Man habe alle Daten intensiv ausgewertet, hieß es auf der Pressekonferenz der EMA in Amsterdam. Tausende Menschen würden an dem Corona-Virus täglich sterben, deswegen sei die Auswertung sehr wichtig gewesen. Das Fazit: „Der Impfstoff von Astrazeneca ist sicher und wirksam.“
Es gebe sehr seltene Fälle, bei denen Kombinationen von thrombotischen Erkrankungen aufgetreten sind. Man habe noch nicht genügend Beweise dafür, dass die Impfungen und die Nebenwirkungen zusammenhängen. Man werde das weiterhin genau untersuchen. Außerdem müsse man ein höheres Bewusstsein für die Risiken schaffen. Es werde eine extra Warnung vor möglichen seltenen Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen bei den möglichen Nebenwirkungen aufgenommen.
Insgesamt überwiege der Nutzen des Präparates die Risiken, sagte Emer Cooke, Direktorin der Europäischen Arzneimittel-Agentur.

Was sagt Gesundheitsminister Jens Spahn zur Einschätzung der EMA?

Die Bundesregierung nahm zunächst keine Stellung. Anlässlich der Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zum Astrazeneca-Impfstoff halten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, eine Pressekonferenz ab. Diese beginnt um 20.00 Uhr.
Jens Spahn äußert sich zur Einschätzung der EMA in Sachen Astrazeneca.
Jens Spahn äußert sich zur Einschätzung der EMA in Sachen Astrazeneca.
© Foto: JOHN MACDOUGALL/afp
Als Reaktion auf die Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) hat Bundesgesundheitsminister Spahn die weitere Verwendung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca genehmigt - allerdings mit Warnhinweisen. Die Impfungen mit dem Präparat sollten noch im Laufe des Freitags wieder aufgenommen werden, sagte Spahn am Donnerstagabend in Berlin. Die Impfwilligen sollten über Risiken informiert werden.
In der Pressekonferenz sagte Spahn, die Einschätzung der EMA habe die Regierung in ihrem Vorgehen bestätigt. Die Bürger könnten darauf vertrauen, dass Impfstoffe sorgfältig geprüft werden. Noch heute solle ein Aufklärungsbogen für Menschen, die sich mit Astrazeneca impfen lassen, fertig gestellt werden. Ärzte könnten auch handschriftlich darauf hinweisen.

Astrazeneca: Impfstopp in Deutschland und anderen Ländern

Mehrere europäische Länder haben die Corona-Schutzimpfungen mit Astrazeneca ausgesetzt. In Deutschland war dies am Montag der Fall. Grund dafür waren neue Meldungen von Blutgerinnseln im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handele. Die EMA hatte das Präparat des britisch-schwedischen Herstellers Ende Januar als dritten EU-weiten Impfstoff zur Zulassung empfohlen. Die EU-Kommission hatte es daraufhin zugelassen.
Deutschland impfte bis zur EMA-Entscheidung nur die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna.

Thrombosen: Um wie viele Fälle geht es?

Bis zum 16. März hätten rund 20 Millionen Menschen im Europäischen Wirtschaftsraum (EEA) und Großbritannien eine Astrazeneca-Impfung erhalten. Die EMA habe 18 beziehungsweise sieben Fälle bestimmter Arten von Blutgerinnseln untersucht. Dass es ein Problem mit bestimmten Chargen oder Produktionsstätten des Impfstoffes geben könnte, dafür fand die EMA bei ihrer Prüfung ebenfalls keine Belege.

Was hätte ein Aus für Astrazeneca für die Impfkampagne bedeutet?

Millionen Impfungen wären erst einmal weggefallen. Denn bis April sollen die Lieferungen von Astrazeneca auf insgesamt 5,6 Millionen Dosen wachsen. Im zweiten Quartal sollen 16,9 Millionen Dosen des Astrazeneca-Vakzins geliefert werden. Der Rückschlag wäre allerdings mit der Zeit aufgeholt worden. Bereits bis April sollen die Lieferungen von Biontech/Pfizer auf 12 und die von Moderna auf 1,8 Millionen Dosen anwachsen.
Im zweiten Quartal sollten von beiden Impfstoffen zusammen 46,6 Millionen Dosen geliefert werden. Bis alle Erwachsenen eine Impfung erhalten können, dauert es laut Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung mit Astrazeneca bis Ende August - ohne dieses Vakzin bis Ende September. Die Regierung will das Versprechen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dass allen ein Impfangebot bis Ende des Sommers gemacht wird, auf jeden Fall halten.

Infektiologe: Astrazeneca-Einsatz bei Frauen vor Menopause prüfen

Nach der Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zum Fortsetzen der Corona-Impfungen mit Astrazeneca rät ein deutscher Infektiologe bei einer bestimmten Gruppe zum genauen Abwägen der Risiken. „Bei Frauen vor der Menopause, die ein sehr geringes Risiko für Covid-19-Komplikationen haben, sollte man derzeit überlegen, ob die Impfung mit Astrazeneca erfolgen sollte“, sagte Bernd Salzberger, Professor vom Uniklinikum Regensburg, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstagabend. Für einen 80-jährigen Mann mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf hingegen sehe das Risiko-Nutzen-Verhältnis ganz anders aus in Anbetracht der dritten Welle.
Die bisher 13 bekannten Fälle von Blutgerinnseln in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen in Deutschland betreffen fast ausschließlich Frauen. Salzberger betonte, dass noch offen sei, ob etwa bestimmte Medikamente oder etwa genetische Veranlagung eine Rolle spielen könnten. Die weitere Klärung werde wohl Wochen dauern.
Die EMA-Entscheidung wertete Salzberger als erwartbar, insgesamt überwiege klar der Nutzen der Impfung. Die EMA habe sich offensichtlich die Fälle genau und ernsthaft angeschaut. „Es sind ungewöhnliche, seltene Ereignisse“, betonte Salzberger mit Blick auf die berichteten Hirnvenenthrombosen. Er begrüßte, dass die EMA einen Warnhinweis in die Patienten- und Fachinformation aufnehmen wolle. „Das Verfahren insgesamt zeigt, dass das Netzwerk der Arzneimittelsicherheit funktioniert.“

Berlins Kassenärzte wollen schnell mit Astrazeneca impfen

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat nach der Wiederzulassung des Impfstoffs vom Hersteller Astrazeneca durch die Europäische Arzneimittelbehörde eine flächendeckende Impfung mit diesem Vakzin in Arztpraxen der Hauptstadt gefordert. Gerade mit Blick auf die derzeitige Verunsicherung der Bevölkerung solle der britisch-schwedische Impfstoff dort gespritzt werden, wo bereits ein Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten bestehe, teilte die Vereinigung am Donnerstagabend mit. In den Praxen könne es auch eine intensive Aufklärung geben.
„Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte kennen ihre Patienten, wissen um deren Krankheiten und können eine individuelle Impfberatung durchführen, auf deren Basis die Patienten eine Entscheidung treffen können“, heißt es vom Vorstand der KV Berlin. Nur in den Praxen könne es umfassende Rücksprachen zwischen Ärzten und impfwilligen Patienten geben.

Das wurde vor der Entscheidung diskutiert

Der Fachanwalt für Medizinrecht, Alexander Ehlers, glaubte, dass die EMA beim Impfstoff von Astrazeneca Beschränkungen für bestimmte Patienten empfehlen wird und der Impfstopp dann entsprechend aufgehoben wird.
„Wir erwarten (...), dass die EMA wahrscheinlich einen Warnhinweis ergänzend aufnehmen wird, und zwar dahingehend, dass Patientinnen und Patienten mit Blutgerinnungsstörungen und Einnahme von Kontrazeptiva, also Antibabypille, hier von der Impfung ausgenommen werden sollten“, sagte der Direktor des Health Care Management Institutes an der privaten EBS Universität für Wirtschaft und Recht bei Frankfurt im Deutschlandfunk. „Das ist zu erwarten und insofern wird der Impfstoff weiterhin zur Verfügung stehen“.
„Wir alle gehen davon aus, dass die EMA erwartungsgemäß kein Verbot, keinen Rückruf, keinen Widerruf der Zulassung verhängen wird. Dafür spricht eigentlich nichts“, sagte Ehlers.

Kretschmann will sich mit Astrazeneca impfen lassen

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lässt sich am Freitag gegen das Coronavirus impfen. Er erhält seine Spritze im Impfzentrum in der Stuttgarter Liederhalle, wie das Staatsministerium am Donnerstag mitteilte. Anschließend will er ein Pressestatement abgeben. Mit seinen 72 Jahren ist Kretschmann impfberechtigt.
Man habe den Termin bereits vergangene Woche vereinbart, sagte ein Sprecher aus dem Staatsministerium. Die Regierung will den Impftermin des Regierungschefs auch als Werbung für den Impfstoff des Herstellers Astrazeneca nutzen, falls dies möglich ist. Wenn Astrazeneca zugelassen sei, werde sich Kretschmann damit auch impfen lassen, sagte sein Sprecher der dpa. Falls nicht, werde Kretschmann den Impfstoff erhalten, der vorrätig sei.
Derzeit sind Impfungen mit Astrazeneca wegen ungeklärter Fragen zu Nebenwirkungen ausgesetzt. An diesem Donnerstag hat die Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) jedoch die Sicherheit des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca bekräftigt. Allerdings werde eine extra Warnung hinzugefügt vor möglichen seltenen Fällen von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. Die EMA-Experten hatten das Vakzin zuvor auf den Prüfstand gestellt, nachdem Deutschland und andere Länder die Impfungen damit wegen mehrerer Thrombosefälle ausgesetzt hatten. In Deutschland gibt es inzwischen 13 gemeldete Fälle solcher Blutgerinnsel in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen, wie das Bundesgesundheitsministerium in Berlin mitteilte.
Kretschmann hatte bereits vor kurzem bereits betont, dass er sich mit Astrazeneca impfen lassen würde. „Na klar, lasse ich mich damit impfen, weil ich glaube, wenn ich Covid bekomme, sind die Nebenwirkungen weit gravierender als ich die bei der Impfung überhaupt bekommen kann“, hatte er in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ gesagt.
Nebenwirkungen wie Erkältungssymptome kämen dem 72-Jährigen allerdings wohl nicht gerade gelegen in den nächsten Tagen. Denn neben Bund-Länder-Schalten zum Management der Coronakrise muss Kretschmann eine Regierung bilden. Weitere Sondierungsgespräche mit CDU, FDP und SPD stehen die kommenden Tage an.
BW-Ministerpräsident Winfried Kretschmann möchte mit gutem Beispiel vorangehen und sich mit Astrazeneca impfen lassen.
BW-Ministerpräsident Winfried Kretschmann möchte mit gutem Beispiel vorangehen und sich mit Astrazeneca impfen lassen.
© Foto: Matthias Kessler

Wie weit sind die Corona-Impfungen in Deutschland?

10 Millionen Impfdosen sind mittlerweile verabreicht worden - davon laut den aktuellen Zahlen des RKI rund 8 Millionen von Biontech/Pfizer, 1,78 Millionen von Astrazeneca und 0,35 Millionen von Moderna. Rund 198 000 Impfdosen wurden am Mittwoch, zwei Tage nach dem Astrazeneca-Stopp, noch verabreicht. Zuvor waren es bis zu 294 000 am Tag gewesen. 3,7 Prozent der Bevölkerung sind vollständig mit zwei Dosen geimpft. 6,97 Menschen haben mindestens eine Impfung erhalten.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Regierungschefs von Bund und Ländern wollen an diesem Freitag das weitere Vorgehen beraten. Zentral ist, wann die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte flächendeckend ins Impfen einsteigen. Nach einer Empfehlung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern soll dies frühestens in der 16. Kalenderwoche geschehen - abhängig davon, dass genügend Impfstoff für so einen Schritt geliefert wird.

München/Berlin

Die Länder wollen nämlich, dass ihre Impfzentren und -teams wöchentlich kontinuierlich 2,25 Millionen Dosen erhalten. Wenn dann in den Praxen geimpft wird, kann das den Nachteil haben, dass nicht mehr so streng nach Prioritätengruppen vorgegangen wird - aber den Vorteil, dass die Hausärzte am besten wissen, welche Patienten mit Vorerkrankungen am Ehesten geimpft werden sollten. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Sabine Dittmar meint zudem, dass die Hausärzte bei der nun nötigen Aufklärung über mögliche Risiken eine wichtige Rolle spielen können.

Was heißt die Wiederaufnahme von Astrazeneca für BW?

„Das gemeinsame Ziel des Landes und der Impfzentren ist es, möglichst viele Impfungen durchzuführen und einmal gebuchte Termine stattfinden zu lassen“, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha am Donnerstagabend (18. März) in Stuttgart. Das Ministerium hat die Impfzentren deshalb darum gebeten, Termine, die ursprünglich im Zeitraum von Freitag, 19. März, bis einschließlich Montag, 22. März, gebucht waren, soweit möglich stattfinden zu lassen. Über die jeweiligen konkreten Regelungen werden die einzelnen Impfzentren gesondert über die lokalen Medien informieren. Bedingung ist, dass sowohl die Terminbestätigung als auch die Bescheinigungen über die aktuelle Impfberechtigung zum Termin mitgebracht werden. Termine, die in diesem Zeitraum durch eine Umbuchung auf einen anderen Impfstoff erhalten werden konnten, bleiben davon unberührt. Alle bereits gebuchten Termine mit AstraZeneca ab Dienstag, 23. März, finden wie geplant statt.
„Ich bin sehr froh über diese Entscheidung. Sicherlich hat der Impfstoff von AstraZeneca an Vertrauen eingebüßt. Die genaue Prüfung war aber die richtige Entscheidung. Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle“, so Minister Lucha am Abend in Stuttgart nach der Sitzung der Gesundheitsministerinnen und -minister der Länder. „Wir arbeiten nun unter Hochdruck die Warteliste ab, bevor wir die Anmeldesysteme wieder öffnen. Alle bereits gebuchten Termine behalten selbstverständlich ihre Gültigkeit“, so Lucha weiter. „Wir haben die Zwangspause genutzt, um bereits tausende mit höchster Priorität impfberechtigte Menschen, die auf der Warteliste standen, mit Biontech-Terminen zu versorgen.“