• Die Entwicklung der Corona-Zahlen in Deutschland kannte in den vergangenen Monaten nur eine Richtung: nach oben
  • Seit Anfang November wird mit einem Lockdown Light und schärferen Regeln versucht gegenzusteuern
  • Doch viele Menschen fragen sich: Wie lange dauert die Pandemie noch an? Wann ist sie vorbei? Und drohen bis dahin weitere Shutdowns?
  • Das Forschungszentrum Jülich hat verschiedene Szenarien und Prognosen zur Corona-Entwicklung entworfen bis ins Jahr 2021 hinein
Kein Besuch im Restaurant oder Fitnessstudio, keine großen Feiern und Reduzierung der Kontakte - den November verbringt Deutschland wegen der hohen Corona-Kennzahlen im „Lockdown light“. Doch werden vier Wochen reichen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen? Kommt ein weiterer Lockdown im Winter? Oder gibt es einen alternativen Weg? Wie sieht die Prognose für Deutschland bis ins Frühjahr 2021 aus? Das Forschungszentrum Jülich hat verschiedene Szenarien für den Verlauf der Pandemie berechnet. Ein Überblick über mögliche Szenarien.

Corona Deutschland: Forscher berechnen Entwicklung der Coronavirus-Pandemie bis 2021

Wie entwickelt sich die Corona-Pandemie nach dem Lockdown im November? Diese Frage stellten sich Forscher und Forscherinnen des Forschungszentrums Jülich in Kooperation mit dem Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS). Sie berechneten mit Hilfe von mathematischen Modellen, die schon während der ersten Corona-Welle entwickelt wurden, verschiedene Szenarien für den weiteren Verlauf der Pandemie in Deutschland bis Mai 2021. In den Simulationen ist sichtbar, wie hoch die Zahl der Neuinfektionen und der benötigten Intensivbetten bei den verschiedenen Maßnahmen ist.

Corona Prognose für Deutschland: Ist ein weiterer Lockdown nötig?

Den Wissenschaftlern zufolge legen die Daten nahe, dass ein einziger vierwöchiger Lockdown im November nicht geeignet ist, die rasch wachsende Zahl der Infektionen nachhaltig auszubremsen. Es könnten ein- bis zweiwöchige Shutdown-Perioden nötig werden. „Unsere langfristigen Szenario-Modellierungen sind qualitativ zu verstehen und beanspruchen nicht, den realen Verlauf exakt vorherzusagen“, sagt Dr. Jan Fuhrmann vom Simulation Lab Epidemiology and Pandemic des Jülich Supercomputing Centre (JSC). „Die Szenarien zeigen aber gut auf, wie sich die Epidemie unter verschiedenen Maßnahmen entwickeln würde.“

Mehr Infektionen über die Feiertage

Wie Jan Fuhrmann dem Redaktionsnetzwerk Deutschland im Interview erklärt, könnte es aus seiner Sicht sein, dass gerade an den Feiertagen die Zahl der Infektionen wieder zunimmt. Was aber erst im Januar sichtbar sein werde. Noch ist unklar, wie sich dieser Weihnachtseffekt auf die Fallzahlen auswirkt. Natürlich gibt es mehr Kontakte über die Feiertage. Andererseits fallen auch Kontakte weg, da Schulen und manche Betriebe geschlossen sin.

Corona Deutschland: Diese drei Lockdown-Arten sind möglich

Die Forscher haben in ihren mathematischen Modellen verschiedene Arten des Shutdown angenommen. Dabei gehen sie nicht von konkreten Maßnahmen, wie etwa der Schließung von Restaurants oder Schulen aus, sondern von der Kontaktrate. Diese bezeichnet die „Anzahl der pro Zeiteinheit in der Bevölkerung stattfindende Paar-Kontakte“. Diese Reduzierung der Kontakte wird bei den verschiedenen Maßnahmen angenommen:
  • Soft Shutdown: Reduktion der Kontaktrate auf ca. 35 Prozent des Werts im Spätsommer, als die Fallzahlen noch niedrig waren.
  • Strong Shutdown: Reduktion der Kontaktrate auf ca. 25 Prozent des Werts im Spätsommer
  • Severe Shutdown: Reduktion der Kontaktrate auf ca. 15 Prozent des Werts im Spätsommer
  • No Shutdown: Sogenannte Basisreduktion der Kontaktrate auf ca. 60 Prozent des Werts im Spätsommer. Dieser Wert wird auch außerhalb der Shutdown-Perioden angenommen.

Wie wird der aktuelle „Lockdown light“ eingestuft?

Die Wissenschaftler ordnen die aktuellen Maßnahmen zwischen einem „Soft Shutdown“ und einem „Strong Shutdown“ ein. Genau könne man das jedoch nicht bestimmen, weil viel vom Verhalten der Bevölkerung abhänge. Auch die unterschiedlichen Maßnahmen-Pakete lassen sich nur schwer einordnen. Insofern können die Daten der Forschenden eine Tendenz aufzeigen, aber keine Aussage über konkrete politische Maßnahmen treffen bzw. die exakten Infektionszahlen für die kommenden Monate vorhersagen. Vielmehr geht es darum die Entwicklung der Zahlen unter bestimmten Maßnahmen in der Tendenz aufzuzeigen.

Szenario 1: Corona-Lockdown im November - danach weitgehend Lockerungen

Das erste Szenario, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüften ist ein vierwöchiger Shutdown und danach Lockerungen. Das Ergebnis:
  • Neuinfektionen: Ohne einen Shutdown im November würden die Neuinfektionen im Januar bei über 100.000 im Sieben-Tages-Mittel liegen.
  • Intensivbetten: Es wären bis zu 35.000 Intensivbetten erforderlich.
  • Intensivbetten im Frühjahr: Auch mit einem vierwöchigen Shutdown zeigen die Zahlen, dass im Februar/März 20.000 Intensivbetten benötigt würden.
  • Vorausgesagtes Ende: Ein Ausklingen der Zahlen wird erst für Ende Mai 2021 vorausgesagt.
Die Simulation zeigt die Entwicklung der Zahlen nach einem vierwöchigen Shutdown.
Die Simulation zeigt die Entwicklung der Zahlen nach einem vierwöchigen Shutdown.
© Foto: Forschungszentrum Jülich

Szenario 2: Nach dem Shutdown im November ein weiterer Lockdown

Im zweiten Szenario gehen die Forschenden davon aus, dass es nach dem Lockdown im November Anfang 2021 einen weiteren Lockdown von zwei Wochen gibt. Diese Auswirkungen haben sie errechnet:
  • Neuinfektionen: Die Zahl der Neuinfektionen würde ab März 2021 wieder einen Höhepunkt erreichen, wenngleich es nicht so viele wie in Szenario 1 wären: maximal bis zu 40.000 bis 50.000 gemeldete Infektionen täglich.
  • Intensivbetten: Die Zahl der voraussichtlich erforderlichen Intensivbetten könnte auf unter 20.000 reduziert werden.
  • Vorausgesagtes Ende: Auch in diesem Szenario könnte ein Ausklingen ab Ende Mai erreicht werden.
So sieht die Entwicklung der Fallzahlen laut der Forschenden aus, wenn ein vierwöchiger Shutdown und ein zusätzlicher Shutdown angenommen wird.
So sieht die Entwicklung der Fallzahlen laut der Forschenden aus, wenn ein vierwöchiger Shutdown und ein zusätzlicher Shutdown angenommen wird.
© Foto: Forschungszentrum Jülich

Szenario 3: Shutdown im November und danach zwei weitere Lockdowns

Im dritten Szenario errechnen die Forschenden wie sich die Zahlen entwickeln, wenn nach dem Lockdown im November zwei weitere je zwei Wochen dauernde Lockdowns folgen. So entwickeln sich die Zahlen laut Simulation:
  • Neuinfektionen: Im Fall dreier "Soft Shutdowns" wird der Höhepunkt im Februar erwartet, in anderen Kombinationen mit „Strong Shutdowns“ früher und mit weniger als 40.000 täglichen Neuinfektionen.
  • Intensivbetten: In einigen Kombination fällt die Zahl der benötigten Intensivbetten sogar unter 10.000.
Die Entwicklung der Corona-Zahlen bei drei Lockdowns.
Die Entwicklung der Corona-Zahlen bei drei Lockdowns.
© Foto: Forschungszentrum Jülich

Alternatives Szenario: Dauerhafte Maßnahmen

Als letztes Szenario gehen die Forschenden von dauerhaften Maßnahmen und der Reduzierung der Kontakte um 50 Prozent aus. Die Ergebnisse wären:
  • Neuinfektionen: Die täglichen Neuinfektionen würden in diesem Szenario maximal bei etwa 20.000 liegen.
  • Intensivbetten: Die Zahl der belegten Intensivbetten könnte voraussichtlich auf unter 10.000 reduziert werden.
Wenn alle Menschen ihre Kontakte um die Hälfte reduzieren würden sich die Zahlen so entwickeln.
Wenn alle Menschen ihre Kontakte um die Hälfte reduzieren würden sich die Zahlen so entwickeln.
© Foto: Forschungszentrum Jülich