80 Jahren SCHWÄBISCHES TAGBLATT Tübingen
: Start ins Ungewisse: Wie das SCHWÄBISCHE TAGBLATT 1945 gegründet wurde

Die Gründer des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS wollten zur „lichteren Zukunft“ beitragen, setzten auf politische Aufklärung und demokratische Werte. Seit 80 Jahren gibt es die Zeitung: Es ist die Geschichte eines demokratischen Meinungsmediums im Wandel der Zeit.
Von
Hans-Joachim Lang
Tübingen
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Das Verlagsgebäude in der Uhlandstraße 2, in dem im April 1945 die „Tübinger Chronik“ als Tageszeitung aufhörte zu bestehen, im August 1945 „Der Württemberger“ und im September 1945 das SCHWÄBISCHE TAGBLATT gegründet wurde.

Das Verlagsgebäude in der Uhlandstraße 2, in dem im April 1945 die „Tübinger Chronik“ als Tageszeitung aufhörte zu bestehen, im August 1945 „Der Württemberger“ und im September 1945 das SCHWÄBISCHE TAGBLATT gegründet wurde.

Archivbild
  • Das SCHWÄBISCHE TAGBLATT wurde 1945 gegründet, um demokratische Werte und Aufklärung zu fördern.
  • Die Zeitung entstand mit einer Startauflage von 5000 Exemplaren unter französischer Besatzung.
  • Wichtige Akteure der Gründung waren Josef Forderer, Will Hanns Hebsacker und Hermann Werner.
  • 1968/69 markierte einen technischen und inhaltlichen Umbruch, die Lokalzeitung wurde modernisiert.
  • 2023 übernahm die Neue Pressegesellschaft (NPG) den Verlag vollständig, neue Leitung ab 2024.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die drei Lizenzträger einer neuen Tageszeitung sahen eine „schwere, aber dankbare Aufgabe“ vor sich, als am 21. September 1945 das SCHWÄBISCHE TAGBLATT erstmals erschien – mit einer Startauflage von 5000 Exemplaren für die Kreise Tübingen, Reutlingen, Horb, Hechingen, Balingen und Calw. Das waren zweieinhalbmal so viele wie zuletzt bei der „Tübinger Chronik“. Den Namen hatte Pierre Angel, Zensuroffizier der französischen Besatzungsmacht, gewählt. Der 32-jährige Germanist arbeitete in der Redaktion, diskutierte mit, ließ auch andere Meinungen gelten, schrieb sogar unter Pseudonym Leitartikel – was eigentlich verboten war.

Josef Forderer (57), Will Hanns Hebsacker (47) und Hermann Werner (65), die Gründer der Zeitung, wollten zur „lichteren Zukunft“ beitragen, setzten auf politische Aufklärung und demokratische Werte. Alle drei hatten in der Weimarer Republik als Journalisten gearbeitet und erklärten ihren Lesern, warum die bis dahin freieste deutsche Verfassung 1933 gescheitert war: „Vielen Deutschen ist das noch nicht klar geworden. Sie suchen die Schuldigen bei anderen, nur nicht bei sich selbst.“ Die „Tübinger Chronik“, von den Nazis heruntergewirtschaftet, erschien letztmals am 18. April 1945. Noch am selben Tag floh Verlagsleiter Willy Spingler mit anderen Nazibonzen, darunter OB Ernst Weinmann, Richtung Allgäu. Am 19. April erreichten französische Panzer die Stadt – ohne Widerstand. Weinmann hatte die Amtsgeschäfte zuvor an Fritz Haußmann übertragen, der am 18. Mai von Stadtkommandant Etienne Metzger zum Oberbürgermeister ernannt wurde.

Ein Blatt mit französischen Anordnungen und Mitteilungen

Frankreich, im Gegensatz zu seinen Verbündeten ohne fertiges Konzept für die Medienreform, setzte auf Improvisation: Rotationen wurden gestoppt, Mitteilungsblätter eingeführt, später deutsche Zeitungen aufgebaut. Druckwerke konnten nur mit Genehmigung der Militärregierung erscheinen, Lizenzträger und Journalisten mussten politisch unbelastet sein.

Zwei Wochen nach der Besetzung Tübingens durfte die „Chronik“ unter städtischer Regie ein Blatt mit französischen Anordnungen und Mitteilungen herausgeben – ab 23. Mai, zunächst zweimal wöchentlich, ohne Annoncen und redaktionelle Beiträge. Bald wurde in der Bürgerschaft über eine demokratische Zeitung diskutiert. Impulse kamen von der Demokratischen Vereinigung, einem lockeren Verbund von zwei, drei, bald fünf Dutzend Männern: Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten, christliche Demokraten und Liberale.

Das Herausgeber-Trio 1946 bis 1950: Alfred Schwenger, Will Hanns Hebsacker und Ernst Müller (von links).

Das Herausgeber-Trio 1946 bis 1950: Alfred Schwenger, Will Hanns Hebsacker und Ernst Müller (von links).

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Ab Ende April 1945 trafen sie sich regelmäßig im „Pflug“, diskutierten und führten Protokoll. In Zusammenarbeit mit ihnen besetzte die französische Kommandantur kommunale Ämter – auch die „Chronik“-Druckerei. Paul Riehle, altgedienter Drucker und Gewerkschafter, wurde Geschäftsführer. Die Demokratische Vereinigung sah die Zeitungsgründung als kommunale Aufgabe. Anfang August 1945 lockerte die Stadtkommandantur die Nachrichtensperre und erlaubte in den „Mitteilungen der Militärregierung für den Kreis Tübingen“ erste Artikel aus dem lokalen Umfeld, die auch von Journalisten verfasst werden durften. Verfasser unter anderen: Forderer, Hebsacker und Werner. Zu den politisch engagierten Tübingern gehörten die Sozialdemokraten Viktor Renner und Carlo Schmid.

Wegen Papiermangels nur zwei Mal wöchentlich

Tübingen war inzwischen Hauptstadt der französischen Zivilverwaltung und auf dem Weg zur Hauptstadt Württemberg-Hohenzollerns – und brauchte eine Hauptstadtzeitung. Carlo Schmid wünschte sich ein Blatt wie die „Frankfurter Zeitung“ der Weimarer Zeit. Das TAGBLATT konnte diesen Anspruch zunächst nicht erfüllen, auch wegen eingeschränkter Produktionsbedingungen.

Am 19. November 1945 forderte Loutre, früher Deutschlandkorrespondent der (wegen Kollaborationsvorwürfen im August 1944 verbotenen) französischen Tageszeitung „Le Matin“, eine Verstärkung des Redaktionsteams. Daraufhin wurde Werner Steinberg eingestellt, ein Kommunist aus Breslau, der mit einer Jugendseite die Desinteressierten unter der Jugend ansprechen sollte. Es folgten Fritz Jäkel als Politikredakteur und Alfred Schwenger für den Sport.

Forderer verlor bald das Vertrauen von Carlo Schmid, auch wegen seiner politischen Wende in der Nazizeit. Hebsacker und Angel warben Erich Schairer als neuen Chefredakteur an, der sofort übernahm. Im Gegenzug kegelte die Baden-Badener Militärverwaltung den von Schmid im Stillen vorbereiteten Plan einer Alternativ-Redaktion ins Aus. Wegen Papiermangels erschien das TAGBLATT weiterhin nur zweimal wöchentlich, erreichte aber im Sommer 1946 eine Auflage von 200.000 Exemplaren. Lokale Wechselseiten wurden eingeführt. Als weiteren Redakteur vermittelte Hebsacker einen alten Bekannten aus seiner Studienzeit: Ernst Müller, der in Stuttgarter Feuilletons geschrieben hatte, bis er unter den Nazis als Journalist Berufsverbot hatte. Statt eines neuen Chefredakteurs ernannte Loutre zum 1. Juli ein sechsköpfiges Herausgebergremium: Hebsacker, Schairer, Müller, Steinberg, Schwenger und Rosemarie Schittenhelm.

Da der Verlag noch keine Rechtsform hatte, sollten die sechs Herausgeber Anteile zeichnen und Gesellschafter einer GmbH werden. Die Verhandlungen zogen sich hin: Schairer ging derweil zur „Stuttgarter Zeitung“, Steinberg und Schittenhelm widmeten sich hauptberuflich der in allen vier Zonen publizierten Jugendzeitschrift „Zukunft“. Übrig als Gesellschafter blieben Hebsacker, Müller und Schwenger.

Organisatorischer Tausendsassa

In der Uhlandstraße 2 existierten bald noch zwei weitere Unternehmen. Die Druckereibeschäftigten gründeten am 5. November 1947 eine Genossenschaft unter dem Namen „Tübinger Chronik“. Doch weder Genossenschaft noch GmbH besaßen die Immobilie. Diese wurde ab 28. August 1947 von der Württembergischen Verwaltungs- und Treuhandgesellschaft zwangsverwaltet – unter Leitung von Hebsacker, einem organisatorischen Tausendsassa, der auch vorübergehend das städtische Presse-, Kultur- und Verkehrsamt geleitet hatte und Vorstandsmitglied sowohl des südwürttembergischen Journalistenverbandes und des Vereins deutscher Zeitungsverleger der französischen Zone war.

Ab April 1950 waren Müller und Hebsacker alleinige Gesellschafter, Müller übernahm zusätzlich die Chefredaktion. Bereits 1949 hatten sich Altverleger aus dem TAGBLATT-Verbreitungsgebiet zu einer Verlegergemeinschaft zusammengeschlossen, die vom 12. August 1952 als „Südwest Presse“ firmierte. Sie produzierten eigene Lokalteile und übernahmen die Tübinger überregionalen Seiten. 1952, kurz vor Gründung Baden-Württembergs, kauften TAGBLATT-Gesellschaft und „Chronik“-Druckerei gemeinsam die Verlagsimmobilie und verwalteten sie unter einer neuen Gesellschaft – mit Hebsacker als Geschäftsführer.

Die 1955 in Betrieb genommene Rotationsmaschine.

Die 1955 in Betrieb genommene Rotationsmaschine.

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In den späten 1940er-Jahren gab es Kritik an der politischen Ausrichtung des TAGBLATTs, besonders aus CDU-Kreisen. Das Blatt hatte sich anfangs als sozialistische Tageszeitung ohne Parteipräferenz gesehen, nun folgte es einem „Kurs der Mitte“ (Hebsacker). Dafür standen Karl Lerch, ab 1949 Lokalchef, und Alfred Leucht, der Anfang 1955 übernahm – wenige Wochen nach Hebsackers Tod.

Hebsacker hatte testamentarisch verfügt, dass seine 1945 geborene Tochter Elisabeth im Alter von 25 Jahren die Verlagsgeschäfte übernehmen sollte. Bis dahin vertrat Alfred Sauter ihren Part und stieg zum zweitmächtigsten Mann im Haus auf. In seinem 1992 publizierten „Rechenschaftsbericht eines Zeitungsredakteurs“ bekannte Alfred Leucht, dass Sauter – „ein alter Bekannter aus meiner Zeit bei der NS-Presse“ – ihn zum Lokalchef gemacht hatte. Zugleich rückte Karl Lerch, der Dritte im Bunde mit Redakteurserfahrung aus der NS-Zeit, von der Position des Lokalchefs in die des stellvertretenden Chefredakteurs im überregionalen Teil. Hauptbildberichterstatter der 1950er war Alfred Göhner, einst NSDAP-Kreispropagandaleiter.

Leucht sprach später von Schuldgefühlen, blieb aber vage. Seine Beschreibung des Neustarts: „Es war ein Start ins Ungewisse und zugleich auch so, als ob alles, was war, gar nicht gewesen wäre.“ Genau so lasen sich die TAGBLATT-Seiten der 1950er und 1960er Jahre: kein Wort über die Schuldigen, kein Wort darüber, dass auch in Tübingen Juden gelebt hatten, die teils in die Emigration und teils in die Vernichtungslager getrieben worden waren.

Umbruch in mehrfacher Hinsicht

1968/69 markierten einen Umbruch in mehrfacher Hinsicht: Die technische Entwicklung erforderte strukturelle Veränderungen. Die Verleger der „Südwest Presse“ verkauften die Hälfte ihrer Anteile an den Ulmer Zeitungsverlag, der fortan die Mantelseiten produzierte. Damit wurde die Tübinger Zentralredaktion zum Jahreswechsel 1967/68 aufgelöst.

Bald danach wurde die Lokalzeitung zur Aufwachlektüre – der berühmte Rhetoriker Walter Jens las sie angeblich schon um halb fünf. Aber nicht nur, weil er Frühaufsteher war. Christoph Müller übernahm den Chefposten von seinem Vater und prägte das Blatt neu. Gemeinsam mit Elisabeth Frate, die wie er ihre Verlagsanteile geerbt hatte, führte er das TAGBLATT in eine neue Ära. Der Erfolg beruhte auch auf der engagierten Belegschaft und dem kritischen Feedback der Leserschaft.

Redaktionskonferenz Schwäbisches Tagblatt mit Christoph Müller am 9. September 1985.

Redaktionskonferenz beim Schwäbisches Tagblatt mit Chefredakteur Christoph Müller am 9. September 1985.

Manfred Grohe (Archiv)

Am 1. April 1969 erschien Müllers Erstlingswerk „Unsere kleine Stadt“ – anschaulich, lokal, unter der neuen Rubrik „Übrigens“, in dem er als künftige redaktionelle Leitlinie vorgab, immerzu so konkret wie möglich ins Tübinger Detail gehen zu wollen. Diese stets links oben auf der ersten Lokalseite platzierte Rubrik erschien fortan werktäglich, mal glossierend, mal kommentierend, immer mit lokalen Bezügen. Demonstrativ signalisierte die lokale Monopolzeitung ihr pluralistisches Konzept durch eine nie zuvor dagewesene Vielfalt an Rubriken, in denen unterschiedliche Weltanschauungen artikuliert werden konnten.

Eine weitere Neuerung betraf die Binnenkommunikation: Diese sollte nicht mehr von oben nach unten gehen, sondern auf Augenhöhe in die Breite. Und womöglich auch in die Tiefe. Fortan gab es darum eine tägliche Redaktionskonferenz. Anfangs saß das allmählich größer werdende Team noch steif an einem langen Tisch, Ende der siebziger Jahre lockerte sich diese Anordnung und die redaktionellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versammelten sich um die Mittagszeit im geräumigen Chefbüro zum Parlandissimo. Hier wurde eine halbe, bald eine ganze Stunde und mitunter noch länger gelobt und gezofft, kritisch auf das aktuelle Blatt geblickt und nach vorne geplant. Anschließend aß man gemeinsam zu Mittag.

Eine florierende Redaktion

Im Sommer 1980 zogen die Drucker der „Tübinger Chronik“ in ein neues Druckhaus. Computer ersetzten Linotypes, der Bleisatz wich dem Lichtsatz. Sichtbar wurde der Wechsel zum „Rheinischen Format“ mit sechs Druckspalten. In den folgenden zehn Jahren investierte der Verlag in Bauprojekte: eigene Immobilien für Rottenburg und Mössingen, neue Räume für Reutlingen, Komplettumbau des Stammhauses. Die Belegschaft zog vorübergehend in die Karlstraße. Verlag und Druckerei wurden rechtlich getrennt. Der Architekt verband die Bauteile zu einem harmonischen Ganzen. Die Zeitung erschien nun mit einem einheitlichen Lokalteil, über dem wieder „SCHWÄBISCHES TAGBLATT“ stand – auch wenn der Mantel weiterhin von der „Südwest Presse“ kam.

Als Christoph Müller 2004 seinen hälftigen Anteil verkaufte, hinterließ er eine florierende Redaktion. Sein größter Stolz: 17 Journalistenpreise seines Redaktionsteams und eine Rekordzahl an Leserbriefen, die seinerzeit konkurrenzlos den Kosmos der Tübinger Graswurzeldemokratie in allen Farben bereicherten.

Müller zog nach Berlin, im Gepäck ein Brief von Lothar Späth, dem einstigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten: „Der Tübinger Lokalteil hat’s echt in sich: Betont kritischer Journalismus, respektlos, aber nicht zügellos. Da sind Journalisten mit Spürsinn und Pfiff am Werk. Keine Abschreiber, sondern Leute, die eher übers Ziel hinausschießen, als den Lokal- oder Regionalgrößen zu großen Respekt zu erweisen. Macht weiter so, Ihr Tübinger! Euer Blatt hat Pfiff.“ Widrigenfalls werde das TAGBLATT doch noch ein Blatt unter vielen. „Und davor möge Euch der Himmel bewahren.“

DIe Jahre von 2004 bis zur Gegenwart

2004 Christoph Müller verabschiedet sich als Chefredakteur, Lokalchef wird Eckhard Ströbel. 2008 erscheint das SCHWÄBISCHE TAGBLATT in neuem Layout. Im Juni 2009 erscheint die erste Ausgabe von „Klima vor Ort“, dem Umweltmagazin für die Region.

2012 Gernot Stegert wird Chefredakteur. Im selben Jahr erscheint erstmals „Wirtschaft im Profil“, das Magazin „Die Kleine“ erstmals unter TAGBLATT-Regie. 2016 startet die Abendausgabe des E-Papers. Im selben Jahr gibt es wieder ein neues Layout.

2023 In diesem Jahr wird bekannt, dass die Neue Pressegesellschaft (NPG) sämtliche Anteile des Verlags SCHWÄBISCHES TAGBLATT übernimmt. Die Leitung der Redaktion übernehmen 2024 Eike Freese, Hans-Jörg Schweizer und Jonas Bleeser.