Bayern wird seinem Ruf als „Bundesland der strengen Regeln“ auch in der Corona-Pandemie gerecht. Die Bußgelder für Maskenverweigerer sind hier am höchsten, die Bevölkerung wird eindringlich dazu ermahnt, die Hygieneregeln einzuhalten. Die politischen Akteure des Freistaats um Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wollen in der Krise vorangehen, Vorbild sein.
Doch der bundesweiten Vergleich vermittelt ein anderes Bild: Bayern steht derzeit auf Platz eins der Infektionszahlen – genau wie im März, als das Coronavirus Deutschland erreichte. Deshalb werden jetzt kritische Stimmen laut. Wer solche Zahlen vorweist, solle sich nicht als Vorbild darstellen.

Corona: Die meisten Neuinfektionen wurden Bayern registriert

Den aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge zählt Bayern in den vergangenen sieben Tagen 2114 neue Fälle – ein Spitzenwert. Nordrhein-Westfalen liegt bei 1543, Baden-Württemberg bei 1530. Auch in Relation zur Bevölkerung ist Bayern am stärksten betroffen. Gerechnet auf 100.000 Einwohner sind es 16,2 Neuinfektionen (BW: 13,8; NRW 8,6.)

Bayern testet wohl mehr Menschen als alle anderen Bundesländer

Was ist also los in Bayern? Wurden im Freistaat mehr Fehler gemacht als in anderen Bundesländern? Ist Krisenmanager Söder auf dem Holzweg? Die Situation lässt keine voreiligen Schlüsse zu. Denn: Die hohen Zahlen in Bayern lassen sich auch damit erklären, dass dort verhältnismäßig viele Abstriche genommen werden. Nach einem Bericht von „Merkur.de“ werden deutschlandweit aktuell rund 1,05 Millionen Menschen pro Woche getestet. Bayern hat vergangene Woche eigenen Angaben zufolge 320.000 Personen testen lassen, knapp ein Drittel also. Andere Bundesländer präsentieren keine genauen Zahlen. Einer Stichprobe des RKI zufolge testet nur NRW ähnlich häufig, Baden-Württemberg, Berlin und Hessen deutlich weniger. Die Bayern, 16 Prozent der Deutschen, schicken also mehr als 30 Prozent der Tests ein.
Das nimmt Markus Söder zum Anlass, um die hohen Zahlen in Bayern zu begründen. Am Dienstag äußerte er sich in einem Post bei Twitter dazu:

Zwei Drittel der neuen Corona-Fälle gehen auf Reiserückkehrer zurück

Auch die Urlaubssituation muss berücksichtigt werden. Nach „Merkur“-Zahlen gehen zwei Drittel der neuen Fälle auf Reisende zurück. In Bayern sind die Sommerferien erst am Montag zu Ende gegangen. In Nordrhein-Westfalen und Hessen läuft der Schulbetrieb bereits seit Mitte August wieder. Die beiden Länder haben den starken Anstieg durch Urlaubsrückkehrer also schon hinter sich.
Insgesamt haben vier bayerische Städte haben in dieser Woche den bundesweiten Grenzwert für 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen teils deutlich überschritten:
  • Memmingen
  • Landshut
  • Würzburg
  • und Rosenheim
Spitzenreiter ist das schwäbische Memmingen mit einer sogenannten 7-Tage-Inzidenz von 68,44. Am Beispiel der kreisfreien Stadt sieht man, welche Auswirkungen Urlauber aufs Infektionsgeschehen haben. Bei den Infizierten handele es sich ausschließlich um Reiserückkehrer aus Risikogebieten, darunter mehrere Familien, die im Urlaub miteinander in Kontakt standen, betonte Bürgermeister Manfred Schilder in einem Facebook-Post:

Bayern legt eigenen Grenzwert fest

Neben der in ganz Deutschland geltenden Grenze von einem 7-Tage-R-Wert von 50, gibt es in verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Grenzwerte.
  • In Bayern liegt die Messlatte niedriger. Dort greift die Notbremse ab einem 7-Tage-R-Wert von 35.
  • In Berlin liegt die Grenze bei 30
  • Niedersachsen greift bei einem Wert von 30 bis 35 ein.
  • In Baden-Württemberg gilt ab einer Marke von 35 eine Vorwarnstufe.
In Bayern wird der Grenzwert mit Frühwarnwert bezeichnet. In Baden-Württemberg hingegen heißt er Vorwarnstufe. Der 7-Tage-R-Wert gibt an, wie viele von 100.000 Einwohnern sich in den letzten sieben Tagen mit dem Coronavirus infiziert haben.