Deutschland ist noch immer abhängig von Erdgas aus Russland. Die Lieferungen sind aber seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs volatil, Moskau setzt Europa unter Druck, indem es immer wieder den Gashahn zudreht und die Lieferungen drosselt. So sollte es erneut zwischen 31. August und 2. September 2022 zu einer kompletten Unterbrechung der Gas-Lieferungen kommen. Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wird von diesem Samstag an jedoch anders als angekündigt weiter kein Gas fließen.
  • Wie viel Gas kommt aktuell aus Russland?
  • Wo bekommen wir noch Gas her?
  • Folgen: Gaspreise & Inflation
  • Heizen im Winter: Werden die Heizungen kalt bleiben?

Gazprom nimmt Gastransport durch Nord Stream 1 nicht wieder auf

Drei Tage lang hat Russland seinen Gasfluss über die Pipeline Nord Stream 1 gestoppt. Eigentlich sollte der Betrieb am Samstag wieder aufgenommen werden. Doch nun kommt alles anders. Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wird von diesem Samstag an anders als angekündigt weiter kein Gas fließen. Das teilte der Staatskonzern Gazprom am Freitagabend bei Telegram mit. Grund sei ein Ölaustritt in der Kompressorstation Portowaja. Bis zur Beseitigung bleibe der Gasdurchfluss gestoppt. Es war damit gerechnet worden, dass nach Abschluss der angekündigten dreitägigen Wartungsarbeiten ab Samstagmorgen wieder Gas durch die Leitung fließt.
Gazprom zufolge ist das Leck bei den gemeinsam mit Experten von Siemens Energy erledigten Wartungsarbeiten an der Station festgestellt worden. Das ausgetretene Öl sei an mehreren Stellen gefunden worden. Es sei nicht möglich, den sicheren Betrieb der letzten dort noch verbliebenen Gasturbine zu garantieren. Schon in der Vergangenheit sei es zu solchen Ölaustritten gekommen, hieß es.

Gas aus anderen Ländern: Wie hoch ist der Gasverbrauch aus Russland?

Deutschland bezieht über 50 Prozent seines Ergasverbrauchs aus Russland. Das ergibt sich aus Daten des Statistik- und Datenportals Statista. Es gibt aber auch andere Länder, aus denen Deutschland importiert. Darunter sind Norwegen (30 Prozent) und die Niederlande (12 Prozent). Auch Belgien liefert nach Deutschland.

Lieferstopp aus Russland: Das sind die Folgen in Deutschland

Wenn Russland komplett aufhört, Gas über die Pipeline Nord Stream 1 zu liefern, gibt es folgende direkte Folgen:
  • Gaspreise steigen weiter
  • Gasverbrauch muss gedrosselt werden: Letzte Stufe im Notfallplan Gas wird ausgerufen
  • Dadurch: Wirtschaftskrise / Rezession
Der Lieferstopp aus Russland wäre eine direkte Reaktion aus Moskau für die Unterstützung der EU gegenüber der Ukraine. Weil Deutschland und die EU seit dem Angriffskrieg Russland die Stirn bietet, gibt es aus Moskau Konsequenzen. Aber: Auch wenn der russische Präsident Wladimir Putin das nicht zugibt: Die Sanktionen des Westens treffen sein Land hart. Die Folgen dieser Sanktionen und auch des Importstopps von sämtlicher Energie treffen Russland härter als den Westen. Denn Russland wird seine Energie, insbesondere Gas, nur schwer anderswo los.

Gaspreise durch Gas-Lieferstopp: Verbraucher sollen Energie sparen

Die Preise auf dem Gasmarkt sind auf einem extrem hohen Niveau. Und bei einem kompletten Lieferstopp werden die Preise noch weiter in die Höhe schießen: „Unternehmen und private Verbraucher müssen sich auf deutlich steigende Gaspreise einstellen“, schreibt die Bundesnetzagentur in ihrem Lagebericht. „Die Bundesnetzagentur unterstützt ausdrücklich die Aufforderung, so viel Gas wie möglich einzusparen.
Um gegen eine Preisexplosion zu wirken will die Bundesregierung staatliche Unterstützung geben. So wurde bereits ein Rettungspaket für den Gasversorger Uniper beschlossen, da das Unternehmen die Ausfälle aus Russland kaum noch ausgleichen konnte. Ab 1. Oktober 2022 wird daher die Gasumlage fällig, um die gestiegenen Einkaufskosten auf alle Kunden gleichmäßig zu verteilen.

Heizen im Winter 2022: Angst vor dem Frieren

Die Heizkosten könnten im Winter um das drei oder vierfache steigen. Viele Menschen sind auch besorgt darüber, ob sie überhaupt heizen werden können. Die Bundesnetzagentur befürchtet, dass Gasthermen plötzlich ausfallen, wenn der Druck in einem regionalen Gasnetz plötzlich absinkt. Aus diesem Grund will die Bundesregierung lieber in der Industrie die Gasversorgung drosseln. Privathaushalte sollen einen besondere Schutz genießen. Das sieht auch der Notfallplan Gas der Bundesregierung vor. Mehr darüber gibt es in diesem Artikel:
Dass Privatheizungen im Winter komplett ausfallen, ist eher fraglich. Die Möglichkeit besteht aber. Zudem ist zu erwarten, dass Haushalte weniger heizen können als in vorangegangen Jahren, um gut durch den Winter zu kommen. Möglich ist auch, dass zum Beispiel in Bürogebäuden weniger geheizt wird oder dass sogar eine Home-Office-Pflicht eingeführt wird, damit diese gar nicht beheizt werden müssen. So oder so: Der Winter wird lang.

Industrie: Versorgung gewährleistet, Rezession befürchtet

Vor allem in der energiehungrigen Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen vor einem Gasmangel groß. Die Branche ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln. Die Preise für Gas seien „atemberaubend“ hoch, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. Um lieferfähig zu bleiben, stocke die Branche Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem weiter versorgen zu können.
„Wir bereiten uns für eine Drosselung oder sogar Einstellung der Gasimporte vor“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Die Unternehmen im Süden und Südosten Deutschlands würden wegen des Pipeline-Systems als Erstes leiden. Im Norden und Westen ist die Versorgung über Häfen hingegen einfacher.
Auch in anderen Unternehmen laufen längst Vorbereitungen für den Ernstfall. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet bei einem Totalausfall russischer Gaslieferungen allerdings trotzdem eine tiefe Rezession in Deutschland. Präsident Peter Adrian sagte der Deutschen Presse-Agentur, der DIHK schließe nicht aus, dass die Wirtschaftsleistung in einem solchen Fall in den Wintermonaten sogar um einen zweistelligen Prozentwert abstürzen könne. Adrian forderte die Bundesregierung zu Entlastungen auf, damit Firmen schneller Alternativen zum Gas einsetzen können.
mit dpa