Seit 11. Juli 2022 fließt aus Russland kein Gas mehr. Die Pipeline Nord Stream 1 wird gewartet, dafür müssen die Gaslieferungen zunächst anhalten. Eigentlich dauert die Wartung maximal 14 Tage. Die Bundesregierung geht aber davon aus, dass Russland auch nach der Wartung nicht weiter Gas liefern wird – oder zumindest nur in geringeren Mengen als üblich. Die russische Firma Gazprom will auch keine Garantien mehr geben. Die Folgen für Wirtschaft und Verbraucher wären gravierend.
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  • Wo bekommen wir noch Gas her?
  • Folgen: Gaspreise & Inflation
  • Heizen im Winter: Werden die Heizungen kalt bleiben?

Gas aus Russland: Das ist der aktuelle Stand

An jedem Wochentag gibt die Bundesnetzagentur momentan einen aktuellen Lagebericht heraus. Dieser erscheint immer um 12 Uhr. Der aktuelle Lagebericht vom Dienstag, den 19. Juli 2022 gibt folgende Lage in Deutschland an:
  • Die Gasversorgung ist im Moment stabil, die Versorgung gewährleistet
  • Eine Verschlechterung der Lage wird nicht ausgeschlossen
  • Die Gasspeicher sind zu 65,1 Prozent gefüllt
  • Deutschland importiert zudem Gas aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden

Gas aus anderen Ländern: Wie hoch ist der Gasverbrauch aus Russland?

Deutschland bezieht über 50 Prozent seines Ergasverbrauchs aus Russland. Das ergibt sich aus Daten des Statistik- und Datenportals Statista. Es gibt aber auch andere Länder, aus denen Deutschland importiert. Darunter sind Norwegen (30 Prozent) und die Niederlande (12 Prozent). Auch Belgien liefert nach Deutschland.

Gaspreise durch Gas-Lieferstopp: Verbraucher sollen Energie sparen

Die Preise auf dem Gasmarkt sind auf einem extrem hohen Niveau. Doch bei einem Lieferstopp werden die Preise noch weiter in die Höhe schießen: „Unternehmen und private Verbraucher müssen sich auf deutlich steigende Gaspreise einstellen“, schreibt die Bundesnetzagentur in ihrem Lagebericht. „Die Bundesnetzagentur unterstützt ausdrücklich die Aufforderung, so viel Gas wie möglich einzusparen.
Um gegen eine Preisexplosion zu wirken will die Bundesregierung staatliche Unterstützung geben. Die Regierung hat eine Änderung des Energiesicherungs -und des Energiewirtschaftsgesetzes beschlossen, um Mehrkosten gleichmäßig auf alle Gaskunden verteilen und Energieunternehmen staatlich unterstützen zu können.

Heizen im Winter 2022: Angst vor dem Frieren

Die Heizkosten könnten im Winter um das drei oder vierfache steigen. Viele Menschen sind auch besorgt darüber, ob sie überhaupt heizen werden können. Die Bundesnetzagentur befürchtet, dass Gasthermen plötzlich ausfallen, wenn der Druck in einem regionalen Gasnetz plötzlich absinkt. Aus diesem Grund will die Bundesregierung lieber in der Industrie die Gasversorgung drosseln. Privathaushalte sollen einen besondere Schutz genießen. Das sieht auch der Notfallplan Gas der Bundesregierung vor. Mehr darüber gibt es in diesem Artikel:
Dass Privatheizungen im Winter komplett ausfallen, ist eher fraglich. Die Möglichkeit besteht aber. Zudem ist zu erwarten, dass Haushalte weniger heizen können als in vorangegangen Jahren, um gut durch den Winter zu kommen. Möglich ist auch, dass zum Beispiel in Bürogebäuden weniger geheizt wird oder dass sogar eine Home-Office-Pflicht eingeführt wird, damit diese gar nicht beheizt werden müssen. So oder so: Der Winter wird lang.

Industrie: Versorgung gewährleistet, Rezession befürchtet

Vor allem in der energiehungrigen Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen vor einem Gasmangel groß. Die Branche ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln. Die Preise für Gas seien „atemberaubend“ hoch, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. Um lieferfähig zu bleiben, stocke die Branche Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem weiter versorgen zu können.
„Wir bereiten uns für eine Drosselung oder sogar Einstellung der Gasimporte vor“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Die Unternehmen im Süden und Südosten Deutschlands würden wegen des Pipeline-Systems als Erstes leiden. Im Norden und Westen ist die Versorgung über Häfen hingegen einfacher.
Auch in anderen Unternehmen laufen längst Vorbereitungen für den Ernstfall. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet bei einem Totalausfall russischer Gaslieferungen allerdings trotzdem eine tiefe Rezession in Deutschland. Präsident Peter Adrian sagte der Deutschen Presse-Agentur, der DIHK schließe nicht aus, dass die Wirtschaftsleistung in einem solchen Fall in den Wintermonaten sogar um einen zweistelligen Prozentwert abstürzen könne. Adrian forderte die Bundesregierung zu Entlastungen auf, damit Firmen schneller Alternativen zum Gas einsetzen können.