Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz soll beim Corona-Ausbruch in Ischgl im März eine kontrollierte Abreise von Touristen aus dem Paznauntal behindert haben, so zumindest die Auffassung einer unabhängigen Expertenkommission die am Montagmittag in Innsbruck ihren Bericht vorgestellt hat.
Die Ankündigung von Kurz (ÖVP) in einer Pressekonferenz am 13. März um 14 Uhr, das gesamte Paznauntal unter Quarantäne zu stellen, kam laut den Experten „ohne Bedachtnahme auf die notwendige substantielle Vorbereitung“. Die dadurch bewirkte unkontrollierte Abreise habe eine sinnvolle epidemologische Kontrolle verhindert. Dies sei ein „Kommunikationsfehler“ gewesen, so die Kommission in ihrer Zusammenfassung. Das Gerücht hatte sich bereits vorab verbreitet. Nach der Pressekonferenz packten aber tausende Touristen sofort ihre Koffer und verließen das Tal fluchtartig.

Ischgl/Ulm/Göppingen

Bezirkshauptmannschaft von Bundeskanzler Kurz überrumpelt

Die Bezirkshauptmannschaft Landeck soll mit dem Chaos überfordert gewesen sein, zumal es für die Maßnahme erst ab Freitagabend eine Rechtsgrundlage gab und zunächst nicht genug Polizei zur Verfügung stand. Einige der teilweise unsanft ausquartierten Gäste mussten sich in Innsbruck in Hotels einmieten und sollen auf diese Art zur Verbreitung des Coronavirus in Tirol beigetragen haben. Man habe sich ja schlecht der Ankündigung des Kanzlers widersetzen könnten, verteidigten sich die Verantwortlichen der Bezirkshauptmannschaft. Eigentlich sei aber eine geordnete Räumung in Verbindung mit dem am Samstag angekündigten Bettenwechsel der Urlauber vorgesehen gewesen.
Corona Österreich Tirol Vorarlberg Wie lange bleibt Tirol noch Risikogebiet?

Innsbruck/Bregenz

Die Schließung von Skiliften und Bars in Ischgl sei eigentlich schon am 9. März überfällig gewesen, heißt es. Allerdings wird eine Einflussnahme der Tourismuswirtschaft auf die politischen Entscheidungen bestritten. Ende September wurde das Bundesland Tirol vom Robert-Koch-Institut unterdessen erneut zum Risikogebiet erklärt. In den Medien gibt es Spekulationen über einen möglichen „Lockdown Light“ für ganz Österreich, und auch jenseits des Brenners steigen die Corona-Zahlen in Südtirol.

Wien

Bürgermeister von Ischgl schloss Skigebiet zu spät

Obwohl bereits am 12. März die Verordnung zur Betriebseinstellung der Silvretta-Seilbahnen eingegangen war, gab sie der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz erst am 14. März bekannt. Laut Gesetz wäre Kurz aber unverzüglich dazu verpflichtet gewesen.
Der Betrieb der Skibusse und der Seilbahnen sei einen Tag später als erforderlich eingestellt worden, sagte der Kommissionsvorsitzende Ronald Rohrer in Innsbruck. Die Kommission hatte für den Bericht insgesamt 53 Menschen befragt, darunter Betroffene, Vertreter der Seilbahn- und der Tourismuswirtschaft sowie Verantwortliche auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene.

Coronavirus von Ischgl aus in Europa verbreitet

Der 1600-Einwohner-Ort in Tirol galt nicht zuletzt wegen der dortigen Feiern beim Après-Ski als einer der Hotspots bei der Verbreitung des Coronavirus in Teilen Europas. Auch viele deutsche Gäste steckten sich hier an.
Bei einem Verbraucherschutzverein, der die Interessen der Geschädigten vertreten will, haben sich inzwischen mehr als 6000 Tirol-Urlauber aus 45 Staaten gemeldet. Tausende Corona-Infektionen in Europa und weltweit sollen auf Ischgl zurückzuführen sein. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt gegen insgesamt vier Verdächtige wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Die Expertenkommission hatte nicht den Auftrag, strafrechtliche Ermittlungen vorzunehmen oder über Schadenersatzansprüche von Geschädigten zu entscheiden.