Tübinger OB: Boris Palmer über KI im Journalismus und Kurzmotzen im Leserbrief

„Ich habe meine Leserbriefe Anfang der Neunziger noch persönlich abgegeben.“ Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.
Hans-Jörg SchweizerSeit 18 Jahren ist Boris Palmer Oberbürgermeister in Tübingen. Auch zuvor als Landtagsabgeordneter und schon in seiner Jugend als Sohn des Obsthändlers Helmut Palmer auf dem Tübinger Marktplatz hat er die Tübinger Stadtpolitik und die Rolle des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS beobachtet.
Herr Palmer, vor zehn Jahren sagten Sie, Sie gehen morgens zum Briefkasten, holen das SCHWÄBISCHE TAGBLATT, die Stuttgarter Zeitung und die Süddeutsche, und dann haben Sie Zeit, sich durchzuarbeiten. Wie ist es heute?
Das hat sich digital verändert. Ich lese die Zeitung abends. Ich habe zwei Kinder, die morgens Zeit beanspruchen. Den gutbürgerlichen Konflikt, dass der Vater morgens Zeitung liest und die Kinder still sein müssen, habe ich nicht mehr. Ich habe ja schon abends gelesen. Das ist familienfreundlich. Ich gehe auch nicht zum Briefkasten, Papierversionen habe ich weitgehend abbestellt. Beim Altpapier habe ich also stark reduziert. Das entlastet beim Runtertragen. Und ich lese zwölf Stunden früher – mit einer Ausnahme: Wenn ich den Verdacht habe, wenn ich das heute Abend lese, was die wieder kommentieren, dann ärgere ich mich furchtbar, dann schiebe ich es auf, damit ich mich beim Einschlafen nicht übers TAGBLATT ärgere. Den Artikel von Miri Watson über die Stadtbilddebatte habe ich deswegen erst am nächsten Morgen gelesen, dann aber beruhigt festgestellt, dass der gar kein Grund zum Ärgern war.
Print-Zeitung spielt aber noch eine Rolle für Sie?
Die Süddeutsche habe ich noch auf Papier. Da geht es mir um den schnellen Überblick. Die lese ich nicht wie das TAGBLATT auf Vollständigkeit. Bei der Süddeutschen schaue ich, ob die eine spannende Seite-Drei-Geschichte hat oder einen Leitartikel, bei dem ich gerne wissen würde, wie die das sehen. Ich picke mir gezielt drei oder vier Texte raus. Das geht schneller, wenn man durchblättert.
Funktioniert das kuratierte Layout einer Printausgabe für Sie auch im E-Paper?
Ja. Wenn man erkennt, wie die Zeitung sortiert ist, weiß ich ja, wo ich gucken muss und was ich schnell überblättern kann. Da finde ich eine kuratierte, geordnete Darstellung gut, um schneller zur Information zu kommen.
Bisher ordnen Redakteure den Stoff im Blatt. Was wäre, wenn das künftig eine KI macht?
Ich fürchte, die macht das gar nicht schlecht. Mittlerweile ist die Potenz dieser Algorithmen unfassbar gut. Ich habe im letzten Jahr angefangen, Aufgaben an ChatGPT zu übertragen. Und ich stelle fest, Briefe an den Ministerpräsidenten aus umfangreichen Verwaltungsdokumenten macht die KI sehr viel schneller als ich. Wenn ich sage, schreibe im Stil von Boris Palmer, dann fragt die KI zurück: Ich soll es also pointierter und zugespitzter machen? Die kennt mich schon gut.
Das heißt, Sie vertrauen da voll?
Nein. Man darf bei Recherchen nicht darauf vertrauen. Es gibt immer noch Bias und Halluzinationen, wenn auch weniger, und auch Gefälligkeitsauskünfte. Wenn man in eine bestimmte Richtung drängt, dann sagt die KI, was man hören möchte. Aber wenn Informationen schon da sind und ich der KI sagen kann: Mach damit dieses oder jenes, dann ist sie verdammt gut. Das wäre bei der Zeitung ja der Fall: Es ist alles da, die KI muss nichts wissen, sie muss nur kuratieren. Ich fürchte, das wird sie bald gut machen, dann werden wieder Stellen wegfallen.
Würde der OB, wenn ihn eine KI anruft, antworten, wie er einem echten Journalisten antwortet?
Wenn er das überhaupt merkt.
Na ja, wenn die KI sagt: Ich bin die KI vom TAGBLATT und hätte da mal ein paar Fragen …
… würde ich heute noch sagen: Nee, das ist mir dann doch zu doof. Das wird aber neu auszuhandeln sein, wie viel wir noch unter Menschen ausmachen wollen und wo wir es bequemer finden, es der KI zu übertragen. Und es gibt eindeutig Tätigkeiten, die muss man nicht gemacht haben. Ein Interview war vor zehn Jahren ein Tag stupides Abtippen. Im Vergleich zu heute: Aufnahme mitlaufen lassen, einmal der Software übergeben, zwei Minuten später hast du die Rohfassung. Das ist ein Fortschritt. Das ist wie Waschmaschine statt Handwäsche.
Wenn es um solche Tätigkeiten geht, oder zum Beispiel darum, Texte zu kürzen, bringt das sicherlich Arbeitsersparnis. Aber kann KI inhaltlichen Schaden anrichten, wenn sie journalistische Texte ersetzt? Gerade bei lokalen Themen ist Information oft nicht im Netz abrufbar.
Ich würde die Chancen größer einschätzen. Es ist nicht zu erwarten, dass Redaktionen wieder doppelt so stark besetzt werden. Wenn man mit weniger Leuten trotzdem ein gutes Blatt machen will, muss man Kreativität, Kompetenz und Vertrauen in Menschen auf Tätigkeiten fokussieren, die KI besser nicht übernehmen sollte. Es gibt eine Menge Artikel, bei denen es nur um simple Darstellung von Ereignissen geht. Dafür braucht man weder Hintergrundwissen noch politisches Gespür. Da ist es nicht schlimm, wenn die von der KI erstellt werden. Warum nicht, wenn der Redakteur stattdessen den spannenden Artikel recherchieren kann, für den er sonst keine Zeit hätte?
Wie nehmen Sie die Veränderungen im Journalismus wahr, seit sie OB sind?
Es ist ein Rückzug aus der Fläche. Es gibt leider zunehmend weiße Flecken in der Berichterstattung. Gott sei Dank nicht hier bei uns im Landkreis. Und es gibt weniger Geld für die Erstellung von journalistischen Inhalten. Da bedeutet Reduktion auch Verlust journalistischer Kontrolle. Die vierte Gewalt im Staat, die in Amerika gerade abgeschafft wird, wird bei uns nicht vom Staat unter Druck gesetzt, sondern durch wirtschaftliche Zwänge. Außerdem ist da der Rückgang der Leserschaft. Andere Medien werden bedeutsamer. Die Zersplitterung lokaler Gemeinschaften in unterschiedliche Informationsgruppen macht es deutlich schwieriger für Lokalpolitik, in Kontakt mit den Bürgern zu treten. Also: eher eine kritische Entwicklung.
Das TAGBLATT gehört seit bald zwei Jahren zur SÜDWEST PRESSE Ulm. Ist das ein Problem für den Tübinger OB?
Ich glaube, dass die TAGBLATT-Fusion mit Ulm nicht vermeidbar war. Insbesondere bei digitalen Prozessen kann ein kleiner Verlag heute wahrscheinlich nicht mehr mithalten. Von daher sehe ich das positiv. Ich glaube, das verlängert den Zeitraum, in dem wir in Tübingen ein TAGBLATT lesen können. Insgesamt hebt sich das Niveau des Lokaljournalismus bei uns positiv ab vom Durchschnitt im Land – trotz harter Sparauflagen.

Was man über Leserbriefe beim TAGBLATT wissen sollte.
Sepp BucheggerUnd wie hat sich Ihr persönliches Verhältnis zum TAGBLATT im Lauf der Jahre verändert?
Zwischen Christoph Müller und Eugen Schmid gab es jahrelang Auseinandersetzungen, wer eigentlich die Tübinger Stadtpolitik bestimmt. Der frühere Chefredakteur und Verleger Müller war der Meinung, er sei das, und der damalige Tübinger OB Schmid war darüber empört. Vor allem in den Achtzigerjahren war Müller massiv in politischen Debatten und hat versucht zu bestimmen, wo es langgeht. Dass das TAGBLATT so starkes Agenda-Setting betreibt, erlebe ich jetzt nicht mehr. Das kann man positiv oder negativ sehen.
Würden Sie sich das mehr wünschen?
Wenn Eugen Schmid was in die Öffentlichkeit bringen wollte und der Müller hat gesagt, das mache ich nicht, dann war es halt nicht in der Öffentlichkeit. Aber die Zeit kommt nicht zurück, und auch nicht der Einfluss, die Machtkonzentration, die Reichweite, das Monopol der Lokalzeitung. Das muss man nicht werten. Historisch betrachtet war es zu jener Zeit für die Stadt produktiv und spannend. In den Neunzigern gab es auch eine große Begeisterung für das einzige linke Diskussionsblatt im ganzen Land. Das fand ich grandios. Damals hatte man 15 Leserbriefe im Jahr mit 70 Zeilen, jetzt ist das auf acht Leserbriefe und 40 Zeilen reduziert. Heute gibt es kaum noch gescheite Leserbriefe, weil alle nur noch mit Kurzmotzen beschäftigt sind. Das ist vermutlich auch Ausdruck dessen, was im Netz passiert: In den Socials sehen wir viel Gemotze. Das ist auch bei den Leserbriefen passiert, weil die Schwelle viel niedriger ist, einen Leserbrief zu schreiben: Mail und weg. Früher wurden Leserbriefe zweimal überarbeitet. Ich habe meine Leserbriefe Anfang der Neunziger noch persönlich abgegeben.
Liegt das Gemotze auch daran, dass Leserbriefe sich oft auf Boris Palmer beziehen – und zwar überwiegend negativ?
Ich will gerne zugeben, dass ich eine voreingenommene persönliche Sicht habe. Aber wenn man die Leserbriefseiten aus den Neunzigern neben die von heute legt, erkennt man eine starke Veränderung, weg von Diskussion, Debatte und Austausch von Argumenten hin zu Schlechtreden und Schlechtmachen. Auch das wird sicher durch Online-Gewohnheiten beeinflusst.
Aber zurück zu Ihrem Verhältnis zum Tagblatt …
Aus meiner Begeisterung fürs TAGBLATT in den Neunzigern entstand vielleicht zu große persönliche Nähe zur Redaktion. In den Nullerjahren gab es fast schon gleichlautende Vertrautheit und ähnliche Vorstellungen, wo die Stadt sich hinentwickeln soll. Das ist für die Demokratie auch nicht die optimale Konstellation. Dann ist das Pendel in die Gegenrichtung ausgeschlagen: Fight um Moralvorstellungen. In den letzten zehn Jahren gab es eine Auseinandersetzung zwischen dem Chefredakteur und mir, ob die Zeitung bestimmt, was moralisch richtig ist oder falsch.
War das eine Belastung oder lief das nebenher?
Nebenher lief das nicht. Ich fand es anstrengend und belastend. Im Rückblick ist es eine Erleichterung, dass dieser moralinsaure Streit zu Ende ist. Heute kommentiert das TAGBLATT mal positiv und mal negativ – so wie es seine Aufgabe ist. Da kriege ich mal mein Fett weg – das ist okay – und dann kriege ich sogar mal ein konsequentes Lob – da freue ich mich. Wir sind jetzt in einem neutralen Einschwingzustand: Ich habe keinen Konflikt mit dem TAGBLATT und erlebe auch nicht, dass das TAGBLATT mich als Feind betrachtet. Vielleicht ist das ein dialektischer Prozess. Was die nächste Phase im Pendelschwung ist, wissen wir alle nicht.
Viele Menschen sind heute nicht bereit, für Inhalte zu bezahlen, weil sie glauben, auf Social Media kriegen sie alles umsonst. Sie sind selbst Vorreiter der Social-Media-Nutzung …
… Ich habe gerade meinen 100.000. Abonnenten bei Facebook begrüßt ...
… So viele erreicht manche Zeitung nicht. Auf Facebook können Sie Ihre persönliche Sicht platzieren. Bewirken Sie da nicht auch einen Bedeutungsverlust für Lokaljournalismus?
Ich weiß nicht, wie viele meiner Abonnenten bei Facebook aus Tübingen sind. Aber es ist eine große Menge. Wenn es zutrifft, was Forscher sagen, dass sich junge Leute mehrheitlich auf diese Art politisch informieren, dann schreiben die keine Leserbriefe und schließen kein Zeitungsabo ab. Das ist ähnlich wie das Internet für den Altstadthandel, das lässt sich aber nicht verhindern.
Vor zehn Jahren sagten Sie auch: In zehn Jahren ist das TAGBLATT in der Endphase zum reinen Online-Medium.
So weit ist es mit dem TAGBLATT noch nicht, aber die TAZ hat gerade diesen Schritt gemacht. Ein Druckhaus ist eben unfassbar teuer im Vergleich dazu, einen Artikel einfach online zu stellen. Die Tübinger Partnerstadt Ann Arbour in den USA hat keine gedruckte Zeitung mehr. Amerika ist da immer schneller. Auch das verlängert wieder die Zeit des Lokaljournalismus. Jetzt würde ich erneut die Prognose wagen: In zehn Jahren gibt es das TAGBLATT noch, aber nicht mehr als gedruckte Zeitung – nur noch zu Festtagen. So eine Jubiläumsausgabe hätte man ja vielleicht schon gern zum Aufheben.
