Das gefährliche Coronavirus setzt vielen Ländern in Europa erheblich zu - vor allem Spanien und Italien. Als am vergangenen Wochenende sechs schwerkranke Covid-19-Patienten aus dem norditalienischen Bergamo mit einem Airbus A310 der Flugbereitschaft der Luftwaffe nach Deutschland gebracht wurden, war ein intensivmedizinisches Team aus dem Ulmer Bundeswehrkrankenhaus an Bord der fliegenden Intensivstation – darunter Dr. Björn Hossfeld, Leitender Oberarzt für Not­fall­me­di­zin an der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Not­fall­medi­zin und Schmerztherapie. Der erfahrene Notfallmediziner hat schon viele schwerstverletzte und -erkrankte Patienten gesehen. Trotzdem hat er Respekt vor dem, was Deutschland in der Corona-Krise noch bevorsteht.
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Ulm

Herr Dr. Hossfeld, wie geht es den Patienten, die Sie am Wochenende nach Deutschland geholt haben?

Dr. Björn Hossfeld: Schlecht. Das muss man unumwunden sagen. Sie haben eine so schwere Lungenentzündung, dass die Lunge es nicht mehr schafft, genügend Sauerstoff ins Blut zu bringen – man spricht hier von akutem Lungenversagen oder ARDS, Acute Respiratory Distress Syndrome. Wir müssen sie beatmen, mit Überdruck und mit sehr hohen Atemfrequenzen, und wir müssen diese Beatmung für jeden sehr individuell anpassen, damit möglichst viel Sauerstoff das Blut erreicht.

Die Patienten aus Bergamo wurden nach Köln geflogen und von dort auf mehrere Kliniken verteilt. Wie verlief der Flug?

Der Transport an sich war problemlos. Von Bergamo bis Köln sind es ja nur eine Stunde zehn Minuten Flugzeit, das ist also keine lange Strecke. Wir sind sonst andere Flugzeiten gewohnt; wenn wir zum Beispiel Patienten aus Afghanistan holen, fliegen wir sechs oder sechseinhalb Stunden. Trotzdem hatten wir am Wochenende drei Teams dabei, also drei Intensivmediziner mit jeweils einer Fachkraft für Intensivpflege. Zwei Teams aus Ulm und ein Team aus Koblenz – für sechs Patienten. Natürlich hätte man das vielleicht auch mit zwei Teams machen können. Aber die Patienten waren in einem so schlechten Zustand, dass ich froh war, dass ich mich nur um zwei kümmern musste.

Wie ist die Lage in Bergamo?

Ich war in Bergamo nicht im Krankenhaus, wir sind auf dem Flugplatz gelandet und die Patienten wurden zu uns gebracht. Aber wenn man mit den italienischen Kollegen spricht, wenn man ihnen in die Augen schaut, sieht man, dass sie wirklich erschöpft sind. Man sieht, dass sie an ihrer Belastungsgrenze sind, weil sie wenig Schlaf haben, sehr viel Arbeit haben und aber auch sehr viel Leid sehen.

Haben Sie angesichts dieser Eindrücke Angst vor dem, was auf Sie als Arzt in Deutschland zukommt?

Angst ist das falsche Wort. Ich habe Respekt. Das Problem ist, dass wir momentan noch weitgehend verschont sind und dass wir jeden Tag irgendwo in den Medien lesen, das sei alles Panikmache, das sei alles übertrieben, und man ist ja leicht empfänglich für so etwas, man denkt, naja, es wird uns schon nicht so hart treffen. Aber jetzt habe ich sechs Patienten auf einmal gesehen, die so schwer krank sind. Ich habe gesehen, wie froh die italienischen Kollegen waren, dass wir ihnen auch nur sechs Patienten abgenommen haben. Das ist für die italienischen Zahlen ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich habe gesehen, dass die Kollegen wirklich fertig und gestresst wirken, was ein Zeichen dafür ist, dass sie eine Belastungsgrenze erreichen. Und das wird uns wahrscheinlich in ähnlicher Form treffen. Das flößt mir schon Respekt ein.

Wie ist derzeit die Lage am Bundeswehrkrankenhaus?

Momentan haben wir noch freie Intensivbettenkapazität und unser Dienst läuft relativ normal. Wir haben zwar viele Vorbereitungen getroffen, aber momentan haben wir weniger Patienten, als wir aufnehmen könnten. Deswegen sind wir noch in einem Modus, der entspannt wirkt. Ich habe am Samstag das erste Mal bewusst den Eindruck bekommen, dass sich das sicher ändern wird.

Wann?

Es gibt Hochrechnungen für den Alb-Donau-Kreis, die den Höhepunkt bei uns Ende April/Anfang Mai sehen. Wie genau man solche Hochrechnungen bewerten kann, dürfen Sie mich nicht fragen, ich bin kein Mathematiker, ich bin nur Mediziner.

Eigentlich hieß es doch immer, Italien sei nur zehn Tage vor uns...

Das haben wir auch immer gedacht. Es ist aber regional unterschiedlich. München hat über einhundert beatmete Covid-Patienten, in Rosenheim ist die Intensivkapazität an der Grenze. Selbst Augsburg hat eine zweistellige Zahl beatmete Covid-Patienten, soweit ich weiß. Bei uns hat die Uni ein paar Patienten, wir haben ein paar Patienten, das geht. Wir sind vielleicht regional gerade etwas im Vorteil und haben glücklicherweise noch nicht so viele Patienten in der Region.

Dann ist es ein Vorteil, dass Sie jetzt durch die Patienten aus dem Ausland Erfahrung sammeln können?

Ja – aber ich weiß nicht, ob man das so formulieren sollte. Denn das würde ja heißen, wir helfen den Patienten aus dem Ausland nur, um eigene Erfahrung zu sammeln. Das tun wir natürlich nicht. Wir helfen, weil wir momentan noch freie Kapazität haben und daher helfen können. Und wir haben auch immer noch genügend Kapazität, um Patienten aus dem Alb-Donau-Kreis aufzunehmen.

Wie viele Patienten aus dem Ausland sind aktuell im Bundeswehrkrankenhaus?

Wir betreuen aktuell vier Patienten aus dem Ausland. Zwei kamen mit französischen Zivilschutzhubschraubern schon vor über einer Woche, jetzt kamen nochmal zwei am Sonntag.

Wie geht es den Patienten, die schon seit über einer Woche in Ulm sind?

Sie werden nach wie vor beatmet.

Stichwort Beatmung: In der Fachpresse liest man, dass gar nicht jedes Beatmungsgerät für Covid-Patienten geeignet ist...

Ja, das ist so ein bisschen das Problem, das ich auch gerade sehe. Es wird viel mit großen Zahlen jongliert, bei denen man pauschal von Beatmungsgeräten spricht. Aber Beatmungsgerät ist nicht gleich Beatmungsgerät. Sie können, wenn Sie sich ein Auto kaufen, einen Fiat 500 kaufen oder eine Mercedes S-Klasse. Und das ist bei Beatmungsgeräten genauso. Es gibt Beatmungsgeräte, die reichen, wenn wir einen Patienten im Notarztdienst von dem Unfallort bis ins Krankenhaus beatmen wollen. Und es gibt Intensiv-Beatmungsgeräte, die darauf ausgelegt sind, schwer lungenkranke Patienten auch über Wochen zu beatmen.

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass diese große Zahl an Beatmungs­geräten nur zum Teil
das kann, worauf es ankommt.

Das ist richtig. Man muss aber sagen: keiner muss ersticken. Das ist ja auch etwas, wovor Leute Angst haben. Man kann auch mit einem Notfall-Beatmungsgerät erst einmal beatmen. Aber um eine therapeutische Verbesserung zu erreichen, ist ein Intensiv­-Beatmungsgerät erforderlich.

Wie können wir vor diesem Hintergrund das, was kommt, meistern?

Es ist wichtig, dass wir sagen, wir stehen in Europa zusammen und versuchen, die Patienten aus Hotspots dahin zu bringen, wo noch Kapazitäten sind. Ob jetzt international von Italien oder Frankreich nach Deutschland oder, was auch die Franzosen machen, Verlegungen im Land von Ost nach West. Ich denke, wir müssen genau solche Szenarien planen. Alle deutschen Intensivbetten sind in einer Datenbank gemeldet, sodass man jeden Tag schauen kann, wo gibt es freie Kapazität. Ich denke, wenn es regional enger wird, werden wir auch in Deutschland Patienten von einem zum anderen Ort verlegen müssen. Wir können nicht immer davon ausgehen, dass jeder Stuttgarter in Stuttgart austherapiert wird und jeder Münchner in München. Sondern vielleicht, wenn Ulm Kapazität hat, muss München vielleicht auch mal einen Patienten nach Ulm verlegen. Oder vielleicht auch weiter nordwärts.

Zur Person: Dr. Björn Hossfeld


Einsatzerfahren Dr. Björn Hossfeld (50) ist seit 1997 Arzt am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Mittlerweile hat er die Position des Leitenden Oberarzts der Sektion Notfallmedizin an der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie inne. Hossfeld fliegt als Notarzt auf dem in Ulm stationierten Rettungshubschrauber Christoph 22; zudem verfügt er über Einsatzerfahrung aus 16 Auslandseinsätzen für die Bundeswehr unter anderem in im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan, in Mali, in Niger und im Kongo. Mehrfach begleitete er den Transport schwerverletzter Soldaten aus Afghanistan zurück nach Deutschland; nach dem Tsunami 2004 war er an der Rückholung verletzter Deutscher aus Asien beteiligt.