Bundestagswahl 2025: Eine Abkehr von der Energiewende ist nicht mehr machbar

Jaron Immer ist mit 19 Jahren der jüngste Kandidat im Wahlkreis Reutlingen. Er tritt für die Grünen an.
Thomas KiehlPolitisch aktiv ist Jaron Immer schon lange. Der 19-jährige Student (Geowissenschaften im ersten Semester) war Sprecher der Reutlinger Fridays-for-Future-Bewegung, ist im Landesvorstand der Grünen Jugend und sitzt für die Grünen im Reutlinger Gemeinderat. Bei der Bundestagswahl ist er der jüngste Kandidat im Wahlkreis, und weil sein Listenplatz 17 kein Freifahrtschein ist, kämpft er ums Direktmandat.
Herr Immer, werden Sie oft auf Ihr jugendliches Alter angesprochen?
Jaron Immer: Das ist immer wieder ein Thema. Die Frage habe ich mir auch gestellt, ich bin aber der Meinung, auch Menschen in meinem Alter müssen an politischen Entscheidungen beteiligt werden. Wir wollen, dass alle Generationen an Politik beteiligt sind. Die meisten Menschen haben dafür Verständnis
Politisch aktiv sind Sie ja schon lange.
Ja, ich bin im Landesvorstand der Grünen Jugend und war Landessprecher von Fridays for Future. Da habe ich mich viel für Klimaschutz eingesetzt. Jetzt erlebe ich, dass das als Klimagedöns abgetan wird. Das ist Quatsch, weil klimagerechte Politik auch die Wirtschaft stärkt. Zudem bringe ich Erfahrungen aus dem Reutlinger Jugendgemeinderat und aus dem Gemeinderat mit. Mir ist es wichtig, dass wir die kommunalpolitische Sicht im Bundestag einbringen. Kommunen sind chronisch unterfinanziert, sie können viel zu wenig umsetzen. Dabei stärken handlungsfähige Kommunen das Vertrauen in Demokratie.
Kommunen mehr Geld zu geben, könnte daran scheitern, dass Geld knapp ist.
Deswegen bin ich dafür, einen Altschuldenfonds einzurichten, um überschuldete Kommunen zu entlasten. Ökonomen sagen, Deutschland braucht 60 Milliarden Euro jährlich bis 2035 für Investitionen. Das geht nur, wenn man die Schuldenbremse reformiert. Wir haben schon jetzt Standortnachteile. Ich sage als junger Mensch: Wenn wir investieren und davon noch in 40 oder 50 Jahren profitieren, ist das doch akzeptabel.
In welchen Bereichen würden Sie investieren?
Ganz wichtig: in den Ausbau der Stromnetze und Batteriespeicher zum Aufbau von Stromnetzen. In die Bahn, und E-Ladeinfrastruktur, wenn es um die Verkehrswende geht, und in Schulen, Kitas und Digitalisierung.
Bleibt die Elektromobilität dann nicht auf der Strecke?
Dafür brauchen wir Stromspeicher, etwa Batteriegroßspeicher.
Vermutlich wird auch die Rüstungspolitik Geld kosten.
Ja, Europas Sicherheitsarchitektur ist abhängig von den USA, von Trump und von Musk. Ich möchte eine eigene europäische Sicherheitsarchitektur. Das bedeutet für uns auch Rüstungsausgaben.
Für Rüstung braucht es die Stahlindustrie. Kommt die mit grünem Strom, also Strom aus regenerativer Erzeugung, über die Runden?
Grünen Stahl brauchen wir in allen Bereichen für zukunftsfähige Industrie. Dafür müssen wir Unternehmen wie Thyssen Krupp dabei unterstützen statt, wie es die CSU fordert, eine „Abkehr von grünem Stahl“ zu vollziehen.
Aber die Wirtschaft beklagt sich doch wortreich über zu hohe Energiekosten.
Stimmt, wir hatten hohe Energiepreise. Aber nicht wegen der Energiewende, sondern wegen des Ukrainekriegs und der Gasmangellage. Durch die grüne Energiepolitik haben wir inzwischen Preise auf dem Niveau von 2021, das gilt für Privathaushalte und für die Industrie. Warum? Weil die Ampel die regenerativen Energien ausgebaut und die Gasmangellage gelöst hat. Dass es eine Schockinflation gegeben hat, liegt an der Vorgängerregierung, die uns von russischem Gas abhängig gemacht hat. Zudem wurde nicht in Zukunftstechnologien investiert.
Liegt das nicht auch an den Unternehmen selbst?
Nicht nur, vor allem liegt das an der Politik der Groko. Eine Abkehr von der Energiewende ist nicht mehr machbar.
Gilt das auch für Handwerker, die einem empfehlen, von einer Wärmepumpe die Finger zu lassen?
Das liegt daran, dass Politiker bestimmter Parteien Investitionen in diesem Bereich schlechtreden. Allein die Heizungsgesetz-Debatte hat viel kaputtgemacht. Auf solche Debatten wird viel Einfluss genommen, auch mit Falschinformationen. Deswegen müssen wir zurückfinden zu sachlichen Diskussionen. Wir dürfen Debatten nicht von außen bestimmen lassen.
Wie wollen Sie das verhindern?
Indem ich auch auf sozialen Medien dagegenhalte. Ich möchte aber auch die anderen Parteien ansprechen: Man muss nicht jede Debatte überheizen, damit Umfragewerte steigen. Merz beispielsweise hat sich nach seiner Kritik an Wärmepumpen beim Verband der Heizungsbauer hingestellt und zugeben müssen: Ja, wir brauchen Wärmepumpen.
Auch beim Beladen von E-Autos klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.
Hier geht es um Kosten und Investitionen. Wir wollen günstige E-Autos fördern, um den notwendigen Umstieg zu klimafreundlichen Verkehr anzutreiben, also unter der ominösen 40.000-Euro-Grenze. Nach Möglichkeit wollen wir Autos fördern, eben weil sie günstig sind, für die nötige Marktdurchdringung auch Gebrauchtwagen im Elektrobereich. Auch Ladestationen brauchen Investitionen, noch wichtiger aber ist die Vereinheitlichung der Standards, sodass ich an einer Ladestation wie an einer Tankstelle laden kann, mit einheitlichen Tarifzonen statt verschiedenen Abo-Varianten, die die Preistransparenz erschweren.
Noch sind auch die Preise an E-Tankstellen zu hoch.
Ja, das ist ein Problem, deswegen brauchen wir die Vereinheitlichung. Wenn wir in Stromnetze investieren, dürfen wir natürlich die Kosten nicht auf die Stromkunden abwälzen, sonst setzt sich die neue Technologie nie durch. Deswegen setzen wir uns für dauerhaft günstige Energiesicherheit ein. Dafür finde ich zentral, dass wir die Netzentgelte und damit den Strompreis deckeln.
Mit welchem Koalitionspartner wollen Sie das alles umsetzen?
Wenn man sich die Umfragen anschaut, geht das wohl nur mit der CDU. Das ist am Ende eine Entscheidung, die von den Mehrheiten nach der Wahl abhängt. Ich halte aber nichts davon, ständig Zusammenarbeit unter den demokratischen Kräften auszuschließen, wie das manche Parteien tun.
Sie erinnern sich an den Merz-Vorstoß in Sachen Migrationspolitik? Da haben sich die Grünen von der Union stark distanziert.
Ich sehe gerade eine Entwicklung bei der Union, wonach sie die Distanz zur rechtsextremen AfD nicht aufrechterhält. Es braucht in der Union Leute, die laut werden und klarmachen, dass der Merz-Kurs in die Irre führt. Wir haben die Hoffnung, dass die Anständigen ihre Position klarmachen.
Liegt Merz mit seiner Migrationspolitik falsch?
Die Kritik richtet sich daran, dass die Union der AfD Macht gibt. Das sieht nach der Vorbereitung einer Regierungsbeteiligung aus. Zudem sind die Merz-Vorschläge rechtswidrig und technisch nicht umsetzbar. Sie sollen symbolpolitische Härte signalisieren, wo eigentlich Lösungen nötig wären. An dem Attentat in Aschaffenburg hätten sie nichts geändert. Stattdessen müssen wir darüber sprechen, wie wir die soziale Integration erleichtern können. Alle fünf von Merz vorgeschlagenen Punkte finden sich in den AfD-Wahlprogrammen der vergangenen Jahre wieder. Grenzschließungen und Zurückweisungen verhindern eine gemeinsame europäische Lösung.
Wie wollen Sie das erreichen?
Zunächst: Die Asylanträge sind in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Die Union tut so, als würden hier Horden einfallen. Probleme gibt es bei der Integration, bei der Arbeit und bei der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen. Wir wollen es Menschen erleichtern, die hier arbeiten wollen. Das ist viel entscheidender.
Integration ist ein heikles Thema. Was tun mit jenen, die sich gar nicht integrieren wollen? Was tun mit Armutsflüchtlingen, die weder aus politischen noch aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen haben?
Die absolute Mehrheit möchte sich integrieren, will arbeiten und wird Teil der deutschen Gesellschaft. Dabei müssen wir unterstützen. Es geht darum wie wir die Zusammenarbeit von Behörden verbessern und die europäische Zusammenarbeit verbessern. Der Union geht es nur um symbolische Härte.
Die Grünen setzen sich für eine Bürgerversicherung ein. Was versprechen Sie sich davon?
Ein einheitliches soziales System für alle Versicherten. Nur: Das ist nichts, was man auf einen Schlag hinbekommen kann. Wir wollen Schritt für Schritt und mit Bestandsschutz zu einer Bürgerversicherung. Wenn wir die Sozialsysteme sichern wollen, brauchen wir eine gemeinsame Sozialversicherung. Zudem machen wir mit der Bürgerversicherung Vorschläge zur Entlastung von Arbeitnehmern durch niedrigere Sozialversicherungsbeiträge. Dahinter müssten auch Parteien stehen, die sagen: Fleiß muss sich lohnen.
Die Union spielt aufs Bürgergeld an.
Dahinter steht aber eine Falschbehauptung. Denn wer arbeitet, hat immer mehr als Menschen im Bürgergeld.
Das kommt ja auch darauf an, wie hoch das Bürgergeld ist und wie hoch der Verdienst.
Das Lohnabstandsgebot ist eingehalten. Menschen, die arbeiten, erhalten zudem vorgelagerte Leistungen wie das Wohngeld. Für eine Verbesserung in unteren Lohngruppen braucht es eine Erhöhung des Mindestlohns. Ein armutsfester Mindestlohn sorgt dafür, dass alle Menschen von ihrer Arbeit leben können und nicht mit Bürgergeld aufstocken müssen.
Viele Unternehmen sagen, dass sie diese Löhne gar nicht mehr bezahlen können.
Jeder sollte von seiner Arbeit leben können. Bei allen Erhöhungen des Mindestlohns ist die große Insolvenzwelle ausgeblieben. Mehr Lohn bedeutet, dass die Leute auch mehr Geld ausgeben und den Konsum ankurbeln können.
Dann wollen aber gut ausgebildete Fachkräfte auch mehr Lohn und Gehalt. Treibt das nicht die Inflation in die Höhe?
Die letzten Erhöhungen waren keine Inflationstreiber. Höhere Reallöhne in unteren Lohngruppe steigern zudem das Konsumklima.
2023 haben Erzieherinnen elf Prozent mehr Gehalt gefordert. Jetzt streiken sie wieder.
Sie hatten wegen der Inflation einen Reallohnverlust. Den wollten sie ausgeglichen haben. Wir wollen die Tarifbindung erhöhen, auch öffentliche Aufträge sollen daran gebunden werden.
Deutschland ist eine Exportnation, hohe Preise aber schaden dem Export, richtig?
Wir exportieren deswegen so viel, weil wir komplizierte Produktionsprozesse realisieren können. Die Frage ist, ob wir in technologischen Rückstand geraten.
In Sachen Wehrhaftigkeit sind wir schon im Hintertreffen. Müssen wir die Wehrpflicht samt Ersatzdienst wiederbeleben?
Ich bin gegen die Wehrpflicht. Die Frage der Wehrhaftigkeit hängt mit der Unterstützung der Ukraine zusammen. Die Position von Scholz war uns immer zu zaudernd. Die Ukraine soll auf Augenhöhe mit Russland verhandeln können, es darf keinen Diktatfrieden geben. Schnelle Gebietsgewinne der Russen müssen deswegen verhindert werden.
Taurus könnte da hilfreich sein.
Genau, wenn sie auf Basen gerichtet sind, von denen massive Drohnenangriffe ausgehen. Wir müssen die Ukraine stark machen, damit sie verhandeln kann. Also mehr Unterstützung ist notwendig, auch Taurus.
Wie wollen Sie den Menschen hier helfen, die keine Wohnung finden?
Wir müssen auf Bestandsmietverhältnisse eine effektive Mietpreisbremse anwenden. Die ist bislang viel zu leicht zu umgehen. Zudem wollen wir mit der neuen Gemeinnützigkeit für Wohnbaugenossenschaften und kommunale Wohnbaugesellschaften steuerliche Erleichterungen und wirtschaftlichere Abschreibung ermöglichen.



