Industriegebiet Donautal
: So entstand die Grundlage für den Wohlstand der Stadt Ulm

In den 1950er Jahren siedeln sich Firmen auf einer Fläche zwischen B30 und B311 an. Heute umfasst das Industriegebiet im Donautal 345 Hektar und bietet Arbeitsplätze für rund 20.000 Menschen.
Von
Simone Dürmuth
Ulm
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Das Industriegebiet Donautal heute und früher.

Das Industriegebiet Donautal heute und früher.

Siegfried Geyer/Archiv
  • Das Industriegebiet Donautal in Ulm entstand 1950 und umfasst heute 345 Hektar.
  • Rund 20.000 Menschen arbeiten in über 200 Unternehmen, darunter auch langjährige Betriebe.
  • Historisch war Hochwasserschutz ein Problem, das später verbessert wurde; eine Erweiterung ist kaum möglich.
  • Unternehmen forderten besseren ÖPNV, Wohnraum und früher ein Postamt – neue Herausforderungen sind Parkplätze.
  • Die Initiative „Donautal Connect“ treibt die Entwicklung des Standorts voran, u. a. durch S-Bahn-Ausbau.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ganz ohne Holpern ging der Start des Industriegebiets Donautal nicht vonstatten. Die Vorbereitungen fanden unter größerer Geheimhaltung statt, wie ein Redakteur im August 1950 schrieb: „Die Verhandlungen sind langwierig und zähe und die dabei erzielten Erfolge können nicht immer an die große Glocke gehängt werden, weil sonst vielleicht noch im letzten Augenblick eine konkurrierende Stadt einem Unternehmen ein noch günstigeres Angebot macht.“

Während also die Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, konnte die Schwäbische Donau-Zeitung, wie die SÜDWEST PRESSE seinerzeit noch hieß, in Erfahrung bringen, dass seit Januar 1950 täglich mehr als 1000 Kubikmeter Trümmerschutt angefahren wurden, um das Gebiet vorzubereiten. Geleistet wurde das von 30 Fahrzeugen, von denen jedes etwa 18 bis 20 Fuhren zu bewältigen hatte. 25 Arbeiter waren damit ständig beschäftigt. „Auf einer Fläche von 54 Hektar soll eine Konzentration von Produktionsstätten, die den Ulmern Arbeit und Verdienst geben, aufgebaut werden“, wurde geschrieben. Es handelte sich seinerzeit um ein trapezförmiges Gelände zwischen B30 und B311.

Der Baugrund war denn auch immer wieder Gegenstand von Diskussionen und gipfelte in der Frage: „Kann im Donautal überhaupt Industrie angesiedelt werden?“ Die Redaktion sah sich darum veranlasst, im Februar 1951 den Essay eines namentlich nicht genannten Bauexperten zu veröffentlichen, der eben jene Bodenverhältnisse näher beleuchtet. Er kam zu dem Schluss, dass es durchaus sinnvoll sei, das künftige Industriegebiet mit Kriegsschutt aufzufüllen – allemal sinnvoller, als diesen in irgendwelchen Gruben zu versenken. Das Aufschütten sollte auch den Zweck haben, Hochwasser aus den Industriehallen fernzuhalten.

 Eine Aufnahme aus den späten 50er Jahren: Das damals neue Industriegebiet füllte sich zusehends.

Eine Aufnahme aus den späten 50er Jahren: Das damals neue Industriegebiet füllte sich zusehends.

Archiv

Hochwasserschutz wurde nachgebessert

Heute ist der Hochwasserschutz auf jeden Fall ausreichend: Beim Frühjahrs-Hochwasser 2024 wurde zwar das nahegelegene Fischerheim überschwemmt, aber die Unternehmen im Industriegebiet Donautal hatten – soweit bekannt – keine Schäden zu beklagen.

Trotz der Bedenken wuchs das Industriegebiet schnell: Bereits im November 1952 war in einem Bericht die Rede davon, dass die ausgewiesenen Flächen nicht mehr ausreichten. Als erste Unternehmen hatten sich die Neue Färberei Forst und die Ulmer Tuchfabrik angesiedelt. Dann kamen die Firmen Raizner, Grade, Poretekt, Hagen, Anschütz, Krieghoff, Becker, Marx und Pokahr an. Manche, wie beispielsweise Anschütz und Krieghoff haben nach wie vor ihren Firmensitz im Donautal.

Weitere 13 Unternehmen waren bereits vorgemerkt. Dazu schrieben die Kollegen: „Ursprünglich war im Donautal ein Bebauungsfeld von 54 Hektar vorgesehen, das seine Begrenzung am sogenannten Heuweg hat. Nach Ansicht der Stadtbauverwaltung ist es aber durchaus möglich, daß die Industrieansiedlung unter Ausnützung der vorhandenen Raumreserven über die erstgenannte Fläche hinauswächst.“

1955 waren bereits 1000 Arbeitsplätze geschaffen

Im Jahr 1955 hatte sich das Donautal bereits weitgehend etabliert. Auf einer Sonderseite dazu wurde beschrieben, dass 50 Hektar Land bereits erschlossen waren. Zahlreiche Industrieunternehmen haben sich in dem Dreieck zwischen der B30 und der B311 bereits angesiedelt und rund 1000 Arbeitsplätze geschaffen. „Etwa zur Hälfte sind es Arbeitsplätze für Frauen, an denen in Ulm ein großer Mangel herrscht“, steht in dem Artikel.

Auch wenn die Firmeninhaber mit dem Standort zufrieden waren – das Thema Hochwasserschutz war noch nicht vom Tisch: Kurz vor Erscheinen der Sonderseite hatte es eine Überschwemmung im Donautal gegeben. Südlich der Daimlerstraße war wegen anhaltender starker Regenfälle ein großer See entstanden, und zwischen den Bahn- und Straßendämmen war ebenfalls alles überschwemmt. Im Keller der Firma Anschütz stand das Wasser. Allerdings habe dies daran gelegen, dass der Boden des Schießstandes nicht betoniert und nicht drainiert gewesen sei. Dies habe man nicht für notwendig gehalten, weil man nicht mit derart viel Wasser gerechnet habe.

Nach links? Nach rechts? Im Donautal siedelten sich zahlreiche Firmen im Donautal an.

Nach links? Nach rechts? Im Donautal siedelten sich zahlreiche Firmen im Donautal an.

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Wie Schiffe stünden die Industriebauten im Wasser, hieß es in dem Artikel. In der Stadtverwaltung gab es allerdings bereits Pläne, das Gebiet durch die Erhöhung von Uferdämmen hochwassersicher zu machen. Auch hatte man beschlossen, die Grünfläche zwischen Wiblingen und dem Donautal zu erhalten.

Die Firmen wünschten Wohnungen, guten ÖPNV - und ein Postamt

Doch es gab noch andere Probleme, welche die bereits angesiedelten Unternehmen im Gespräch mit den Reportern nannten. Und diese haben sich bis heute kaum geändert. So gab es nicht genügend Wohnraum für die Menschen, die im Donautal arbeiteten, was auch dazu führte, dass die Firmen Schwierigkeiten hatten, Fachkräfte aus anderen Städten des Bundesgebietes anzulocken.

An zweiter Stelle stand die Verbesserung der Verkehrssituation. Vor allem die Fahrpläne der Omnibuslinien, wie sie damals hießen, zwischen der Stadt und dem Donautal seien unzureichend. Auch eine Wartehalle fehle, damit die Arbeiter nicht bei Wind und Wetter im Freien auf den nächsten Bus warten müssen. Ein Wunsch der Betriebsinhaber dürfte indes nicht die Zeit überdauert haben: Bemängelt wurden die „schlechten « postalischenschen Verbindungen“. Gewünscht wurde die Einrichtung einer eigenen Poststelle.

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Das Donautal machte auch das Westbad möglich

Heute setzt sich die Initiative „Donautal Connect“ für die Weiterentwicklung des Standorts ein. Themen dabei sind nach wie vor die Verbesserung des ÖPNV und der Erreichbarkeit des Donautals. Ein eigenes Postamt fordert derweil niemand mehr. Dafür sind neue Themen hinzugekommen, wie die Versorgung mit Lebensmitteln oder Ruheplätze für Lkw-Fahrer.

In den folgenden Jahren nahm die Entwicklung des Industriegebiets so richtig Fahrt auf: Im Jahr 1958 arbeiten auf dem Gelände bereits 2500 Beschäftigte, die freien Flächen wurden immer weniger. Zur Betriebsbesichtigung hatte im Januar 1958 die Firma Laible geladen, die aus der Innenstadt – wo es zu eng geworden war –  in eine neue Fabrikhallte ins Donautal gezogen war. In der zweiten Jahreshälfte folgte dann ein eigener Gleisanschluss für das Industriegebiet.

Indirekt machte das Industriegebiet auch den Neubau des Hallenbades in der Weststadt möglich: Weil die Firma Hüttenwerk Ulm ihre Flächen an der Moltkestraße verkaufte und ins Donautal umsiedelte, wurde das Grundstück für das Westbad frei.

Industriegebiet Donautal

So sieht das Industriegebiet Donautal heute aus.

Siegfried Geyer

Schon bald wird Erweiterung geplant

Bereits im Februar 1960 titelte die Schwäbische Donau-Zeitung: „Industriegelände Donautal muß erweitert werden“. Die ersten 50 Hektar waren voll belegt, 25 Betriebe hatten sich angesiedelt. Zwischen den Gebäuden befanden sich allerdings teils erhebliche Lücken, denn die Stadt wollte den Betrieben genügend Platz lassen, um sich auf dem Gelände weiter zu vergrößern.

Die Stadt Ulm suchte zu dem Zeitpunkt bereits nach Erweiterungsflächen – unter anderem für einen Schlachthof, der auf dem zweiten Abschnitt zwischen B30 und Grenzgraben entstehen sollte. Einige dafür benötigte Flächen befanden sich allerdings noch in privater Hand.

Zu diesem Zeitpunkt galt bereits als unausweichlich, dass der Untere Riedhof dem Industriegebiet weichen sollte. Er umfasste rund 70 Hektar und schloss sich im Südwesten an das Industriegelände an.

Geplant war seinerzeit, dass im Endausbau rund 4500 Menschen im Donautal Arbeit finden würden. Diese Zahl wird aktuell weit übertroffen: Rund 20.000 Menschen arbeiten derzeit in mehr als 200 Unternehmen, die im Donautal angesiedelt sind. Die Fläche wurde in mehreren Schritten immer weiter vergrößert und umfasst heute 345 Hektar.

Chronologie des Donautals

1950 wird der erste Abschnitt des neuen Industriegebiets erschlossen. Die anfänglich 20 Hektar große Fläche verfügt über ein 2,5 Kilometer langes Straßennetz und zwei Kilometer Gleisanlagen.

1951 siedelt sich die Färberei Förster als erster Betrieb im Donautal an. Es folgt die Textilfabrik Noack aus Stuttgart. Die benötigte Sammelkläranlage geht in Betrieb.

1952 haben elf Unternehmen ihre Arbeit im neuen Industriegebiet aufgenommen.

1955 arbeiten bereits 1000 Menschen im Industriegebiet.

1963 sind bereits 3000 Arbeitsplätze geschaffen worden. Das Industriegelände umfasst 50 Hektar und stößt an seine Grenzen. Weitere Flächen werden erschlossen.

1964  plant Klöckner-Humboldt-Deutz als erstes Großunternehmen eine Ansiedlung mit einem Motorenwerk.

1973 haben rund 10.000 Beschäftigte einen Arbeitsplatz im Donautal gefunden.

2004 wird der neue Bahn-Haltepunkt an der Benzstraße eröffnet.

2018 schließen sich mehrere Unternehmen in der Initiative „Donautal Connect“ zusammen.

2025 sind rund 20.000 Menschen in einem der mehr als 200 Betriebe beschäftigt.

Die Stadt besitzt kaum noch Flächen im Industriegebiet

Damit dürfte zumindest flächenmäßig aber auch das Maximum erreicht sein. Denn das Industriegelände ist eingerahmt von Bundesstraßen und Schutzgebieten. Die Flächen im Donautal sind fast ausschließlich in privater Hand, die Stadt hat also kaum noch Gestaltungsmöglichkeiten.

Möglichkeiten zur Entwicklung gibt es laut dem Stadtplanungsbüro, das sich mit dem „Masterplan Donautal“ auseinandersetzt, vor allem auf den teils sehr großzügigen Parkplätzen der Unternehmen. Parkflächen sind allerdings heiß begehrt: Etwa drei Viertel der Beschäftigten im Donautal gaben bei einer Umfrage an, dass sie täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren. Gibt es in einem Unternehmen dann auch noch Schichtbetrieb, braucht es gleich noch mehr Parkplätze, da sich ja zeitweise zwei Schichten auf dem Gelände aufhalten. Mehrstöckige Quartiersgaragen, die von mehreren Unternehmen genutzt werden, könnten eine Möglichkeit sein, dort Flächen freizumachen, heißt es vom Planungsbüro. Auch über einen Ausbau des S-Bahnhalts könne man nachdenken.

Wie zentral die Bedeutung des Donautals für die Stadt Ulm ist, machte Oberbürgermeister Martin Ansbacher bei einer Feierstunde zum 75-jährigen Bestehen deutlich. „Das Industriegebiet Donautal hat maßgeblich zum Wohlstand der Stadt beigetragen und es ist ein Fundament für die weitere dynamische Entwicklung.“