Klimawandel aktuell: Grenzen des Erdsystems laut neuer Studie bereits überschritten

Laut den Forschenden der in „Nature“ veröffentlichten Studie ist lediglich eine Klimaerwärmung von 1 Grad „gerecht“. Sie betonen, dass die derzeitige menschliche Lebensweise die Stabilität und Belastbarkeit des Planeten gefährdet.
Marco Rauch/dpaDie Studie der Earth Commission, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature Sustainability„ gibt laut Johan Rockström vom Potsdam–Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erstmals konkrete Zahlen und Werte für die sicheren und gerechten Grenzen des Erdsystems vor. Das internationale Forschungsteam warnt darin vor den schwerwiegenden Auswirkungen, die diese Überschreitungen auf die Umwelt und die Gesellschaft haben können.
Menschheit hat bereits fast alle Grenzen des Erdsystems überschritten
Das internationale Forschungsteam, angeführt von Johan Rockström, warnt vor den schwerwiegenden Auswirkungen, die diese Überschreitungen auf die Umwelt und die Gesellschaft haben können. Einige Beispiele für diese Überschreitungen sind:
Biodiversität
Die Studie zeigt, dass 50 bis 60 Prozent der Landfläche naturbelassen oder nachhaltig bewirtschaftet werden sollten, um die natürlichen Leistungen der Ökosysteme zu erhalten. Derzeit liegt dieser Anteil nur bei 45 bis 50 Prozent. Zudem sollte 20 bis 25 Prozent jedes Quadratkilometers von weitgehend natürlicher Vegetation bedeckt sein, was jedoch nur auf einem Drittel der vom Menschen beeinflussten Landfläche der Fall ist.
Süßwasserreserven
Die Forschenden betonen, dass der Wasserstand in Flüssen und Binnengewässern nur um etwa 20 Prozent schwanken sollte, um die Ökosysteme in und um diese Gewässer zu erhalten. Auf etwa einem Drittel der Landfläche wird dieser Grenzwert jedoch überschritten. Darüber hinaus wird weltweit auf 47 Prozent der Landfläche mehr Grundwasser entnommen, als sich wieder neu bilden kann.
Umweltverschmutzung
Die Studie bemängelt, dass die Werte für Stickstoff und Phosphor, die über Kunstdünger in Erd– und Wassersysteme gelangen, deutlich zu hoch sind. Dies führt zu Algenblüten, dem Sterben von Fischbeständen und Ammoniakpartikeln in der Luft.
Lebensweise ist Gefahr für den gesamten Planeten
Die Studie warnt davor, dass die Überschreitung der Grenzen schwerwiegende Folgen hat, wie den Verlust von Menschenleben, Lebensgrundlagen und Einkommen, Vertreibungen, den Verlust von Lebensmitteln, Wasser und Ernährungssicherheit sowie chronische Krankheiten, Verletzungen oder Mangelernährung. Die Forschenden sehen die heutige Lebensweise der Menschheit als Gefahr für die Stabilität und Belastbarkeit des gesamten Planeten an.
„Unsere Studie liefert erstmals quantifizierbare Zahlen und eine fundierte wissenschaftliche Grundlage, um den Zustand unseres Planeten nicht nur hinsichtlich seiner Stabilität und Widerstandsfähigkeit zu bewerten, sondern auch in Bezug auf das menschliche Wohlergehen und die Gerechtigkeit“, erklärt Johan Rockström. Hier eine Zusammenfassung der Kosten des Klimawandels.
Maximal 1 Grad Klimaerwärmung als „gerecht“ eingestuft
Während eine Erwärmung um 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter von den Wissenschaftlern noch als „sicher“ eingestuft wird, betrachtet die Studie eine Erwärmung um maximal ein Grad als „gerecht“. Bereits heute seien mehrere zehn Millionen Menschen stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, und diese Zahl wird sich mit jeder weiteren Erwärmung erhöhen. Dementsprechend seien die heutigen Auswirkungen schon mit einzubeziehen. Das plant die EU, um die Klimaerwärmung zu begrenzen.
Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Zukunft
Der Ansatz der Studie bezieht auch das Konzept der Gerechtigkeit mit ein. Dabei werden drei Aspekte der Gerechtigkeit berücksichtigt: die Gerechtigkeit gegenüber anderen Lebewesen und Ökosystemen, gegenüber den nächsten Generationen und gegenüber den global verteilten Angehörigen der heutigen Generation. Die Studie betont die Notwendigkeit einer gerechten globalen Umgestaltung aller Erdsysteme, um das Wohlergehen der Menschen zu gewährleisten.
Transformationen in Bereichen wie Energie, Ernährung und Stadtplanung seien der Studie nach notwendig, um die Treiber des Wandels anzugehen und den Zugang zu Ressourcen gerecht zu gestalten. Die Forschenden warnen davor, dass wir riskieren, die Kontrolle über grundlegende Erdsubsysteme zu verlieren, wenn wir nicht umgehend handeln.
Wissenschaftliches Echo: Anerkannte Studie mit Unsicherheiten
Experten, die nicht an der Studie beteiligt waren, erkennen die Bedeutung der Forschung an. Johannes Emmerling vom RFF–CMCC European Institute on Economics and the Environment in Mailand bezeichnet den Ansatz als hilfreich und betont die Dringlichkeit politischen Handelns. Helmut Haberl von der Universität für Bodenkultur in Wien weist jedoch darauf hin, dass die Grenzwerte aufgrund der Komplexität der Ökosysteme mit Unsicherheiten behaftet sind.
(Mit Material der dpa)
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