Bademeister ist derzeit am „Ballermann“ ein überschaubarer Job. Der Lebensretter an der legendären Strandbude Balneario 6 muss nur drei Kinder im Blick behalten, die sich bei spätsommerlichem Wetter an den Wellen erfreuen. Am ansonsten leeren Strand wird ein zurückgelassener Schwimmreifen vom Wind weggeweht. Corona-Tristesse auf der Geisterinsel Mallorca, die im Gegensatz zu den Kanaren weiterhin als Risikogebiet gilt und einer Reisewarnung unterliegt.
Bis zum 9. Mai will Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez wegen Corona in einem eisernen „Alarmzustand“ halten – wenn das Parlament seiner schwachen sozialistisch-kommunistischen Minderheitsregierung denn tatsächlich so lange Gefolgschaft leisten will. Allerdings hatten 10 von 17 spanischen Regionen den erneuten Ausnahmezustand gefordert und die Sánchez-Unterstützer von den liberalen „Ciudadanos“ sind offenbar ebenfalls dafür. Lediglich im konservativen politischen Spektrum gibt es etwas Widerstand.

Vor allem Madrid und andere Festlandsregionen in Spanien betroffen

Betroffen ist von dem „Nostand light“ freilich vor allem das Festland und dort insbesondere die Hauptstadt Madrid mit einer Corona-Inzidenz über 200. In Navarra waren im Oktober sogar Werte über 800 zu verzeichnen, und auch in einigen anderen Gebieten gilt die Lage als kritisch. Anders als im Frühjahr wird auch weitgehend auf strikte Ausgangssperren, enge Zeitfenster oder Passierscheine verzichtet.
Ausreiseverbot Risikogebiete Grenzschließung Neue Corona-Ampel für Reisewarnungen in der EU

Berlin

Das bedeutet der Alarmzustand für Spanien:

  • Reiseverbot für die corona-geplagte Bevölkerung Madrids und die Bewohner anderer Hotspots.
  • Die Hauptstadt darf nur mit triftigem Grund betreten oder verlassen werden (Passierschein/Nachweis erforderlich).
  • Sperrstunde abends zwischen 22 und 24 Uhr (je nach autonomer Gemeinschaft).
  • Sperrstunde morgens bis 5 oder 7 Uhr (je nach Region).
  • Abriegelung von besonders stark betroffenen Städten und Gemeinden in ganz Spanien.
  • Risiko-Niveau gemäß einer „Corona-Ampel“, die auch Testquoten und die Auslastung der Krankenhäuser mit einbezieht.
  • Entscheidungsspielraum für die Regionalregierungen.
  • Mögliche Dauer bis 9. Mai 2021
  • Die Kanaren sind ausgenommen.

Ulm/Ibiza

Geisterstimmung zu Halloween auf Mallorca

Eigentlich sollte die liebste Insel der Deutschen im Oktober voller Touristen sein, die in den Herbstferien noch einmal die Sonne genießen wollen. „Ich habe so gut wie keinen gesehen“, sagt Beatrice Ciccardini, Chefin der strandnahen Bar „Zur Krone“. Es sei derzeit „schlimmer als in normalen Jahren im Winter.“
Die Hoteliers und Gastronomen Mallorcas blicken neidisch auf die Kanaren. Die Atlantik-Inseln vor der Westküste Afrikas haben es nämlich geschafft, das Coronavirus einigermaßen unter Kontrolle zu bringen - und wurden von Deutschland von der Liste der Risikogebiete gestrichen. Auch Großbritannien gab fast zeitgleich grünes Licht für die Kanaren. Und auch der von der spanischen Regierung ausgerufene Notstand samt nächtlicher Ausgehsperre gilt überall, nur eben nicht auf den Kanaren.

„Touristen-Ansturm auf die Kanaren“

Nach monatelanger Zwangspause trafen dort am Samstag und Sonntag wieder die ersten Flugzeuge voller Urlauber ein. Die Zeitung „El Mundo“ sprach von einem „Ansturm“, vor allem der Briten. „Es ist eine Freude, wieder diesen Betrieb hier zu sehen“, sagte ein Arbeiter des Flughafens von Las Palmas auf Gran Canaria der Zeitung „La Provincia“. Freude auch bei den Urlaubern. Das spanische Fernsehen sprach mit einer jungen Mutter aus Großbritannien: „Wir sind gestern Abend angekommen. Der Flieger war voll, alle superfroh. Und alle mit Maske natürlich.“

Freude auf den Kanaren – Katzenjammer auf Mallorca

Kontrastprogramm auf Malle: Beatrice Ciccardini, eine Schweizerin mit spanischen Pass, lebt seit 1976 hier. „Als ich auf die Insel gekommen bin, war die Straße am Strand entlang nicht einmal geteert. Und dennoch war mehr los als jetzt.“ Ihre Kneipe ist eine der wenigen, die noch geöffnet haben. Die derzeitigen Einnahmen beziffert sie auf 20 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten.
In guten Jahren geht die Saison auf Mallorca bis Anfang November. Mitte Oktober schließen meist die ersten Hotels, Restaurants und Bars. Dieses Jahr ist alles anders. „Wir müssen ganz schön weit wandern, um offene Geschäfte zu finden“, sagt Christian Guirsch. Der Luxemburger ist mit drei Freunden da. Sie gehören zu den wenigen Touristen, die sich an der Playa herumtreiben. Es klingt verrückt, doch die Urlauber aus dem Zwergstaat machen den Deutschen derzeit „Konkurrenz“ am Ballermann. „Für Spanien gibt es keine Reisewarnung bei uns“, sagt Guirsch. „Es gibt auch einige Deutsche, die den Umweg über Luxemburg für die Mallorca-Reise nehmen.“ Denkbar ist auch ein Umweg über Zürich oder Wien, um die deutsche Quarantäne für Rückreisende zu umgehen. Alle drei Orte gelten jedoch inzwischen ebenfalls als Risikogebiete.

Trotz Alarmzustand in Spanien: Schinken- und Bierstraße auf Mallorca wieder geöffnet

Seit Mitte Oktober dürfen Bars und Restaurants in Schinken- und Bierstraße wieder öffnen. Das gilt aber nicht für die Tanztempel. An einer Ecke steht eine Gruppe Straßenhändler mit Sonnenbrillen, die sehnsüchtig auf Touristen warten. „Kaffee trinken, etwas plaudern und dann wieder nach Hause gehen. Das machen wir jeden Tag. Was anderes bleibt uns nicht übrig“, sagt einer der Männer.
Mario Gross flaniert die Straße vor dem geschlossenen Kult-Partytempel „Bierkönig“ entlang. „Nichts los hier“, sagt er. Seit sechs Jahren lebt der Mannheimer auf Mallorca. „Ich habe im PR-Bereich und als Flyerverteiler gearbeitet. Es gab immer Jobs und gutes Geld.“ Heute lebt er von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Eine Rückkehr in die Heimat kommt für ihn dennoch nicht in Frage. „Ich warte auf die Besserung.“

Selbst Schicki-Micki-Gastronomen vermissen Partytourismus auf Mallorca

Dem Anliegen von Juan Ferrer könnte die Pandemie hingegen zuträglich sein. Fünf Jahre lang hat er gegen betrunkene Partytouristen angekämpft. Der Inhaber von sechs Restaurants hat die Initiative Palma Beach gegründet, die sich für mehr Qualität an der Playa de Palma einsetzt. „Es ist ein Turboeffekt für den Wandel. Alle müssen sich neu erfinden.“ Er sagt allerdings auch: „So eine Ruhe wie jetzt wollten wir aber nie.“ Man wolle „Partyzone“ bleiben. Die Urlauber sollen feiern, „aber nicht so, dass sich die Landsleute fremdschämen.“

Schlechte Corona-Kommunikation in Europa

Ferrer beteuert, die Playa de Palma sei sicheres Gebiet. „Hier gab es nie einen Infektionsherd. Es war ein Fehler, ganz Mallorca als Risikogebiet einzustufen. Das lag auch an der schlechten Kommunikation zwischen den Ländern. Ferrer räumt aber ein, dass die Kanaren in Sachen Corona-Bekämpfung ein Vorbild sein können. Dort ist es gelungen, die Inzidenz stabil auf unter 40 pro Woche und 100.000 Einwohner zu drücken, während sie auf Mallorca bei etwa 80 liegt – und somit in etwa auf dem gleichen Niveau wie in vielen deutschen Städten und Landkreisen.
Was es für einen Sinn macht, das Reisen de facto zu verbieten, wenn das Coronavirus ohnehin überall ist, und warum in Deutschland immer noch eisern an der Schwelle von 50 festgehalten wird, obwohl sich seit ihrer Einführung die Zahl der Tests verdreifacht hat und laut Medizinern von einer hohen Dunkielziffer auszugehen ist, wollten auf Anfrage weder das Auswärtige Amt noch das Gesundheitsministerium beantworten. Möglich ist auch, dass Spanien seine Grenzen bald wieder für Reisende aus Deutschland schließt – auch wenn dies im Frühling keinem der beteiligten Länder nachhaltig Erfolg gebracht hatte.