Sie tuckern mit 70 km/h über die Landstraße, bezahlen an der Kasse mit Centstücken und quatschen ewig mit Verkäufern. Gegenüber älteren Menschen bestehen viele Vorurteile. Die, die in einer neuen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht wurden, gehen sogar über nervige Verhaltensweisen hinaus. Senioren fallen anderen zur Last, blockieren Posten in Unternehmen und tragen wenig im Kampf gegen den Klimawandel bei – das denkt etwa ein Drittel der Befragten (siehe Info-Kasten).
Dass es diese Vorurteile gibt, hat Josef Weiss nicht überrascht. „Aber der hohe Prozentsatz ist erstaunlich“, sagt der Vorsitzende des Kreisseniorenrats Zollernalb im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. „Es ist problematisch, wenn solche Denkmuster übernommen werden, ohne sich tiefer damit auseinanderzusetzen. Aufklärungsarbeit ist also enorm wichtig“, sagt der Schömberger.

Arbeitskraft ein wichtiges Gut

Doch ist etwas dran, an der Meinung der Befragten, ältere Frauen und Männer blockieren hohe Positionen in Unternehmen? Weiss sieht einen Widerspruch: „Das passt nicht mit der Idee zusammen, dass Ältere bis ins Alter von 70 Jahren arbeiten sollen.“ Das bestätigt Detlef Werneck, Leiter Zentrale Dienste und Kundenmanagement bei der IHK. „Wegen des Fachkräftemangels können es sich Unternehmen gar nicht leisten, ältere Arbeitnehmer aus dem Berufsleben zu drängen, um jungen Menschen schnell in höherrangige Posten zu bringen. Ihre Arbeitskraft ist ein wichtiges Gut, das nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf.“

Ein Wissen, das Junge nicht haben

Zumal sich ältere, noch berufstätige Menschen in wichtigen Positionen diese Posten im Laufe ihres Berufslebens meistens hart erarbeitet haben. „Sie verfügen über ein immenses Wissen und einen wichtigen Erfahrungsschatz, den junge Menschen noch nicht mitbringen können“, sagt Werneck. „Wenn sie sich engagieren und bei Information und Technik auf dem Laufenden halten, sind die älteren Menschen sehr wertvoll für die Betriebe.“ Es kommt auf das Zusammenspiel der Generationen an. Je besser sie vernetzt sind und konstruktiv zusammenarbeiten, umso mehr profitieren Unternehmen. Arbeitgeber sollten den Kontakt und den Austausch zwischen den Generationen daher unbedingt fördern.

Den Austausch der Generationen fördern

Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Josef Weiss vom Kreisseniorenrat nennt die Digitalisierung. Am Anfang der Corona-Pandemie habe es im Zollernalbkreis mehrere Kurse beziehungsweise Treffen gegeben, bei denen jüngere Menschen Senioren den Umgang mit Smartphones erklärt haben, damit diese den Kontakt zu Familie und Freunden behalten konnten. „Solchen generationenübergreifende Maßnahmen stärken das gegenseitige Verständnis. Der Dialog, der Austausch der Generationen baut Vorurteile ab“, sagt der Schömberger.

Wichtige Hilfe bei Pflege und Kinderbetreuung

Beim Umweltschutz gibt es für Weiss tatsächlich Luft nach oben – doch ebenso gibt es viele Senioren, die sich aktiv im Kampf gegen den Klimawandel einsetzen. „Es ist ja im Interesse der Älteren, ihre Kinder und Enkelkinder nicht vor große Probleme zu stellen.“ In vielen örtlichen Natur- und Umweltschutzvereinen sind Senioren in der Verantwortung, pflegen Flurstücke und bringen sich ein. Trotz Fridays for Future und „Letzte Generation“ fehlt der Nachwuchs.
Ein ganz wichtiger Aspekt: Ältere Menschen übernehmen dort Verantwortung, wo es die Infrastruktur oft nicht mehr leisten kann. „80 Prozent der Menschen mit Pflegebedarf werden nicht in Alten- und Seniorenheimen betreut, sondern von pflegenden Angehörigen“, sagt Josef Weiss. Ohne diesen Beitrag würde das System nicht funktionieren – gleiches gilt für die Kinderbetreuung. „Wenn sich Großmutter und Großvater um die Enkelkinder kümmern, schafft das Freiraum für die Eltern“, sagt Weiss. Nur so können beiden Elternteile berufstätig sein, um die hohen Ausgaben für Miete und Co. zu stemmen.

Junge Erwachsene sehen Potenziale seltener

In der Studie zu „Ageismus“ – der Diskriminierung älterer Mitmenschen – befragte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2000 Menschen im Alter ab 16 Jahren. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte ist der Meinung, Alte würden nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen. „Junge Erwachsene haben im Vergleich zu alten Menschen einen etwas weniger differenzierten Blick auf alte Menschen und die Lebensphase Alter. In ihren Vorstellungen über alte Menschen und das Alter kommen seltener die Potenziale alter Menschen – insbesondere die persönliche Reife – sowie weniger Probleme und Herausforderungen vor“, heißt es in der Studie.