80 Jahre SCHWÄBISCHES TAGBLATT Tübingen
: Geschäftsführer Tim Hager: „Das Tempo war wirklich sehr hoch“

InterviewTim Hager ist Geschäftsführer der SÜDWEST PRESSE Neckar Alb und seit der Übernahme vor bald zwei Jahren auch Chef beim SCHWÄBISCHEN TAGBLATT. Im Interview spricht er über den Integrationsprozess und die Zukunft der Lokalzeitung.
Von
Hans-Jörg Schweizer
Tübingen
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Tim Hager

Tim Hager

Carolin Albers

Herr Hager, seit fast zwei Jahren ist das SCHWÄBISCHE TAGBLATT Teil der SÜDWEST PRESSE Neckar-Alb. Wie ist denn die Integration rückblickend gelaufen?

Der Zusammenschluss ist gut gelungen, obwohl sich unterschiedliche Kulturen begegnet sind. Aber da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Beide sind Kompromisse eingegangen, beide haben sich angepasst. Die spezielle Kultur des TAGBLATTS haben wir nicht maßgeblich verändert und auch die SÜDWEST PRESSE durfte viel vom TAGBLATT lernen. Ich glaube, dass wir eine gemeinsame Welt entwickelt haben – wie übrigens für all unsere Standorte von Crailsheim über Ulm bis in den Zollernalbkreis. Wir lernen oft voneinander in Baden-Württemberg. Und es zeichnet uns aus, dass wir uns gegenseitig den nötigen Raum lassen, um bei aller Zentralisierung die Eigenständigkeit des einzelnen Blattes am Leben zu lassen. Das ist die Strategie unseres familiengeführten Konzerns, die unser Verleger geprägt hat. Ich glaube, wir sind einer der wenigen Verlagskonzerne, die verstanden haben, dass wir immer noch Lokalverlage sind, obwohl wir gerade bei der Digitalisierung im Verbund stark sein müssen gegen die großen Marktbegleiter wie Facebook, Instagram oder Google.

Was war denn das Schwierigste in dem Prozess, das TAGBLATT mit der SÜDWEST PRESSE zu vereinen?

Rückblickend war das Schwierigste, dass sich bei einer so schnellen Systemintegration jeder mitgenommen und niemand abgehängt fühlt. Das Tempo war wirklich sehr hoch, was im TAGBLATT doch für Irritationen gesorgt hat. Das konnten wir aber mit viel Kommunikationen ausräumen. Mit dem Soft-Relaunch des TAGBLATTS haben wir einen guten Kompromiss gefunden. Die DNA des TAGBLATTS haben wir erhalten – mit Übrigens und mit Leserbriefseiten, die hier enorm wichtig sind, wie ich gelernt habe. Ich sage es mal ketzerisch: Wenn man eine redaktionelle TAGBLATT-Seite weglassen würde, wäre das nicht so schlimm, wie bei der Leserbriefseite. Eine so aktive Leserschaft gibt es in Deutschland sehr selten. Das merkt auch der Geschäftsführer: Ich habe noch nie so viele Briefe und Telefonanrufe gehabt. Die Leute hier sind sehr positiv penetrant.

Und wie sieht Ihrer Meinung die Zukunft des TAGBLATTS, die Zukunft der Lokalzeitung an sich aus?

Ich bin sicher, dass wir nur in einer großen Gemeinschaft stark sein können. Deswegen hat die Neue Pressegesellschaft sich jetzt nochmal erweitert durch den Zusammenschluss mit den Kollegen aus Stuttgart und vom Schwarzwälder Boten. Wir sind jetzt die Nummer 1 in Baden-Württemberg und zählen in Deutschland zu den Top 3 der Verlagsgruppen. Durch diese Größe werden wir auch digital relevante Ergebnisse erzielen können. Das fällt als TAGBLATT allein unheimlich schwer. Bei der digitalen Zeitung steht aber die Zahlungsbereitschaft der Kunden noch nicht so im Vordergrund, wie das vielleicht bei Netflix oder Amazon Prime der Fall ist.

Das klingt fast pessimistisch, ob man mit digitalem Journalismus genug Geld verdienen kann …

Nein, denn wir liefern ja hauptsächlich lokale Inhalte, für die im Digitalen trotzdem bezahlt wird. Allerdings merken wir auch, dass uns unsere Print-Abonnenten weiterhin treu sind. Und sie wollen weiterhin um 6.30 Uhr ihre Zeitung im Briefkasten haben. Das ist eine große Herausforderung angesichts der Mindestlohnentwicklung und der Inflation. Das belastet uns als Verlag. Aber wir wirtschaften sehr gut, und wenn wir nicht auch vom Printprodukt überzeugt wären, würden wir keine Zeitungsverlage zukaufen. Uns ist es wichtig, lokale Nachrichten zu bringen – gedruckt auf Papier, als E-Paper oder rein digital auf swp.de. Hauptsache wir bedienen unsere Kunden und können so auch etwas für die Allgemeinheit tun. Wir sehen ja, was in Ländern passiert, die nicht mehr so eine Pressevielfalt und Pressefreiheit wie in Deutschland haben.

Jetzt mal ganz konkret: Wie lange wird die gedruckte Zeitung noch parallel zu den digitalen Angeboten geben?

Ja, wann ist der große Break-even? In der Verlagswelt hat da keiner die perfekte Antwort. Wir werden als Neue Pressegesellschaft dafür kämpfen, gemeinsam den Lokaljournalismus in die Zukunft zu transferieren. Das heißt auch, dass unsere Printkundschaft noch ein paar Jahre darauf bauen kann, eine gedruckte Zeitung auf dem Frühstückstisch zu haben. Wenn ich mich aus dem Fenster lehnen soll: vielleicht ein Jahrzehnt. Man weiß nie, wie die Entwicklung sein wird. Wir werden unser E-Paper in den Vordergrund stellen, das wir als App liefern, in der wir viele Mehrwerte mitgeben. Den Weg müssen wir gemeinsam mit unseren Abonnenten gehen, die können wir nicht einfach überfahren und sagen, ab morgen gibt es keine gedruckte Zeitung mehr. Es ist unsere Pflicht, uns gemeinsam mit unseren Abonnenten zu digitalisieren. Wir müssen sie aber behutsam heranführen, da wir auch eine ältere Zielgruppe haben, denn die Altersstruktur in Deutschland wird eben immer älter.

Sie selbst sind nun seit fast zwei Jahren in Tübingen. Haben Sie sich inzwischen an die Stadt und ihre Menschen gewöhnt?

Tübingen hat tolle Ecken, tolle Restaurants, eine tolle Kultur. Man muss sich darauf einlassen und ankommen, dann ist Tübingen ein wunderschöner Platz, eine der schönsten Städte in unserem Verbreitungsgebiet – wenn nicht sogar die schönste. Ich habe Tübingen schon immer als sehr weltoffen wahrgenommen – allerdings zwischendurch auch als sehr anstrengend (lacht), was auch an der hier sehr ausgeprägten Diskussionskultur liegt. Die habe ich aber in der Zwischenzeit sehr zu schätzen gelernt. Es gibt hier viele meinungsstarke Menschen. Am Anfang ist das für jemanden, der in Metzingen war, einfach anders. Und anders ist das TAGBLATT auch. Das ist nicht verkehrt, man muss sich nur darauf einlassen.