Wegen steigender Corona-Zahlen auf Mallorca und den Nachbarinseln hat die Regionalregierung der Balearen am Mittwoch neue Lockdown-Maßnahmen in Kraft gesetzt. In der Inselhauptstadt Palma de Mallorca ist seit Freitag ein Bereich mit 23.000 Einwohnern mit Polizeisperren von der Umgebung abgeschnitten. Wie die balearische Gesundheitsministerin Patricia Gómez und Bürgermeister José Hila der Öffentlichkeit mitteilten, sind folgende Stadtteile betroffen:
  • Son Gotleu
  • Can Capes
  • La Soledat Nord
  • Son Canals (teilweise)
Passieren darf seit Freitag, 11. September, 22 Uhr, nur noch, wer zur Arbeit will oder einen anderen triftigen Grund hat. Innerhalb des Gebiets ist die Bewegungsfreiheit jedoch nicht eingeschränkt. Anders als ursprünglich kolportiert, wird bislang auf eine Ausgangssperre am Abend verzichtet. Die Trennlinie zur Außenwelt bilden folgendeHauptverkehrsstraßen:
  • Carrer Manacor
  • Carrer Aragón
  • Carrer Reis Catolics
  • Stadtautobahn Via Cintura.
Zudem können bei Bedarf private Treffen verboten werden, und auch zu einer Schließung von Restaurants und Geschäften sind die Behörden nun ermächtigt. Seit Tagen kursierten bereits Gerüchte über das wahre Ausmaß der Pläne in den sozialen Netzwerken. Inzwischen leistet auch das Militär Unterstützung beim Corona-Tracking auf Mallorca.

Hubschrauber kreisen über Parks und Stränden auf Mallorca

Einen Vorgeschmack auf die Maßnahmen gab es auf Mallorca am Wochenende, als Hubschrauber über Stränden und Parks kreisten, und die Badegäste am Abend per Lautsprecherdurchsage vertrieben, da der Aufenthalt nach Einbruch der Dunkelheit verboten ist.
Dass die Abriegelung von einzelnen Stadtteilen im dicht besiedelten Palma de Mallorca überhaupt durchführbar ist, hatten Beobachter bezweifelt. Die Bevölkerung im neu definierten Sperrgebiet gilt als materiell unterprivilegiert und könnte zu Gegenreaktionen neigen.
Andere Stadtviertel mit ähnlich hohen Infektionszahlen bleiben von den Lockdown-Maßnahmen jedoch offenbar verschont. Betroffene Anwohner zeigten sich gegenüber spanischen Medien ratlos bis erzürnt. „Wenn ich sage, was ich denke, dann müsst ihr mich zensieren“, so das Zitat eines Fitnessstudio-Betreibers aus Son Gotleu. „Man behandelt uns, als ob wir die Pest hätten“, meinten andere. Am Mittwoch und Donnerstag war trotz der harten Ankündigungen jedoch noch kaum Polizeipräsenz wahrnehmbar.
Im Übrigen wird noch über eine Verschiebung des Schuljahresbeginns diskutiert. Außerdem unterstützen 100 Soldaten seit Kurzem das Tracking von Corona-Verdachtsfällen auf Mallorca, und die Polizei will verstärkt gegen Fälle von Quarantäne-Missachtung vorgehen.

Ulm/Palma de Mallorca

Corona-Lage auf Mallorca nicht so kritisch wie im März und April

Etwa zwei Drittel aller Corona-Fälle auf den Balearen entfielen zuletzt auf Palma de Mallorca, obwohl nur jeder dritte der 1,18 Millionen Inselbewohner in der Kapitale lebt. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche lag für Palma de Mallorca allein berechnet seit Längerem über 200 und damit auf ähnlichem Niveau wie in Madrid oder Zaragoza. Eine Richterin hatte die Lockdown-Maßnahmen für Palma de Mallorca Anfang der Woche ratifiziert.
Trotz allem ist die Lage auf Mallorca und anderswo in Spanien nicht so kritisch wie im März und April, als die Krankenhäuser aus allen Nähten platzten, und viele Firmen komplett schließen mussten. Zudem galten am 8. September 12 Inselgemeinden als völlig frei von Corona.

Corona-Infektionen auf Mallorca und den Nachbarinseln

Corona-Zahlen für die Kalenderwoche 35 auf Mallorca und den Nachbarinseln:
  • Montag, 24. August: 352 Neuinfektionen über das Wochenende
  • Dienstag, 25. August: 908 „nachgemeldete“ Neuinfektionen (laut Behörden aus den vorhergehenden 7 bis 8 Tagen)
  • Mittwoch, 26. August: 336 Neuinfektionen
  • Donnerstag, 27. August: 525 Neuinfektionen
  • Freitag, 28. August: 185 Neuinfektionen und ein Verstorbener
  • Am Wochenende (Samstag/Sonntag) werden keine Corona-Zahlen veröffentlicht.
Corona-Zahlen für die Kalenderwoche 36 auf Mallorca und den Nachbarinseln:
  • Montag, 31. August: 707 Neuinfektionen für Samstag/Sonntag und Montag zusammen
  • Zudem wurden am letzten Montag im August zwei Todesfälle in einem Seniorenheim in der Gemeinde Sant Joan bekannt. Dort haben sich 77 Menschen mit Corona angesteckt.
  • Dienstag, 1. September: 174 Neuinfektionen und 5 Verstorbene
  • Mittwoch, 2. September: 326 Neuinfektionen
  • Donnerstag, 3. September: 297 Neuinfektionen und 4 Todesfälle
  • Freitag, 4. September: 230 Neuinfektionen
Corona-Zahlen für die Kalenderwoche 37 auf Mallorca und den Nachbarinseln:
  • Montag, 7. September: 310 Neuinfektionen und zwei Todesfälle für Samstag/Sonntag und Montag zusammen
  • Dienstag, 8. September: 306 Neuinfektionen, 4 Todesfälle
  • Mittwoch, 9. September: 329 Neuinfektionen, 1 Todesfall
  • Donnerstag, 10. September: Nachdem das balearische Gesundheitsministerium zunächst 325 Neuinfektionen und einen Todesfall gemeldet hatte, wurden die Angaben am Abend auf 277 Ansteckungen, 4 Todesfälle korrigiert.
  • Freitag, 11. September: 317 Neuinfektionen, 4 Todesfälle.
  • Samstag, 12. September: 269 Neuinfektionen
  • Sonntag, 13. September: 157 Neuinfektionen, 2 Todesfälle
  • Am Samstag wurde ein Corona-Cluster im Krankenhaus Son Llatzer in Palma de Mallorca bekannt. Betroffen sind mindestens 18 Mitarbeiter und 7 Patienten. Ein Stockwerk musste geschlossen werden.
  • 75 Prozent der Infektionen auf den Inseln sind laut nationalem Statistikamt unbekannten Urprungs. Im August waren es noch 50 Prozent. Eine weitere Verschlechterung der Lage ist daher zu befürchten.
Corona-Zahlen für die Kalenderwoche 38 auf Mallorca und den Nachbarinseln:
  • Montag, 14. September: 71 Neuinfektionen
  • Am Montag, 14. September, wurde bekannt, dass bereits an fünf Schulen und Kindergärten auf Mallorca Klassen oder Gruppen unter Quarantäne gestellt werden mussten.

Sehr hohe Corona-Inzidenz auf den Balearen

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche (7-Tage-Inzidenz) bewegt sich auf Mallorca und den Nachbarinseln nach eigener Berechnung derzeit bei etwa 180 (Stand: 8. September). Ab 50 werden in Deutschland erste Lockdown-Maßnahmen empfohlen.
Auch die Kanaren sind Anfang September vom Robert-Koch-Institut zum Risikogebiet erklärt worden. Ebenso wie für Mallorca und die Nachbarinseln sowie für das spanische Festland gilt dort eine Reisewarnung

Wurden Infektionszahlen falsch ausgewertet?

Wegen einer fehlerhaften Übertragung von Corona-Daten der Balearen an das spanische Gesundheitsministerium in Madrid sind die Infektionszahlen einem Pressebericht zufolge tagelang zu niedrig ausgewiesen worden. Wegen des Übertragungsfehlers wurde die Zahl deutlich unter 50 pro 100.000 Einwohner angegeben, obwohl sie tatsächlich wesentlich höher lag, wie die Mallorca Zeitung am Samstag unter Berufung auf Eugenia Carandell, Direktorin im balearischen Gesundheitsministerium, berichtete.

Video Nach Reisewarnung: Auf Mallorca gehen viele Lichter aus