Das Fischerstechen in Ulm findet wieder statt: Nach dem in diesem Jahr ersten Turniertag am Sonntag, 24. Juli, geht es am Sonntag, 31. Juli, in die zweite Runde. Bei dem Turnier auf der Donau versuchen zwei Kontrahenten sich mit 2,80 Meter langen Speeren gegenseitigen von den Zillen zu stoßen.
30 Stecher-Figuren, insgesamt 15 Paare, treten bei dem Turnier an. 28 davon beruhen auf historischen Personen und Begebenheiten, zwei weitere stellen das „Überraschungspaar“ dar, das sich auf das aktuelle Zeitgeschehen bezieht.
Doch welche Figuren treten auf und welche Geschichte haben sie? Ein Überblick.

Fischerstechen in Ulm: Die Figuren

Schalksnarren

Die Narren gehören zu den ältesten Figuren des Fischerstechens, auch wenn die heutigen Kostüme erst 1935 festgelegt wurden. Sie eröffnen das Stechen auf der Donau und genießen im ersten Durchgang „Narrenfreiheit“, das heißt, sie dürfen sich einen Scherz erlauben, ohne dass es von der Turnierleitung geahndet wird. Sie benutzen in diesem Durchgang die kurzen „Narrenspeere“. Bei den Tänzen und dem Festumzug haben die Narren ihren eigenen „Narrenmarsch“.

Bauer und Bäuerin

Diese Figuren waren – wie die Schalksnarren – zentrale Figuren der Fasnacht des 16. Jahrhunderts und gehören ebenfalls zu den ältesten Figuren des Fischerstechens. Die Bauern waren für die Städter der Inbegriff der Tölpelhaftigkeit. Sie stellen das „gemeine Ehepaar“ dar. Die Frau wird jedoch von einem Mann verkörpert. Wenn die Bäuerin beim Stechen zuerst ins Wasser fällt, wird ihr vom mittleren Zillenfahrer der Hintern versohlt. Auch dieses Paar hat einen eigenen Marsch: den „Bauer und Bäueres-Marsch“.

Weißfischer und Rotfischer oder Weißfischer im Festanzug

Die Fischer gehören neben den Narren zu den ältesten Figuren des Fischerstechens und stellen dabei natürlich das „Stammpersonal“ der Tradition dar. Es gibt die Weißfischer, die ihren Namen von ihrer weißen Tracht haben. Die roten, vor der Brust gekreuzten Bänder kamen erst im Laufe der Zeit dazu, der grüne Filzhut 1935. Die Rotfischer sind im Prinzip auch Weißfischer, tragen allerdings einen roten Mantel. Daher werden sie auch Weißfischer im Festanzug genannt.

Ulmer Orginale beim Fischerstechen

Der Ulmer Spatz und der Schneider von Ulm

Sie sind wohl die bekanntesten Figuren der Ulmer Geschichte. Laut einer Legende hatten die Ulmer einst versucht, einen querliegenden Balken durch das Stadttor zu bekommen, scheiterten aber freilich daran (besonders klug schienen sie nicht gewesen zu sein). Sie beobachteten einen Spatz, der einen Halm der Länge nach durch eine Mauernische zog. Die Ulmer folgten dem Beispiel.
Die Figur des Schneiders geht auf den Schneidermeister und Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger zurück, der 1811 mit einem von ihm entworfenen Gleiter über die Donau fliegen wollte. Das misslang und Berblinger stürzte in die Donau. Spatz und Schneider sind seit 1877 Bestandteil des Fischerstechens.

Spatzameez und Griesbadmichel

Diese Figuren gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Der Ausscheller Kaspar Rau hatte eine Vorliebe für „Spatzagschmeez“, was der Teil ist, der beim Herstellen vom Spätzle im Boden zurück bleibt. Durch einen Sprachfehler sagte Rau jedoch „Spatza‘meez“ zu seiner Leibspeise, was ihm wiederum seinen Spitznamen einbrachte.
Der Griesbadmichel war Michael Hetzler, der viele Jahre lang treu im Gasthaus zum Griesbad diente. Er soll mit besondere Hingabe vor allem um den Garten gekümmert haben.Wenn es geregnet hatte, griff er zu Schirm und Kübel und sammelte die Regenwürmer ein. Diese Bild ziert bis heute einen Brunnen in der Griesbadgasse.

Kuhhirt und Ratsherr

Diese beiden wurden 1890 anlässlich der Vollendung des Münsterbaus in das Fischerstechen aufgenommen. Sie können stellvertretend für Arbeitgeber und Arbeitnehmer stehen.
Einer Sage nach sollte der städtische Kuhhirt wegen Trunkenheit aus dem Dienst entlassen werden. Durch ein Ofenrohr lauschte er den Ratsherren, die darüber berieten und kam seiner Entlassung zuvor, indem er die Kündigung aussprach – durch das Ofenrohr.

Krättenweber und Bollezei

Der Krättenweber (“Krätten“ ist der Korb) geht auf Jakob Weber zurück, einen gelernten Schneider, der 1920 starb. Er war ein akkurat gekleideter Mann, der neben seiner grünen Schürze immer einen „Krätten“ mit sich trug, in dem er Gemüse und später Antiquitäten trug. Bekannt war Weber aber nicht wegen seines Gemüses, sondern wegen seines Fundus‘ an Schwimpfwörtern und Grobheiten. Besonders gern beschimpfte er die „Bollezei“ (Polizei). Beim Fischerstechen darf der Krättenweber im ersten Durchgang seinen Widersacher sogar mit Salat- und Krautköpfen bewerfen.
Das Erfolgspaar wurde 1950 zum Fischerstechen hinzugefügt.

Schwanenwirtin und Max Emanuel von Bayern

Die zweite Frau beim Fischerstechen – die wieder von einem Mann dargestellt wird – ist die Schwanenwirtin Sabina Heilbronnerin. Sie soll den bayerischen Besatzungsoffizieren – Ulm wurde 1702 von den Bayern besetzt – die Stirn geboten haben, als diese den Kurfürsten Max Emanuel und seinen Verbündeten hochleben ließen. Die Offiziere erhoben im Gasthof „Zum Schwanen“ immer wieder ihre Gläser auf die beiden und warfen diese auf die Straße. Sie forderten die Schwanenwirtin auf, es ihnen gleich zu tun. Tat sie auch, nur dass sie den deutschen Kaiser Leopold hochleben ließ und ihr Glas völlig unversehrt auf der Straße landete. Die Schwanenwirtin und Max Emanuel wurden 1954 Teil des Stecherensembles.

Personen der Ulmer Geschichte

Friedrich von Schwaben und Heinrich der Stolze

Der Staufer Friedrich und der Welfe Heinrich waren alte Feinde. Ulm war im 12. Jahrhundert der Hauptstütztpunkt der Staufer. Infolge eines Erbfolgekrieges legte Heinrich Ulms Vororte 1131 und Ulm selbst 1134 in Schutt und Asche.

Der Ulmer Zunftmeister und Karl V

Kaiser Karl V war ein großer Verfechter der katholischen Religion und versuchte diese durch Kriege im Reich festzusetzen. Entsprechend dürfte er wenig davon begeistert gewesen sein, als sich eine große Mehrheit der Ulmer Bürgerschaft 1530 für die Reformation aussprach. 1548 strafte er die Bürgerschaft ab, indem er die Stadtverfassung, die durch den Großen Schwörbrief gelegt worden war, außer Kraft setzte. Der Ulmer Zunftmeister steht stellvertretend für den Schwörbrief wie auch für die Einführung der Reformation.

Graf Eberhard von Württemberg und Heinrich Besserer

Im 14. Jahrhundert hatte Ulm mit anderen Städten ein Interessenbündnis gegen die Grafschaft Württemberg geschlossen. Graf Eberhard von Württemberg, genannt der „Greiner“ wollte Württemberg vergrößern. Dabei stand ihm aber das Städtebündnis im Wege, was zu mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen führte.
1372 kam es zwischen Württemberg und dem Städtebündnis unter dem Hauptmann Heinrich Besserer bei Altheim auf der Alb zum Kampf. Die Städte verloren und Besserer starb im Kampf.

Albrecht von Wallenstein und Gustav Adolf

Wie viele andere Figuren beim Fischerstechen stellen auch Wallenstein und Adolf Kontrahenten dar. Der kaiserliche Feldherr Wallenstein schlief während des Dreißigjährigen Krieges in Ulm. Eine Tafel am heutigen Haus Weinhof 4 erinnert an die Begebenheit. Sogar die Glocke des Schwörhauses wurde zum Schweigen gebracht, damit nichts den Schlaf des Kriegsherren störte. Sein Gegenspieler König Gustav Adolf von Schweden unterzeichnete 1632 ein Bündnis mit der Reichsstadt. Wallenstein, der seit 1954 als Figur des Fischerstechens dabei ist, stellt die katholische Seite dar, während Adolf die protestantische Seite verkörpert.

Türkenlouis und Großwesir

Dieses Paar erinnert an die Türkenkriege im 17. Jahrhundert. „Türkenloius“ war der Spitzname für Ludwig Wilhelm I., Markgraf von Baden. Im August 1691 siegte er in einer entscheidenden Schlacht, in der sein Gegner, Großwesir Mustafa Köprülü, fiel.
Die Ulmer Schifferleute waren in den Schlachten entscheidend, da mit ihrer Hilfe die benötigten Truppen einfacher und vor allem schneller auf dem Wasserwege transportiert werden konnten.

König von Württemberg und König von Bayern

Diese Figuren stellen die kleinen Reibereien und Konflikten zwischen Ulm und Neu-Ulm dar und gehen zurück auf die Zeit, in der zuerst Bayern und schließlich Württemberg an Napoleon übergingen und die Donau zur Grenze zwischen den beiden Ländern wurde. Die Gestalten werden beim Stechen von einem kleinen Napoleon begleitet.
Quelle: Stadt Ulm

Wie werden die Figuren den Stechern zugewiesen?

Martin Käßbohrer, Mitglied des Schiedsgerichts beim Fischerstechen, erklärt, dass die Frage „Wer passt in welches Kostüm“ tatsächlich eine Rolle spielt. Hier gehe es aber weniger um das Kostüm, das beim Turnier auf dem Wasser getragen wird, sondern um die Tracht bei den Umzügen. In einige Kostüme, zum Beispiel das des Ulmer Spatz, passe eben nicht jeder Stecher hinein. Erfahrung bringe natürlich Vorteile beim Stechen, spiele bei der Figurenzuteilung aber nur eine indirekte Rolle. Die Erfahrenen nehmen ja nicht zum ersten Mal teil und schlüpfen oft in die Rolle der Figur, die sie schon bei vorangegangenen Fischerstechen inne hatten.

Fischerstechen 2022: Wie stechen die Paare?

In der ersten Runde, der Hauptrunde, wird gruppenweise gsetochen, jede Gruppe hat drei Paare. Nacheinander stechen fünf Gruppen, das heißt 15 Paare. Jedes Paar sticht dabei zweimal. Jedes Paar hat also zwei Begegungen.
Bei den nächsten Runden entscheidet das Schiedsgericht, ob in einer oder in zwei Begegnungen gestochen wird. Das hängt davon ab, wie viele Stecher die vorausgegangene Runde überstanden haben.

Reihenfolge der Paare

  • Die Schalksnarren
  • Bauer und Bäuerin
  • Weißfischer und Rotfischer
  • Ulmer Spatz und Ulmer Schneider
  • Spatzameez und Griesbadmichel
  • Kuhhirt und Ratsherr
  • Friedrich von Schwaben und Heinrich der Stolze
  • Graf Eberhard von Württemberg und Heinrich Besserer
  • Ulmer Zunftmeister und Kaiser Karl V
  • Gustav Adolf und Wallenstein
  • Türkenlouis und Großwesir
  • Schwanenwirtin und Max Emanuel von Bayern
  • König von Württemberg mit Napoleon und König von Bayern
  • Krättenweber und Bollezei
  • Überraschungspaar
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