• Bund und Länder haben sich am Freitag, 19.03.2021, zu einem Impfgipfel getroffen
  • Dabei wurde das weitere Vorgehen in der Impfstrategie in Deutschland besprochen
Nach dem Impfstopp von Astrazeneca vor über einer Woche hatten Bund und Länder ihren auf Mittwoch geplanten Impfgipfel verschoben. Sie wollten die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) abwarten. Diese bekräftigte am Donnerstag die Sicherheit des Impfstoffes, so dass die Impfungen mit dem Präperat ab Freitag in Deutschland wieder aufgenommen werden - mit einem Warnhinweis für Frauen unter 55 Jahren. Die Aufhebung des vorübergehenden Impfstopps von Astrazeneca ist auch eine wichtige Voraussetzung für einen breiten Impfstart in Arztpraxen.

Das sind Beschlüsse beim Impfgipfel: Schneller und flexibler

Die Hausärzte in Deutschland sollen unmittelbar nach Ostern routinemäßig in die Schutzimpfungen gegen das Coronavirus einsteigen. Das haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder am Freitag bei einer Telefonkonferenz beschlossen. Vorgesehen ist allerdings die Möglichkeit, dass Länder bis zum 22. März erklären, sich daran nicht zu beteiligen. Ziel sei es, „schneller und flexibler“ zu werden, sagte Merkel. „Die Devise lautet: Impfen, impfen, impfen.“ Dafür solle es neben der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit auf mehr deutsche Flexibilität ankommen. Merkel betonte, es gehe um eine schnellstmögliche Kombination der weiterhin wichtigen Impfzentren der Länder und einer schrittweise stärkeren Einbeziehung der Praxen. Dabei dürfe zu keiner Sekunde aus den Augen verloren werden, besonders Schutzbedürftigen auch weiterhin diesen Schutz zu geben, machte die Kanzlerin mit Blick auf die Priorisierung bei Impfungen deutlich.
Wegen der zunächst noch geringen Mengen an verfügbarem Impfstoff wird das Impfen in den Hausarztpraxen auch nur langsam starten. In dem Beschlusspapier ist von etwa einem Impftermin pro Woche die Rede. Umgerechnet auf rund 50.000 Hausärzte in Deutschland geht es demnach um eine Größenordnung von 20 Impfdosen pro Praxis - insgesamt rund eine Millionen Impfdosen. In der letzten April-Woche sollen dann jedoch schon fast 3,2 Millionen Impfdosen an Hausarztpraxen gehen.

Fünf Bundesländer erhalten zusätzliche Impfdosen

Vereinbart wurde ferner, dass fünf Bundesländer zum Schutz vor dem Eintrag mutierter Coronaviren durch Pendler aus Nachbarstaaten zusätzliche Impfdosen bekommen sollen. Dies betrifft das Saarland und Rheinland-Pfalz mit ihrer Grenze zu Frankreich sowie Bayern, Sachsen und Thüringen wegen der hohen Infektionszahlen in Tschechien. Dem Beschluss zufolge soll Bayern 100.000 zusätzliche Impfdosen bekommen, Sachsen 100.000, das Saarland 80.000, Thüringen 30.000 und Rheinland-Pfalz 20.000 Dosen.
Zusammen sind das 330.000 Dosen. Dieser Impfstoff soll aus der Zusatzlieferung von 580.000 Dosen des Herstellers Biontech/Pfizer kommen, die dieser Hersteller zugesagt hat. Die restlichen 250.000 Zusatzdosen sind in der Woche nach Ostern für die Hausarztpraxen eingeplant.

Merkel will Corona-Notbremse ziehen

Wegen der stark steigenden Corona-Infektionszahlen muss aus der Sicht von Merkel die von Bund und Ländern beschlossene Notbremse gezogen werden. „Ich hätte mir gewünscht, ohne Notbremse auskommen zu müssen“, sagte sie am Freitag nach dem Impfgipfel in Berlin mit Blick auf die bevorstehenden Bund-Länder-Beratungen am Montag.

Weitere Lieferungen von Biontech/Pfizer

Die bestehenden Impfzentren der Länder sollen den Plänen zufolge im April weiter vorrangig mit verfügbarem Impfstoff beliefert werden - mit 2,25 Millionen Dosen pro Woche. Im April stünden damit in Summe rund 15,4 Millionen Impfdosen in Deutschland zur Verfügung, davon gingen den Plänen zufolge circa 6,4 Millionen an die Arztpraxen.
Um bereits in der Wochen nach Ostern eine Mindestmenge von eine Million Impfdosen für die Arztpraxen sicherstellen zu können, sollen den Plänen zufolge auch 270.000 Biontech/Pfizer-Impfdosen einer 580.000 Dosen umfassenden Zusatzlieferung genutzt werden.
Die restlichen 310.000 Impfdosen wären dann für den Einsatz in besonders betroffenen Grenzgebieten. Konkret benennt das Papier das Saarland wegen seiner Nähe zum französischen Département Moselle sowie die Bundesländer Bayern, Sachsen und Thüringen wegen der kritischen Lage an der Grenze zu Tschechien. Wie viele Impfdosen konkret an welches Bundesland gehen sollen, ist aber im Entwurf noch nicht beziffert.

Bürokratie soll reduziert werden

Offen ist dem Entwurf zufolge noch, ob einzelne Bundesländer gegenüber dem Bundesgesundheitsministerium bis Montag (22. März) erklären können, ob sie „im April noch nicht an der routinemäßigen Impfung in den Arztpraxen teilnehmen wollen“, wie es heißt. Allerdings steht der Punkt noch in eckigen Klammern, das bedeutet, dass es hier noch erheblichen Diskussionsbedarf geben dürfte.
Um mehr Tempo in die Impfungen zu bekommen, soll zudem die Bürokratie reduziert werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) werde gemeinsam mit der Gesundheitsministerkonferenz gebeten, den „Dokumentationsaufwand in den Arztpraxen möglichst gering“ zu halten, heißt es dazu im Entwurf.

Vor dem Corona-Gipfel am 22.03.21: Wie ist die Impflage in BW?

Die Astrazeneca-Impfungen sind nach dem vorläufigen Stopp auch in Baden-Württemberg wieder im Einsatz. Impfzentren im Land mussten dennoch ihre Termine absagen und teilweise sogar vorübergehend schließen. Wie ist die Lage in BW aktuell?

Vor dem Impfgipfel: Städtebund fordert früheres Impfen in Praxen

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat Bund und Länder vor ihrem Impfgipfel aufgefordert, mit den Impfungen in den Arztpraxen früher als bisher geplant zu beginnen. „Auch wenn derzeit noch nicht genug Impfdosen vorhanden sind, sollten bestimmte Kontingente alsbald über die Apotheken an die Hausärzte gehen“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Freitagausgaben). Auch die Priorisierung der Impfgruppen solle gelockert werden.
Nötig sei ein klares Konzept, mit dem so schnell wie möglich die Hausärzte in das Impfgeschehen eingebunden werden könnten, forderte Landsberg. „Wir werden in absehbarer Zeit eine so große Menge an Impfdosen zur Verfügung haben, dass wir diese nicht mehr allein in den Impfzentren verimpfen können“, sagte der Verbandsvertreter. Die neue Impfstrategie solle auch die Betriebsärzte einbinden, die gerade in großen Unternehmen eine Vielzahl von Menschen impfen könnten.
Landsberg forderte zudem, die Priorisierung der Impfgruppen zu lockern. Wenn in einem Impfzentrum Impfdosen in großer Zahl übrig blieben, müsse vor Ort entschieden werden dürfen, auch Menschen aus Gruppen zu impfen, die noch nicht an der Reihe sind. „Eine Impfdosis im Arm ist immer besser als eine Impfdosis, die im Kühlschrank lagert, nur um bürokratische Vorgaben zu erfüllen“, sagte Landsberg.

Virologe Kekulé ist für eine „Notstrategie“

Der Virologe Alexander Kekulé forderte, beim Impfen auf eine „Notstrategie“ umzusteigen, um die Unterbrechung bei den Astrazeneca-Impfungen schnell aufzuholen. Er warb in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ dafür, alle Älteren zunächst nur einmal zu impfen. „Das schafft eine Teilimmunität, die schon sehr weitgehend vor Erkrankungen und noch zuverlässiger vor Tod schützt“, sagte der Direktor des Instituts für Virologie der Universität Halle-Wittenberg.
Dass die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna derzeit nur für Zweifach-Impfungen zugelassen sind, sollte aus seiner Sicht überdacht werden. Es koste in der gegenwärtigen Lage „viele Menschenleben, wenn wir die kostbaren Dosen für Zweitimpfungen verwenden, statt damit doppelt so viele Menschen zu schützen“, sagte Kekulé. Auch die Briten hätten zunächst nur einmal geimpft und die Pandemie so unter Kontrolle gebracht. Dieser Erfolg sei inzwischen ausreichend durch Studien belegt.