• Am Dienstag, 5.1.2021, haben Kanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs beim Corona-Gipfel über das weitere Vorgehen beraten
  • Der Lockdown wird bis zum 31.1. verlängert
  • Der Handel sieht zehntausende Existenzen gefährdet
  • Click and Collect in BW wieder erelaubt
Nein, der Handel bekam beim Corona-Gipfel am Dienstag, den 5.1. nicht das, was er wollte: zügige Wiedereröffnungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs beschlossen am Dienstag die Verlängerung des Lockdowns bis zum 31.1.2021 auch für Geschäfte.
Der Präsident des Handelsverbandes Deutschland, Stefan Genth, sieht Zehntausende Geschäfte in ihrer Existenz bedroht.

Verzweifelter Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel

Der Handel fühlt sich in der Krise allein gelassen. Der HDE wandte sich Wochenende mit einem Schreiben an Kanzlerin Merkel. „Wir fordern für die von den Schließungen betroffenen Unternehmen endlich gezielte und wirksame Wirtschaftshilfen und eine Perspektive“, heißt es darin. Es drohe das Aus für bis zu 50.000 Geschäfte mit über 250.000 Mitarbeitern. Die Branche stehe jederzeit für ein Spitzengespräch zur Verfügung.
„Die Lage ist wirklich sehr ernst“, erklärte Genth. „Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigt zwar immer Milliardenhilfen an, tatsächlich kommen die Hilfen aber nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu hoch sind.“ Viele Unternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen seien, hätten ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigten wirtschaftliche Unterstützung.

Click and Collect: Abhol-Service in Baden-Württemberg wieder erlaubt

Es war kurz vor Weihnachten ein Schock für den Handel in Baden-Württemberg. Die Landesregierung untersagte Abhol-Angebote wie „Click & Collect“, um „lange Schlangen in der Innenstadt zu vermeiden.“ Nun atmen viele Ladeninhaber auf: Am 5. Januar hat ein Regierungssprecher bekanntgegeben, dass Abhol-Stationen wieder erlaubt werden sollen.

Mittelstand lehnt eingeschränkten Bewegungsradius ab

Der Mittelstand hat bereits vor dem Gipfel vor der Einschränkung des Bewegungsradius in der Corona-Krise gewarnt. Der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, Markus Jerger, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag mit Blick auf die Beratungen von Bund und Ländern: „Der Mittelstand begrüßt alle sinnvollen und angemessenen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Genauso entschieden lehnt aber der Mittelstandsverband einen staatlich angeordneten Hausarrest für Betriebe und Bürger ab.“
Jerger sagte, so wichtig der Schutz der Gesundheit sei, die Politik müsse ebenso das Wirtschaftsleben schützen. „Denn je länger der Lockdown anhält, desto mehr mittelständische Betriebe werden in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Allein im stationären Einzelhandel drohe aktuell 50.000 Betrieben die Insolvenz, dadurch stünden 250.000 Arbeitsplätze und viele Existenzen auf dem Spiel.
„Vor diesem Hintergrund fehlt den Unternehmern jegliches Verständnis für durchsichtige Wahlkampfmanöver, mit denen sich derzeit einzelne Akteure der Großen Koalition wechselseitig die Schuld für eklatante Fehler in der Impfpolitik zuschieben“, so Jerger. „Deutschland bleibt keine Zeit, die Corona-Schlachten von gestern zu schlagen. Die Bundesregierung muss endlich einen bundesweit koordinierten Impfmarathon starten. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass alle Impfzentren rund um die Uhr und auch am Wochenende arbeiten.“

DIW-Chef befürchtet Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland

DIW-Chef Marcel Fratzscher erwartet bei einer Verlängerung des Corona-Lockdowns schwere Auswirkungen. „Je länger es dauert, desto mehr Unternehmen kommen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, desto mehr werden pleitegehen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung der „Augsburger Allgemeinen“. „Die Frage ist jetzt nicht, ob eine Welle an Unternehmensinsolvenzen kommen wird, sondern wann.“ Es drohe auch ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. Fratzscher betonte, es sei dennoch richtig, den Lockdown bei weiter hohen Infektionszahlen zu verlängern. „Wirtschaftliche Lockerungen jetzt mögen kurzfristig manchen nutzen, langfristig würden sie jedoch allen schaden.“
Wegen der Corona-Pandemie werden nach Ansicht des Ökonomen Gabriel Felbermayr in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Am härtesten treffe es Bereiche, die bereits vorher einem strukturellen Wandel unterlagen wie etwa die Luftfahrt- und die Tourismusbranche. „Nachhaltig wird die Pandemie den Einzelhandel verändern“, sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Einige Bevölkerungsschichten kauften erstmals im Internet ein, Vorbehalte schwänden. „Für den Einzelhandel in den Innenstädten und in Einkaufszentren ist die Krise deshalb auch dann nicht vorbei, wenn das Infektionsgeschehen eigentlich die Rückkehr in die Innenstädte erlaubt.“

Video Lockdown verlängert - und noch weniger Kontakte

Altmeier verspricht Hilfsprogramm für den Handel

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will Handel und Kommunen mit einem Hilfsprogramm unterstützen, damit Innenstädte angesichts des Online-Booms attraktiver werden. Der CDU-Politiker sagte: „Es muss darum gehen, attraktiven, zeitgemäßen Einzelhandel in der Innenstadt zu ermöglichen. Das wird dann auch bedeuten, dass die Geschäfte stärker an der Digitalisierung teilhaben und wir Kultur und Wirtschaft noch mehr miteinander verzahnen. Es wird bedeuten, dass wir interessante Angebote auch jenseits von Shopping in die Innenstädte holen. Das alles wird ohne öffentliche Unterstützung nicht gehen.“
Altmaier sagte, zu den großen Problemen des zweiten Lockdowns, die ihn umtrieben, gehöre, dass der Einzelhandel in den Innenstädten erneut zurückgeworfen worden sei. „Viele kleine und mittelständische Einzelhändler vom Schuhgeschäft bis hin zu Modegeschäften sind enorm unter Druck. Da sind zum einen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese, zum anderen die Digitalisierung und die großen Internetplattformen, die jetzt durch den Lockdown noch einmal die Chance haben, ihr Geschäftsmodell auszuweiten.“

Stefan Genth: „Können uns nicht von einem Lockdown zum nächsten hangeln“

Beim Handelsverband HDE hieß es, vorrangiges Ziel müsse es sein, die Geschäfte zu öffnen, sobald dies aus Sicht der Virologen wieder möglich sei und sie dann auch geöffnet zu halten. „Wir können uns nicht von einem Lockdown zum nächsten entlanghangeln. Das werden viele Tausende Handelsunternehmen, insbesondere Modehäuser, nicht überstehen“, warnte Genth. Dass geöffnete Ladentüren und Pandemiebekämpfung kein Widerspruch seien, habe der Einzelhandel in den vergangenen Monaten bewiesen.
Fest steht für den Branchenkenner, dass das Einkaufen künftig digitaler wird. Viele Kunden, die früher nicht online eingekauften, hätten in der Pandemie erlebt, dass es funktioniere. Für den stationären Handel sei der stürmische Wandel aber nicht so einfach zu bewältigen. „Viele Händler versuchen zur Zeit, im Internet ein zweites Standbein aufzubauen, aber das ist enorm schwierig“, betonte Genth. Für einen Mittelständler sei es eine große Herausforderung, im Wettlauf mit großen Anbietern überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Ein anderes großes Problem sei der harte Preiswettbewerb, der im Internet alles dominiere.
Die Unternehmen benötigten deshalb staatliche Unterstützung. Vorbild dafür könne Nordrhein-Westfalen mit seinen Digital-Coaches sein – Beratern, die zu Unternehmen gehen und sie passgenau bei der Digitalisierung unterstützen.