80 Jahre SCHWÄBISCHES TAGBLATT Tübingen
: Nein, die Zeitung stirbt nicht

Die Herausforderungen für Lokalzeitungen sind groß. Für Hintergründe, Reportagen und Nachrichten aus der Region bleiben sie aber ein unverzichtbares Medium – ob gedruckt oder digital.
Kommentar von
Moritz Siebert
Tübingen
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80 Jahre Tagblatt: Abendrot über dem Verlagsgebäude Schwäbisches Tagblatt
07.12.16 Bild: Metz

Das Verlagsgebäude des Schwäbisches Tagblatts.

Ulrich Metz (Archiv)

Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, feiert Fasnet. Ziemlich politisch: Beim Umzug beziehen sich die Gruppen auf aktuelle Themen im Ort. Vor einigen Jahren nahm eine Jugendgruppe einen Generationenkonflikt auf die Schippe. Verkleidet hatten sie sich als alte Leute: mit grauen Perücken, beigefarbenen Mänteln, Gehstock – und einer Zeitung unterm Arm. Echt jetzt? So nimmt die Jugend die Zeitung wahr: als typisches Attribut alter Menschen?

Der Blick in die Statistik schmerzt ebenso: Nach der aktuellen JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest haben noch 14 Prozent der Menschen unter 20 regelmäßig eine gedruckte Zeitung in der Hand. Bei unter 30-Jährigen hat sie laut Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger immerhin noch rund 35 Prozent Reichweite. Der Großteil der Print-Leser ist, nun ja, eben älter. Es ist kein Geheimnis, dass die Print-Auflagen von Tageszeitungen seit Jahren schrumpfen, diejenige des TAGBLATTS macht da keine Ausnahme: Lag sie in den 1990er Jahren bei 50.000 Stück in der Spitze, sind es heute 27.896 Exemplare.

Eine Frage der Zeit also, bis die Zeitung stirbt?

Etwa ein Drittel der Zeit seines Bestehens gibt es das TAGBLATT auch in digitaler Form. Ende der 1990er Jahre ging der erste Artikel online. Und seitdem wächst dieser Bereich. Die Zahl der Abos fürs E-Paper ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent gestiegen, neue Subscriber bei SWP+ kommen täglich dazu. Unser Online-Bereich verbucht im Schnitt rund 50.000 Views am Tag, unsere Newsletter erreichen tausende Menschen, 23.500 folgen uns auf Instagram. Und auch wenn die Printzeitung an Auflage verliert, ist sie immer noch unser Prestigeprodukt, das täglich zehntausende Menschen lesen. Die Zeitung stirbt? Nein, keine Spur.

Digitale Transformation als Herausforderung

Dennoch: Die Herausforderungen für Lokalzeitungen sind groß in dieser Zeit. Digitale Transformation bedeutet nicht nur, online präsent zu sein in unterschiedlichen Formaten und auf unterschiedlichen Kanälen und dabei möglichst noch Erlös zu erzielen. Ein gewonnenes Online-Abo ersetzt aus wirtschaftlicher Sicht kein verlorenes Print-Abo. Digitale Transformation bedeutet auch, gegen neue Konkurrenz zu bestehen, denn längst haben auch Blogger und Influencer lokale Nachrichten für sich entdeckt.

Für uns selbstverständlich, wenn es aber um die Abgrenzung zu manchen Mitbewerbern im Netz geht, ein entscheidender Punkt: Wir arbeiten nach journalistischen Grundsätzen. Unabhängigkeit, Sorgfalt, Distanz und die Fähigkeit, den Blickwinkel zu weiten und zu ändern, gehört dazu, ebenso die Berücksichtigung des Pressekodex. Und wenn wir Fehler machen, berichtigen wir sie.

Dass Nutzerinnen und Nutzer bei der Flut an Information und Desinformation, mit der sie im Netz konfrontiert sind, Tageszeitungen als vergleichsweise vertrauenswürdig wahrnehmen, belegen Studien. Dieses Vertrauen nicht zu verlieren, ist jeden Tag aufs Neue unsere Aufgabe.

Macht die KI journalistischer Arbeit Konkurrenz?

Digitale Transformation ist eine Herausforderung, bringt im Arbeitsalltag aber auch Bereicherung. Zeitungsredaktionen wissen mittlerweile genau, welche ihrer Artikel online auf Zuspruch stoßen bei Lesern und welche nicht. Informationen über die Reichweite von Beiträgen helfen uns dabei, gezielter auf Zielgruppen und ihre Bedürfnisse eingehen zu können.

Und nein, es sind nicht nur Blaulichtthemen, Wetter- und Verkehrsnachrichten, die auf unserer Seite viele Klicks haben. Genauso gern gelesen werden online Geschichten über Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft, die etwas zu erzählen haben. Ebenso wie Hintergründe zu kommunalpolitischen Themen und deren Bewertung, Reportagen aus der Region oder Meinungsbeiträge, Spielanalysen und Theaterkritiken. Artikel, die über Neuigkeiten im Umfeld unserer Leser informieren.

Und macht die KI journalistischer Arbeit Konkurrenz? Ein Hilfsmittel wird sie immer mehr in Redaktionen. Aber kann sie auch über Neuigkeiten informieren, die deswegen Neuigkeiten sind, weil sie davor nirgendwo, auch im Netz nicht, existierten? Hat sie die vielen verschiedenen Zielgruppen im Blick, die Lokalzeitungen bedienen? Hat sie die richtigen Ideen für Reportagen, für Kolumnen oder Interviews? Stellt sie dem OB die richtigen Fragen, wenn sie ihn am Telefon hat, und wenn ja, würde der ihr überhaupt antworten? Noch haben wir da unsere Zweifel.