Stadtgeschichte
: Wie wurde Ulm eigentlich zur Wissenschaftsstadt?

Nach rund 43 Jahren ihrer Existenz steht die Wissenschaftsstadt Ulm auf dem Oberen Eselsberg für die gelungene Verzahnung von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Der Anfang dagegen wurde aus der Not geboren.
Von
Ulrike Schleicher
Ulm
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Wissenschaftsstadt Ulm, Luftbild

Die Wissenschaftsstadt, wie sie heute aus der Luft aussieht. Unten das nächste Foto zeigt eine ähnliche Perspektive aus dem Jahr 1993.

Siegfried Geyer
  • Ulm wurde in den 1980er-Jahren zur Wissenschaftsstadt, um den Strukturwandel zu meistern.
  • Die Universität Ulm (1967) bildete das Fundament für Forschung und Wirtschaft am Oberen Eselsberg.
  • Heute: Über 13.000 Jobs, 140 Hektar Fläche, 61 Firmen, 8 Forschungsinstitute und 4 Hochschulen.
  • Fokus 2020–2025: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Start-ups und internationale Vernetzung.
  • Neue Zentren wie AI Innovation Hub und BioMedTech Science Park machen Ulm zum Technologie-Hotspot.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

In den 80er Jahren lag Ulm wirtschaftlich am Boden. Die Krise in der Metallindustrie und im Nutzfahrzeugbau traf die Stadt Anfang der 80er Jahre mit voller Wucht. Iveco Magirus, der größte Arbeitgeber, baute nach und nach 5000 von fast 11.000 Stellen ab. Als dann 1981 das Farbbildröhrenwerk Videocolor geschlossen wurde, verloren auf einen Schlag 1700 Menschen ihren Job. Die Arbeitslosenquote stieg auf 10 Prozent. Es war die höchste in Baden-Württemberg. Aktuell beträgt sie um 4,5 Prozent. Sie war schon besser, aber Ulm steht in der aktuellen Krise trotzdem noch stabil da.

Zum 80. Geburtstag der SÜDWEST PRESSE – damals noch „Schwäbische Donauzeitung“ – blicken wir zurück. Die Initiative für die Wissenschaftsstadt kam in den 80ern von mehreren Seiten. Da war zum einen der damalige Ulmer Oberbürgermeister Ernst Ludwig: „Wir wollten Ulm zukunftsfest machen und den Strukturwandel aktiv gestalten“, erinnerte sich der längst verstorbene Ludwig rückblickend an die Anfänge.

Dann war da noch Prof. Theodor Fliedner, ein Universitätsrektor mit Vision. Nicht zu vergessen Baden-Württembergs Ministerpräsident, Lothar Späth, der einen Strukturwandel der von der Fahrzeug- und Elektroindustrie abhängigen Stadt forderte. Und es waren zwei Männer aus der Wirtschaft begeistert von der Idee: Heinz Dürr, der damalige AEG-Vorstandsvorsitzende, der nach einer Lösung für die Probleme des Unternehmens am Standort in Ulm suchte. Sowie das Management der Daimler-Benz AG. Der Grund: Die Firma suchte einen Platz für ein Forschungszentrum.

Wissenschaftsstadt, Gebäude Uni II (vorn), Daimler-Benz (hinten li.) und Telefunken (hinten re.), telealt

Ein Foto aus dem Archiv der SÜDWEST PRESSE aus dem Jahr 1993: Damals sah es auf dem Oberen Eselsberg noch so aus. Man sieht die Gebäude Uni II (vorn), Daimler-Benz (hinten li.) und Telefunken (hinten re.).

Wolf Reiner

Der entscheidende Impuls kam allerdings schon 1967 mit der Gründung der Universität Ulm. Sie war die erste Institution, die sich auf dem Oberen Eselsberg ansiedelte, und wurde rasch zum Herzstück der aufstrebenden Wissenschaftsstadt. Bereits im Gründungsjahr nahm die Universität ihren Betrieb auf, zunächst mit den Schwerpunkten Medizin und Naturwissenschaften.
Ein Jahr später folgte mit dem Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik das erste außeruniversitäre Forschungsinstitut. „Die Universität hat den Grundstein gelegt. Ohne sie wäre die Entwicklung der Wissenschaftsstadt undenkbar gewesen“, betont Prof. Michael Weber, amtierender Präsident der Universität Ulm. Im Laufe der Zeit wurde das Fächerspektrum erweitert, etwa um die Ingenieurwissenschaften, die Informatik, die Energie-, Medizin-, Anlagen- und Kommunikations-Technik.

Stadt Ulm stellt Flächen zur Verfügung

Die Stadt Ulm unterstützte die Entwicklung von Beginn an aktiv – durch die Bereitstellung von Flächen, gezielte Infrastrukturmaßnahmen und die Förderung von Unternehmensansiedlungen. Gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft entwickelte man die Vision eines Campus, der Universität, Forschungseinrichtungen und technologieorientierte Unternehmen auf engstem Raum vereint. ​

„Wir wollten nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch Arbeitsplätze schaffen“, sagte Gunter Czisch, ehemaliger OB der Stadt, bei einer Buchvorstellung zur Geschichte der Wissenschaftsstadt im Jahr 2022. Was auf dem Oberen Eselsberg erforscht und entwickelt werde, solle produzierende Firmen anziehen, so Czisch seinerzeit. ​

Gewinnspiel: 80 Jahre SÜDWEST PRESSE

Wir feiern Geburtstag! Im November vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donauzeitung“ und heutigen SÜDWEST PRESSE. Zu diesem Anlass können Sie vom 1. bis zum 30. November zahlreiche Geschenke gewinnen:

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Seit ihrer Gründung hat sich die Wissenschaftsstadt wirklich rasant entwickelt. In den 1970er Jahren kamen mit dem Universitätsklinikum und dem Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) weitere bedeutende Einrichtungen hinzu. In den folgenden Jahrzehnten siedelten sich Dutzende Unternehmen aus den Bereichen Medizintechnik, IT, Biotechnologie und erneuerbare Energien an. Heute umfasst die Wissenschaftsstadt mehr als 140 Hektar und beheimatet neben der Universität zahlreiche Max-Planck-, Fraunhofer- und Helmholtz-Institute, mehrere Kliniken sowie über 40 technologieorientierte Firmen – darunter Branchengrößen wie die Uzin Utz AG, die Science Park GmbH oder das Innovationszentrum Ulm. ​

Das Ziel, damit Arbeitsplätze zu schaffen, ist erreicht: Die Wissenschaftsstadt ist einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte der Region: Über 13.000 Menschen arbeiten inzwischen in den zahlreichen Forschungsinstituten, Kliniken und Technologieunternehmen vor Ort. Die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft hat Ulm zu einem Magneten für Fachkräfte und innovative Firmen gemacht. ​

Entwicklung 2020 bis 2025

Die jüngste Entwicklung zwischen 2020 und 2025 steht ganz im Zeichen der Digitalisierung, Nachhaltigkeit und des Wachstums. Mit Einschränkungen während der Pandemie, wie das Amt für Liegenschaften der Stadt Ulm, anmerkt, haben sich in den vergangenen fünf Jahren Start-ups und weitere wissenschaftliche Institute angesiedelt, wie Christine Liebhardt, Sprecherin der Uni Ulm, mitteilt. ​

Kurz vor der Grundsteinlegung für den Neubau von N-Vision im Science-Park: Von links Unternehmens-Chef Sella Brosh, Bauherr Christian Bried, Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft Ulm, und Oberbürgermeister Gunter Czisch. ⇥

Ulm: Grundsteinlegung Wolfgang-Paul-Straße 2

Kurz vor der Grundsteinlegung für den Neubau von NVision im Science-Park vor rund neun Jahren: Damals begann die Erfolgsstory von NVision. Von links Unternehmens-Chef Sella Brosh, Bauherr Christian Bried, Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft Ulm, und der damalige Oberbürgermeister Gunter Czisch.

Matthias Kessler

So etwa Tensor AI Solutions GmbH, die Künstliche Intelligenz erklärbar machen. Der Standort ist zwar in der Stadt – die Firma hat sich aber aus der Uni heraus gegründet. So begleitet etwa Prof. Joachim Ankerhold, Vizepräsident für Forschung an der Uni Ulm und Professor für Theoretische Physik, die Firma. Oder da ist etwa die Osora Medical GmbH, die den Heilungsverlauf komplizierter Frakturen simuliert und so wirkungsvollere Therapien entwickelt werden können. Und es gibt Diatope, die sich mit Quantentechnologie in der Praxis beschäftigt.
Auch NVision gehört dazu. Die vor rund neun Jahren aus der Uni heraus gegründete Firma ist ein global Player geworden. Ihre Entwicklung: Ein MRT, in dem mithilfe von Quantenphysik Stoffwechselprozesse in Zellen visualisiert werden. Der Einsatz könnte etwa bei Krebstherapien wegweisend sein.

Zahlen zur Wissenschaftsstadt

Am Oberen Eselsberg sind 4 Hochschulen, 3 Kliniken, 8 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, 18 Forschungsverbünde und Kompetenzzentren, 6 Einrichtungen, die mit der Uni in Verbindung stehen sowie 61 Firmen.

Weitere Start-ups, die in der Wissenschaftsstadt sitzen: Day4Solutions und Medatus, die erkrankten Menschen nach der Suche der für sie richtigen Behandlung samt Ansprechpartnern helfen. Nicht zuletzt setzt die Wissenschaftsstadt verstärkt auf internationale Vernetzung: Mit dem European Hydrogen Center, das 2024 eröffnet wurde, ist Ulm nun Teil eines europaweiten Netzwerks für Wasserstoffforschung und -anwendung.​

Mit dem Einzug des KI-Forschungszentrums „AI Innovation Hub“ 2021 und der Eröffnung des BioMedTech Science Parks 2022 hat sich die Wissenschaftsstadt weiter als Hotspot für Zukunftstechnologien etabliert. „Wir forschen hier an Lösungen für die Medizin von morgen, von Künstlicher Intelligenz bis zu personalisierten Therapien“, erläutert Dr. Julia Stein, Leiterin des BioMedTech Science Parks.​

Ulm, Wissenschaftsstadt. Einladung Besuch des Gemeinderates bei der WissenschaftsstadtDLR Quatencomputing-Initiative (QCI) mit Laborbesichtigung

Der Ulmer Gemeinderat besucht zusammen mit OB Martin Ansbacher (Zweiter von links) das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das zur Quantentechnologie forscht.

Volkmar Könneke

2023 zog das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) in die Wissenschaftsstadt und stärkt damit den Bereich Digitalisierung und IT-Sicherheit. Im neu eröffneten Gründungszentrum „StartHub Ulm“ arbeiten junge Unternehmen an innovativen Lösungen von E-Health bis Energietechnik. „Die Nähe zu Universität, Klinikum und anderen Hightech-Firmen ist für uns ein großer Vorteil“, sagt Start-up-Gründer Felix Huber.

Unterstützt werden Start-ups vom Entrepreneurs Campus der Universität Ulm. Dort kann man sich hinwenden, wenn man eine Geschäftsidee hat. „Wir sind eine zentrale Einrichtung der Universität Ulm im Transferbereich“, erklärte Geschäftsführerin Dr. Birgit Stelzer in einem Interview. Der Entrepreneurs-Campus verstehe sich als eine Art Basiscamp, von dem aus die Studierenden, Doktoranden und Post-Docs in die Startup-Szene starten können.

„Man kann zu Recht behaupten, dass Ulm und seine Entscheidungsträger- und trägerinnen – angetrieben von einer existenziellen Krise – Pionierarbeit geleistet haben und bis heute erfolgreich vor Augen führen, wie unverzichtbar die Wissenschaft als Motor für Innovation, Transformation und wirtschaftlichen Erfolg ist“, fassen es Unipräsident Prof. Michael Weber und der Kanzler der Uni Ulm, Dieter Kaufmann, in einem Editorial zur Wissenschaftsstadt zusammen. Und Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Petra Olschowski lobt den Mut, den die Verantwortlichen damals aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft bewiesen haben, als sie für die Zukunft Ulms alles auf die Karte Wissenschaftsstadt gesetzt haben.