Im Zusammenhang mit dem Gipfel im Kanzleramt ging es nicht nur um einheitliche Corona-Regeln, sondern auch um die Alternative zwischen „Teil-Lockdown“ oder einem abgestuften Ampelsystem für Einschränkungen im öffentlichen Leben.
Bleibt es bei der Zahl von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, die seit vielen Monaten als eine Art deutsches Corona-Mantra durch die Schlagzeilen geistert? Obwohl die EU eigentlich Kennzahlen auf 14-Tage-Basis empfiehlt, die zudem auch die Quote der positiven Tests und die Krankenhauskapazitäten berücksichtigen sollten?
Ministerpräsidenten wie der Merkel-Freund Tobias Hans aus dem Saarland hatten sich im Vorfeld jedenfalls für eine Ampel in irgendeiner Form ausgesprochen. Die Idee wurde von der Runde um Angela Merkel aber weitgehend ignoriert.
Markus Söder Corona-Gipfel „Lockdown näher als viele glauben“

München

Corona-Ampel fast ohne Grün – überall hohe Zahlen

Wenn in einem Land- oder Stadtkreis die 7-Tages-Inzidenz von 35 überschritten wird, müssen Veranstaltungen und private Feiern eingeschränkt und von 10 Personen festgelegt werden, so bereits das Ergebnis bei einem der letzten Corona-Gipfeltreffen mit der Kanzlerin.
Das wäre dann theoretisch die Stufe „Gelb“ oder „Orange“. Problem ist dabei allerdings, dass in ganz Deutschland wegen steigender Corona-Zahlen so gut wie kein Gebiet mehr unter dieser Marke liegt.

Rote Corona-Ampel ab welcher Schwelle?

Falls örtlich eine hohe 7-Tages-Inzidenz überschritten ist, seien weitere Maßnahmen zu erlassen, wurde bereits im September gefordert. Das würde dann offenbar die Stufe „Rot“ darstellen, die künftig vielleicht bei 100 oder 150 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner liegen könnte. Länder wie Frankreich, Österreich und Spanien haben teilweise sogar noch höhere Schwellen.
Dass Deutschland meinte, bei Corona durch Disziplin und Anpassung an vermeintlich wirksame politisch-soziale Vorgaben angeblich viel besser dazustehen als andere, könnte sich nun als Irrtum erweisen. Beschlossen wurde im Übrigen auch eine deutschlandweite Schließung der Gastronomie, obwohl diese mit dem Infektionsgeschehen laut wissenschaftlichen Erkenntnissen wohl wenig zu tun hat.
Gastronomie Corona Regeln Angela Merkel Gastronomie protestiert gegen neuen Lockdown

Ulm

Corona durch Lockdown nicht auszurotten

Ohnehin hatten Epidemiologen im Frühling darauf hingewiesen, dass eine flächendeckend verbreitete Infektionskrankheit mit sozialer Distanzierung höchstens verlangsamt, aber niemals zum Erliegen gebracht werden könne.
Die gewonnene Zeit solle zur Entwicklung von besseren Heilmitteln und zur Bereitstellung von Bettenkapazitäten genutzt werden, hatte es damals geheißen. Ein mutmaßlicher Zusammenhang mit dem Reisen ist wissenschaftlich übrigens nach wie vor höchst umstritten, galt in der Epidemiologie bislang allenfalls bei lokalisierbaren Epidemien wie der Cholera als gegeben.

Paris/Brüssel

Berchtesgaden und Rottal-Inn dunkelrot auf der Corona-Ampel

Wie vor dem Corona-Gipfel bekannt wurde, schweben der Bundesregierung offenbar auch Schul- und Kita-Schließungen „in katastrophal von Corona betroffenen Gebieten“ vor, wie es sie gerade in Bayern schon gibt. Ob damit eine Inzidenz von 200 oder 250 gemeint sein könnte, blieb offen. In den Kreisen Berchtesgadener Land und Rottal-Inn stellt sich die Lage aber in der Praxis so dar. Im Frühling hatte die Bundesregierung jedenfalls ein System mit lokalen Einschränkungen angekündigt, um Deutschland als Ganzes einen erneuten Lockdown zu ersparen.

Ärzteverbände für Corona-Ampel statt Lockdown

Laut aktuellen Berichten von n-tv hält die Bundesregierung ein Ampelsystem inzwischen nur noch dann für sinnvoll, wenn es gelingen sollte, die Zahl der Neuinfektionen täglich wieder auf unter 4000 zu drücken.
Die Ampel-Ablehnung steht auch im Gegensatz zu den Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit, die sich laut RTL in einem Positionspapier für ein ebensolches System stark gemacht haben, um in Bereichen wie Gastronomie oder Fitnessstudios den neuen Lockdown passgenau abstufen zu können. Unterzeichnet ist das 6-seitige Dokument laut Medien unter anderem von den Verbänden der Hausärzte, Fachärzte, Allgemeinmediziner, Laborärzte, Zahnärzte und Vertrags-Ärzte.