Frühere Ministerin und Abgeordnete: Annette Schavan über Ulm: „Hier bleibe ich“

Die frühere Ulmer Bundestagsabgeordnete Annette Schavan im Stadthaus. Die 70-Jährige lebt seit über 20 Jahren in der Donaustadt.
Ulrike HocheSie betritt das Ulmer Stadthaus-Café, legt ihre leuchtend roten Lederhandschuhe und den roten Wollschal ab – besinnt sich einen Moment – und wendet sich dann offen und aufmerksam den Gesprächspartnerinnen zu. Annette Schavan lässt sich nicht hetzen und im anschließenden Gespräch auch nicht ablenken.
Acht Jahre lang war sie als Bundesministerin für Bildung und Forschung eine der mächtigsten Frauen Deutschlands. Von 2014 bis 2018 lebte und arbeitete die studierte Theologin als deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom. Heute ist sie offiziell im Ruhestand und dabei noch immer in zahlreichen Stiftungen tätig. Annette Schavan ist gebürtige Rheinländerin und überzeugte Wahl-Ulmerin.
Sie haben als deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom gelebt – können Sie kurz erklären, welche Aufgaben dieses Amt beinhaltet?
Als Botschafterin am Heiligen Stuhl gilt es zu vermitteln zwischen Deutschland und eben dem Heiligen Stuhl, also gleichsam dem „Headquarter“ der katholischen Kirche. In der Zeit hatte ich enorm viele Besucher aus Deutschland zu Gast gehabt. Über 180 Länder pflegen diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl, weil sie wissen, dahinter steht eine weltweite Bewegung, die auf allen Kontinenten präsent ist, in der Mitte der Gesellschaft, mit all den Einrichtungen der Bildung, Wissenschaft, Pflege, Gesundheitsversorgung etc.
Die meisten Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe, waren internationale Themen. Denn der Vatikan ist eben keine katholische Folklore. Das denken ja manche, wenn sie auf dem Petersplatz stehen, sich alles anschauen und durch die Vatikanischen Museen gehen.
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Was schätzen Sie an der italienischen Lebensart?
Ich schätze den Charme der Italiener und ihre Lebensart: leben und leben lassen! Und dann das legendäre Licht in Rom! Der römische Himmel im Juni ist großartig – auch an den langen Abenden. Das alles habe ich sehr genossen.
Was ist Ihr italienisches Lieblingsgericht?
Das habe ich so wenig wie ein Lieblingsrestaurant in Rom. Die italienische Küche ist einfach zu gut und umfassend.
Zurück ins Schwabenland: Sind Sie hier Team Spätzle oder eher Team Spaghetti?
Eine schwierige Frage. Ich komme aus dem Rheinland, also heißt es bei mir eher Team Spaghetti oder Team Kartoffeln ... (Annette Schavan lacht und lässt die Frage diplomatisch offen).
Sie waren in Rom mit einer roten Vespa unterwegs – ist der Roller mit nach Ulm gezogen?
Nein. Ich habe den Roller an eine Mitarbeiterin verkauft, die daran Interesse hatte. Ich dachte, der gehört hierhin, der soll in Italien bleiben. In Ulm oder am Bodensee fahre ich lieber mit dem Rad.

Die langjährige Ulmer Stadträtin Helga Malischewski (l.) überreichte der damaligen Kanzlerin Angela Merkel einen versilberten Spatz. Annette Schavan gilt als enge Vertraute von Merkiel.
Archiv, Maria MüssigSie haben mal in einem Interview gesagt, dass für Sie der Schritt vom Rheinland ins schwäbische Stuttgart mentalitätsmäßig ein Sprung ins kalte Wasser war. Seit vielen Jahren leben Sie nun in Ulm. Wie empfinden Sie die Wärme des „schwäbischen Wassers“ inzwischen?
Wohltuend. Baden-Württemberg ist jetzt seit rund 30 Jahren meine Heimat, Ulm seit über 20 Jahren. Ich lebe hier sehr gerne. Ich schätze diese Stadt.
Was macht Ulm für Sie zu einem guten Zuhause?
Ulm ist eine gute Stadt. Der Anteil schlecht gelaunter Menschen ist hier unterdurchschnittlich. Es ist eine Stadt mit wunderbaren Verbindungen. Also, eine haben wir hier (Schavan zeigt aus dem Fenster): die Verbindung von Münster und Stadthaus, oder auch die Verbindung zwischen Rathaus und der Stadtbibliothek in der Glaspyramide. Auch die alte Neutorbrücke und die moderne Kienlesbergbrücke haben eine gute Verbindung – architektonisch ausgedrückt ist es eine Verbindung von Tradition und Innovation.
Und natürlich nahm ich die Wissenschaftsstadt als Ministerin immer sehr ernst. Ja, und dann ist Ulm eine Stadt, die an der Donau liegt und man sieht aus jeder Himmelsrichtung das imposante Münster. Das alles gefällt mir gut. Hier bleibe ich.
An welchem Ort in oder um Ulm kommen Sie zur Ruhe?
Beim Spazierengehen und beim Nordic Walking an der Donau gelingt mir das gut. Zu allen Jahreszeiten – und dabei mache ich oft Fotos.

Ihr Job im Vatikan: Annette Schavan trifft als Botschafterin am Heiligen Stuhl auch mal den Papst.
Archiv, Büro SchavanWie sieht ein typischer Tag für Sie aus? Gibt es Rituale, die für Sie zum Alltag gehören?
Mein Tag beginnt – so wie schon seit Jahrzehnten: Ich verbinde Frühstücken mit Lesen. Das habe ich sogar in den politischen Zeiten beibehalten. Heute kann ich das ein bisschen ausgiebiger machen. Dann erledige ich erst mal meine Mails. Außerdem koche ich gerne für Freunde und erhalte regelmäßig Besuch, wofür ich in aktiven Zeiten natürlich nicht so viel Gelegenheit hatte. Und sobald der 1. Mai gekommen und die Freibadsaison eröffnet ist, gehe ich, so oft ich kann, ins Freibad des SSV, da bin ich Mitglied. Also bin ich wieder an der Donau.
Sie sind Autorin zahlreicher Bücher. Arbeiten Sie derzeit an einem neuen Buch?
Nein, im Moment bin ich mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn ich ein Buch schreiben sollte, dann wird es zu tun haben mit der Beziehung zwischen Religion und Politik. Auf der Grundlage meiner Erfahrungen, die ich gemacht habe mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften in Deutschland, mit der Entwicklung von politischer Kultur, und mit der Frage, was eigentlich Demokratie stabilisiert. Wie entwickeln wir Leidenschaft für Demokratie? Das ist für eine freiheitliche Gesellschaft existenziell bedeutsam. Gefährlich ist nicht nur die Radikalisierung, gefährlich ist schon eine Fahrlässigkeit, eine Gleichgültigkeit.
Sie engagieren sich ehrenamtlich in Stiftungen und Gremien, zum Beispiel der Deutschen Traumastiftung und Sie sind Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung, um nur einige zu nennen – wie bringen Sie dieses Engagement mit Ihrem Ruhestand in Einklang?
Ich habe mir vorgenommen, Freitag, Samstag, Sonntag und Montag keine Termine zu vereinbaren. Das klappt nicht jede Woche, aber doch immer häufiger. An den übrigen Tagen widme ich meine Zeit verschiedenen Stiftungsaktivitäten und dem damit verbundenen Reisen. Allerdings habe ich gerade die Mitgliedschaft in acht Kuratorien beendet und allen gesagt: „Sucht euch jetzt 50-Jährige, es muss ja mal einen Übergang geben“.
Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt derzeit in der Hertie-Stiftung mit Sitz in Frankfurt. Sie begleitet seit fast 25 Jahren Jugendliche mit Migrationsgeschichte dabei, ihre Talente zu entfalten. Sie fördert mit der „Hertie-School“ in Berlin Lehre und Forschung zu gutem Regieren und zur Handlungsfähigkeit des Staates. Sie ist Initiatorin des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend debattiert“. Schließlich fördert sie herausragende neurowissenschaftliche Forschung in zwei Instituten in Tübingen. Als Vorstandsvorsitzende erlebe ich also ein breites Spektrum der Stiftungsinitiativen und kann meine Erfahrungen aus Politik und Wissenschaft einbringen.
Gab es in Ihrer Zeit als Ministerin ein verlässliches Netzwerk, das Sie auch persönlich stärkte? Wie pflegen Sie Ihre Freundschaften heute?
Ja, das gab es! Meine ältesten Freunde sind Studienfreunde. Wir treffen uns zweimal im Jahr und seit alle in Rente sind, verreisen wir auch zusammen. Auf sie konnte ich mich immer verlassen, sie waren auch alle immer politisch interessiert. Wenn ich zum Beispiel morgens ein Interview gab, kam schon mal mittags eine Rückmeldung: „Bitte nicht so pastoral, kritisch oder ehrlich“. Das war mir ganz wichtig.
Das sind bis heute wirklich gute Freunde außerhalb der Politik. Und dann sind natürlich im Laufe der Jahre auch politische Freundschaften entstanden, mit Volker Kauder etwa, oder Erwin Teufel, Angela Merkel und Rita Süßmuth. Das ist nicht selbstverständlich, manche sagen ja, in der Politik gibt‘s keine Freundschaft.
Das Credo „Alles hat seine Zeit“ begleitet Sie seit vielen Jahren. Wie erleben Sie diesen Leitsatz heute?
Jetzt trägt er mehr als in jeder anderen Lebensphase. Weil er auch hilft, nicht einfach weiterzuleben, wie die letzten 30 Jahre, sondern die Ruhe und die Nachdenklichkeit zu finden, die für diese Lebensphase wertvoll ist – und zugleich Neugierde zu behalten! Ja, das ist ein guter Satz.
Aber ganz viele Arten von Veranstaltungen interessieren mich einfach nicht mehr. Neujahrsempfänge etwa oder Veranstaltungen, bei denen es Essen und Trinken im Stehen gibt. Da sage ich dann ganz salopp: „Nein, danke, das habe ich jetzt 30 Jahre erlebt.“

