Wie weit wird die Politik in ihren Entscheidung bezüglich einer Verschärfung der Corona-Maßnahmen den Forderungen aus der Wissenschaft folgen? In Deutschland ist in den vergangenen Tagen angesichts weiter hoher Infektions- und Todeszahlen mit dem Coronavirus eine Diskussion um eine Verschärfung der Corona-Regeln bis hin zu einem neuen Lockdown entbrannt, der auch an den Feiertagen und Silvester gelten soll. Mehrere Ministerpräsidenten, darunter Baden-Württembergs grüner Landeschef Winfried Kretschmann und auch Bayerns Markus Söder sprechen sich für eine Verschärfung bis hin zum Lockdown wie im Frühjahr aus.
Ein harter Lockdown könnte jetzt sogar wirklich vor Weihnachten kommen: Schon diesen Sonntag wollen Bund und Länder in einem weiteren Corona-Gipfel über die Lage in Deutschland beraten. Thematisiert werden Schulschließungen sowie Maßnahmen für den Handel und Geschäfte. Kommt der harte Lockdown schon in der nächsten Woche? Der Virologe Christian Drosten dürfte eine solche Entscheidung befürworten. In seinem letzten Corona-Update sprach er sich bereits Anfang der Woche für schärfere Maßnahmen aus.

Virologe Christian Drosten ist für Verschärfung und Corona-Lockdown

Jetzt bekommen die Politiker auch Unterstützung aus der Wissenschaft. Zur Eindämmung der Corona-Krise in Deutschland hat sich am Dienstagabend der Virologe Christian Drosten für eine rasche Verschärfung der Maßnahmen ausgesprochen. „Es ist schon so, dass wir jetzt unbedingt etwas tun müssen“, sagte der Charité-Wissenschaftler im „Coronavirus-Update“ vom Dienstag bei NDR-Info. Drosten sagte, während des Lockdowns im Frühjahr seien die Kontakte in Deutschland um 63 Prozent reduziert worden, derzeit seien es aber nur 43 Prozent. „Das reicht einfach nicht aus.“

Drosten warnt: Weihnachten wird Corona-Fallzahlen erhöhen

Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass die Weihnachtszeit zu einem Anstieg der Fallzahlen führe. Werde jetzt nicht nachreguliert, drohe „Ende Januar und über den gesamten Februar hinaus“ ein Lockdown mit massiven Folgen für die Wirtschaft.
Christian Drosten ist einer der Experten, der an einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina mitgewirkt hat. Darin wird empfohlen, die Feiertage und den Jahreswechsel für einen „harten Lockdown“ zu nutzen. Vom 24.12.2020 bis mindestens 10.1.2021 sollte „in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen“. Bereits ab 14.12.2020 müssten Kontakte auf ein „absolutes Mindestmaß“ reduziert werden.
Der Virologe Drosten sagte, das Papier sollte vielleicht verstanden werden als „deutliche und letzte Warnung der Wissenschaft“. Entscheide sich die Politik anders, habe sie sich nicht mehr für die Wissenschaft entschieden.

Drosten: Weit voneinander entfernt Familien sollten sich nicht unbedingt besuchen

Familien, die weit voneinander entfernt lebten, sollten sich Drosten zufolge in diesem Jahr vielleicht nicht unbedingt über die Feiertage besuchen. Er bekräftigte außerdem, dass Schnelltests nur eine Momentaufnahme seien: „Wenn man solche Antigen-Tests benutzen will für Familienbesuche, dann muss man im Prinzip sich jeden Morgen testen damit.“ Seit einiger Zeit rät Drosten dazu, sich vor Besuchen, etwa bei den Großeltern, vorsorglich in Quarantäne zu begeben.
An Schulen sollte dem Virologen zufolge nach dem Jahreswechsel nicht alles so weiterlaufen wie zuvor. Dort müsse organisatorisch etwas passieren. Bei den an der Stellungnahme beteiligten Wissenschaftlern sei der Eindruck einer ernsten Schulsituation entstanden, sagte Drosten. Es gebe dort ein „erhebliches Infektionsgeschehen“. Daten aus England zeigten, dass insbesondere in den Jahrgängen oberhalb der Grundschule mehr Infektionen aufträten als in der normalen Bevölkerung. „Wenn man es irgendwo weiterlaufen lassen will, dann ist es im Grundschul- und Kindergartenalter“, sagte Drosten. Er wolle aber „alles andere als ein Prediger für Schulschließungen“ sein.
Auch CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn riet am Mittwoch nun zum Verzicht auf Reisen an Weihnachten. Die Gefahr von Infektionen in Familien sei groß.

Experten wie Leopoldina und Drosten: Mundschutz im Unterricht verpflichtend

Die Leopoldina empfiehlt mit Blick auf den Schulbeginn im Januar, für alle Jahrgangsstufen Mund-Nasen-Schutz im Unterricht verpflichtend zu machen. Zudem sollten ländereinheitliche Regeln für Wechselunterricht - also mit Präsenz in der Klasse und digital - in weiterführenden Schulen entwickelt werden, die ab einem bestimmten Infektionswert greifen sollten. Drosten regte im Podcast die Teilung von Klassen an.
In seiner letzten Podcast-Folge gab es wohl einen Versprecher. Auf Twitter korrigierte sich der Virologe gestern selbst.