1980er-Jahre in Ulm: „Es herrschte Aufbruchstimmung“ – 35.000 Menschen versammeln sich

Die Menschenkette am 22. Oktober 1983: Wie hier auf der Ulmer Neuthorbrücke standen hunderttausend Menschen auf der 108 Kilometer langen Strecke von Neu-Ulm bis Stuttgart Hand in Hand, um gegen die Stationierung US-Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen in Europa zu demonstrieren.
Picture-Alliance / dpa- In den 1980ern prägte die Friedensbewegung Ulm, mit Protesten gegen atomare Aufrüstung.
- 1983 standen 350.000 Menschen in einer 108 km langen Menschenkette von Neu-Ulm bis Stuttgart.
- Sigrid Räkel-Rehner engagierte sich als Gründungsmitglied der Grünen stark gegen Atomwaffen.
- 1986 löste die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl große Betroffenheit und Aktionen in Ulm aus.
- 2025 wurden die Kühltürme des AKW Gundremmingen gesprengt – ein emotionaler Moment für Aktivisten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das atomare Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion war Anfang der 1980er Jahre der Nährboden für die damals größte gesellschaftliche Protest-Initiative in der Geschichte der Bundesrepublik: die Friedensbewegung. Sie war eine Reaktion auf den berühmt-berüchtigten Nato-Doppelbeschluss, der die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern in Europa vorsah, falls die UdSSR nicht ihre auf Europa gerichteten SS-20-Raketen abzieht. Diese Pläne betrafen den Südwesten Deutschlands in besonderer Weise: Die Pershing-Raketen sollen an den Stützpunkten der US-Armee in Neu-Ulm, Mutlangen und Waldheide Heilbronn stationiert werden. Dagegen regte sich ein vielstimmiger Widerstand: von Menschen, die ohne das atomare Damoklesschwert über ihren Köpfen leben wollten.
Sigrid Räkel-Rehner, die heute noch Stadträtin der Grünen ist, erinnert sich gut an diese „intensive Zeit“. Die gebürtige Düsseldorferin war Ende 1975 nach Ulm gekommen für ihren Job als ernährungsmedizinische Beraterin in der Kinderklinik. „Ich wollte unbedingt etwas gegen den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung tun. Deshalb bin ich aktiv geworden.“ Mit Gleichgesinnten organisierte sie Info-Stände in der Fußgängerzone und Aktionen auf dem Münsterplatz. „Damals herrschte so eine Aufbruchstimmung. Uns war allen klar: Wir müssen was machen!“
Thomas Oelmayer wird 1980 erster grüner Stadtrat in Ulm
Ihren politischen Ausdruck fand die Bewegung bei den Grünen, die sich offiziell 1980 gründeten, auch in Ulm. Bei der Kommunalwahl im Sommer errang die erste Ulmer Liste aus dem Stand heraus 3,5 Prozent und damit einen Sitz am Ratstisch: Thomas Oelmayer ging als erster grün-alternativer Mandatsträger in die kommunalpolitische Geschichte der Donaustadt ein. Sigrid Räkel-Rehner gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Ortsverbands.
Außer der Partei gab es viele unabhängige Gruppen, Initiativen und Stammtische, die in der Friedensbewegung mitmischten. Zur ersten Groß-Friedensdemo am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten „sind wir mit mehreren Bussen gefahren“, erinnert sich die 69-Jährige. Zwei handgeschriebene Fahrkarten hat sie als Erinnerungsstücke behalten. Auf denen steht: Abfahrt am 9. Oktober um 24 Uhr auf dem Münsterplatz, Kosten: 35 Mark.

Zeitdokumente: Original-Fahrkarten zur ersten großen bundesweiten Friedensdemonstration am 10. Oktober1981 im Bonner Hofgarten. Dazu sind aus Ulm um Mitternacht mehrere Busse abgefahren.
Verena SchühlyNach der Nachtfahrt in die damalige deutsche Hauptstadt füllte sich der Hofgarten zusehends, am Ende sammelten sich dort 35.000 Menschen. „Es war fantastisch! Und ein tolles Gefühl, mit so vielen Menschen auf dem Platz zu stehen, die alle das Gleiche dachten: Die atomare Aufrüstung ist ein Wahnsinn! Die Masse der Leute hat jedem von uns Mut gemacht und gezeigt, dass wir etwas erreichen können.“
Im Kampf für ein atomwaffenfreies Europa bildete sich in Ulm ein Friedensbüro, und gemeinsam mit dem Stuttgarter Büro begannen die Vorbereitungen für eine eigene Groß-Demo. Peter Langer und Günter Fröscher trieben das Rad über viele Monate hinweg unermüdlich an: eine Menschenkette, die den potenziellen Pershing-Stationierungsort Neu-Ulm mit der Kommandozentrale der US-Streitkräfte in Europa in Stuttgart-Vaihingen quer über die Schwäbische Alb verbinden sollte.
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Zigtausend Menschen versammeln sich
Am 22. Oktober 1983 war es soweit: 2000 Busse und 90 Sonderzüge brachten Menschen aus ganz Deutschland in den Südwesten. Von Ulm aus wurden zigtausende Friedens-Demonstranten in die kleineren Orte auf der Alb weiter gekarrt. Auf der 108 Kilometer langen Strecke standen an diesem Tag Frauen und Männer, Junge und Alte, Christen und Atheisten, Konservative und Bürgerliche zusammen – geeint durch ihr großes Unbehagen bei der Vorstellung, dass man Sicherheit durch immer noch verheerendere Atomwaffen erreichen kann.

Friedlicher Protest gegen die Spirale des Kalten Krieges: Das Luftbild zeigt die Menschenkette am 20. Oktober 1983 irgendwo auf der Schwäbischen Alb. Es waren so viele Demonstranten aus ganz Deutschland gekommen, dass sich in vielen Abschnitten Schlangenlinien bildeten.
Roland Holschneider/dpaIn manchen Abschnitten bildeten sich Schlangenlinien oder Doppelreihen. Alle reichten sich die Hände – und um 12.40 Uhr wurde offiziell verkündet: „Die Kette ist geschlossen!“ Sigrid Räkel-Rehner hörte den Satz auf dem „rappelvollen“ Neu-Ulmer Volksfestplatz: „Ein richtiger Gänsehautmoment.“ Dort waren sie und andere Grüne dafür zuständig, einen Info-Stand zu betreuen und Getränke für die vielen Besucher auszuschenken. „Es war ein super Gefühl zu wissen: Wir haben es geschafft.“ Die Bilder der Menschenkette gingen über die Medien durch ganz Europa. Wie viele Menschen daran teilgenommen haben, lässt sich nicht genau rekonstruieren: In manchen Quellen ist von 250.000 Teilnehmenden die Rede, in anderen von 400.000.
Nach dieser Euphorie war die Katerstimmung umso größer, als der Bundestag am 22. November 1983 seine Zustimmung zur Stationierung der Pershings gab. Die Proteste vor den US-Kasernen nahmen daraufhin zu, vor den Wileys in Neu-Ulm gab es beispielsweise regelmäßige Sitzblockaden.

Zur Menschenkette am 22. Oktober 1983 waren zigtausende von Menschen nach Ulm und Neu-Ulm gekommen. Dieses Foto wurde in der Hermann-Köhl-Straße aufgenommen, die Friedensdemonstranten waren auf dem Weg zum Volksfestplatz Neu-Ulm.
HansKarl von NeubeckSigrid Räkel-Rehner machte politisch ernst und kandidierte auf der Grünen-Liste bei der nächsten Kommunalwahl. Die friedensbewegte Partei landete im Oktober 1984 in Ulm einen Riesenerfolg: Sie kletterte auf einen Stimmenanteil von 12,1 Prozent und sicherte sich gleich fünf Mandate. Thomas Oelmayer, Peter Langer, Jutta Oesterle-Schwerin, Sigrid Räkel-Rehner und ihr Mann Gert Rehner wurden gewählt.
Obwohl das Ehepaar erst kurz zuvor Eltern geworden war, nahmen beide die Wahl an. Bei der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats „war man im Rathaus händeringend auf der Suche nach einem Raum, in dem ich stillen und mich aufhalten konnte. Denn damals war es ja undenkbar, das Baby mit in den Ratssaal zu nehmen“, sagt Räkel-Rehner. So blieb ihr und ihrem Mann nichts anderes übrig, als sich die Sitzungszeit und die Betreuung des kleinen Steffen zu teilen. Weil sie keine Großeltern vor Ort hatten, „haben wir in diesen Jahren ein Vermögen für Babysitter ausgegeben“. Denn die offizielle Kinderbetreuung hatte längst nicht die heutigen Ausmaße.
Mit Blick auf die aktuelle Situation findet es die 69-Jährige richtig gut, dass dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einfacher geworden ist. Und dass junge Mütter nicht mehr ins sprichwörtliche stille Kämmerlein verbannt werden: „So, wie Frauen das heute machen, finde ich es super.“ Die aktuellen Ratskolleginnen Julia Mies-Emmerich und Lena Schwelling nehmen ihre Babys ganz selbstverständlich mit.

Sigrid Räkel-Rehner mit ihrem vier Monate alten Sohn Steffen als frisch gewählte Ulmer Stadträtin im Oktober 1984.
Simon ReschDie junge Familie schaffte dennoch den Spagat zwischen allen Anforderungen der Haupt- und Ehrenämter: Sigrid Räkel-Rehner arbeitete weiter, um das Familieneinkommen zu sichern, weil Gert Rehner mit dem Studium noch nicht ganz fertig war. Zu den Ratssitzungen gab es genaue Absprachen: „Ich erinnere mich an Haushaltsberatungen, da hat erst Gert zu den Umweltthemen gesprochen, dann hatten wir Kind-Übergabe, und anschließend war ich bei den sozialen Themen an der Reihe. Das waren aufregende Zeiten damals.“
Atomarer Super-Gau in Tschernobyl 1986
Und dann kam der 26. April 1986: Mit der Katastrophe im Atomreaktor von Tschernobyl schienen die schlimmsten Befürchtungen der Atomkraftgegner wahr geworden zu sein. „Das war heftig. Wir waren fassungslos. Die ganze Situation war furchtbar“, weiß Sigrid Räkel-Rehner noch gut. Sehr viele Menschen fühlten sich persönlich bedroht, die Unsicherheit über das Ausmaß der radiaktiven Strahlung war riesig, insbesondere was die Belastung von Lebensmitteln betraf. Junge Eltern wie die Rehners waren in Sorge, weil sie nicht wussten, ob sie ihre Kinder noch draußen im Sand spielen lassen sollen. Auf den Wochenmärkten waren Leute mit Geigerzählern und anderen Messgeräten unterwegs, um die Kontamination von Salaten, Gurken, Kartoffeln und anderem festzustellen.

Aktionismus nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl auf dem Ulmer Wochenmarkt: Mit diesem Gerät sollte vermeintlich die radioaktive Strahlung von Lebensmitteln gemessen werden.
SWP-ArchivUlmer Frauengruppen reagierten mit der Aktion „Frauen tragen Trauer“ am 2. Juli auf dem Münsterplatz, wo 500 schwarz gekleidete Frauen (und einige Männer) für das im Grundgesetz garantierte Recht auf ein Leben in Sicherheit und Unversehrtheit demonstrierten, Räkel-Rehner war dabei. Überhaupt war Frauenarbeit ihr zentrales Thema: Einer ihrer ersten offiziellen Besuche als Stadträtin führte sie ins Frauenhaus. Es folgte ihre erste Rede im Sozialausschuss, in der sie für einen regelmäßigen Zuschuss für den Trägerverein Frauen helfen Frauen kämpfte – und der dann auch bewilligt wurde. Sie war in vielen Frauenkreisen aktiv: „Ich wollte, dass Gleichberechtigung mehr Wirklichkeit wird.“ Sie wurde zur Mitgründerin des AK Frauen, in dem sich die Interessen aus verschiedenen autonomen Frauengruppen und -vereinen, von Kirchen, Gewerkschaften und Parteien bündelte. Heute ist daraus das Frauenforum geworden.
Persönlich hat Sigrid Räkel-Rehner keine Benachteiligung erfahren, weil sie eine Frau ist: „Ich konnte mich immer durchboxen, auch gegenüber meinem Chef.“ Sie wollte daher „diejenigen unterstützen, die weniger stark sind“. Ihr Fokus lag dabei inbesondere auf Frauen mit Migrationshintergrund. Im Kampf um mehr Mitspracherechte gab es im Oktober 1987 ein erstes kommunales „Frauen-Hearing“ im Gemeinderat. Im Dezember 1988 wurde die Stelle der ersten Ulmer Frauenbeauftragten eingerichtet, das Amt übernahm Dorothea Hemminger.
Kontroverse Debatten um die reine grüne Frauenliste 1989
Aus all der frauenpolitischen Arbeit heraus erwuchs die Idee, für die Grünen zu der im Oktober 1989 anstehenden Kommunalwahl eine reine Frauenliste aufzustellen. „Es war ein Wagnis, aber wir waren damit nicht allein. Wir hatten Vorbilder in anderen Städten“, berichtet Räkel-Rehner. Die Idee wurde in der Partei kontrovers diskutiert, bis sich schließlich eine „ganz knappe Mehrheit“ für die Frauenliste fand. Heute ist es bei den Grünen längst Praxis, die Listen abwechselnd mit Frauen und Männern zu besetzen.
Die Reaktionen kamen prompt. „Wir sind dafür wirklich angefeindet worden, auch von den Medien“, erinnert sich Räkel-Rehner. Und die in der Grünen-Abstimmung Unterlegenen stellten mit der Begründung „Frau sein allein ist noch kein Programm“ eine eigene „Bunte Liste“ auf. Der Gegenwind im Wahlkampf schreckte die grüne Frauenliste nicht, „wir waren hochmotiviert am Start“. Allein, es half alles nicht: „Wir sind so was von abgeschifft“, berichtet Räkel-Rehner. In der Gunst der Ulmer Wählerinnen und Wähler stürzten die Grünen auf 5,5 Prozent ab. Räkel-Rehner und Sibylle Huff wurden zwar gewählt, hatten aber keinen Fraktionsstatus mehr. „Es folgten fünf harte Jahre. Wir sind aber trotzdem in alle Ausschusssitzungen gegangen und haben unsere Meinung gesagt.“

Das Ende einer Ära: Die Sprengung der Kühlturme vom Atomkraftwerk Gundremmingen am 25. Oktober 2025.
Matthias Kessler„Bewegender Moment“: Abriss der Kühltürme in Gundremmingen
Bei den Wahlen 1994 kandidierte Sigrid Räkel-Rehner nicht mehr, 2011 kam sie als Nachrückerin wieder in den Gemeinderat wurde seither immer wiedergewählt. Ihre Motivation, sich für soziale Themen zu engagieren und Dinge „in eine vernünftige Richtung zu lenken“, ist ungebrochen. Und bei der Sprengung der Kühltürme in Gundremmingen vor kurzen war sie „selbstverständlich dabei. Das war mir wichtig. Und es war auch ein bewegender Moment“, berichtet die 69-Jährige. Bei der „Abrissparty“ der Grünen in Rammingen waren viele Mitstreiterinnen und -streiter aus den 1980er Jahren dabei. Und „ganz abgeschlossen“ ist das Thema Atomkraft nicht: „Schließlich haben wir in Gundremmingen das größte oberirdische Zwischenlager für atomare Abfälle.“ Also geht auch die politische Arbeit weiter.
80 Jahre SÜDWEST PRESSE
1945 erschien die erste Ausgabe der „Schwäbischen Donauzeitung“ und der heutigen SÜDWEST PRESSE. Zu diesem Geburtstag und begeben wir uns auf eine Zeitreise durch die vergangenen 80 Jahre. Was waren die prägendsten Ereignisse in der Ulmer Stadtgeschichte?
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