Corona Türkei Risikogebiete
: Türkei soll Corona-Zahlen manipulieren – droht eine neue Reisewarnung?

Die Türkei berechnet ihre Corona-Zahlen auf sehr eigenwillige Weise. Reiserückkehrer aus Mecklenburg-Vorpommern müssen in Quarantäne.
Von
Michael Maier
Ankara
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Strand von Alanya in der Türkei: Kommt für das Risikogebiet eine neue Reisewarnung?

pixabay

Wegen der Zählweise von Coronafällen in der Türkei gibt es heftige Kritik an der Regierung Erdogan, nachdem bekannt geworden ist, dass seit dem 29. Juli nur die Zahl von Corona-Infizierten mit Symptomen gemeldet wird. Wer positiv getestet ist, aber nicht an Covid-19 erkrankt, der fällt seitdem aus der türkischen Statistik heraus, hat Gesundheitsminister Fahrettin Koca jetzt bei einer Pressekonferenz eingeräumt. In Wirklichkeit könnte die Zahl der neuen Corona-Fälle in der Türkei täglich 10.000 statt 1400 betragen, berichtet die Internetzeitung „Habertürk“.

Pikant ist dabei, dass das Auswärtige Amt nur wenige Tage nach dem 29. Juli – am 4. August – die deutsche Reisewarnung für vier türkische Küstenprovinzen aufgehoben hatte, obwohl diese vom Robert-Koch-Institut nach wie vor als Risikogebiete geführt werden.

Ärzte glauben an höhere Corona-Infektionszahlen in der Türkei

Der türkische Oppositionsabgeordnete Murat Emir hat Anfang Oktober erklärt, dass die tatsächliche Zahl der Neuinfektionen bis zu 19 Mal höher sein könnte als offiziell angegeben. Auch türkische Ärzte gehen seit dem Sommer davon aus, dass die Regierung zumindest nicht die ganze Wahrheit sagt und deutlich zu niedrige Zahlen meldet.

Zwangsquarantäne für Türkei-Urlauber aus Mecklenburg-Vorpommern

Im Übrigen hat sich inzwischen herausgestellt, dass Türkei-Urlauber aus den vier „freigegebenen“ Provinzen im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern nach ihrer Rückkehr schon seit einigen Wochen auf jeden Fall mindestens fünf Tage in Zwangsquarantäne müssen, bevor sie sich überhaupt auf Corona testen lassen können. Entsprechende Statements der Behörden im norddeutschen Bundesland liegen SWP Online vor. Eine Petition dagegen soll von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) persönlich zurückgewiesen worden sein.

Risikogebiet ohne Reisewarnung: keine kostenlose Stornierung von Buchungen

Die Ausnahme von der Reisewarnung sei dabei völlig unerheblich. Es gehe bei der Quarantäne allein um die Einstufung als Risikogebiet durch das Robert-Koch-Institut, hieß es. Ähnliche Regelungen gibt es aktuell im Prinzip auch in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. In anderen Ländern soll die 5-Tages-Quarantäne am 15. Oktober oder 1./2. November in Kraft treten. Pünktlich zu den Herbstferien würden private Reisen in die Türkei damit erheblich erschwert bis blockiert. Für Urlauber aus den meisten Regionen Deutschlands ist es aktuell noch möglich, 48 Stunden vor dem Rückflug für 15 bis 30 Euro einen PCR-Test in der Türkei zu absolvieren, um sich von der Quarantäne zu befreien. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Kommt eine verschärfte Reisewarnung für die Türkei?

Auf Anfrage von SWP Online wollte das Auswärtige Amt im Übrigen nicht bestätigen, dass für die vier Küstenprovinzen eine neue Reisewarnung bevorstehen könnte. Es gelten weiterhin die „Absprachen zwischen der Bundesregierung und der türkischen Regierung über den sicheren Reiseverkehr zwischen beiden Länder“, so ein Sprecher. Der entscheidende und ärgerliche Nachteil, den Verbraucher dabei tragen müssen: Für Reisebuchungen aus Mecklenburg-Vorpommern und anderen „Quarantäne-Bundesländern“ gibt es wegen der fehlenden Reisewarnung kein Recht auf Stornierung und Rückerstattung der Kosten.

Reisebüros können Türkei-Bucher beraten

Reisebüros müssten Interessenten zwar entsprechend beraten, bei Online-Buchungen fällt dieser Vorteil aber naturgemäß weg, und etliche Kunden dürften bereits in die Falle getappt sein. Das Auswärtige Amt kann in alldem indes offenbar keinen Widerspruch erkennen und gab sich auf direkte Fragen eher ausweichend und bedeckt.

Angeblich nur 5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche in Antalya

Am 4. August waren die deutschen Diplomaten in den vier türkischen Küstenprovinzen lediglich von 5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche ausgegangen. Das Auswärtige Amt verlasse sich nicht allein auf die Angaben der türkischen Behörden, heißt es. Gegenüber dem Portal „reise vor9“ gab ein Sprecher zu verstehen, dass eine Änderung der Lageeinschätzung wohl nicht in den nächsten Tagen unmittelbar bevorstehe.

Die turnusmäßige wöchentliche Veröffentlichung neuer Risikogebiete durch das Robert-Koch-Institut wird voraussichtlich am Mittwoch, 7. Oktober, zwischen 18 und 20 Uhr wieder kommentarlos im Internet und ohne Pressemitteilung erfolgen – wie zuletzt auch überraschend im Fall der österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg.

Um diese Provinzen in der Türkei geht es jetzt:

  • Antalya
  • Aydin
  • Izmir
  • Muğla

Das sind die offiziellen Corona-Zahlen in der Türkei (Stand 4. Oktober):

  • Täglich mindestens etwa 1400 neue Covid-19-Erkrankungen (zuzüglich der asymptomatischen Fälle)
  • 57 Tote allein am 4. Oktober
  • Mindestens 8262 Todesfälle seit Beginn der Pandemie
  • Über 320.000 Infizierte bzw. Erkrankte seit März
  • Über 280.000 Geheilte