Ulmer Kommandant Adrian Röhrle
: „Feuerwehr ist ein Mannschaftssport“

Sie ist im Ernstfall da, wenn es in Ulm brennt: die Feuerwehr. Über 2.000 Mal rücken sie pro Jahr aus. An ihrer Spitze steht Adrian Röhrle. Im Stadtmagazin acht.neun erzählt der Ulmer Kommandant, wie es für ihn ist, wenn der Alarm losgeht.
Von
Karsten Sander, Saskia Mohr
Ulm
Jetzt in der App anhören
Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Atelier Schlieper
  • Ulms Feuerwehrchef Adrian Röhrle beschreibt Alarmabläufe und schnelle Lagebeurteilung.
  • Navigation läuft per Leitstellen-Navi, Straßenkunde wird wegen Baustellen regelmäßig geschult.
  • Führung im Einsatz folgt FwDV 100 – klare Befehle, schnelle Entscheidungen trotz Datenmangel.
  • Ulm hat besondere Risiken: Altstadt, Donau, große Feste, hoher Kirchturm und neuer Tunnel.
  • 1.000 Kräfte, 85 Fahrzeuge, etwa 2.000 Einsätze pro Jahr – über 300 Menschen werden gerettet.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Er ist der Chef der rund 1.000 Feuerwehrleute in Ulm: Adrian Röhrle. Der 49-Jährige ist ein Ulmer Urgestein, wuchs in Unterweiler auf und war dort schon in der Jugend bei der Feuerwehr. Im Stadtmagazin acht.neun spricht er über seine prägendsten Einsätze und darüber, wie er es schafft, auch belastende Einsätze nicht mit nach Hause zu nehmen.

Herr Röhrle, wenn in der Leitstelle ein Notruf eingeht, was ist dann der erste Gedanke, der Ihnen durch den Kopf schießt?
Jeder eingehende Notruf wird zunächst vom Disponenten in der Leitstelle bewertet und entsprechend alarmiert. Bei größeren Lagen werde ich oder meine Vertretung umgehend informiert. Der erste Gedanke gilt dann der Frage: Was ist genau passiert? Anhand des Einsatzstichworts entsteht schnell ein erstes Bild vom Ort, der Bebauung und möglichen Besonderheiten. Kurz darauf wird es ganz praktisch. Wie komme ich so schnell wie möglich in die Einsatzkleidung und zum Einsatzort?

Wie finden Sie im Einsatz den schnellsten Weg? Funktioniert das über ein Navigationssystem, oder müssen alle Einsatzkräfte die Stadt wie ein Taxifahrer im Kopf haben?
Vieles hat man tatsächlich im Kopf. Dennoch schulen wir regelmäßig ganz klassisch auch Straßenkunde, gerade mit Blick auf die aktuellen Baustellen und Umleitungen. Unterstützt werden wir aber selbstverständlich durch ein Navi. Der Einsatzleitrechner sendet die Adresse direkt an das Navigationsgerät im Fahrzeug. Für die letzten Meter ist das besonders hilfreich, da man nie jede Adresse im Detail kennen kann. Die wichtigsten Adressen und Straßen sitzen jedoch auswendig.

Sie haben Bauingenieurwesen studiert. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie nicht Gebäude planen, sondern Menschen retten wollen?
Dazu sollte man wissen, dass jeder Mitarbeiter bei der Berufsfeuerwehr einen berufsqualifizierenden Abschluss hat. Im mittleren Dienst sind das meist Handwerks- und manchmal kaufmännische Berufe. Im gehobenen Dienst ist es fast immer ein Bachelor- oder Fachhochschulabschluss und im höheren Dienst, wie bei mir, ein Abschluss einer Universität oder heute ein Masterabschluss. Ich bin in Unterweiler aufgewachsen und war früh bei der Freiwilligen Feuerwehr Ulm aktiv. Im fünften oder sechsten Semester habe ich aus Neugier die Vorlesung „Brandschutz im Industriebau“ belegt, da ist der Wunsch konkret geworden. „Menschen retten“ klingt jedoch etwas klischeehaft. Gerade im höheren Dienst gehören zum Arbeitsalltag auch viel Organisation und Büroarbeit.

Seit Juni 2024 am Start: acht.neun

Dieser Text erschien zuerst im neuen Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni 2024 an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur aktuellen Online-Ausgabe gibt es hier.
acht.neun als gedrucktes Magazin ist an mehr als 250 Auslagestellen kostenlos zu haben. Es liegt an vielen hochfrequentierten Plätzen in der Doppelstadt aus: in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Banken und Parkhäusern.

Wie muss man sich denn den Alltag eines Feuerwehrkommandanten vorstellen?
Meine Arbeitstage sind nie gleich, auch wenn rund 90 Prozent meiner Arbeit koordinierende Tätigkeiten sind. Ich sorge zum Beispiel dafür, dass immer genügend ausgebildetes Personal zur richtigen Zeit verfügbar ist. Das gilt gleichermaßen für das Haupt- und das Ehrenamt. In Ulm sind das 560 ehrenamtliche Einsatzkräfte sowie 80 Hauptamtliche. Ich habe zahlreiche Besprechungen und viel Organisatorisches. Daraus resultieren eine Menge Entscheidungen, die zu treffen sind. Jeden Dienstag gibt es einen Jour fixe mit meinem direkten Vorgesetzten, Baubürgermeister Tim von Winning, und den übrigen Kollegen des Baudezernats.

Was war Ihr bisher schwierigster Einsatz?
Ich bin seit 22 Jahren im Dienst, da kommt einiges zusammen. Besonders im Kopf geblieben ist mir der Einsatz nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009. Das war neben den beiden menschlichen Schicksalen fachlich extrem fordernd, auch aus Sicht eines Bauingenieurs. Technisch anders herausfordernd war der Hagelschaden in Reutlingen 2013. Hier ging es vor allem um eine sehr anspruchsvolle organisatorische Aufgabenstellung. Landesweit gab es 33 Drehleitern zu organisieren und zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Helfer zu koordinieren.

Prägend war auch der Einsatz im Ahrtal. Wir sind 2021 von Ulm aus als mobile „Führungsunterstützungseinheit Baden-Württemberg“ in die Krisenregion gefahren, um die Einsatzleitung vor Ort bei der Koordination und Organisation zu unterstützen. Solche Einsätze sind sehr anspruchsvoll und fordern einen sowohl fachlich als auch menschlich stark.

Ulm und Neu-Ulm unterhalten zwei getrennte Feuerwehren. Gibt es dennoch Schnittstellen und gibt es Spielraum, um sich gegenseitig bei Einsätzen zu unterstützen?
Ulm und Neu-Ulm haben zwar zwei getrennte Feuerwehrorganisationen, arbeiten im Einsatzfall aber eng zusammen. Die Einsatzleiter kennen sich gut und stehen in regelmäßigem Austausch. Die gegenseitige Unterstützung ist formal geregelt, da Brandschutz Ländersache ist. In der Praxis funktioniert das unkompliziert. Wenn die für Neu-Ulm zuständige Leitstelle Donau-Iller Unterstützung benötigt, ruft sie bei uns an. Außerdem ist unsere Ausstattung aufeinander abgestimmt. Neu-Ulm hat beispielsweise keinen Kran, den stellen wir bei Bedarf zur Verfügung. Umgekehrt verfügen sie über ein Feuerwehrboot, das wir bei Bedarf anfordern können. Solche Kooperationen sparen Kosten und funktionieren reibungslos. Darüber hinaus gibt es einmal im Jahr einen offiziellen Austausch.

Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Atelier Schlieper

Sie haben einmal gesagt: „Im Einsatz muss ich entscheiden. Nichts ist schlimmer, als keine Entscheidung zu treffen.“ Wie trifft man in Ausnahmesituationen die richtigen Entscheidungen?
Die Herausforderung im Einsatz ist meist, dass man Entscheidungen trotz eines Mangels an Informationen sehr schnell treffen muss. Ich orientiere mich an der Feuerwehrdienstvorschrift „FwDV 100 – Führung und Leitung im Einsatz“. Diese Dienstvorschrift beschreibt einen Führungskreislauf zur Gefahreneinschätzung. Wenn ich die wichtigsten Gefahren erkannt habe, kann ich die ersten Befehle erteilen. Entscheidungen aus Angst vor falschen nicht zu treffen, wäre katastrophal. Denn dann passiert gar nichts, und das wäre das Schlimmste.

Wie führt man ein Team in Extremsituationen, ohne dass Chaos entsteht?
Zunächst muss klar sein, dass es im Einsatz keine Diskussionen gibt. Jeder ist fokussiert und folgt den Befehlen. Die Struktur muss für alle klar erkennbar sein. Ich muss mir im Klaren darüber sein, wo die Stärken der Kollegen liegen. Nur so kann jeder sein volles Potenzial im Einsatz ausschöpfen. Das funktioniert nur, wenn man sich kennt und vertraut. Wie in jeder größeren Organisation menschelt es hin und wieder auch bei der Feuerwehr. Wo viele unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, ist das normal.

Schon bei den Einstellungsgesprächen für das Hauptamt achte ich jedoch auf die Teamfähigkeit der Bewerber. Auch darauf, ob sie kompatibel zur bestehenden Mannschaft sind. In diesem Prozess bitte ich die Beteiligten, mir offen zu sagen, ob ein Bewerber nicht ins Team passt. Mein ehemaliger Chef in Köln hat einmal gesagt: „Mangel an Wissen kann ich kompensieren, Mangel an Charakter nicht.“ Die Mitglieder des Teams müssen bestmöglich zusammenpassen, dann funktioniert es.

Grundsätzlich ist es aus meiner Sicht aber so, dass Menschen, die zur Feuerwehr gehen, einem ganz besonderen Menschenschlag angehören. Es sind Typen, die im Dienste der Gesellschaft füreinander einstehen.

Welche Risiken oder Herausforderungen sind typisch für unsere Stadt?
Ulm hat einige besondere Risiken. Die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern ist dicht bebaut. Wir haben einen immer noch sehr hohen Kirchturm, wenn auch nicht mehr den höchsten. Es finden viele Aktivitäten direkt an der Donau statt und es gibt zahlreiche große Festivitäten, die Ulm attraktiv machen – aber für die Feuerwehr herausfordernd sein können. Auch der neue Eisenbahntunnel ist eine weitere Herausforderung.

Berufsfeuerwehren haben mit vier Prozent einen auffallend geringen Frauenanteil. Woher kommt eigentlich diese geringe Quote?
Feuerwehrleute haben wie schon erwähnt in der Regel eine Ausbildung in einem technischen, oder handwerklichen Beruf. Im höheren Dienst meist einen Abschluss im Ingenieurwesen. Das ist bei der Beantwortung Ihrer Frage relevant. Denn wenn man sich ansieht, woher unser Nachwuchs kommt, bemerkt man schnell, dass wir genau aus den Bereichen rekrutieren, in denen Frauen ohnehin stark unterrepräsentiert sind. Dort liegt der Frauenanteil oft nur im einstelligen Bereich. Von denen wiederum kommen nur sehr wenige auf die Idee, sich bei der Berufsfeuerwehr zu bewerben. Am Ende müssen sich die Bewerberinnen und Bewerber dann den identischen Aufgaben des Einstellungstestes stellen.

Wie sieht so ein Test aus?
Die Tests sind anspruchsvoll, aber mit Vorbereitung machbar. Bewerberinnen und Bewerber durchlaufen ein mehrstufiges Auswahlverfahren mit schriftlichen Prüfungen, etwa zu Allgemeinwissen, Mathematik und logischem Denken, sowie einem intensiven Sporttest mit Schwimmen, Ausdauer-, Kraft- und Koordinationsanteilen. Entscheidend ist nicht nur die körperliche Eignung, sondern ein Gesamtprofil aus Fitness, technischem Verständnis, Schwindelfreiheit, Konzentrationsfähigkeit und schnellem, logischem Denken. Wichtig ist außerdem die Teamfähigkeit. Feuerwehr ist ein Mannschaftssport.

Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Ulms Feuerwehrkommandant Adrian Röhrle im Interview mit dem Stadtmagzin acht.neun

Atelier Schlieper

Der Alltag von Feuerwehrleuten konfrontiert sie häufig mit belastenden Situationen. Den Umgang damit kann man im Auswahlverfahren sicher nicht überprüfen. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um mit belastenden Situationen fertig zu werden. Es gibt keine für alle gültige Blaupause. Die Strategien ändern sich auch mit den Lebensphasen. Ich bin seit drei Jahren Vater einer Tochter. Wenn ich nach Hause komme und die Türe schließe, dann lasse ich alles andere vor der Türe. Das ist kein bewusster Mechanismus, es hat sich mit der Geburt meiner Tochter so ergeben. Noch vor einigen Jahren war es der Sport, der mir einen guten Ausgleich verschafft hat.

Was macht für Sie die Besonderheit dieses Berufes aus?
Mit 15, als ich begonnen habe, mich bei der freiwilligen Feuerwehr zu engagieren, hat mich vor allem die Technik fasziniert. Sicher auch der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl.

Wenn Sie mich heute fragen, dann ist es der große Handlungsspielraum, den die unterschiedlichen Einsatzfelder mit sich bringen. Wenn in der Leitstelle ein Alarm eingeht, erhalten wir die Basisinformationen. Vor Ort müssen dann sehr schnell die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die sind immer sehr spezifisch und gehen mit einer großen Verantwortung für die Kollegen und die Bevölkerung einher.

Zahlen und Fakten über die Feuerwehr Ulm

  • Die Ulmer Feuerwehr ist zuständig für rund 130.000 Einwohner der Stadt.
  • Sie besteht aus einer Berufsfeuerwehr und 13 Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehr.
  • Insgesamt engagieren sich rund 1.000 Feuerwehrangehörige.
  • In den Jugendfeuerwehren sind derzeit etwa 152 Jugendliche aktiv.
  • Der Fuhrpark umfasst rund 85 Fahrzeugeinheiten.
  • Pro Jahr bewältigt die Feuerwehr Ulm etwa 2.000 Einsätze.
  • Dabei werden jährlich mehr als 300 Menschen gerettet.

Auch das Zusammenwirken von 80 Hautberuflichen und 560 Mitarbeitenden bei der Freiwilligen Feuerwehr gibt es so in keinem anderen Bereich. Dass sich so viele Menschen in den Dienst der Gemeinschaft stellen, ist etwas ganz Besonderes. Aber auch die administrativen Tätigkeiten und die Zusammenarbeit mit der Verwaltung bereiten mir Freude.

In Ulm ist mit der Magirus GmbH auch ein Traditionsunternehmen der Feuerwehrbranche ansässig. Gibt es hier einen regelmäßigen Austausch?
Selbstverständlich. Wir haben mit Conrad Dietrich Magirus sogar einen gemeinsamen Gründervater. Noch 17 Jahre vor der Firmengründung hat er die Feuerwehr Ulm als eine der ersten Freiwilligen Feuerwehren in Deutschland ins Leben gerufen. Wir sind also schon aus historischer Perspektive heraus eng verbunden. Heute pflegen wir einen strukturierten und anlassbezogenen Austausch.

Sie haben in Stuttgart Bauingenieurwesen studiert, dann in Köln und Reutlingen gearbeitet. 2020 traten Sie ihre Stelle als Feuerwehrkommandant der Stadt Ulm an. Wie war es, zurück nach Ulm zu kommen?
Es fühlte sich wie ein Hauptgewinn an. Ulm ist meine Heimatstadt, mit ihr verbindet mich sehr viel. Es ist ein tolles Gefühl, wieder hier zu sein. Ich habe sehr gerne in Köln und Reutlingen gearbeitet, aber als ich die Ausschreibung der Stelle des Feuerwehrkommandanten für Ulm gelesen habe, war sofort klar, dass ich mich bewerben würde. Die Wahl durch den Ulmer Gemeinderat war ein sehr besonderes Erlebnis für mich.