereignisse in der Ulmer Stadtgeschichte?
- Was uns die erste Ausgabe unserer Zeitung verrät
- Umbau der Neuen Mitte – Alt-OB Ivo Gönner im Interview
- Fusion von Ulm und Neu-Ulm scheitert am Widerstand Bayerns
- Als in Ulm an einem Juni-Sonntag 2.654.000 D-Mark ausbezahlt wurden
- Corona beherrscht die Schlagzeilen der 2020er
- Wann war was? Momente der Ulmer Stadtgeschichte im großen Quiz
- Früher und heute: So haben sich Ulm und Neu-Ulm verändert
- Wie kommt man in die Zeitung? Vier Leser erinnern sich
- Ein Rundgang durch den Neubau der SÜDWEST PRESSE




























