Urlauber mit Vorerkrankungen und aus der Risikogruppe sollten ihre Reisen nach Ansicht von Verbraucherschützern in der Corona-Pandemie kostenlos absagen können. „Jemand, der aufgrund seines Risikoempfindens oder einer gesundheitlichen Vorbelastung berechtigte Sorge hat, dass Mallorca zu einem Risikogebiet werden könnte, darf sich nicht durch Zahlungsaufforderungen verpflichtet fühlen, dort hinzufahren“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller. Derzeit endeten solche Fälle oft vor Gericht.
Viel Konflikte gibt es erfahrungsgemäß auch mit Anbietern von Reiserücktrittversicherungen wie etwa dem ADAC. Denn: Ein Rücktritt aus Angst vor einer Corona-Infektion ist nicht versichert. Und selbst bei erfolgtem Nicht-Antritt einer Reise wegen einer Erkrankung werden sehr hohe Hürden für eine Erstattung gestellt.

Urlaub 2020 planen ist wegen Corona, Risikogebieten und Reisewarnungen unsicher

Eine Urlaubsreise etwa für den Herbst 2020 zu planen, sei angesichts der unberechenbaren Corona-Pandemie gerade schwierig. „Das bedeutet für den Verbraucher einen extrem hohen Informationsaufwand“, sagte Müller. Niemand wisse, ob ein Urlaubsland im Herbst oder Winter Risikogebiet sei oder nicht - und welche Bedingungen bei einer Rückkehr nach Deutschland herrschten. „Planungssicherheit sieht anders aus. Das müssen Verbraucher wissen und abschätzen“, sagte Müller.

Wann kann ich meinen Urlaub stornieren?

Ob eine Reise storniert werden kann hängt von der jeweiligen Situation ab. Entscheidend ist unter anderem, ob es sich um eine Pauschal- oder Individualreise handelt, ob es ins In- oder Ausland geht, welche Verkehrsmittel genutzt werden. Wenn zum Reisezeitpunkt "unvermeidbare außergewöhnliche Umstände" oder "höhere Gewalt" vorliegen, also Umstände, die bei der Buchung nicht vorhersehbar waren - wie die Corona-Pandemie -, sollte die Reise kostenlos stornierbar sein.

Angst vor Corona kein Grund für eine Stornierung

Nach derzeitiger Rechtslage reicht die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus nicht als Grund für eine kostenlose Stornierung aus. Am größten sind die Chancen bei einer Pauschalreise: Hier kommt es darauf an, ob das vertraglich zugesicherte Programm durchgeführt werden kann oder nicht. Sind Aktivitäten durch steigende Infektionszahlen plötzlich deutlich eingeschränkt, kann das ein Grund für eine Stornierung sein. Als starkes Indiz gilt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts.
Verbraucherschützer Müller kritisierte zudem, dass Verbraucher noch immer nicht ausreichend gegen eine Insolvenz ihres Reiseveranstalters abgesichert seien. Die Bundesregierung habe nach der Pleite von Thomas Cook noch eine Hausaufgabe offen.

Reiseveranstalter bietet Gutschein an: Muss ich diesen annehmen?

In manchen Fällen bieten Reiseveranstalter statt der Erstattung der Stornierungskosten Gutscheine an. Als Kunde müssen sie diesen Gutschein keinesfalls akzeptieren. Oft sind finanzielle, berufliche und gesundheitliche Unsicherheit nach Ansicht der Verbraucherschützer auch ein Grund dafür, dass viele Verbraucher bei abgesagten Reisen nicht auf Gutschein-Angebote eingehen. In der Krise hielten die Menschen ihr Geld zusammen. „Das, was ihnen zusteht, wollen sie auch gerne wiederhaben. Und das sind keine Gutscheine, das ist bares Geld“, sagte Müller.

Freiwillige Gutscheine können auch Vorteile haben

Seit der Debatte im Frühjahr sei der Gutschein „vergiftet“. „Durch die ganze Diskussion um Zwangsgutscheine ist bei den Menschen hängen geblieben: Ich bin der Doofe, wenn ich das mache“, sagte Müller. Dabei hätten freiwillige Gutscheine oft Vorteile - wenn sie etwa mit Bonusleistungen oder Rabatten verknüpft seien. Für Menschen, die sich das leisten könnten und wollten, seien sie „eine gute Alternative“.

Welche Regelungen gelten bei Fahrten mit Reisebussen?

Busreisen sind seit dem 28. Mai wieder erlaubt. Allerdings ist das Angebot der Unternehmen noch eingeschränkt. An Bord gilt Maskenpflicht, die Toiletten bleiben geschlossen, die Fahrzeuge werden nach jeder Fahrt desinfiziert.
Fällt eine Busfahrt aus, gelten die Regelungen der EU-Fahrgastrechteverordnung für den Busverkehr. Das Busunternehmen ist verpflichtet, rechtzeitig über die Situation und den Status der Reise zu informieren.

Keine oder verzögerte Erstattungen bei Airlines wie Lufthansa oder Ryanair

Bei kleinen Reisebüros und Reiseveranstaltern hätten viele Verbraucher noch Verständnis, wenn diese mit Erstattungen im Verzug seien, sagte Müller. Das gelte aber nicht für einen Weltkonzern wie die Lufthansa mit ihren rund neun Milliarden Euro Staatshilfen. Auch bei manchen Kunden des Billigfliegers Ryanair gibt es Verdruß, statt beantragter Rückzahlungen für anullierte Flüge gibt es Monate lang Hinweise auf Verzögerungen wegen vieler Anfragen oder Gutscheinangebote.
Die Lufthansa-Gruppe hat nach eigenen Angaben in diesem Jahr mehr als zwei Milliarden Euro ausbezahlt. Flüge aus März und April seien bereits weitestgehend abgearbeitet. Weniger als eine Milliarde Euro an Erstattungen stehe noch aus. Die Verbraucherzentralen hatten gefordert, alle von Absagen betroffenen Flugtickets müssten bis Ende August vollständig erstattet sein. Die Lufthansa habe sogar ein seit Jahren bewährtes automatisiertes Entschädigungsverfahren abgeschaltet, kritisierte Müller. „Darauf haben wir bis heute keine plausible Erklärung bekommen.“