Sachsen ist neben Bayern die Corona-Hochburg Deutschlands schlechthin: In etlichen Landkreisen liegt die Inzidenz mittlerweile über 400. Während sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jede Woche mit bundesweiten Lockdown-Vorschlägen hervortut, hat sich sein Kollege Michael Kretschmer für einen regionalen Ansatz mit harten Maßnahmen allein für Sachsen entschieden. Doch gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Ursache für die schlechten Zahlen, die Bayern in einer gewissen Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung verortet.

Stakkato der Corona-Regeln lässt manche Bayern kalt

Im Freistaat war schon im November zu sehen, dass sich viele nicht mehr bedingungslos den im Stakkato von der Regierung verordneten und teilweise widersprüchlichen Corona-Regeln unterordnen wollen. Beispielsweise nahmen Wanderer an den letzten sonnigen Herbsttagen kurzerhand die Terrassen der geschlossenen Berghütten in Beschlag, besetzten sie dicht an dicht bis auf den letzten Platz und brachten für eine zünftige Jause sogar Camping-Grillgeräte mit. Masken beim Essen und Trinken natürlich Fehlanzeige. So beobachtet an einem 17 Grad warmen Tag am Riedberger Horn bei Balderschwang.

Corona Sachsen: Spekulationen über Wahlverhalten

Möglich, dass auch die Sachsen keine Lust mehr auf „Corona-Stress“ hatten und dafür nun einen Preis bezahlen. Eine gewagtere Parallele zog kürzlich die „Sächsische Zeitung“ mit dem Hinweis, dass es in Sachsen schließlich die meisten „Corona-Leugner“ gebe, was indirekt mit hohen Infektionszahlen in ländlichen Gebieten wie dem Erzgebirge in Verbindung gebracht wurde, während die Großstädte Leipzig und Dresden bislang noch etwas glimpflicher davonkamen.
Wie auch in Baden-Württemberg mit seinen „Wutbürgern“ und „Querdenkern“ seien in Sachsen „Renitenz und Protest seit Jahren gereift“, erklärte der Leipziger Historiker und Politologe Michael Lühmann im „Spiegel“. Eine konservativ-protestantische Haltung sieht Lühmann unter anderem in Ostsachsen und im Erzgebirge, wo sowohl die Infektionszahlen als auch die Unterstützung für die AfD besonders hoch seien.
Verwiesen wird dabei auch auf Proteste in der Oberlausitz entlang der B96 zwischen Zittau und Bautzen. Neben Reichsflaggen und Nazi-Symbolen werden dort auch Transparente mit Verschwörungstheorien gezeigt. Dass niemand eine Maske trägt, ist offenbar fast so etwas wie Ehrensache, während in Bautzen und Görlitz der 7-Tage-Inzidenzwert jeweils um die 400 pendelt. Andere Beobachter bringen die Zahlen indes weniger mit einer politischen Haltung in Verbindung als mit der Nähe zu den coronageplagten Nachbarländern Polen und Tschechien. Zudem soll auch das familiäre Miteinander auf dem Dorf eine Rolle spielen, heißt es.

Zusammenhang mit Inzidenz in Sachsen?

Laut Tagesschau sind bei den Protesten an der B96 auch bekannte Unternehmer und stadtbekannte Gesichter dabei gewesen. Dies deckt sich mit Beobachtungen der FAZ in Baden-Württemberg: Laut einer nicht-repräsentativen Befragung im Telegram-Netzwerk und bei Demo-Teilnehmern gibt es unter den Querdenkern überdurchschnittlich viele Akademiker und Selbstständige. Der Anteil der bisherigen AfD-Wähler soll bei 14 Prozent liegen. Allerdings wollen laut FAZ künftig bis zu 30 Prozent des Querdenker-Spektrums der rechten Partei ihre Stimme geben. Von einem mutmaßlichen Zusammenhang mit steigenden Corona-Zahlen war im „Ländle“ allerdings noch nichts zu hören. Vermutungen gibt es eher zu Problemen in Gemeinschaftsunterkünften wie aktuell etwa im Rems-Murr-Kreis – oder auch in Shopping-Zentren.