• Der Inzidenzwert 50 soll künftig nicht mehr maßgeblich für schärfere Corona-Regeln sein
  • Gesundheitsminister Jens Spahn fordert, die Corona-Lage stattdessen nach der Hospitalisierung zu beurteilen
  • Durch die Abkehr von der 50er-Inzidenz soll es kaum mehr Einschränkungen für Geimpfte in Deutschland geben
Ärzte- und Klinikvertreter haben die geplante Streichung eines Inzidenzwerts von 50 als Richtwert für Corona-Maßnahmen begrüßt. Aber was kommt danach?

50er Inzidenz ablösen: Was bedeutet Hospitalisierung?

Für die Lagebeurteilung ist eine stärkere Berücksichtigung der Krankenhausaufnahmen wichtig, finden Ärzte- und Klinikvertreter in Deutschland. Hospitalisierung ist also die Zahl derer, die wegen Covid-19 in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen oder gar mit schwerem Corona-Verlauf auf der Intensivstation landen. Die Ankündigung der Regierung gehe in die richtige Richtung, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, der „Rheinischen Post“. Ähnlich äußerten sich der Deutsche Hausärzteverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft.

Corona-Regeln bei Inzidenz über 50: Maßnahmen auch von Impfung abhängig machen

Der bisherige Inzidenzwert von 50, der noch im Infektionsschutzgesetz als Richtwert für schärfere Corona-Regeln verankert ist, wird nach den Plänen der Bundesregierung gestrichen, weil sich durch die Impfungen die Lage verbessert hat. Künftig soll die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen Covid-19 entscheidend sein. Welche Corona-Zahl oder Zahlen hier konkret welche Maßnahmen nach sich ziehen werden, ist aber weiter offen. Darüber laufen nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) derzeit Beratungen zwischen Bund und Ländern.
Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Mittwoch 11.561 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages in Deutschland. Vor einer Woche hatte der Wert bei weniger als 4000 Ansteckungen gelegen. Er hat sich also mehr als verdoppelt. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg erneut: auf 61,3. Am Vortag lag der Wert bei 58 und vor einer Woche bei 40,8. Fast 60 Prozent der Bevölkerung waren Stand Mittwoch, 25.08., vollständig gegen Corona geimpft.

Hospitalisierungsrate und Zahl der Corona-Neuinfektionen steigen in Deutschland

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben erstmals seit Mai mehr als 10.000 Neuinfektionen binnen eines Tages an das Robert Koch-Institut übermittelt. So wurden 11.561 neue Fälle gemeldet, so viel wie seit dem 20. Mai nicht, wie aus RKI-Daten vom Mittwoch hervorgeht. Vor einer Woche hatte der Wert für Deutschland bei 8324 Ansteckungen gelegen. Die Hospitalisierungsrate – also die Krankenhauseinweisungen in Verbindung mit Corona pro 100 000 Einwohner und Woche – gab das RKI am Mittwoch mit 1,47 an. Eine Woche zuvor lag sie bei 1,19. Der Wert soll künftig die wichtigste Kennzahl sein. Nach Angaben der Bundesregierung bewegte er sich im vergangenen Winter teilweise um 10 bis 12.

Corona-Infektionsgeschehen Bewertung: Diese Zahlen werden wichtig

„Die Bewertung des Infektionsgeschehens müsste längst mehr Aspekte als nur die Inzidenz einbeziehen“, sagte der Vorsitzende des Deutsche Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt der „Rheinischen Post“. Die Berücksichtigung der Hospitalisierungsrate sei deshalb ein richtiger erster Schritt. Es gehe darum, die Belastung des Gesundheitswesens abzubilden. „Mit steigender Impfquote in Deutschland und der zunehmenden Entkopplung von Inzidenz und Krankheitslast müssen Bund und Länder ihre Corona-Politik neu ausrichten“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, der Zeitung. Für die Beurteilung der Gefahrenlage sei vor allem die Hospitalisierungsrate auf den Normal- sowie Intensivstationen entscheidend, dann die Test-Positivrate, die Impfquote und die Altersstruktur der Infizierten.

Inzidenzwert bleibt wichtig für Corona-Regeln und Bewertung der Lage

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht sich durch die Pläne der Bundesregierung bestätigt: „Schon seit geraumer Zeit fordern wir, dass neben der Inzidenz andere Indikatoren wie die Hospitalisierung, aber auch die Impfquote berücksichtigt werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Intensivmediziner halten eine Abkehr von der 50er Inzidenz als Richtwert ebenfalls für richtig. Man begrüße das, sagte der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi Gernot Marx im ZDF-„Morgenmagazin“. Das heiße aber nicht, dass man die Inzidenz nicht mehr als relevant betrachte. Die Inzidenz sei „natürlich sehr relevant“. Es bestehe nach wie vor ein Zusammenhang zwischen Hospitalisierung und Inzidenz. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bekräftigte seine Warnung, sich vom Inzidenzwert als wichtigem Wert abzuwenden: „Es wäre zu riskant, wenn wir künftig nur auf einen nachgelagerten Warnwert wie den der Krankenhauseinweisungen schauen“, sagte er in der „Rheinischen Post“.

Was folgt auf die 50er Inzidenz im Infektionsschutzgesetz?

Was im Infektionsschutzgesetz an die Stelle des 50er-Wertes treten soll ist noch unklar. „Wir haben ja Erfahrungswerte aus dem letzten Winter, etwa aus Dezember, Januar, wo wir eine sehr, sehr starke Belastung in den Kliniken hatten“, sagte Spahn am Dienstag im Interview bei „Welt“. Gemeinsam mit den Ländern schaue man sich jetzt an, was die richtigen Kennziffern für weiteres Handeln seien. „Wir können sie ableiten aus den letzten zwei Wellen.“ Schärfere Corona-Regeln, falls diese Kennziffern erreicht werden, dürften dann voraussichtlich vor allem Menschen treffen, die nicht geimpft sind. Geimpfte und Genesene müssen laut Bundesregierung „nach jetzigem Stand“ keine gravierenden Einschränkungen mehr befürchten. Ungeimpfte allerdings müssen sich auf Änderungen gefasst machen. Schon jetzt benötigt man als Nicht-Geimpfter in manchen Bereichen einen teuren PCR-Test.

Infektionsschutzgesetz Inzidenz: Schwellenwert 50 wird gestrichen

Die große Koalition drückt bei der geplanten Abkehr vom Inzidenzwert als maßgebliche Größe für Corona-Maßnahmen aufs Tempo. In einer am Mittwoch (25. August) veröffentlichten Beschlussvorlage wird die Bundesregierung aufgefordert, bis Montag eine entsprechende Formulierungshilfe für eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes vorzulegen. Künftig soll die Zahl der Corona-bedingten Krankenhausaufenthalte eine zentrale Rolle spielen. Bislang heißt es in Paragraf 28a des Infektionsschutzgesetzes: „Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.“ Diese Passage soll gestrichen werden.
Der Bundestag will am Mittwoch zudem über die Verlängerung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite entscheiden, die Grundlage vieler Corona-Maßnahmen der Länder ist. Die Gesetzesänderung könnte am 1. September vom Kabinett gebilligt und am 7. September im Bundestag beschlossen werden. Abschließend soll der Bundesrat auf einer Sondersitzung am 10. September über die Änderung entscheiden.

Corona-Regeln Inzidenz 50: Bundesregierung will Hospitalisierung als Richtwert

Auch Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat die von der Bundesregierung angekündigte Streichung der 50er-Inzidenz als Richtwert für Corona-Maßnahmen und eine stärkere Berücksichtigung der Krankenhausaufnahmen für die Lagebeurteilung begrüßt. Die Koalition habe sich darauf verständigt. „Und der neue Wert wird die Hospitalisierung sein.“ Welcher Wert dann zu welchen Maßnahmen führe, werde die Bundesregierung jetzt vorschlagen.
Der Corona-Expertenrat von NRW habe schon vor einem Jahr gefordert, dass man einen breiteren Blick auf das Pandemiegeschehen brauche, erläuterte Laschet. Das habe Nordrhein-Westfalen auch auf der jüngsten Ministerpräsidenten-Konferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorgetragen. Das Argument, dass die Inzidenz 50 im Jahr 2021 nicht vergleichbar ist mit der Inzidenz 50 im Jahr 2020, habe auch die Bundesregierung seit Wochen erörtert, erklärte der Unions-Kanzlerkandidat.