Seit Freitag sind nun drei neue Fälle von Hirnvenen-Thrombosen nach einer Impfung gemeldet worden - also jetzt insgesamt acht. Die Fälle, die Grund des Aussetzens der Astrazeneca-Impfungen waren, betrafen Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren, darunter hauptsächlich Frauen. Das teilte das Paul-Ehrlich-Institut mit. Die meisten von ihnen hätten eine sogenannte Sinusvenenthrombose gehabt. Ein weiterer Fall mit Hirnblutungen bei Mangel an Blutplättchen sei medizinisch sehr vergleichbar gewesen. „Alle Fälle traten zwischen vier und 16 Tagen nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca auf“, hieß es. Drei der Betroffenen seien verstorben.
Von den schwerwiegenden Hirnvenenthrombosen mit Blutplättchenmangel sei nicht die Altersgruppe betroffen, die ein hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Covid-19-Verlauf habe. Betroffen seien nicht Senioren, sondern Menschen in jüngerem bis mittlerem Alter.
Alle zur Einschätzung herangezogenen Expertinnen und Experten seien einstimmig der Meinung gewesen, dass hier ein Muster zu erkennen und ein Zusammenhang der gemeldeten Erkrankungen mit der Astrazeneca-Impfung „nicht unplausibel“ ist, hieß es vom PEI.

Was ist eine Thrombose?

Eine Thrombose ist ein Blutgerinnsel. Dass das menschliche Blut gerinnt, ist normalerweise gut für den Körper. Wenn man sich beispielsweise versehentlich in den Finger schneidet, bildet sich an dieser Stelle ein Blutpfropfen (Thrombus). Bildet sich dieser jedoch an der falschen Stelle, verstopft dieses Gerinnsel das Blutgefäß teilweise oder ganz und behindert den Blutstrom. Löst sich dieses Gerinnsel, kann es in Folge zu Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Lungenembolien kommen.

Was ist eine arterielle und venöse Thrombose?

  • Arterielle Thrombose: Blutgerinnsel in einer Arterie. In den Arterien wird das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge über das Herz in den Körper gepumpt. Eine Thrombose kann hier der Grund für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall sein.
  • Venöse Thrombose: Blutgerinnsel in einer Vene. In den Venen wir das sauerstoffarme Blut aus dem Körper zurück zum Herzen geführt. Eine Thrombose in den Venen der Beine oder des Beckens kann im schlimmsten Fall zu einer Lungenembolie führen.
  • Die Sinusvenenthrombose, die bei den betroffenen Personen vorgekommen ist, ist das Auftreten von Blutgerinnseln in den venösen Zusammenflüssen des Gehirns. Diese kommt zwar selten vor, kann aber tödlich sein.

Wie häufig kommen solche Thrombosen vor?

Bei 1,6 Millionen Menschen sind in 14 Tagen statistisch gesehen nur 1 bis 1,4 solche Thrombosen zu erwarten. Auch bei Anti-Baby-Pillen sind Thrombosen, auch mit tödlichem Verlauf, bekannt - aber nur als sehr seltene Nebenwirkung. Doch als Argument gegen den Astrazeneca-Stopp will das Gesundheitsministerium das nicht gelten lassen, weil eine Impfung von Gesunden ganz besondere Anforderungen an die Sicherheit stelle. Dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zufolge sind die Risiken von Pille und Impfung nicht vergleichbar.

Woran erkennt man eine Thrombose?

Thrombosen können überall am Körper entstehen, oft entstehen sie aber in den Beinen. Deswegen werden als Beispiel zunächst die Symptome bei einer Beinvenenthrombose verwendet.
Warnsingale können sein:
  • Haut ist prall, glänzend und spannt; verfärbt sich bläulich
  • Druckschmerz an der betroffenen Stelle
  • Haut ist wärmer als an anderen Stellen
  • Schweregefühl in den Beinen und im Fuß, Schwellungen
Weitere Warnsingnale:
  • Fieber
  • beschleunigter Herzschlag
Bei einer bei einer Sinusvenenthrombose (oder auch Sinusthrombose) kann die betroffene Person unter anderem unter
  • Sehstörungen,
  • starken Kopf- und Nackenschmerzen,
  • epileptischen Anfällen,
  • Fieber und
  • neurologischen Ausfällen (Taubheitsgefühl, Lähmungen)
leiden.
Ein Mangel an Blutplättchen wiederum führt zu einer erhöhten Blutungsneigung. Als Symptome treten punktförmige Einblutungen in die Haut oder Schleimhäute auf, gelegentlich auch starkes Nasenbluten.

Wie kann ich einer Thrombose vorbeugen?

Manche Risiken, die eine Thrombose begünstigen, können nicht umgangen werden, beispielsweise hohes Alter oder auch eine genetische Veranlagung. Ansonsten können zur Vermeidung einer Thrombose helfen:
  • Langes Stehen und Sitzen vermeiden: Lässt sich vor allem bei einem Büro-Job oder auch auf Langstreckenflügen nicht ganz vermeiden. Hier hilft es aber, ab und zu aufzustehen, die Beine auch im Sitzen ein wenig zu bewegen oder sich zwischendurch zu dehnen und strecken. Auch Kompressionstrümpfe helfen.
  • Viel bewegen (Ausdauersport, Spazieren, Schwimmen, etc.)
  • Nicht rauchen
  • Auf gesunde Ernährung achten: Übergewicht kann das Thrombose-Risiko erhöhen
  • Viel trinken: Wasser, Tee oder Saftschorlen. Getränke, die Alkohol enthalten, sind ungeeignet, da Alkohol den Köper entwässert.

War der vorläufige Astrazeneca-Impfstopp in Deutschland nötig?

Die Argumente dagegen

Die einen sagen: Nein, das zerstört Vertrauen. Grüne und FDP schlagen vor, dass man sich freiwillig mit Astrazeneca impfen lassen kann.
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erneuerte im ZDF-„heute journal“, er hätte sich anders als Spahn gegen eine Aussetzung des Impfens mit Astrazeneca entschieden. Zwar seien die Komplikationen schwerwiegend, aber sehr rar. Man hätte ohne die Aussetzung aber etliche schwerere Fälle von Covid-19 in den nächsten Wochen verhindert, argumentierte Lauterbach. Er erwarte, dass die EMA empfehle, Astrazeneca weiter zu verimpfen. „Danach werden wir für den Impfstoff werben müssen“, machte Lauterbach deutlich.
Das taten mehrere Politiker. Er würde sich damit impfen lassen, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann im ZDF. Er glaube, wenn er Covid-19 bekomme, seien die Nebenwirkungen weit gravierender als er sie bei der Impfung überhaupt bekommen könne. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte der „Bild“ (Mittwoch) ebenfalls: „Ich habe Vertrauen in diesen Impfstoff und würde mich jederzeit damit impfen lassen!“

Die Argumente dafür

Das Bundesgesundheitsministerium verteidigt den Stopp, der ebenfalls für Vertrauen sorgen solle. Für Experten sei ein Zusammenhang mit der Impfung „nicht unplausibel“, erklärte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). „Nach Gesamtbetrachtung und Erwägung der genannten Fakten hat das Paul-Ehrlich-Institut empfohlen, die Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca in Deutschland vorsorglich auszusetzen, um die Fälle weiter zu analysieren“, so das Fazit des Instituts. So oder so wäre nun eine Impfpause nötig, heißt es aus dem Ministerium: Um Aufklärungsbögen mit Informationen zu Risiken zu aktualisieren.
Das Präsidiumsmitglied der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI, Uwe Janssens, hat die Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn verteidigt. „Herr Spahn kann doch gar nicht anders entscheiden, wenn die Expertinnen und Experten vom Paul-Ehrlich-Institut ihm so eine Botschaft auf den Tisch legen“, sagte Janssens, der früher Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) war, am Mittwoch im Deutschlandfunk.
Die bislang bekannten Informationen liefern nach Ansicht des Mediziners Tamam Bakchoul keinen konkreten Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer Corona-Impfung und einer Hirnvenen-Thrombose. „Man kann ihn aber auch nicht ausschließen. Laufende Untersuchungen könnten wichtige neue Erkenntnisse liefern“, sagt Bakchoul, der das Institut für Klinische und Experimentelle Transfusionsmedizin (IKET) am Universitätsklinikum Tübingen leitet.

Impfstopp von Astrazeneca in Deutschland: Wie geht es jetzt weiter?

Experten der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) werden nun im Verlauf der Woche prüfen, ob und wie sich die Erkenntnisse auf das Nutzen-Risiko-Profil des Astrazeneca-Impfstoffs und die EU-Zulassung des Impfstoffes auswirken.